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Reisebericht von
Michael Kuss
- Februar 2005
Marrakesch-Express
Ich erinnere mich nicht nur deshalb an diese
Geschichte, weil es dabei um Leben oder Tod ging, sondern weil
sie, nachdem ich dem Tod von der Schippe gesprungen war, mein
Leben und meine Sicht auf die Dinge des Lebens veränderte. Sie
trug sich in meiner Jugend zu, als ich, voller Neugier auf die
Abenteuer dieser Welt, mit nichts mehr als mit einem alten
Armeerucksack, einem fusseligen Schlafsack und einer blechernen
Wasserflasche in Afrika unterwegs war, um das Leben und
vielleicht auch mich selbst zu finden.
Auf meiner abenteuerlichen - und oft genug auch
leichtsinnigen und blauäugigen - Wanderschaft durch Marokko war
ich bereits in der Hafengegend in Casablanca von herumlungernden
Tagedieben bestohlen worden, die auf ihrer Suche nach seltener
Arbeit auch hin und wieder leichtfertige Touristen schröpften,
sobald sich die Gelegenheit bot. Abgebrannt wie ein schwarzes
Streichholz stand ich fast in Unterhosen auf der Place Mohamed
dem Fünften zwischen geheimnisvoller Kasbah und modernem
Franzosenviertel und war ärmer als der ärmste orientalische
Bettler. Beim deutschen Konsulat in Casablanca konnte ich um
Hilfe nicht bitten; schnell hätte man mich als Armeedeserteur
enttarnt, womöglich verhaftet und in eines dieser düsteren
marokkanischen Gefängnislöcher gesteckt, in denen die Häftlinge
kräftiger schrieen als eine Sau vor dem Schlachtermesser. Was
wusste ich schon von meinen Rechten? Ich war auf der Flucht,
war sozusagen Asylant und Ausländer in einem fremden Land. Also
tat ich, was viele illegale Ausländer in vielen Ländern dieser
Erde tun: Ich suchte mir eine illegale Arbeit, um wenigstens
die lebensnotwendigen Dirham zu verdienen und ansonsten auf
bessere Zeiten zu hoffen. Irgendwie würde es schon weiter gehen
und schlimmer konnte es nicht kommen.

Die endlos
scheinende Warteschlange der Arbeitsuchenden an der Hafenreling
machte Hoffnung auf Rettung. Wir schleppten Säcke von einem
Schiff in die Lagerhalle, balancierten mit jeweils 50 Kilo auf
dem Rücken über die Laufplanken, zehn Stunden lang,
zweihundertvierzehn Säcke ohne Pause, - ich habe sie gezählt,
damit die Zeit schneller vergeht und ich nicht an den Hunger
denke. Den Schluck Wasser und den Biss ins ausgetrocknete
Fladenbrot und in die gestohlene Banane mussten wir uns
erschleichen, quasi im Laufschritt uns stärken, denn wer den
Trott verließ, aus der Reihe ausscherte oder kraftlos
zusammenbrach, war abgeschrieben und konnte die abendliche
Mahlzeit vergessen. Zu viele hungrige Mäuler warteten
bereitwillig, um sich die sieben Dirham, umgerechnet etwa einen
Euro Tagelohn, zu verdienen. Für die abgegriffenen Münzen mit
dem Königskonterfei bekam ich im »Cafe du Port« im schmutzigsten
Winkel der Medina einen Couscous mit Gemüse und einem
Hammelknochen, einen Kanten Brot, ein Kännchen Pfefferminztee
und beim fliegenden Straßenhändler zwei Zigaretten. Für eine
Übernachtung im Hotel reichte es nicht, und so schliefen wir, in
unsere Decken oder Dschellabas gehüllt, in einem Lagerschuppen
direkt neben dem Hafen, um am nächsten Morgen gegen Vier wieder
vor der Arbeitsvermittlung zu stehen. Der Vermittler war
gleichzeitig Gewerkschaftssekretär, Vorarbeiter und
Polizeispitzel. Jeder Tagelöhner musste ihm vom Hungerlohn zehn
Prozent abgeben. Mit Grummeln im Bauch und niedergeschlagenen
Augen wurde diese Art der Lohnsteuer entrichtet. Als meine
Abmagerungskur nach drei Wochen den Stand von Sechzig Kilo
Körpergewicht erreicht hatte und mein einziges
Hemd vor Dreck und Gestank steif dastand und fast
alleine zum Schlafplatz wanken konnte, lernte ich in dem kleinen
Medina-Restaurant Achmed kennen. Achmed war schwul und machte
mir den Hof. Ich war nicht schwul, aber Achmed war mir
sympathisch und wir befreundeten uns.
Achmeds Familie besaß im französischen Viertel von
Casablanca ein Reisebüro. Sie betreuten auch deutsche
Spanien-Touristen, die mit dem Bus für einen oder zwei Tage als
Kurztrip über die Straße von Gibraltar nach Marokko kamen und
hier durch die Souks, die Medina und an irgendwelchen
königlichen Gemächern vorbei getourt wurden. Ich wurde
Fremdenführer.

Meinen manipulierbaren Landsleuten erzählte ich
schauerliche Horrorgeschichten von wilden Freiheitskämpfen
zwischen königstreuen Arabern und rebellierenden Berbern, von
feurigen Bauchtänzerinnen, verkauften Bräuten, von Harems,
Eunuchen, Seeräubern und Mädchenhändlern. Der ganze Orient
tauchte kunterbunt in meinen Geschichten auf; ich zündete
Aladins Wunderlampe zu einem Feuerwerk, machte Ali Baba zum
Robin Hood der Sahara, der Marktplatz von Marrakesch wurde zum
Schauplatz der Entführung aus dem Serail, Kamele mutierten zu
heroischen Helden. Die Deutschen glaubten mir jede Lüge, jede
erfundene und ausgeschmückte Geschichte und bezahlten mich
recht angenehm für den amüsanten Urlaubskitzel; aber sie
glaubten mir nicht die wirklich erlebte Geschichte vom
Hungerlohn, den Säcken und der Übernachtung am Hafenbecken. Ein
Europäer, ein Deutscher zumal, darf in Afrika Forscher,
Missionar, Panzergeneral oder Plantagenbesitzer sein, aber kein
bettelnder Tagelöhner. Solche Filmfiguren werden mit Afrikanern
besetzt.
Am Ende der Touristensaison hatte ich genügend Geld
und eine qualitative Ausrüstung beisammen, um meine Reise gen
Süden, durch die Sahara und nach Schwarzafrika fortzusetzen.
Aber bereits tief im Süden Marokkos, genau genommen im rauen und
darbenden Mauretanien, nördlich der Stadt Aiun, verlor ich
wieder meinen kargen materiellen Reichtum und auch mein letztes
Geld
Marodierende Söldner einer der Kriegsparteien hatten
mir, während wir auf unseren Strohmatten in einer Lagerhalle in
der Nähe des Marktplatzes schliefen, geschickt meine Geldbörse
vom Gürtel abgeschnitten und den Rucksack, den ich als Kissen
benutzte, unter dem müden Kopf weggezogen. Noch vor dem
Hellwerden hatten sich die falschen Schlafkumpane aus dem Staub
gemacht, und ich konnte von großem Glück reden, dass ich
ansonsten ungeschoren und mit dem Leben davon gekommen war.
Ich stand an
einem Welt vergessenen Marktflecken in der Wüste Sahara und die
Situation schien ausweglos. Hast du schon einmal verloren in
der Wüste gestanden? Bei näherer Betrachtung besaß ich
allerdings noch ein Stück ausgetrocknetes Fladenbrot, zwei
Zuckerrüben und einen Liter mehr oder weniger trinkbares, Lehm
verschmiertes Wasser. Das erste Überleben war gesichert; jetzt
würde ich weiter sehen...
Ich wusste nichts von der Sprache und den Sitten der
Wüstenbewohner; auch fehlte mir der Mut, einen der wenigen
herumziehenden Nomaden und Beduinen um Hilfe zu bitten. Was
würden diese Leute über einen heruntergekommenen Europäer
denken, der sie um etwas Essbares und eine Schlafgelegenheit
anbettelt? Diese schweigsamen, dahinhuschenden Menschen im
weiten Burnus oder einfacher Abba aus Kamelhaar, diese
ausgemergelten, asketischen Ledergesichter hatten doch selbst
nur das Notwendigste zum Überleben. In Tanger und Casablanca
hatten mir die Araberjungens wenigstens noch ein gurrendes
»Hallo Beckenbauer« oder »Heil Hitteler« zugerufen um mich dann
am Ärmel zu zupfen und anzubetteln. Aber hier in der Wüste
kannte man wahrscheinlich keinen der beiden, und mit meinem
beschämenden Aussehen gab ich höchstens Anlass zu Spott.
Wie viel Saft
kann man zum Überleben aus einer Zuckerrübe ziehen? Wie viel
Kalorien hat ein Fladenbrot? Wie resistent ist mein Magen, wie
viel Antibakterien hat mein Körper gegen die Bakterien im
Lehmwasser gebildet? Wenn ich genügsam sein und mir Schluck für
Schluck, Bissen für Bissen diszipliniert einteilen würde,
könnte mein Proviant für zwei oder drei Tage reichen.
Unterdessen würde ich den Weg durch die Wüste
geschafft haben. Ein Militärlastwagen oder eine Kamelkarawane
würde mich mitnehmen, und dann könnte ich im sechshundert
Kilometer entfernten Marrakesch zur Poststelle gehen, wo meine
Briefe und eine Geldüberweisung auf mich warteten. Mit
Zweckoptimismus, die Angst verdrängend und voller Unwissen über
die Risiken, verließ ich die von Lehmhütten und Erdbunkern
gesäumte Dorfstraße.
Ich wusste
nichts von der tückischen Gefährlichkeit des Schirokkos. Dieser
unangenehme, listige, heiße Wüstenwind trieb bereits den
staubigen Sand und die wenigen ausgedorrten und entwurzelten
Sträucher vor sich her wie willenlose Pusteblumen. Sie bildeten
kleine Wirbel, tanzten frech und nervös in der heißen Luft und
fegten dann über die unendlich scheinende Weite der aus
Erdkruste und Steinen bestehenden Wüstenlandschaft. Schützend
hatte ich die Kapuze meiner Safari-Jacke über den Kopf gezogen,
hatte den Marktflecken verlassen und war zu einer Weggabelung
weit außerhalb des Ortes gelangt, an die ich mich noch unklar
seit meiner Ankunft entsinnen konnte. Hier endete die Straße,
die ohnehin nur aus einer ausgefahrenen Dreckmulde und einigen
lehmigen Reifenspuren bestand, die sich während der letzten
Regenzeit gebildet hatten und jetzt von einer harten,
ausgetrockneten Erdkruste überzogen war. Spuren von Lastwagen
und Kamelhufen führten nach irgendwo. Zum Atlantik? Noch weiter
ins Innere der Wüste und damit ins Verderben? Oder nach
Marrakesch? Von dort war ich vor einer Woche mit dem
schnaufenden Bus gekommen. Aber der Bus fuhr sehr unregelmäßig;
vielleicht dreimal im Monat. Außerdem hatte ich nicht einmal die
kleinste Geldmünze in der Tasche, um den Fahrpreis auch nur
annähernd bezahlen zu können. Auch meine Uhr, mit der ich beim
Busfahrer oder mit den Fahrgästen einen Tauschhandel hätte
einfädeln können, beglückte jetzt einen der diebischen Soldaten.
Ja, sogar die Zehn-Dollar-Note, die ich als allerletzte
Notreserve aus einer Art Geheimfach aus meinem Schuhabsatz
gefingert hatte, wurde von den Dorfbewohnern unverständlich
angeschaut, fragend von Hand zu Hand gereicht, aber niemand
wusste, etwas mit diesem amerikanischen grün-grauen Bild
anzufangen. Ich hätte mir ebenso gut eine Zigarette damit
anzünden können.
Vergeblich wartete ich etliche Stunden auf ein
Fahrzeug. Nichts zeigte sich am flimmernden Horizont.
Überraschend brach die Dunkelheit herein. War mein Gefühl für
Zeit und Raum bereits verloren gegangen? Ich zwängte mich in den
Schlafsack, drehte mir einen Joint und versuchte zu schlafen.
Doch während die Tage von brütender und drückender Hitze
bestimmt sind, war die Nacht extrem kalt. Ich zählte die Sterne
und sah sehnsüchtig in den Mond, als könne er mir mit seinem
milchigen Licht aus meiner verzwickten Situation heraus
leuchten. Schließlich schlief ich gegen Morgen doch noch ein und
wachte erst auf, als ich an meinem Hals ein ungewohntes Gefühl
verspürte. Eine Schlange war in meinen wärmenden Schlafsack
geschlichen und hatte es sich an meinem Hals und auf meiner
Brust bequem gemacht. Das Reptil vor meinen Augen schien
mindestens drei Meter lang und einige Kilo schwer zu sein! Ich
konnte den Atem, aber nicht die Pisse anhalten. Nass und
bewegungslos harrte ich aus. Als gegen Morgen die Sonne am
Horizont auftauchte und uns erwärmte, schlängelte sich das
Reptil von meiner Brust und lag noch eine Weile vor dem
Schlafsack. Seltsam! Jetzt war es nur noch gut zwanzig
Zentimeter lang und wohl kaum ein paar Gramm schwer. Dann
verschwand es zwischen zwei Steinen in einem Erdloch und
verabschiedete sich mit einem Schwanzwedeln. Einen Tag und eine
Nacht lief ich weiter, wartete und lief erneut, nicht mehr
wissend wohin. Die Sternbilder standen zu nahe am Äquator, der
Himmel hatte sich gedreht, eine Positionsbestimmung war nicht
mehr möglich. Müdigkeit, Hunger und Flüssigkeitsmangel brachten
mich dem Delirium näher.
Am nächsten Tag war der letzte Zipfel der Rübe
gegessen und mein Magen hatte den letzten Tropfen Lehmwasser
gierig aber ohne Murren aufgenommen. In der nächsten Nacht, -
oder war es die übernächste -, brach ich zusammen. Ich hatte
keinen Willen mehr, keine Kraft, nichts ging mehr..., nur noch
einfach sich fallen lassen und dann Ruhe, Ruhe, Ruhe! Ich würde
ganz banal hier verrecken. Dreißig Jahre nach Rommel geht in der
afrikanischen Wüste ein deutscher Militärdeserteur vor die
Hunde. Undramatisch und einfach so ..., ein Fraß für die Geier
und das war's dann auch schon!
Als ich aufwachte, stand die Sonne fast im Zenit. Mein
Mund ausgetrocknet und schmerzend die Augen. Benommen nahm ich
einen Strohhaufen wahr, worin ich gekrümmt lag. Um mich herum
drei oder vier Kinder; Bälger mit zerrissenen Jute-Säcken um den
braungebrannten, schmutzigen Körper. Haare wie Putzwolle; in den
Augen ein neugieriges Grinsen mit scheuer Zurückhaltung
gemischt. In die kleine Meute kam Bewegung. Der Größere
klatschte in die Hände und schrie unbekannte Worte in die
Wüstenwelt. Diese Welt, das war weiter drüben eine Strohhütte
über einem Erdloch. Ein Kamel stapfte gleichmäßig im Rund um
einen Brunnen und pumpte Wasser in ein Auffangbecken. Ein Esel
stand bockig zwischen einer Hühnerhorde. Sie stob gackernd
auseinander, als der Junge einen alten Mann aus dem Erdloch
holte und ihn gestikulierend zu mir brachte. Der Mann sprach
beruhigend auf mich ein, aber ich verstand seine gurrenden,
rollenden Worte nicht. Ich muss ihn wohl nur wirr angeschaut und
irgend etwas zwischen schlechtem Französisch und holprigem
Spanisch gestottert haben. Der Mann schüttelte den Kopf. Sein
gegerbtes Ledergesicht lächelte faltig. Die Augen strahlten
Wärme und Zutrauen aus. Er hielt mir die Hand entgegen und half
mir beim Aufstehen. Meine Beine schlotterten. Ich ließ mich
führen. Zwei Kinder unterstützten mich von der Seite, indem sie
meine Arme um ihre Schultern drapierten und mir den Weg in die
Erdwohnung unter dem Strohdach erleichterten.
In der Hütte saßen zwei Frauen schweigend an einem
Lagerfeuer. Sie waren mit zahlreichen Röcken und einem Kopftuch
bekleidet. Ihre Gesichter und Hände trugen mit Henna
aufgetragene Verzierungen, an den Armen baumelten Silberreifen
und Amulette. Eine Frau hielt mit einem Palmwedel das kleine,
offene Feuer in Gang. Die andere rückte mit einem Stock die Glut
zusammen, setzte einen Wasserkessel darauf und sah den Mann
fragend an. Er nickt und gab mit kurzen, gurrenden Lauten und
den Händen Anweisungen. Die Kinder stoben hinaus. Eine Frau
watschelte in die Ecke der Hütte, nahm Zweige von einem Erdloch
und kam mit Tonkrügen zurück, die sie mir wortlos vorsetzte und
mit einer wohlwollenden Handbewegung aufforderte, mich zu
bedienen. Vor mir lag ein kulinarisches Paradies! Stückchen von
Schafskäse
in einer wässrigen weiß-bläulichen Tunke! Hartgekochte
Hühnereier! Ein Fladen Weißbrot, das von Strohstückchen
zusammengehalten war; daneben stand eine verbeulte Blechkanne
mit heißem Pfefferminztee, eigenartig gewürzt und stark
gezuckert.
Mehr gierig als
bedächtig nahm ich die Leben rettende Mahlzeit. Schweigend, aber
mit offensichtlichem Interesse saß die Großfamilie um mich
herum. Sie päppelten mich vier Tage lang auf. Ich schlief auf
einem Lammfel1; der warme Bauch des Esels war mein Kopfkissen.
Dann hievte mich der Oasensiedler auf den Esel und sich aufs
Kamel. Nach einem knappen Tagesritt kamen wir zu einem
Marktflecken. Der Rücken schmerzte, mein Hintern war wund
gescheuert. Der Berber tauschte Hühner und Eier, Strickwaren und
Bastarbeiten gegen Tabak, Mehl, Öl und Salz ein. In einer aus
alten Brettern und Palmenzweigen gezimmerten halboffenen
Teestube aßen wir fettige, von heißem Öl triefende Hefekringel
und tranken belebenden, süßen Tee aus kleinen Gläsern, an deren
Rändern sich Fettfinger und Fliegendreck abzeichneten.
Schließlich streckten sich die Männer behäbig auf der Bastmatte
aus und stopften ihre Pfeifchen. Würziger Duft von Marihuana
mischte sich mit dem Geruch von Pfefferminze und heißem Öl.
Dann verhandelte mein Gastgeber mit dem Fahrer eines
klapprigen Überlandbusses, der in Richtung Norden fahren würde.
Es war ein langwieriges Hin und Her, unterbrochen von
Händeringen und lebhaftem Wortwechsel. Der Fahrer war
anscheinend mit den Argumenten meines Lebensretters nicht
einverstanden. Jetzt mischten sich die Fahrgäste ein. Sie hatten
gackernde Hühner und Gänse und vol1gepackte Körbe auf dem Dach
und im Gang des Busses platziert. Frauen gestikulierten,
deuteten auf mich und schlugen dramatisch die Hände über den
Kopf, als würde das Seelenheil der ganzen Welt davon abhängen.
Ein paar Männer redeten auf den Fahrer ein, der schließlich
klein beizugeben schien. Ich durfte einsteigen. Als Fahrgeld
erhielt der Fahrer von meinem Berberfreund ein Huhn und
kleinere Münzen von einigen der anderen Fahrgäste. Mein Retter
steckte mir eine Korbtasche zu. Darin fand ich eine verschmierte
Flasche mit Wasser, Fladenbrot, hart gekochte Eier und
getrocknete Datteln.
Abschied! Umarmung! Händeschütteln! Stachelige
Bartgesichter rieben sich aneinander. Der Bus tuckerte los.
Ungleichmäßige Explosionen unter der Motorhaube. Hinter uns
verschwand der Marktplatz im aufgewirbelten Staub.
Eingeklemmt in
Sechserreihe hockte ich zwischen mir noch fremden Menschen. Ein
weiß gekleideter Beduine mit Ziegenbart und Hakennase reichte mir
wortlos eine selbst gedrehte, unförmige Zigarette. Der Tabak
stank. Es schien eine Mischung aus Kamelmist, getrocknetem Gras
und Marihuana zu sein. Eine Frau mit einem Tschador vor dem
Gesicht verteilte Ziegenmilch und Brot. Ich riss an meinen
aufgefädelten Datteln und bot sie in die Runde. Der Fahrer
fummelte an einem Kassettenrekorder herum. Orientalische Klänge
stimmten sich auf die Schaukelbewegungen des Busses ein.
Irgendwann später fiel mein Kopf müde zur Seite und lag auf einem
Sack Zwiebeln, den eine dralle Berberfrau auf ihrem Schoß hielt.
Am nächsten Tag hatten wir die Wüste verlassen und
näherten uns Marrakesch. In den Zedernbäumen am Wegrand kletterten
die ersten Ziegen. Noch sehr weit im Nordosten versprachen die
Schneegipfel des Atlasgebirges Wasser für das fruchtbare Tal.
www.Michael-Kuss.com
(Kreative Vielseitigkeit aus Berlin)
Mit den angeschlossenen
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