Jesus, eine Pussy? – Frankie Millers Einsichten

Josef, unser Azubi, stellte mir die Kaffeetasse neben die Tastatur und räusperte sich vernehmlich.
„Gibt‘s was, Josef?“

Ich versuchte, bei allem Frust freundlich zu bleiben.

„Ja, die Ansage gerade! Deine Aufgabe für heute, wie gehst du das an, Frankie?“

„Jesus, du meinst was mir der Editor ins Hirn zu pflanzen versuchte?“

Ich hatte mich zu unserer neuesten Eroberung aus dem Pool der zu erhoffenden Edelfedern, also zu diesem Josef umgedreht. Dabei versuchte ich so etwas wie wichtig zu wirken, nicht zuletzt, um meine eigene Unsicherheit vor ihm zu verbergen.

„Sag mal, Kleiner, was gibt es deiner Meinung nach, noch zu Jesus zu schreiben?“

Josefs Gesicht bekam plötzlich ein weihnachtliches Leuchten, so mein erster Eindruck.

„Bist du etwa mehr als nur ein Gelegenheits-Christ, Josef? So mit Christmette um Mitternacht am 24ten?““, schob ich meiner ersten Frage nach.

Vermutlich war mein Sidekick in dieser Woche, einer der sich das Kirchegehen ebenso wie ich, als auch das Beichten zur Glückseligkeit, lieber ersparte.
Nur, bei mir traf das zweifelsohne zu, bei Josef konnte ich dabei keineswegs sicher sein.

„Ja, meine Familie ist nicht wirklich religiös veranlagt. Aber, Frankie, der weihnächtliche Krippengang gehörte schon solange ich denken kann zur Folklore.“

Ja, so kannte ich meine Volksgenossen. Christliche Nächstenliebe wie eine Fahne in den Wind gehalten, dabei aber rein formal auf die wirkliche Gläubigkeit verzichtend, und dann der reinen Melancholie wegen, schick herausgeputzt den Lieben Gott und seinen Sohn einen guten Mann sein lassen.

Na gut, verehrtester Doktor der Philosophie, der du unser Trommler in Sachen Bevolkungsunterhaltung im Range eines Chef-Redakteurs, durch die Protektion einer sehr einflussreichen Gattin eines noch viel einflussreicheren Verlegers, mit nicht wenigen Mühen wurdest.

Mit Hilfe dieses kleinen Leuchtkäfers von einem Volontär, werde ich der Geschichte vom Sohn Gottes einige weitere, möglicherweise bislang unbekannte Zuschreibungen beifügen können. Für die Beglückung der sehr wissbegierigen Leserschaft müssen nun mal Opfer gebracht werden.

„Gottes Geburt, lässt dich da etwas zweifeln, Josef?“

Ich war mit meinem Blick seinen fragenden Augen ausgewichen, nur um ihn nicht zu irritieren.

„Gott, Gottessohn, Jesus von Nazaret, Geburt im Stall, dabei dann ein böser König der Juden, der Kinder töten lässt? Ganz böse Zeiten, sage ich, Frankie.“

Einem Wasserfall nicht unähnlich,war es aus ihm herausgeflossen. Meine Güte, hier dürfte aber ein echter Zweifler in unsere Mitte vorgestoßen sein. Möglicherweise konnte ich mein Erstaunen, vor ihm nicht ganz verbergen.

Nun gut, als selber Zweifelnder dieser ganzen Geschichte von Heiliger Nacht und Jungfrauengeburt, konnte ich seine Skepsis ja sehr gut verstehen.
In gewisser Weise war ich ja froh, in diesem Jungen von angehendem Redakteur einen Mitkämpfer im Geiste zu finden.

Und doch, für eine recht schön ausgeschmückte Weihnachtsgeschichte dürften zwei Kritiker der Elche, diese wohl nicht auf ihren Schild heben.

„Nein, nicht, dass du mich für einen Atheisten oder Glaubensfeind und Agnostiker hältst, Frankie, ich habe nur zur Bibel ein klar gestörtes Verhältnis. Ich hatte schon als Kind eine Menge an Fragen, auf die es wohl gar keine Antworten zu geben scheint!“

Eujeuojeu, da war aber ein eifriger Verfechter des Wissens vor Glauben, in unsere traute Gemeinschaft von Blattmachern eingebrochen.
Nein, nicht Angst, Neugierde überfiel mich.

„Nur zu, leg los, wenn du magst Josef!“

„Nun, Jungfrauengeburt, was soll das sein, ein Wunder?“
Seine Gesichtsfarbe war wieder zu neutral gewendet, was möglicherweise nur meiner gespielten Uninspiriertheit geschuldet war.

„Ein Wunder, ganz klar! Wenn Gott einen Gott, also sich selber zeugte, dann doch wohl nicht auf natürliche Art und Weise, Josef. Soviel dürfte klar sein.“

Ich musste aus dem Kleinen seine Ansichten herauslocken, dachte ich da noch!
Wenn ich aber gewusst hätte, was mir da noch nicht gewahr wurde, ich hätte still in meinem Kämmerlein zuhause die allseits bekannte Menschwerdung des Herrn zu unserem Erlöser, in strahlenden Farben geschildert.

„Stell dir doch nur einmal einen Gott vor, der seinen Sohn in den Schoß einer respektablen Jungfrau pflanzt, diese dann mit ihrem Ehemann durch die halbe bekannte Welt ziehen lässt, nur um sie dann in einer lausigen Hütte oder einem Stall gebären zu lassen. Was wohl, ist dieser Gott für ein Wüstling?“

Na gut, mein Freund, solches hat sich wohl schon beinahe ein Jeder zu fragen gewagt. Bloß, beantworten…, ganz schwerer Stoff.
Ich bekam nun doch ein wenig Spaß, es könnte ja doch noch eine recht erquickliche Diskussion werden, im Endeffekt.

„Du darfst nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, Josef. Die Bibel will uns doch nur in Gleichnissen deren Hoffnungen schildern. Wenn es da bei der Übersetzung des Urtextes einige Unsicherheiten geben kann, dann schadet es doch auch nicht wirklich!“

„Was genau, ist denn dann dieser Gott? Mann oder Frau, Frankie?“

Mann oder Frau? Kann ohne weiteres gefragt werden, in der Tat. Und bei Licht besehen, eines der ganz großen Grundrätsel.

„Heißt es nicht, dass Gott den Adam nach seinem Bilde formte? Und wenn Adam männlich war, dann doch auch Gott, oder?“

Josef war auf seinem Stuhl, den er sich vom verwaisten Nachbarschreibtisch geholt hatte, unruhig hin und her gerutscht. Ja klar, der Kleine war voll in der Sache.

„Gott, Mann oder Frau? Demnach doch wohl Mann, Josef!“
Dieser Überzeugung musste jeder sein, der sich mit Bibeltexten ein wenig beschäftigt hatte.

„Und wenn Mann, dann doch auch bestimmt wie ein Mann recht ordentlich bestückt, oder nicht?“

„Josef, du meinst…?“

„Natürlich, na was denn sonst?“

„Na ja, Adam zeugte, so ist es geschrieben, mit Eva zwei Söhne, Kain und Abel!“

„Natürlich, da Gott wusste, der Mensch ist nicht gerne allein, gab er ihm das Weib mit Name Eva!“

Auch hier musste ich ihm wohl zustimmen.

Falls Gott den Menschen mit Name Adam von vornherein zum Stammvater der Menschheit geplant hatte, dann doch wohl auch mit allen Attributen für die Zeugung von Nachwuchs.

Aber, musste das dann auch bedeuten, dass der Herr eine ebensolche Ausstattung am Leibe hatte? Wenn man die Weihnachtsgeschichte wirklich ernst nimmt, kam man um diese Mutmaßung nicht wirklich mehr herum.

„Gott hat uns seinen einzigen Sohn zur Erneuerung des Paktes mit den Menschen geschickt, nur um sein damaliges Irren in Sachen Adam und Eva wieder gut zu machen? Und dann, der noch Abraham vom Mord an seinem Sohne abhielt, lässt auf einmal seinen Sohn von den Menschen ans Kreuz nageln? Wer soll so einen Blödsinn glauben, Frankie?“

„Na gut, Adam und Eva haben ganz klar gefrevelt! Sie hatten es im Garten Eden prima, Josef, und mussten das bis zum Letzten auskosten. Böse Falle, in der Tat!“

„Ach ja, und, glaubt man der Kirche, der wohltätige Herr schmeißt sie und das ganze Viehzeug, die Pflanzenwelt und sogar den Paradiesapfel direkt raus, ohne wenn und aber?“

Josef war ganz aufgeregt, hier muss wohl ein im Grunde Glaubender an den literarischen Perfektion der Bibel nicht gerade geringe Zweifel haben.

„Ja und dann der Bericht der Kreuzigung! Jesu, wenn überhaupt mal existent, muss doch eine totale Pussy gewesen sein. Er weiß, dass sein Vater Gott ist und lässt das zu! Warum hat er nicht das hölzerne Kreuz genommen und den Leuten über die Birnen gedengelt?“

Ja, da sprichst du was an, Josef! Hier ist die Bibel zumindest was den Plot angeht, ein wenig zu ungenau in der Beschreibung ihrer Protagonisten. Aber, bedenke doch erstmal, bei Übersetzungen ist immer auch der Übersetzer in der Pflicht.

Nein, sagte ich nicht. Ich schaute ihn nur leicht amüsiert an, um ihn dann aufzufordern, das alles in seinen Artikel zu packen. Ich gab ihm dazu noch den Rat, ein wenig Humor einfließen zu lassen. Denn, wer Artikel schreibt, sollte niemals den Leser aus dem Auge lassen. Und bei kirchlichen Themen kann man verdammt leicht abrutschen, um mal eine uralte Bergsteigerweisheit zu Besten zu geben.

Nun gut, der Volontär war in der Spur! Und was hatte der Herr Editor gefordert?

„Miller, machen Sie mal was zu Weihnachten! Einspaltig auf der Werbebeilage. Kann ruhig auch kirchenkritisch sein. Seit den bekannt gewordenen Verfehlungen in klerikalen Kreisen, ist reine Zurückhaltung nicht mehr so angebracht!“

Gut, Herr Editor, bekommen Euer Gnaden! Ich weis auch schon von wem.
Jetzt aber muss ich noch mal ins Einkaufscenter, Geschenke besorgen. Ist Weihnachten doch Pflicht!

© chefschlumpf 2018

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