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von
Karin
- Februar 2005
China 2002 - Ein Abenteuer
Teil 4: Menschen
Wie ist "der" Chinese? Ich weiß es nicht. Ich kann nur schildern,
was ich beobachte. Und das ist eine Menge. "Das Land des Lächelns"
wird das Reich der Mitte oft genannt. Ich weiß jetzt, warum - die
Menschen lächeln. Und es ist nicht ein "aufgesetztes" Lächeln,
nein, ein herzliches, echtes Lächeln. Und das begegnet Dir
überall. Für einen Nordeuropäer ist dies richtig ungewöhnlich, von
wildfremden Menschen angelächelt zu werden. Und Du lächelst
zurück, Du kannst gar nicht anders, weil es Dich einfach freut,
angelächelt zu werden. Und dann, auf Dein Zurücklächeln hin, kommt
oft ein ganz leises, fast schüchternes "Hello", das einzige
englische Wort, das anscheinend jeder chinesische Landsmann kennt.
Du erwiderst auch "Hello" und dann ist da irgendwie eine
Verbindung da, auf Dein Hello kommt ein Kichern, Lachen, Winken,
Familie zusammenrufen, aufgeregtes Schnattern und Du kommst dir
vor wie auf einem anderen Planeten. Und da bist Du wohl auch.
Eckhard hatte mich ja schon vorgewarnt, daß mich alle Leute
anstarren werden, da europäische Frauen in Xiamen eigentlich so
gut wie nicht existent sind. Also war ich darauf gefasst. Dennoch
ist es ein komisches Gefühl, zumindest in den ersten Tagen, so
allein durch die Straßen zu wandern und jeder, aber auch wirklich
jeder, schaut Dich mit Verwunderung an. Du fühlst Dich wie ein
Außerirdischer, aber nicht unangenehm, da ja jeder, wie oben
beschrieben, freundlich lächelt. Einmal komme ich vom Einkaufen
und trage unter anderem Klopapier in der Hand. Und stelle mir vor,
was wohl die Menschen denken, die mir da hinterher schauen, so
nach dem Motto "Eine Langnäsin trägt Klopapier durch die Straßen
von Xiamen".
Nicht nur die Menschen, die wie ich, zu Fuß unterwegs sind,
schauen. Nein, auch die Autofahrer, die Radfahrer (ein alter Mann
dreht sich nach mir um und fällt samt Fahrrad um!), die Busfahrer,
alle!
Nun, mir ist weiteres aufgefallen: die Chinesen transportieren.
Fast jeder, den man trifft, transportiert irgend etwas. Ob mit den
klassischen Tragestangen über der Schulter, an jeder Seite riesige
Körbe voll Obst oder Gemüse, oder Kabelrollen, ob die klassischen
Handwagen, hoch beladen mit allem möglichen, manchmal so
aufgestapelt, daß jeden Moment alles herunterfallen könnte, ob auf
dem Fahrrad in Gepäcktaschen oder auf dem Lenker. Es scheint kaum
einen Chinesen zu geben, der nicht irgendwelche Gegenstände von A
nach B transportiert. Und wenn nichts zu transportieren da ist,
dann trägt man (und frau) wenigstens einen Sonnenschirm.
Ein besonderes Vergnügen scheinen die Menschen hier am Angeln zu
finden. Ich habe noch nirgendwo so viele Menschen angeln gesehen
wie hier. Von früh morgens bis spät abends stehen und sitzen die
Angler an dem See vor unserem Appartment. Die Fische werden
gefangen, vom Haken oder aus dem kleinen Netz genommen und dann
zum Sterben auf den Gehweg oder ins Gras gelegt. Ist der Angler
fertig, sammelt er seine mittlerweile toten Fische ein und geht.
Nach Hause oder zu seiner nächsten Angelstelle.
Eine andere Leidenschaft scheinen Spiele jeglicher Art zu sein,
Würfel, Karten und ähnliches. Bevorzugter Platz: der Bürgersteig.
Dort hocken einige Männer im Kreis zusammen und spielen. Wenn ich
sage hocken, dann meine ich das so, daß sie sich auf Zehenspitzen
stellen, in die Knie gehen und sich auf die Fersen hocken. Ich
kann mir nicht vorstellen, daß dies bequem sein soll, aber ich
habe Leute beobachtet, die Stunden in dieser Stellung ausgeharrt
haben.
Chinesen spucken! In jeder Lebenslage, ob auf der Straße, aus dem
Bus oder Auto heraus, man muß regelrecht aufpassen, daß man nicht
versehentlich angespuckt wird. Aber mit böser Absicht machen diese
freundlichen Menschen das sicher nicht. Ich bin glücklicherweise
nicht getroffen worden.
Viele Menschen sprechen mich einfach an. Mit dem meisten ist gar
keine Verständigung möglich, dennoch erklärt mir die Verkäuferin
in einem Tee-Geschäft anscheinend alles über ihre Teesorten, gibt
mir sogar ein Heft mit den wunderschönen Schriftzeichen mit.
Mehrfach werde ich darum gebeten, ob man sich mit mir
fotografieren lassen darf, wogegen ich natürlich nichts habe. Im
großen Tempel werde ich so häufig fotografiert, daß ich mich
ernsthaft frage, was hier die Sehenswürdigkeit ist, der Tempel
oder ich?
Drei junge Mädchen kommen auf mich zu, die eine hält eine
Cola-Dose in der Hand und nachdem ich das schüchterne "Hello"
erwidert habe, reden alle drei kichernd und lachend auf mich ein
und zeigen ständig auf die Cola-Dose. Ich überlege, wie ich ihnen
klarmache, daß ich keine Cola trinken möchte, denn ich denke, sie
wollen mir die Dose verkaufen, da deutet eins der Mädchen auf
meine Kamera. Ich verstehe immer noch nicht, bzw. glaube ich, daß
ich sie fotografieren soll, aber mit meiner Kamera? Was haben sie
davon? Da öffnet eines der Mädchen die vermeintliche Cola-Dose auf
der Seite und - die Dose stellt sich als Fotoapparat heraus! Die
Mädels wollen natürlich fotografiert werden. Und sich mit mir
fotografiert lassen! Berührungsängste kennen sie nicht, sie
umarmen mich und verabschieden sich nach dieser spontanen
Fotosession ganz herzlich von mir, drehen sich immer wieder um und
winken. Ein herziges Erlebnis!
In einem kleinen Andenkenladen entdecke ich ein niedliches
Stoffäffchen, eine Handpuppe. Genau so etwas haben sich
Kolleginnen von mir als Mitbringsel gewünscht. Ich begutachte das
Äffchen, die Verkäuferin kommt zu mir mit dem gleichen
Stoffäffchen in der Hand - und wir spielen Kasperle-Theater ohne
Worte mit den zwei Affen. Die Passanten bleiben stehen, schauen
zu, lachen und freuen sich. Ich freue mich auch über soviel gute
Laune!
Ich bin im Botanischen Garten, habe den Auf- und wieder Abstieg
zum 1. Tempel hinter mir und befinde mich auf den Serpentinen hoch
zum nächsten Tempel. Es ist steil, heiß und mir geht die Puste
aus, also setze ich mich an den Straßenrand und mache eine kleine
Pause. Ein Chinese spricht mich an: "Hello, you american?" Ich
sage, nein, Deutsche. Da ist er sofort sehr gesprächig, fragt, ob
ich aus Ost- oder Westdeutschland komme - ich erkläre ihm, daß die
Grenze eigentlich nicht mehr existiert und zeige ihm mit
Handzeichen, daß ich aus dem Südwesten komme und zeige auch die
Nähe zu Frankreich und Schweiz. Da sagt er doch glatt: "Fleibulg??"
Ich bin platt! Ein Chinese, der Freiburg kennt? Ich frage ihn, ob
er schon in Deutschland war, kann ja sein, daß er bei uns studiert
hat und daher unsere Heimat kennt, aber er verneint und erklärt
mir, daß er in der Uni viele Bücher über andere Länder gelesen hat
und da hat ihm Freiburg besonders gut gefallen. Und als ich ihm
die Lage beschrieben habe, hat er sich gedacht, das kann nur
Freiburg sein. Sowas!!
Ich will meine Pause beenden, und der Chinese begleitet mich
einfach und wir unterhalten uns weiter. Er heißt übrigens Steven,
natürlich nicht wirklich, aber da kein Ausländer seinen Namen
aussprechen kann, nennt er sich eben Steven. Er ist
selbstständiger Rechtsanwalt, erzählt er mir, hat Frau und einen
kleinen 3-jährigen Sohn (boy-children, wie er es drollig
ausdrückt) und wünscht sich noch ein weiteres Kind. Ich frage ihn
nach der Problematik, daß Chinesen eigentlich nur 1 Kind haben
dürfen und frage nach, ob das so stimmt und wenn ja, wie er das
dann machen will, wenn noch ein weiteres Kind haben will. Er
grinst und meint "na ja, einfach machen halt". Dann erklärt er
mir, daß Familien, die genügend Einkommen nachweisen können, einen
Antrag auf weitere Kinder stellen können, und wenn der genehmigt
wird, dann kann man sich "an die Arbeit" machen.
Wir lachen viel, denn die Unterhaltung läuft nicht so einfach ab,
wie ich sie hier schildere, sein Englisch ist doch ziemlich
holperig, mal verstehe ich ihn nicht durch die vielen L's, und
dann versteht er wieder nicht, was ich meine, alles in allem ist
es nicht einfach, aber sehr lustig und nett. Mich verwundert ein
wenig, daß er mir ständig folgt, und ich überlege, ob er wohl
einer dieser "illegal" arbeitenden Reiseleiter ist, die dann nach
einer Besichtigungstour Geld verlangen, was streng verboten ist.
Aber auch das wäre mir egal, es ist einfach sehr interessant, sich
mit einem "Einheimischen" über Gott und die Welt zu unterhalten,
diese Gelegenheit hat man hier nicht oft!
Er fragt nach Hitler, nach Amerika, ob ich schon dort war, ob ich
Indianer! kenne, ob Indianer Chinesen mögen? wie lange in
Deutschland gearbeitet wird, was mein Freund hier in China
arbeitet und ich versuche, mit so einfachem englisch wie möglich,
alles zu beantworten. Für ihn mag das alles eine genauso fremde
Welt sein, wie diese hier für mich ist. Er erzählt mir, daß er
nach Bedarf arbeitet, da er selbstständig ist, je nach Auftrag, es
gibt Tage, da arbeitet er 10-12 Stunden, dann wieder Tage mit nur
3 Stunden Arbeit. Der "normale" Angestellte arbeite zwischen 8-9
Stunden täglich.
Er geht fast täglich in einen Tempel zum beten, und wir erreichen
nun auch den 2. Tempel, den er mir ausführlich zeigt. Er geht auch
in den heiligsten Bezirk und verrichtet sein Gebet. Ich bleibe
draussen stehen und schaue zu. Er ist fertig und bitte mich
herein. Ich gehe zögernd rein, er meint, ich soll auch beten. Also
tue ich ihm den Gefallen, knie auf dem niedrigen Kissen nieder,
falte die Hände und verneige mich dreimal vor der goldenen
Bhudda-Statue. Das ist alles. Er scheint es toll zu finden. Und
für mich ist es schon ein komisches Gefühl, ich, die ich in keine
Kirche gehe, mich auf einmal verneigend vor einem Bhudda
wiederzufinden. Auch eine Erfahrung!
Steven begleitet mich weiter durch den Park, am Ausgang bedankt er
sich für das Gespräch und wir verabschieden uns. Keine Spur von
Reiseleiter, der Geld will, sondern einfach ein Mensch, der sich
mit einem anderen Menschen aus einem anderen Winkel dieser Welt
unterhalten hat. Schön.
Ja nun, es widerstrebt mir, mit meinem Bericht aufzuhören, aber
ich glaube, ich habe alles erwähnt, was ich erlebt habe und das
war ja nicht gerade wenig, dafür aber faszinierend, fremd,
wunderschön, eigenartig, vielleicht einzigartig und ich weiß, daß
ich China mit diesen bemerkenswerten herzlichen Menschen eines
Tages wiedersehen werde!
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