Selbstvertrauen – Geschichten aus dem Cafe Steiner

Es ist zu beobachten, dass ein nicht anwesender Stammgast im Cafe Steiner oftmals ein vortreffliches Gesprächsthema abgeben kann. Als ich unlängst an einem Abend das Lokal im 2. Bezirk betrat konnte ich gerade eine derartige Diskussion an der Schank mitverfolgen. „Eines kannst ihr halt nicht absprechen, ein ausgeprägtes Selbstvertrauen hat sie schon“, meinte Kellner Martin. Diese Sichtweise quittierte Jürgen recht knapp mit den Worten „Also wenn du mich fragst, hat das nichts mit Selbstvertrauen zutun. Das ist schlichtweg Dummheit, die Trude kannst doch nicht wirklich ernst nehmen ….“.

Um die für Jürgen ungewohnt heftige Wortwahl nachvollziehen zu können möchte ich euch einige Einblicke in die Gedankenwelt von Trude gewähren. Die Endvierzigerin ist etwa alle zwei Wochen im Cafe Steiner anzutreffen, wenn sie mit ihren Freundinnen den Abend dort ausklingen läßt. Während die meisten Damen aus der kleinen Runde den Kontakt mit anderen Gästen bewußt scheuen strebt Trude doch stets danach sich in Szene setzen zu können. Aus meiner Beobachtung heraus traue ich mir zu sagen, dass sie sich beinahe schon der Rolle einer Wortführerin verschrieben hat.

Es fällt mir nicht ganz leicht diese Person zu portraitieren, denn manche Details klingen beinahe schon unglaubwürdig. Aber ich versichere euch: Trude ist real und zutiefst davon überzeugt, mit ihrer skurrilen Sicht der Dinge die Wahrheit gepachtet zu haben. Noch gut erinnere ich mich an dem Abend, als sie lautstark und stolz verkündete dass ihr an der Busstation einige Teenager bewundernde Blick nachgeworfen hätten. Jeder Mensch mit einem halbwegs intakten Realitätssinn würde diesen Umstand hinterfragen und die Blicke zumeist wohl etwas anders interpretieren. Trude besitzt aber eine unglaubliche Resistenz gegen jede Form von Kritik an ihrer Person und meint dann, dass man ihr schlichtweg den Erfolg neidig wäre. Ein fixer Bestandteil ihrer Strategie besteht auch darin, daß man die Argumente des Gegenüber schlichtweg überhört und seinen Monolog unbeirrt fortsetzt.

Ich kann und will nicht viel über Trudes Privatleben berichten, da ich mit ihr noch keine zwei Sätze gesprochen habe. Warum dieser Person nun trotzdem eine Geschichte gewidmet wird hat einzig und allein damit zutun, dass es mir ein Anliegen ist den Spagat zwischen angemessenen Selbstvertrauen und den nicht immer leicht erkennbaren Grenzen des Narzissmus zu thematisieren.

An dieser Stelle möchte ich gerne auf den eingangs erwähnten Wortwechsel zurückkommen. Ich stehe der Sichtweise von Jürgen, welcher Trude schlichtweg „Dummheit“ nachgesagt hatte, bestimmt nicht fern. Andererseits möchte aber ich auch Martin nicht dafür abstrafen, dass er ihr Verhalten als „Selbstvertrauen“ tituliert hatte. Hier prallten in Wahrheit zwei Begriffe aufeinander, die eine äußerst unterschiedliche Wertschätzung ausdrücken, deren Bedeutung aber letztlich auch stets ein wenig im Auge des Betrachters liegt-

Es läßt sich beobachten, daß das mediale Schlagwort des „Wutbürger“ verstärkten Einzug in unseren Sprachgebrauch gefunden hat. Der Begriff wurde 2010 durch ein Essay im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ geprägt und führte zu einer kontroversen Debatte zu den Fragen der politischen Gefolgschaft. Auch wenn sich Trude noch selten zu tagespolitischen Themen geäußert hat konnte ich einzelne Parallelen zwischen ihrer Persönlichkeit und dem Wutbürgertum wahrnehmen.

Es mag durchaus sein, daß mich die negative Energie mancher Mitmenschen belastet und ich vielleicht in den Augen anderer manchmal auch zu konsensorientiert agiere. Aber es interessiert mich eben nicht, wenn Trude ihren Kampf gegen den Rest der Welt propagiert. Es ist dabei völlig egal, ob sie von dem Besuch bei ihrem Arzt, auf der Bank oder dem Kontakt mit einem Händler oder Handwerker berichtet. Die Metapher, daß man nicht „zu gutgläubig“ sein dürfe, weil doch „jeder nur auf seinen eigenen Vorteil aus wäre“ wird hierbei gerne strapaziert. Ich möchte darauf vertrauen können, daß mich der gesunde Menschenverstand bestmöglich davor bewahrt über den Tisch gezogen zu werden. Aber ist es denn wirklich notwendig dem Gegenüber schon vorweg mit Mißtrauen zu begegnen?

Trude dient in meiner Geschichte lediglich als Beispiel für einen recht spezifischen Menschenschlag, welcher seinem Gegenüber den verinnerlichten Argwohn in der Regel nicht klar zu erkennen gibt.. Die dafür notwendige Courage fehlt dann letztlich, aber in der Gesellschaft mit anderen – wie hier im Cafe Steiner – möchte man sich gerne lautstark als tapferen Kämpfer gegen das vermeintliche Unrecht positionieren. Ergänzend sei noch erwähnt, dass Trude – nachdem ihre Freundinnen das Lokal bereits verlassen haben – deren persönliche Lebensumstände gerne an der Schank zum besten gibt. Es läuft doch immer wieder darauf hinaus wie unklug andere Menschen agieren und wie toll sie selbst ihr Leben meistern würde. Ich empfinde es als äußerst unschön, wenn Menschen in deren Abwesenheit ausgerichtet werden – aber es hat natürlich den großen „Vorteil“, daß sich niemand verteidigen kann.

Jetzt werdet ihr euch vielleicht die Frage stellen, warum solche Menschen im Cafe Steiner das nötige Gehör finden. Dazu muß man sagen, daß Trude sehr hartnäckig sein kann und ihre Geschichten auch vorträgt wenn ihr kaum jemand zuhört. Ein Diskurs wird ohnehin nicht wirklich angestrebt und der subjektiven Selbstdarstellung ist dadurch wohl Tür und Tor geöffnet …

Pedro

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