Die Verteidigungsrede des Weihnachtsmannes, Versuch einer Groteske – Lit-Split

„Gnadenvolles, hohes Gericht!
Es war der Grosse Meister selber, der mir vor vierzehn Jahrhunderten diese ehrenvolle Aufgabe angetragen hatte.
Ich war soeben erst aus Ägyptischer Verbannung freigekommen. Hatte dem guten Ratschluss des Erzengels Julius folgend, meine Flügel beim Fundus des Weltzeittheaters abgegeben und mir dort stattdessen das betont schlicht gehaltene Kostüm eines Byzantinischen Bettelmönches ausgeliehen.
Die Zeiten waren danach und Religionen sollten, so der Herr,
„…zukünftig weniger Kopfschmerzen, denn Spaß und Freuden verbreiten auf Erden.“
Verzweifelter Versuche eines „come back“ des Sohnes vom Großen Meister, wurden vom Herrn schlussendlich als sehr entbehrlich und daher für obsolet erklärt.
Die Menschheit sollte sich einfach in künftigen Zeiten nur weniger stark vor Übeln aller Arten fürchten müssen.
Aber unsereiner weiß ja schließlich auch recht gut, was die Gesellschaft einem schuldet und auch nur deshalb beugte ich mich dem weisen Ratschluss des Schöpfers aller Welten.
Ich hatte für Klarheit zu sorgen und brauchte darum natürlich nur aus dem Verborgenen heraus, die Personalpolitik des Schöpfers durchzusetzen.
So war ich, das ist mir unbedingt zu glauben, Ankläger, Richter und Schöffe in nur einer Person.
Und, um es sogleich abzuschließen, auch noch der Henker in seiner absoluten gottgefälligen Machtvollkommenheit!
Der Mond tourte nach wie vor von Neu zu Voll und wieder zurück. Die Sonne wechselte auch immer noch ihre Schönheitsflecken in ewig gleicherförmiger Manier. Und die Jahreszeiten waren auch nur durch immer gleiche Beständigkeit der Wettergeschehnisse auf beiden Erdhalbkugeln gekennzeichnet.
Hagel folgte stets flüchtigem Donnergrollen und täglich leiser Schneefall den dann ersten, klirrenden Frostnächten.
Zwischendurch, der Himmel weiß warum, zartes Gewölke von graziler Gestalt.
Die schlussendlich in mächtig aufgeschichteten weißen Gebirgen zu enden hatten.
Wobei ich, der ich ja zur Strafe für meine vorgeschichtlichen Verfehlungen im alten Jerusalem, in dieser „Pyramide“ genannten Steinkammer, von der Gleichförmigkeit des Geschehens um mich herum lange gar nichts mehr mitbekommen hatte.
Wenn denn der Große Meister schon strafte, dann auch immer den richtigen Missetäter!
Nur, welchen Frevels war ich denn verurteilt? Des Weiterlebenwunsches wegen etwa?
Nun gut, der Herr möge sich doch nicht etwa noch einmal irren in mir, so noch mein innig Hoffen.
Doch hatte ich erst Maß genommen in der Kutte, so wiederholte sich beinahe alles wie von selber.
Ich wurde von ewig gleicher Begehrlichkeiten wie einst befallen.
Schon da sehnte ich mich nach meinen abgelegten Flügeln zurück.
Ich fühlte auch ganz genau in mir, ich müsse diese neuerliche Entwürdigung durch den Schöpfer, nicht als Schicksalhaftigkeit meiner Erscheinung ansehen und somit doch auch nur im Geiste die Fäuste ballen.
Nein, ich müsse einfach immer die Gunst der Stunde zu nutzen wissen. Das war mir lange schon bewusst.
Und so nur wurde ich schließlich der Heilige Mann im roten Dress mit weißem Plüsch.
Von Seiten des Huldvollen bis dahin, nicht ein einziges Zeichen seines Missfallens.

*
„Signore Nikkolo, habt Ihr schon gehört, wir haben einen neuen Papa?“
Der brave Antonius kam sehr kurzatmig in mein Büro am hintersten Ende des längsten Ganges in den innersten Uffizien des Bischofsitzes Köln geeilt und unterbrach damit lange Stunden meiner höchst erkenntlichen Selbstbetrachtungen.
Antonius, barhäuptig wohl schon von Geburt an und mit den Anzeichen eines am ganzen Körper Haarlosen.
Gerade hatte ich noch mal darüber nachgesinnt, wie ich meine neue Rolle als Kindleinbeglücker, ganz ohne Hintersinn mit meinen mir nun zugetragenen eigentlichen Aufgaben zu verbinden hätte.
Ganz im Gegensatz zu seinem schweren Atem, stand da das doch sehr jugendliche Leuchten seiner immer so lustig treuen Äuglein, die mit dem mildesten Rot meiner Kutte zu wetteifern schienen.
Nun, in all den Jahren seiner bisherigen Mitarbeit war dieser sehr nette Mönch aus einfachsten Verhältnissen, mir direkt ans Herz gewachsen. Dass er zu den auf Erden eher selteneren Albinos zählte, hatte mich nicht einmal wirklich irritiert.
Wenn jemand, so wie ich, beständig die Zeitläufe durcheilte, gereichte ihm nichts Äußeres mehr zu wirklicher Plage.
„Papst, Bruder Antonio. Es muss heißen, wir haben einen neuen Papst. Ihr müsst, gerade hier im Zentrum allgemein religiösen Bestrebens, immer die uralten Riten und Begriffe achten. Die Kirche will und kann sich nicht immer nur dem Geist der Zeit verschreiben. Unser neuer Heiliger Vater, wer er auch gewesen war bisher, wird schon durch Gottes weisen Ratschluss zur obersten Autorität und es ist absolut gerechtfertigt und notwendig, zu ihm eine gewisse Distanz zu wahren.“
Nun gut, dass ich es dereinst sein könne, der diese Distanz zu überbrücken wünschte, brauchte der Padre nun noch nicht zu beherzigen. Hier würde sich jeder andere als der nunmehrige Zeitpunkt als passender erweisen müssen.
Ach, ich hätte ihn in diesem Augenblick wirklich umarmen können, diesen Antonio. Doch meine geschäftsmäßig innerkirchliche Autorität verhinderte in jedem Falle, dass ich allzu viele Zuwendung einer bloßen Hilfskraft der Geschichtsschreibung kirchlichen Gnadenwerkes, gegenüber zeigen dürfte.
„Es ist ja doch nur der kleine Kardinal aus diesem Dorf diesseits des schneebedeckten Alpenkammes. Gerade ist weißer Rauch aufgestiegen, ich weis. Nun wird soeben der Verkünder der frohen Botschaft aus den Reihen der gelobten Kardinäle ausgelost und schon in kurzer Zeit wird auch der päpstliche Name des Glücklichen, vor der Kuppel des Petersdomes verkündet werden.“
Ich sah ihn, den der meinen Worten atemlos lauschte, mit besonderer Milde an. Er konnte es noch nicht wissen, doch dieser kleine Mönch würde mir die Ausführung meines perfekten Planes nicht unerheblich erleichtern können.
War ich bisher immer nur als Einzeltäter in Aktion getreten, müsse ich nun, schon der modernen Zeiten wegen, die Hilfe eines eng mir Vertrauten erlangen. Wie hatte sich die Welt doch verändert seit ich meine steinerne Verbannung, endlich so weit hinter mir lassen konnte!
Wie ein böser Witz war mir der harte Urteilsspruch des Herrn im Himmel damals vorgekommen. Sechshundert Jahre Kerker in diesem Steinernen Monument einer längst vergangenen Epoche?
Diese Ägypter waren da doch auch schon längst nicht mehr.
Eines dieser kampfgewohnten Wüstenvölker jenseits der Dünen am Roten Meer, war eines schönen sonnigen Morgens während der jährlichen Überschwemmungen des Nils vor deren Hauptstadt aufgetaucht und die da noch so hochherrschaftlich aufgeputzten Tempelwächter hatten sehr schnell ihren doch, wenn auch nur sehr zaghaft vorgetragenen Widerstand aufgegeben und das gemeine Volk dachte auch erst gar nicht mehr daran, ernsthafte Verteidigung zu erwägen.
Eine große Zeit der wechselseitigen Veränderungen hatte wohl zwischenzeitlich doch noch eingesetzt.
Diese Große Idee, einer auf Menschlicher Schuld und Göttlicher Vergebung fußenden Theologie, hatte sich über die vom ewigen Rom aus beherrschte Welt ausgebreitet. Dicht gefolgt von einer der ähnlich kräftig strukturierten Wahrheiten, die schließlich von einer in den Wüsten Arabiens gekitteten Anhängerschar über deren Grenzen hinausgetragen wurde.
Mit Blut besudelte Schwerter waren dann ja auch das Hauptargument für diese Neue Richtung, einer an sich schon uralten Überzeugung für Interreligiöses Anmaßen.
Für Religionen, indess, wurde ja schon immer sehr gerne gemordet. Und nicht selten waren es die wahrhaft Gläubigen, die gerade für ihre bigotte Gläubigkeit mit ihrem Leben abzuschließen hatten.. Und solches sollte nun durch mich ein Ende haben?
Ich selbst war vom Großen Geist wohl nur dazu erwählt, hierfür das Weichenwerk zu stellen.
Und darauf nun, fußte mein Plan.

*

„Freund Nikkolo, ist es nicht gnadenvoll, wenn Gott höchstselbigst durch den Mund des Vaters aller Christenheit, seine unumstößlichen Wahrheiten verkünden wird und alle Welt seinen gesalbten Lippen harrt?“
Ich schaute mir diesen innerlich in froher Erwartung Verharrenden, nun noch einmal etwas genauer an.
Bruder Antonio war beinahe so etwas wie ein Lakai für mich geworden, seitdem ich mir diesen Raum zu einer Art Befehlszentrale zurecht geräumt hatte.
Er vermochte natürlich nicht eine Sekunde lang, mein verwerflich Planen zu durchschauen. Dazu war er auch schon seiner überbordernden Hinwendung an Gott und die Päpste wegen, gar nicht in der geistigen Verfassung, wie ich nun zu hoffen wagte.
Er war doch sehr, sehr klein, dieser haarlose, freundliche Gefolgsmann meiner Wenigkeit.
Im steinernen Verlies war ich einige Jahrhunderte lang nur damit beschäftigt, all meine Fehler in der Vergangenheit genauester Analysen zu unterziehen. Nur, um dann zu dem Schlusse zu gelangen, dass Soloaktionen in sich schon immer die Gefahr des Scheiterns zu tragen hätten.
Es bedurfte also weiterer Hilfe in Form eines nur mir Ergebenen.
Doch dieser Bruder von nur mittlerer Gestalt? Könnte der mir Hilfe und Unterstützung sein?
Und er war zweifellos dem Papst, dem Kardinal-Bischof und dem Herrn dort oben hörig.
„Gnadenvoll ist es, werter Bruder, wenn euch Gott höchst selbst in seine Wahrheitsfindung einbezieht und euch zum Werkzeug seiner unergründlichen Ratschlüsse macht. Glaubt mir getrost, dieser Augenblick der Erkenntnis liegt auch für euch noch in naher Zukunft begraben.“
„Und wie wird es sein, werter Bruder Nikkolo, wenn es der Herr selbst ist, der zu mir spricht? Werde ich es wissen?“
Ich nickte ihm, dem jetzt Seligen zu und überdachte noch einmal die Ergebnisse meiner bisherigen Niedertracht. Doch, war es nicht in allen Fällen immer so? War es nicht immer nur das Große Planen, das mein Handeln zu bestimmen hatte?

*

Augustinus, tot seinerzeit, wie leicht es mir fiel! Ein ganz normaler Meuchelmord? Die frühchristlichen Päpste, wie Gregor der sechste? Wie leicht gelangen mir da noch meine nächtlichen Einflüsterungen? Hatte der sich nicht selber daraufhin stranguliert?
Nicht Wenigen in seinen Heeren wurde schlussendlich nach langen Todeskämpfen im heißen Wüstensand Palästinas, die Häute von den noch zuckenden Gliedern gerissen?
Dann rückte sie zurück, die Päpstliche Anmaßung, aber nur für wenige der nun darauf folgenden Jahrhunderte.
Schlussendlich, die Aufstände einer sich selber zu befreien suchenden Bauernschaft! Sie prügelten mit Dreschflegeln auf die vom Papst noch selbst gesalbte Häupter ihrer Herren ein.
Dann, eine Streitmacht von der Alten Welt her, die sich anschickte das Heer der Unterdrückten in Amerika um ungezählte weitere Häupter zu vermehren.
Alles von mir geschickt eingefädelt, nur um meinem jetzig zur Vollendung anstehenden Plan, auch noch die richtige moralische Verklärung zu gestatten.
Ja, ich würde diesmal wohl selber Hand anlegen müssen!

*

„Ali Agca, was wisst ihr über diesen Menschen, werter Pater Antonio?“

Ich hatte ihn so unvermittelt angesprochen, dass mir sein erbleichendes Gesicht beinahe ein Lächeln abgenötigt hatte. Nur unter Mühe, wie ich noch bemerken konnte, war es mir gelungen auch weiterhin den Mürrischen zu spielen.
„Ali Agca, oh großer Gott, bleibt mir nur weg mit diesem! Der Heilige Vater mag dem Büttel des Antichristen verziehen haben. Doch ich werde diesem Schurken sein Verbrechen nie vergeben können!“
Bei Nennung des Namens des Verfluchten hatte er sich dreimal schnell bekreuzigt.

*

Es ging in meiner Behausung für die sechshundert Jahre der Tatenlosigkeit unter den anderen Bewohnern immer mal die Mähr, auch ich hätte mich bekreuzigt, zu der Zeit.
Nein und ich bleibe auch dennoch heute dabei, ich habe mich nicht bekreuzigt bei Jesu Hinrichtung. Das Bekreuzigen war da auch doch noch lange nicht erfunden.
Ich hatte lediglich triumphiert.
Nicht im Angesicht der Höllenqualen meines Mithäftlings der letzten Tage und zu meiner Ergötzung.
Nein, ich triumphierte lediglich der Tatsache geschuldet, nicht selber so wie er ans Kreuz genagelt worden zu sein.
Ich hatte ja auch wahrlich allen Grund, darüber sehr, sehr glücklich zu sein.
Und schließlich hatte er ja auch für meine Taten gesühnt!
Während ich mich dann im Angesicht eines von Wolken verhüllten Mondes atemlos von dannen schlich, wusste ich schon damals, dass die nun auf seinen Knochen zu errichtende Kirche späterer Jahrtausende, diesen, seinen Tod als das zentrale Thema einer dann selber sehr verblendet daher kommenden Priesterschaft anzusehen hoffte.
Und genau in diesem Augenblick wurde ich mir mal wieder sehr der Allmacht des Herrn bewusst.
Ich fand mich ja auch dann bei neuerlichem Morgendämmern, inmitten steinerner Zeugen von architektonischer Größe im Lande des Nils wieder.
Auch wenn es mir nicht gegeben war, hieran etwas zu ändern, so wollte ich doch mein peinlich Los ein wenig mildern.
Kurz und gut, ich bot dem Herrn den geheiligten Pakt an!

*

„Gut, mein Freund, du wirst hier für die entscheidende Phase neuerlicher Religionsgründungen die Freiheit genießen dürfen, die in abgeschlossenen Behausungen dem Individuum zugestanden ist!
Aber danach wirst du mir zum letztendlichen Werkzeug.“
Nein, nicht der brennende Dornbusch war es, auch nicht die zu ewiglicher Salzsäule erstarrte neugierige Frau Lot, die zu mir sprachen.
Auch nicht nur einer der drei Weisen aus dem Morgenland.
Auch ich, lässt man mal meine Jugendsünden außen vor, gehörte doch zum Stamme der mit Wissen und Neugierde Gesegneten aus dem Gebiet östlich des Mittelmeeres.
Was einem Einfall des seligen Konstantin zufolge, nun das Morgenland heiße.
Es war er!
Er, der beständig nur in Frieden sprach.
Der, dessen Wahrheit unwandelbar zu sein hat.
Der, dessen Angesicht unermüdlich der Schöpfung zugewandt ist.
Der Herr!
Das Große Wesen.
Das allumfassende Sein!

Doch Werkzeug?
Schwang da nicht auch schon die Möglichkeit von zu noch genehmigender Gewaltanwendung mit?
„Herr,“ begann ich, „wisst Ihr denn schon, das Volk der Sterblichen vergeht sich schon lange an der Wahrhaftigkeit der Schöpfungsgeschichte.“
Keine Antwort!
„Ich meine, sie zieren sich zu glauben!“
Stilles Schweigen von seiner Seite.
„Sie feiern ein Fest zur Glorie des Heiligen Knaben.“
Hatte ich noch gefürchtet, seinen Zorn neuerlich zu spüren zu bekommen, fühlte ich nun nur meinen eigenen Schweiß und schweren Atem in der Brust.
„Sie lassen mich, ich meine ein Abziehbild meiner selbst, jährlich durch schmutzige Essen zu ihrer Belustigung herab fahren.“
Nun zumindest hätte ich eine Regung verspüren müssen. Und sei es auch nur ein Missfallensbeweis.
Doch der Herr hatte nichts zu meiner Beruhigung beizutragen. Das konnte doch nur bedeuten, dass…!
Ich fühlte mich dennoch auf der seinigen Seite. Das möge mir Gnade vor weltlicher Gerechtigkeit erhöhen.

*

„Bruder Antonio, es wird dann Eure Aufgabe sein, die Einziehenden am Geburtstag des Herrn an den Frevel des Türken zu erinnern.“
Der Bruder las begierig meine Lippen.
Er hatte auf dem Hocker vor meinem Schreibtisch seinen Platz gefunden. Nun würden es nur noch Stunden sein.
„Ihr werdet euch im Längsschiff des Domes, direkt mir gegenüber bereithalten. Und wenn der Gesalbte dann inmitten seiner Schwarzgewandeten zum Hochaltar schreitet, werdet Ihr es sein, der als Erster Hosianna rufet.“
„Hosianna, so wie bei des Herrn Einzug in Jerusalem?“
Seine Augen verrieten mir seine grenzenlose Fassungslosigkeit.
„Es ist so, wie Ihr zu Recht bemerktet, Pater. Ein uraltes Prädikat der Christlichen Litanei und damit sogleich Gegenstand unserer dem Herrn geweihten Liturgie.“
Sah ich da nicht gelinden Zweifel, in seinen geröteten Augen?
„Vergesst nicht, ein Papamobil, kein Eselchen trägt den Heiligen Vater umher, Bruder. Ihr könnt Vergleiche ziehen, doch die Wahrheit steckt tief in Eurer Seele. Folgt nur ihrem dringenden Rufen.“
Die nun erkennbare Entspannung seiner Gesichtszüge, gab mir vollends Recht!
„Ach ja, es kann nicht schaden, um des Papstes Willen, laut den Namen des damaligen Attentäters hinaus zu rufen! Auf dass die ganze Welt an diese Schändung der Person des Papstes erinnert werden möge.“
Es war nur ein erster, vorsichtiger Versuch, Ich wollte nur seine Bereitschaft prüfen. Würde er zum Heer der wahren Christenheit zurück finden können? Seine Göttlichen Pflichten erfüllen? Wusste er von seiner letztendlichen Erfüllung?
„Ali Agca? Ihr verlangt von mir…?“
Zweifel, nicht gelinder Zweifel befiel sein Antlitz.
„Zweifelt nicht an der Allmacht des Herrn! Es ist sein absoluter Wille, dass sich solches nicht wiederholt. Daran zu erinnern, ist daher in seinem Sinne. Zweifel birgt nur die Gefahr des sich irren müssen, Bruder Antonio. Seid einfach fest im Glauben verankert und alles wird gut. So, wie auch vom Himmlischen Vater gewünscht.“
Sein Zweifel schien auch nun noch nicht zur Gänze ausgeräumt!

*

Auch der Zweifel des Unglücklichen von vor zwei Jahrtausenden war nicht ganz ausgeräumt!
„Warum ich? Kannst du mir erklären, warum gerade ich? Warum, oh Herr soll mich das Leid der ganzen Welt treffen? Oh mein Vater, Dein Wille geschehe!“
Ich hatte ihn zunächst zweimal getroffen. Einmal auf dem Berg am See, den sie den von Genezareth nennen. Er hatte dort viel Volk um sich geschart. Und er schwang so große Reden. Ich aber machte bei diesem Volk dann reichlich Beute.
Das zweite Mal war, als sie ihn durch die Gassen trieben.
Auch hier konnte ich so manches Kleinod einer bäuerlichen Schönheit entwenden. Die Aufgeregtheit dieser närrischen Masse umher, machte mir meine Arbeit leicht.
Dann auf einmal teilten wir dieselbe Zelle! Die der zur Kreuzigung Verurteilten!

*

„Ihr tragt heute das Kleid des Heiligen Nikolaus?“
Der Padre tat sehr erstaunt.
„Das Gewandt des gelobten Bischoffs von Smyrna, also des Weihnachtsmannes, um ganz genau zu sein verehrtet Antonio!“
Es war mir, als ob er erst jetzt in der Wirklichkeit des Heiligen Abends angekommen war. Seine Augen ließen erkennen, dass ihm die groben Unterschiedlichkeiten dieser Christlichen Figuren nicht wirklich sehr geläufig waren.
„Weihnachten, das Fest der Freude! Das Fest klingender Glöckchen und bunt eingepackter Geschenke. Also, kurz und gut, der Ausweis unglücklichen Lebens weitab jeder Göttlicher Verheißung. Und hieran gilt es Anstoß zu nehmen. Bruder Antonio, und Ihr seid dazu auserwählt, dem gemeinen Treiben dieses bigotten Volkes Einhalt zu gebieten.“

*

Würde ich so sein unbedingtes Vertrauen gewinnen können? Es schien zunächst noch so.
„König der Juden“ hatten sie ihm auf das Kreuz gepinselt. Ihm, dem seine Auserwähltheit gar nicht zu behagen schien. Der, den sie erst sehr viel später den Christus nannten.
Sie hatten uns schon früh geholt. Mich hatten sie dann zu dem anderen gestellt.
Zu dem, der dann vom Volk auserwählt, anstelle des Christus freigelassen wurde.
„Ihr habt entschieden! Ich wasche meine Hände in Unschuld!“
Der Befehlshaber im Gewandt eines Edlen des Römischen Reiches lächelte. Um ihn herum, grimmige Gesichter von Kerlen in der verhassten Uniform der Besatzer.
Ich konnte dem soeben doch zur Kreuzigung Verurteilten, schon von da an nicht mehr in die Augen schauen.

*

Antonio tat, wie ihm geheißen. Das Kirchenschiff war voll. Junge, Alte, Gebrechliche und vor Selbstbewusstsein Strotzende bevölkerten den Dom, so dass es mir leicht fiel unbemerkt zu bleiben. Meine Verkleidung, dem Anlass geschuldet, wurde ebenso zur Selbstverständlichkeit, wie die des Papstes, der dann gemächlichen Schrittes den Kölner Dom betrat.
Einige besonders herausgeputzte Knäblein mit Weihrauch und Myrre, die als die Gläubigen umher betörender Duft ihren goldenen Tabernakeln entströmten, führten die Prozession an.
Oh Gott, wird denn diese Verblendung niemals enden?
Mein Blick zum Herrn an dem Kreuze wurde durch das Säulenkomplet dieser Gotischen Kapelle verhindert.
Drum erhob ich meinen Blick zum höchsten Punkte des Baulichen Konstruktes.
Dorthin, wo nach der Überzeugung der um mich Weilenden, der Herr seinen Logenplatz zu finden hatte.
Es war nur den innersten Zirkeln von Anfang an bekannt, dass der Papst zu diesem Hochamt am Abend des 24. Dezembers in der Domstadt am Rhein weilen würde. Doch, durch die Ergebenheit des Padres gehörte ich ja dann auch dazu.

*

Es dauerte dann noch Stunden bis er, der Gekreuzigte, zu seinem Vater aufsah und laut rief: „Oh Vater, es ist vollbracht!“
Das war für mich das letzte Signal, diese unwirkliche Hinrichtungsstätte zu verlassen. Und genau in diesem Moment traf mich dann der Göttliche Verbannungsstrahl.

*

Mir gegenüber der Treue Antonio, Hohes Gericht, ich selber umringt von freudig erregten Leibern.
Es erschien mir, als dass das Volk um mich herum in Trance zu fallen schien. Wurde ich schon in der Stunde vorher von nicht wenigen geknufft und gekniffen, so sollte dieses unangenehme, unsittliche Berühren durch mir völlig fremde Zeitgenossen, für mich allmählich zur Pein werden.
Ich konnte mich dann aber, meiner Aufgabe gemäß, nicht wirklich davon befreien.
Mit fortschreitendem Vorankommen der Prozession im Kirchengang vor meinen Augen, erhöhte sich auch der Druck durch die Leiber.
Hier nun stand mir endgültig vor Augen, dass diese Gläubigkeit so nicht gemeint war vor zweitausend Jahren. Mir wurde nun die äußerste Dringlichkeit meiner Aufgabe endgültig bewusst.
Dann der Papst! Ein kleiner Mann, gehüllt in feinstes Weiß mit goldener Paspelierung. Gekrönt von einer haushoch erscheinenden Tiara. Darunter sein sonst so verschmitztes Gesicht kaum zu erkennen. Die andächtig schreitende Gruppe der Kardinäle.
Durch die Leiber ging eine Laola-Welle und während ich noch darüber nachsinnte, wie ich mich der engen Umzingelung entziehen könnte, ertönte von der mir gegenüber liegenden Seite des Ganges ein laut gerufenes
„Hosianna, Ali Agca!“
Pater Antonio! Was hatte ich ihm eingebläut?
Ein weiteres
„Hosianna, Ali Agca!“
Der Druck der Umstehenden auf meinen Körper hatte sich erhöht!
Denn, ein vielkehliges „Hosianna!“, so dass das angehängte „Ali Agca!“ beinahe im Chor versank.
Die Leiber um mich herum wurden zur festen Masse, der ich nur noch zu entrinnen suchte.
Das „Hosianna!“ wurde übermächtig.
Der Klang der Stimmen wurde immer lieblicher.
Der Papst war stehen geblieben!
Seine Arme hoben sich.
Sein Hirtenstab ähnelte nun dem Taktstock eines Tambour.
Beinahe erschien es, als dass er diesen Chor nun zu dirigieren wünschte.
Die Kardinäle, ebenfalls im Schritte innehaltend, erschienen dagegen etwas unentschlossen zu sein.
Ihre strenge Liturgie schien solchen Zugaben des Obersten der Christenheit entgegen zu stehen.
Ratlosigkeit war ihren gesäuerten Minen zu entnehmen.
Hätte sich nun der Druck der Leiber ein wenig gelockert, wäre mir der Angriff auf den Papst möglicherweise gelungen. So aber konnte ich nur auf Antonio hoffen. Und es geschah genau in diesem Augenblick der Wahrheit. Laut ein „Ali Agca!“ ausstoßend, hatte sich jemand auf den Papst gestürzt.
Es sah zunächst jedenfalls genauso aus.
Doch bei genauerem Hinsehen, erschien es allen nur so.
Der von mir Ausgesuchte, Pater Antonio, wohl aufgrund seiner noch vorhandenen Jugendlichkeit, hatte sich durch die Menge ganz nach vorne gekämpft und versucht sich dem Papst zu nähern.
Doch noch bevor er ihn erreichen konnte, lag er auf dem Boden des Kirchenschiffes im Staub. Nicht wenige Zeitgenossen hielten ihn dort fest.
Hatte ihn der Ruf Gottes nun erst erreicht, so mein erster Gedanke, so müsse ich nun selbst, wie auch von Anfang an beabsichtig, zur Tat schreiten.
Dieser Gedanke gab mir nun die Kraft, die mir noch zu Anfang fehlte.
Die rote Robe ging dabei zu Fetzen, als ich mich gewaltsam aus der Menge schälte.
Es mögen nur noch wenige Zentimeter gefehlt haben, als auch ich im Staub des Kölner Domes lag, die roten Schühchen des Papstes direkt vor meiner Nase.
Irgendwer zog dann auch noch an meinem weißen Barte.
Die Arme wurden mir auf den Rücken gedreht.
Ein anderer Irgendwer machte sich an dem Sack zu schaffen, der mir bei meinem Sturz entglitten war.
Das Gesicht des Papstes, der über mich gebeugt, erschien mir noch blasser als ich es von den Zeitungsbildern her gewohnt war.
Hatte zuvor noch das laute „Hosianna!“ das Kirchengewölbe erfüllt, waren es nun Klagelaute und Beschimpfungen meiner Person und der des unglücklichen Antonios, die unentwegt zu hören waren.

*

Ja ich gebe es zu. Den Papst zu töten war meine Absicht. Ich, der Heilige Weihnachtsmann, der Bischof von Byzanz, derjenige, der letzter Zellengenosse Christi war, wollte den Papst ermorden!
Doch bei aller Verdammenswürdigkeit solchen Planens möchte ich zu bedenken geben, dass die Art des Weihnachtsfestes heutiger Jahre, fernab jeden christlichen Angedenkens erfolgt und dem Herrn im Himmel lange schon ein Dorn im Auge ist.
Hohes Gericht, ich bitte nicht um Gnade. Nur um Gerechtigkeit!
Und, ich bitte Euch alle hier, die ihr über mich zu richten habt, gebt mir bitte meine Flügel zurück!

*
Aus der Spätausgabe der „Tagesschau“ vom 24.12.2012:

„Am heutigen Nachmittag versuchte ein bisher noch unbekannter, möglicherweise verwirrter Mann, sich dem Papst während einer Weihnachtsmette im Kölner Dom, zu nähern.
Über die Absichten des Mannes ist noch nicht viel bekannt.
Ob es sich um einen Anschlag auf das Oberhaupt der Christenheit gehandelt haben könnte, wird vorläufig nur zu mutmaßen sein.
Vieles spricht aber dafür.
Denn, bevor er die Absperrungen überklettern konnte, schrie er laut:

„Tod dem Unglauben in der Welt. Ich, der Weihnachtsmann, sage euch, Gott ist groß und duldet nicht länger solchen Frevel.“

Zu der Person des sich als Weihnachtsmann Bezeichnenden kann nichts gesagt werden.
Die Ermittlungen dauern noch an.
Dem Papst, dem nach Augenzeugen des Angriffes, dieser Vorgang sehr zu schaffen machte, geht es den Verlautbahrungen des Bistums nach recht gut.
Er lies mitteilen, dass er dem Verwirrten seine tröstende Hand reichen würde, sofern von diesem auch gewünscht.
Der Welt, so der Papst, wünsche er noch friedliche Weihnachtsfeiertage.

Chefschlumpf, noch im Taumel der Christnacht 2016

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