|
Glanz und Elend des Singlelebens
Frühling 2003.
Spaziergang mit
meiner Schwester durch den Linzer Volksgarten.
Vogelgezwitscher, alles in Blüte und im Wachsen. Endlich wurden
nach langem Winter die Sonnenstrahlen wieder kräftiger und das
Grün der Wiesen satter.
Wir suchten die nächste Parkbank auf, um das ganze etwas bewusster
zu genießen.
Endlich ein Plätzchen gefunden, bemerkten wir - uns gegenüber -
ein turtelndes Pärchen. Mein Gott wie schön es wäre, auch mal
wieder so richtig verliebt zu sein, seufze ich.
Sicher schön, aber die Trennung wird für die beiden umso
schmerzhafter werden, begegnete mir meine Schwester mit ihrem
typischen Zweckpessimismus, den ich noch nie so richtig an ihr
leiden konnte. Außerdem bin ich froh ein Single zu sein und will
auch nie heiraten, meinte sie weiter. „Was nützt mir eine Ehe,
wenn ich sowieso mit einer Scheidung rechnen muss“ waren ihre
Worte, an die ich mich noch gut erinnere und die mir zu denken
gaben.
Zuerst ärgerte mich wie üblich über ihre „Schwarzmalerei“, auch
wenn sie nicht ganz unrecht damit hatte.
Schließlich liest und hört man ja überall, dass sich in den
letzten Jahren die Zahl der Singles drastisch zugenommen hat. Jede
dritte Ehe wird geschieden und fast ein Drittel der Österreicher
ist allein.
Den Begriff „Single“, den man vor 30 Jahren noch kaum kannte,
wurde mittlerweile zum Synonym für freiwillig allein lebende
Menschen. Man spricht vom „Swinging Single“, dem das Tor zu
egoistischen Genüssen offen steht.
Dem gegenüber ist aber auch vom „einsamen Wolf“ die Rede, der
wehmütig von einer Partnerschaft träumt.
Einsamkeit kontra Zweisamkeit.
Egoismus kontra Selbstlosigkeit.
Freiheit kontra Liebesglück.
Sehnsucht kontra Frieden.
Paarneid kontra Bindungsangst.
Was stimmt wirklich?
Sind Singles zu beneiden oder zu bedauern ???
Wie kein anderes
Phänomen zeigt das Single-Phänomen den Konflikt zwischen
Ich-Zentriertheit und Wunsch nach Unabhängigkeit einerseits und
Wir-Bedürfnis und romantischer Geborgenheitssehnsucht andererseits
auf.
Im Prinzip ist der Mensch seit jeher ein „Nesthocker“ und
bedürftig:
Lange Zeit braucht man andere (Eltern) zum Überleben, dann braucht
man ein „DU“, um seine seelische Stabilität zu wahren. Diese
Fakten führten wohl dazu, dass unsere Gesellschaft die
Paarideologie bevorzugt. Kein Wunder also, dass viele Single einen
„Mangel“ fühlen, wenn sie keinen Partner haben.
Andererseits werden Singles oft von Menschen, die in einer
frustrierenden oder auslaugenden Partnerschaft oder Ehe leben, um
ihre Freiheit beneidet.
Oft hört man von Frauen die Sätze: „Mein Leben gehört nicht mir,
sondern meinem Mann und meinen Kindern“
Dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und Freiheit stehen also
Sehnsucht nach Liebe, Vertrauen und Geborgenheit gegenüber.
Hmmm ... okay,
mal sehn – fakt ist: ich bin noch jung.
Vielleicht sollte ich mein Solistendasein doch noch etwas in die
Länge ziehen, genießen und auskosten ? Single sein ist doch nicht
übel, oder ?
Aber das Verlangen nach Freiheit bedeutet bestimmt auch
gleichzeitig, diese Freiheit
(und das damit oft verbundene Allein-sein ) aushalten zu müssen...
Und Partnerschaft wäre doch sooo schön. Ob ich das überhaupt
schaffe, so ganz ohne Liebe, nur mit mir allein ? Halte ich das
aus ? Kann ich überhaupt mit mir allein sein ? Mag ich mich denn
selber ausreichend ? ...*grübel-grübel*...
Allein leben
Einsamkeit, heißt
es, sei das Los großer Geister.
Wer weiß, vielleicht hätte Schubert, von schreienden Kindern
umgeben, sein Forellenquintett nicht geschaffen. Und vielleicht
wäre Beethoven nicht das Musikgenie schlechthin geworden,
hätte er einer geliebten Frau tagtäglich viele Stunden gewidmet.
Allein zu sein war das Schicksal vieler Genies, wenn auch aus
äußerst unterschiedlichen Gründen.
Verbrachte Schubert seine freien Stunden wenigstens in einem
großen Freundeskreis, so lebte Beethoven als Folge seines
tragischen Schicksals ab dem 30.Lebensjahr in totaler Isolation.
Andere suchten die Einsamkeit als Quelle der inneren Sammlung und
der Selbsterkenntnis. Der Philosoph Immanuel Kant lebte allein, da
ihm „zur Zweisamkeit die Zeit fehlte“. Er schrieb, las,
unterrichtete und dachte von fünf Uhr früh bis spät abends. Er war
freiwillig ohne Partner und ein glücklicher Mensch dabei.
Auch Goethe verbrachte einen Großteil seines Lebens allein. Er
hatte viele Geliebte - aber in seinen vier Wänden suchte er die
schöpferische Ruhe. Der Dichter heiratete erst im Alter von 57
Jahren seine Gefährtin Christiane Vulpius. Mit seiner langjährigen
Freundin Charlotte von Stein, die selbst verheiratet war, hatte er
nie gemeinsam gelebt.
Als Dichter, sagte Gustave Flaubert (Madame Bovary) müsse man
„sich entscheiden, ob man Kinder oder Bücher macht“. Er traf seine
Freundin nur einmal im Vierteljahr. Das genügte ihm.
Noch extremer sein Landsmann Marcel Proust (Sodom und Gomorrha),
der sein Haus fast nie verließ und ausschließlich für sein Werk
lebte. Er zählte zu jenen Autoren, die große Liebesromane
schreiben konnten, obwohl sie immer alleine waren.
„Große innere Einsamkeit, stundenlang niemandem begegnen, das muss
man erreichen können“, war auch Rainer Maria Rilkes Credo.
Weitere einsame Denker waren Kopernikus, Machiavelli, Galileo
Galilei und Newton.
Allein sein bedeutete für sie, sich ausschließlich auf ihre großen
Aufgaben konzentrieren zu können. Franz Kafka brauchte, um
schreiben zu können, „Abgeschiedenheit, nicht wie ein Einsiedler,
das wäre nicht genug, sondern wie ein Toter.“
Vorraussetzung künstlerischen Schaffens war das ungesellenleben
auch für die Maler Leonardo da Vinci und Michelangelo. Letzterer
galt als menschenscheu, seit ihm ein Mitschüler mit einem
Faustschlag die Nase zertrümmert hatte. Wegen seines entstellten
Gesichtes glaubte er nicht geliebt werden zu können. So wurde er
fast 90 Jahre alt, blieb sein Leben lang allein und lebte nur für
seine Kunst.
Ob allein oder zu
zweit, ich denke es haben beide „Lebensformen“ ihre Berechtigung
und
(so wie alles im Leben) ihre schönen und weniger schönen Seiten.
Es gilt für jeden persönlich herauszufinden, mit welcher
„Lebensform“ man besser zurecht kommt bzw mit welcher man sich
wohler fühlt..
Mir persönlich gefällt eine Art Kompromiß der beiden
„Lebensformen“ am besten, deswegen möchte ich diese Kolumne mit
einem Zitat von Kurt Tucholsky ausklingen lassen.
„Lebst du zu
zweit? Lebst du allein? Der Mittelweg muss wohl der richtige
sein.“
Wolf |