Dem Morgenrot entgegen? – Buchtipp von Harry Popow


Ein satirischer Blick auf die Wirklichkeit

Es ist nicht zu fassen, ja, es scheint, die Welt wird umgekrempelt. Nicht NEU GEORDNET, wie es offiziell heißt, mit „Neuer Verantwortung“ und so. Nein, es sieht nach einer neuen Wende aus? Die Erleuchtung kommt von ganz unten. Von einem Mann, der ganz unpolitisch sein wollte. Und nun hat er sich doch eingemischt. Mit einem Buch. Einem Protokoll, das ehrlicher nicht sein kann. Der Titel: „Stein auf Stein dem Himmel entgegen“. Und das Absonderliche: Es wurde gedruckt. Mehr noch, es wurde unter die Leute gebracht. Vorneweg in einigen online-Plattformen, so in der Linken Zeitung. Dem schlossen sich nicht wenige der fortschrittlichsten Printmedien an. Und schließlich packte die ARD, das ZDF und auch der rbb in sensationellen Abendsendungen zu. Nur Anne Will rümpfte noch die Nase.

Das alles blieb nicht ohne Wirkung. Die SPD steht nicht mehr Kopf bei der Beurteilung der Arbeiterklasse, sondern räumt grundsätzlich mit der Anbiederung an das Kapital auf. Mit der rückwärts gewandten und nichtssagenden Tagespolitik zur Stärkung des Marktsystems soll Schluss sein. Die Linke klopft sich an den Kopf und bemüht verstärkt Marx, an den Diskussionen teilzunehmen. Die zahlreichen Autoren von kritischen Sachbüchern frohlocken: Endlich finden sie Gehör auch in den Printmedien. Es brodelt im Volk. Neue Rufe „Wir sind das Volk“ sind zu vernehmen.

Die Obdachlosen beschweren sich, keine Liegeplätze auf Vorbestellung mehr zu erhalten. Ihnen drohen Arbeit und zu bezahlende Mieten in extra gebauten Unterkünften. Die Miethaie demonstrieren erfolglos, da nahezu aller Privatbesitz an Wohnungen ab sofort wegen Menschenrechtsverletzungen untersagt ist. Auch wird der „Runde Tisch“ wieder eingeführt, um so die Quatschbude „bürgerliches Parlament“ zum Teufel zu jagen.

Wenn es bisher hieß, besonders für junge Leute, sie sollen sich in „Selbstverwirklichung“ üben, kommt rasant das neue Umdenken. Sie schließen sich zu Jugendbündnissen zusammen, zu sogenannten philosophischen Rundtischgesprächen und schwören den buddhistischen Kreisen, dem Achtsamkeitsverein und anderen Fluchten aus der Wirklichkeit wie auch der sogenannten ENTSCHLEUNIGUNG ab. Mehr noch: Sie stellen Fragen an die Großeltern, wie es denn so war früher im Antikapitalismus. Es ist schon so, irgendetwas ist ihnen zu Kopf gestiegen, sie wollen – wie in den 65er Jahren – ,wieder ernst genommen werden.

Arme Kirche: Sie stellen wiederholt eine Abwesenheit von Querdenkern fest, die den Glauben verloren haben, dass sich alles mit Gottes Hilfe bessern ließe. Zu früh jubelten die Kirchenleute darüber, dass der Industrieschornsteinmaurer, der Mann von der Arbeiterklasse, bis in die Höhe des Himmels bauen wollte.

Auch wirbelt es die Leute so richtig im Politikbetrieb durcheinander. Die Regierungschefin erinnert sich an ihre Studienzeit in der DDR und gesteht, sich in westlichen Gefilden zu sehr verbiegen zu müssen. Die Verteidigungsministerin stoppt das Programm mit den Morddrohnen und beschäftigt sich mit der Auflösung der Bundeswehr, denn trotz mancher Unkenrufe sollen die Russen ja doch friedliche Absichten haben. Also wendet sich Deutschland von den Möchtegern – Weltbeherrschern USA ab und richtet den Blick immer mehr nach Osten, wo zur Zeit das sportliche Jubeln die Herrschaft inne hat. Dorthin, wo nach wie vor zum Schrecken des Abendlandes nun doch die Sonne aufgeht. Und das schönste Geschenk für den Schornsteinmaurer, der stets in die Höhe strebt: Marx hatte recht: Wenn die Idee die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt… Auch hierzu hat der Arbeiter sein Ja gegeben: Die BRD erhält in einer Volksabstimmung den Namen AWG – ALLE WERDEN GLÜCKLICH.

Bevor es soweit kommt, klopft es noch zu nachtschlafender Zeit recht polternd an der Wohnungstür des Autors…

Das Morgenrot muss warten!
Harry Popow

Manfred Otto: Stein auf Stein dem Himmel entgegen. Aus dem Arbeitsleben eines Schornsteinmaurers/Zwischen Aufstieg & Abstieg / Zwischen Aufbruch & Abbruch, Edition Märkische Reisebilder, 1. Auflage 2018, 370 Seiten, Verlagsprogramm: www.carlotto.de, ISBN 978-3-934232-98-3, Telefon: 0331/270 17 87, Preis: 25 Euro

 

„INGO. Spaziergänge im Niemandsland“, 232 Seiten, unter der oben genannten Adresse zu bestellen. Preis: 12 Euro

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