Stocki, ein zärtlicher Kater

Stocki, daran bestand eigentlich nie ein Zweifel, war nicht glücklich über unsere Susi, und vor allem nicht darüber, wie sie sich ihm gegenüber verhielt. Susi war völlig anders wie alle anderen Katzen, die wir jemals gehabt hatten oder besser gesagt, die sich als unserer Hausherren betrachtet hatten. Neben ihrer Unart, ihr Geschäft so anfallsweise an den unmöglichsten Stellen zu verrichten, hatte sie eine Schwäche für den langen, buschigen Schwanz des Katers in der Signalfarbe fuchsrot entwickelt. Obwohl Stocki sie immer wieder ohrfeigte für ihre Übergriffe und sie gerne auch mal ordentlich anfauchte, zögerte Susi keine Sekunde, wieder auf den Schwanz des Katers loszuspringen, wenn sich nur eine Gelegenheit dafür bot…

Im Grunde, dessen war ich mir völlig klar, sollte Stocki für Susi nur die Spielgefährten ersetzen, die ihr abhanden gekommen waren, als sie von ihrer Mutterkatze weg in unser Heim übersiedelt war. Susi ist im Gegensatz zu Stocki kein Einzelgänger sondern eine springlebendige Katze, die sich viel lieber in Gesellschaft als auf sich allein gestellt die Zeit vertreibt. Natürlich ist Susi durchaus auch in der Lage, sich selber zu unterhalten und ob sie nur eine Fliege nachjagt oder sich mit einem Stück Draht spielt: Fad wird der kleinen Susi sicher nie. Aber wenn er große rote Kater in Erscheinung tritt, dann kann Susi einfach nicht widerstehen: der Artgenosse muss attackiert werden, koste es was es wolle…

Stocki war wegen dieser Attacken immer sehr grantig. Oft verließ er nach so einem „Überfall“ schweifwedelnd das Wohnzimmer und bisweilen sogar das Haus, obwohl er der kleinen Katze jedes Mal noch seinen Anspruch auf die Herrschaft aufgezwungen hatte. Aber ich fürchte, ihm fehlt wohl auch ein wenig die Erinnerung an seine eigene Jugend, in der er ähnlich unternehmungslustig wie die kleine Katze gewesen war. Nicht, dass wir ihn deswegen weniger mochten, ganz im Gegenteil waren wir bemüht, dem Kater immer wieder zu zeigen, dass er nach wie vor geliebt wurde und uns wichtig war. Aber eine in die Jahre gekommene Katze wie Stocki hat so ihre eigenen Vorstellungen davon, wie das Leben daheim ablaufen muss. Für junge Kätzchen ist da kein Platz vorgesehen, auch dann nicht, wenn sie weniger lebhaft wie Susi sind…

Umso mehr erstaunte mich eine Beobachtung, die ich vor kurzem gemacht habe. Susi lag an dem Abend vor dem Kaminofen, so, wie es schon ihre Vorgängerin Minki lange Jahre praktiziert hatte. Sie schlief tief und fest und rührte sich kaum. Stocki lag nicht weit weg davon entfernt, seine Flanken zitterten leicht im Schlaf, bis er wach wurde, gähnte, sich reckte und aufstand. Schließlich begann er sich zu putzen, dann lief er näher zum Ofen, wo Susi lag. Ich wurde unruhig. Was hatte der Kater nur vor? Ich stand auf und beobachtete die Szene etwas nervös, weil ich nicht wusste, was der Kater vorhatte. Stocki stand nun mehr neben Susi, und schließlich beugte er sich über die Katze und leckte zärtlich über ihren Körper.

Ich war völlig fassungslos. Das hatte unglaublich süß ausgesehen, so, als habe er sie schützen oder unter seinen Schutz stellen wollen. Nein, unser Stocki war sicher kein aggressiver Kater sondern durchaus auch zu sehr sanften Gesten – wie dieser – fähig. Auch wenn er kurz darauf schon wieder mit Susi kämpfte, weil diese ihn in seinen Schwanz gebissen hatte, und das Kätzchen dabei sehr geschickt auf den Rücken warf. Bald darauf wiederholte sich die Szene trotzdem wieder: Stocki leckte der schlafenden Rivalin über das Fell. Was immer das jetzt heißen mochte: Stocki gewann bei mir dadurch noch mehr an Sympathien.

Zweifellos war der Kater kräftig genug, um Susi ernsthafte Verletzungen zuzufügen. Wenn er nur gewollt hätte. Aber er tat es nicht, obwohl er schon Hasen herbeigeschleppt hatte, die die Größe von Susi hatten. Man sollte Tiere nicht unterschätzen, sie sind nicht nur lernfähig sondern auch zu erstaunlichen Dingen fähig. Im Umgang mit dem Menschen wie im Umgang mit den eigenen Artgenossen. Und Stocki war immer schon etwas Besonderes gewesen… Ob Susi auch so einzigartig war wie unser Kater würde sich noch zeigen…

Vivienne

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