Meine alte Tante ist tot? – Frankie Millers Einsichten.

 

Neulich ist sie von uns gegangen!

Sie starb nicht unvermittelt, nicht ganz überraschend, nein, auch nicht unvorhersehbar.
Sie ist auch nicht von uns gegangen, wie man möglicherweise heimlich eine Party verlässt oder einen Delegierten-Parteitag, weil schon alles ausgesoffen oder gesagt ist.

Nein, Tantchen hat sich mit einem listigen Augenzwinkern von dannen gemacht.

Noch an der Türe hatte sie sich umgedreht, die geballte Faust hochgestreckt und ein: „Vorwärts Genossen, die Welt gehört…!“
Wem nun nach Tantchens Meinung die Welt gehört, war nicht mehr in Erfahrung zu bringen, da sie schon längst unseren verstörten Blicken entschwunden war.

Erst am nächsten Tage, einem Sonntag, beim morgentlichen Gottesdienst nach den Fünftausend Metern im leichten Trab, konnte man ein Gespenst durch die fast leeren Kirchenbänke wabern sehen, welches die Ungewissheit zu letztendlicher Gewissheit machte.

Tantchen ist tot. Tantchen wird niemals mehr in irgendeiner Form zu materialisieren sein.
Eine schön verzierte, mit Parolen einer wechselvollen Geschichte verzierte, blattgveroldeteVase dürfte ihr als letzte Wohnstatt dienen.
Friede ihrer Asche!

Meine alte Tante SPD!

„Briiiiiiiiiiiiiiiiiiing! Briiiiiiiiiiiiiing! Briiiiiiiiiiing!

Ein ordinäres Klingeln und Scheppern ließ mich auffahren und beinahe, auch nur beinahe hätte ich meinen soeben noch in mir schlummernden Traum einfach vergessen.
Tante SPD im Reich der Schatten? Vom Teufel geholt? Oder, nun sitzend zu Gottes Füßen auf Wolke 17?
Was wäre wenn?

„Miller, die Lage ist ernst, wenn auch nicht hoffnungslos! Wie wars bei der Delegierten-Rally der Sozen? Schon den Plot im Pott? Sie, als Dokumentator eines zu erwartenden Niederganges, haben doch schon, wenn schon nicht den Dolch, doch aber die Feder gewetzt oder irre ich mich?“

Der Herr Editor war mir bei meinem Sauseschritt zum Schreibtisch in den Weg gesprungen.
Ich konnte nur noch: „Es… wird schon, Herr Scheffe…“, murmeln, bevor er mir beton kräftig beidhändig auf die Schultern klopfte, nein hieb!

Der Sozialdemokratische Aufbruch bei Kaisers, zunächst noch „Arbeiterverein“ genannt, dann, nach Trennung von den Kommunisten der Demokratie gewidmet, sollte nun zuende gehen?
Das bislang doch sehr schön beackerte Feld in der Politik sollte nun den Schwarzen und Braunen Horden kampflos überlassen werden?
Grün und Ultrarot als letzte Bastion unverstellter Zukunftsromantik?

Hatten es die Sozen nun endlich geschafft?
Eine Andrea Nahles als Grabrednerin? Ein Olaf Scholz, ein Martin Schulz, ein glückloser wenn auch begabter Siggi Gabriel als Königsmörder?
Darüber thronend wie Gott Odin mit dem Hammer im stählernen Arm der Arbeiterschaft, Frank-Walter Steinmeier?
Was war geschehen, Frankie Miller, was ging hier kräftigst ab nur nicht mehr hinauf?

Wie und wo anfangen? Na gut, wohl mit dem Anfang!

Der Preusische Prinz hatte auf die Arbeiter schießen lassen, mit Kartätschen, wofür er Kartätschen-Prinz genannt wurde.
Ein düster leidender Philosoph hatte die Situation der Arbeiterschaft zum Inhalt seiner vielseitigen Überlegung gemacht, die dann zu Sozialen Ideologien führte und ein neues Weltbild prophezeite.

Ein Überzeugungstäter, politisch sehr beschlagen setzte um was umzusetzen war und der Verein, dessen Wurzeln in der Industralisierung einer zunächst noch landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft mündete, ward geboren.

Später, des Philosophen Handschrift war längst Programm im fernen Russland, musste die kommunistische Spreu vom sozialistischen Weizen getrennt, eine ernste Partei aus der Taufe gehoben werden.
Vereine wurden politische Parteien, die Arbeiterschaft gespalten, reformerische Ideen wurden teils verwässert, für wieder andere Kreise zum Inhalt eigener Gedanken wie ein Volk geführt gehört.

Konservativste Geister schieden und entschieden sich, das Altehrwürdige zu verteidigen.
Inzwischen war sie gereift, die neue Weltordnung, nur ganz anders als von Philosophischen Zirkeln erträumt.

Geld, zunächst noch Ausdruck steigenden Wohlstandes, wenn nur gerecht verteilt, hatte nach „Wiedergutmachung“ durch erhebliche Zahlungen des Unterlegenen eines ziemlich unnötigen Schlachtens, plötzlich die Seelen schon immer mächtiger Kreise in Beschlag genommen. Geld, nicht nur es zu besitzen, bedeutete schon alleine grenzenlose Macht.

Weiteres Schlachten folgte, industriell verhärtet und perfektioniert!

Hatte eine Partei noch ganz alleine den Anschein erweckt, auf Seiten der Arbeiter zu stehen, vermochte es eine Partei mit ganz anderer Stoßrichtung ebenfalls, genau diesen Anschein zu erwecken.
Zu bedenken war, wo zwei sich streiten muss einer weg! Und so kam es auch.

Ein weiteres unnötiges Schlachten später, wurde die bis dahin in Lethargie Schlummernde wiederbelebt.
Nur, war nun die Welt wirklich eine ganz Andere!

„Willy,Willy, Willy wählen!“,
hatte ihn gebracht, den Sieg nach einer zunächst noch Mitfahrt im Beiwagen eines sehr schlechten Bikers, der sich noch nicht einmal seiner höchst bedenklichen Verstrickung in angedachten Eintausend Jahren erinnern wollte.

Die dann schon beinahe Hundertjährige, das Tantchen, war zur Blüte, ach was sage ich, zur Blütenpracht erwachsen.
Sie lebe hoch, sie lebe hoch, sie lebe hoch, liebst Tantchen mögest du immer unsere Zuversicht beflügeln
International wurde das Tantchen zum Inbegriff der Fortschrittlichkeit auf der Erdkugel.

Dann, dem Klassenfeind hatte sein östlichster Nachbar, im Übrigen ein verstoßener Zwilling, ein übelriechendes Kuckucksei ins Nest gelegt, wurde es ernst.
Willy war weg, Helmut war da. Das Tantchen wurde etwas steifer und im Grunde des Herzens melancholisch nach außen gedreht aber sehr, sehr konservativ.

Helmut musste Helmut weichen, der wiederum dem Tantchen den Sozialismus zur neuerlichen Hauptstoßrichtung ans Herzerl legte, wenn auch niemals reinrassig und bewusst.

Auf Helmut folgte Gerd, der mit der Macht in Form von Geld liebäugelte, dem Sozialismus nicht wie von den Zirkeln der Ideengeber erträumt sehr zugetan, was noch Jahre später dem Tantchen als Grund für den Niedergang ins Reimebüchlein zitiert wurde.

Nun gut, Fakten schaffen oft neue Fakten und wer frei von guten Ideen sein sollte, könnte ja mal den ersten Stein werfen. Nur, sei ihm gesagt, nicht immer werden die Richtigen gesteinigt.

Einer, ein echter Steinmeier, sollte es nun machen, das was er dann prompt vergeigte.

Dann, ein Steinbrück, nicht ebenso gelackt oder weich geleckt wie der Vorgänger, vergeigte ebenfalls da, wo er doch noch zuvor im Gefolge der Kanzlerin echte Erfolge hatte.
Nein, Helmut, er kann es nicht! Er kann nicht Kanzler, lass er es sich gesagt sein, dort im letzten Winkel einer ganz anderen, nicht rauchfreien Zone!

Einen Erzengel später dann der „Wunderknabe“, Ex-Fußballer, Ex-Säufer und Ex-Bücherwurm mit der Leitung einer Würselen genannten Einöde in Sichtweite der Kaiserpfalz im Westen betraut, schließlich in Brüssel und Straßburg beim Sichern von Vermögenswerten erwischt, was aber seiner späteren Karriere in dem EU genannten Konstrukt nicht schaden konnte, wurde von genau diesem Erzengel ins Feld gechickt.

Niemand kannte ihn wohl! Sein Wahlzug verlor schon sehr schnell an Fahrt und dann auch noch die Lok, was ihn dann sehr unverträglich, sogar für die die noch an ihn glaubten, machte.

Hatte die Tante da schon reichlich an Gewicht verloren, sie beinahe schon zum Sklett abmagerte, was sie sehr unatraktiv machte, musste sie schließlich zum Bette getragen werden.

Im Kreise ihrer Freunde und Familie, nicht immer nur ihrer Kampfgefärten mit Eigensinn, lag sie da.
Mit versteinertem Blicke, nicht verstehen wollend was sich am Fußende der Liegestatt an unerfreulichem abspielte, entfleuchte ihr ein leises . „Fuck…!“ bevor sie die Augen für immer schloss.

Ja, das Tantchen ist tot. Die, die jetzt noch nach ihr rufen, wollen sich das nicht sagen lassen.
Tantchen, ganz reglos, die Lippen geschlossen, den Blick gebrochen, du wirst uns nicht wirklich fehlen!
Deine Kinder und Kindeskinder und deren Anhang und Familien haben sich schon viel länger aus dem Staube gemacht, genauso wie der listige Siggi.

Ja, der listige Verwalter des Mangels über Jahre, hat, einem Odysseus nicht unähnlich, einfach zu lange den Sirenen zugehört und dabei einfach nur das Steuer in die falsche Windrichtung gedreht.

Ei, perdaus, Frankie Miller, so könnte es gehen, das Schlusswort fürs Tantchen. Bloss, wie das Ganze in akzeptable Form bringen? Na gut, ganz tot ist das Tantchen ja vielleicht noch gar nicht. Ich habs eben noch leise atmen gehört.

Und noch einmal laut schimpfen: „ Fuck…!“

© 2018 im Februar chefschlumpf A.S.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.