Liebeskrank – Teil 11

Frank hat das Kommando in meiner Wohnung ergriffen.
Er werkt in der Küche.
Kocht uns Tee.
Während ich auf der Couch sitze.
Und mein Glücksgefühl pflege.
Vorsichtig und ein wenig zaghaft.
Der Akku seines Handys war leer.
Nicht mehr und nicht weniger.
So was kommt öfter vor, als man glaubt.
Frank gießt die Kräutermischung vor mir mit sprudelndem Wasser auf.
Daneben plauscht er Belangloses.
Von einer Kollegin, die heute einen wichtigen Termin verschwitzte.
Von den Bremsen seines Autos, die der Mechaniker repariert hat.
Und von seiner Katze, die vor der weißen Maus der Nachbarstochter davongelaufen ist.
Ich wusste gar nicht, dass er eine Katze hat.
Er verliert kein Wort darüber, dass ich mich etliche Tage nicht gemeldet habe.
Kein Vorwurf!
Und darüber, dass er sich lächerlicherweise wegen seines leeren Akkus schuldig fühlt.
Er strahlt mich nur an mit seinen blauen Augen.
Dann setzt er sich schließlich neben mich.
Streicht mir meine Locken aus dem Gesicht.
Nimmt meine Hand.
WAS wolltest du mir sagen?
Kommt er zur Sache.

Der Themenwechsel erfolgt unvermittelt.
Gerade wo ich meine Fassung wieder gewonnen habe.
Aber während Frank in der Küche Teewasser aufsetze, habe ich mir etwas überlegt.
Sanft löse ich meine Hand aus seiner.
Gehe wortlos zum Schreibtisch und krame den roten Schnellhefter hervor.
Den ich neulich schon in der Hand hatte.
Den mit den Zeitungsartikeln.
Dem ärztlichen Attest.
Dem Report meiner Psychologin.
Mir gehen eine Menge Gedanken durch den Kopf, während Frank liest.
Ich bemerke auch, wie sein Atem lauter wird.
Aber ich wage es nicht ihn dabei anzusehen.
Nach einer Weile höre ich, wie er den Schnellhefter wieder auf die Seite legt.
Dann tastet er nach meiner Hand und drückt sie fest.
In meiner Unsicherheit beuge ich mich nach vor um nach dem Tee zu sehen.
Frank kommt mir zu vor.
Er sieht mich an.
Seine blauen Augen sind traurig und voller Mitgefühl.
Wieder kommen mir die Tränen.
Frank stellt die Tasse auf die Seite und umarmt mich wieder.
Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter.
Er fragt nicht, warum ich nicht früher gesprochen habe.

Habe ich einen Freund wie ihn überhaupt verdient?

Unser Tee wird kalt.
Im Fernsehen läuft eine Dokumentation.
Niemand von uns sieht hin.
Nach einer Weile Franks Stimme.
Soll ich über Nacht hier bleiben?
Etwas überrascht löse ich mich von ihm.
Ich suche nach Worten, wie ich es ihm erklären soll.
Doch er kommt mir zuvor.
Nein, nicht was du meinst.
Frank streichelt mir über das Gesicht.
Einfach nur um dazu sein, wenn du dich vielleicht nicht gut fühlst.
Nicht mehr…
Ich glaube, ich verstehe jetzt Manches.
Er lächelt leicht verträumt.
Sein Blick verliert sich irgendwo auf der Zimmerdecke.
Eine ganze Weile hatte ich das Gefühl, nicht zu wissen, woran ich wirklich mit dir bin.
Aber jetzt versteh ich, dass das nicht deine Schuld war.
Ich bin wohl etwas zu direkt in dein Leben gesteuert…
Dann nimmt er meine Hände.
Komm, trinken wir unseren Tee endlich.

Wir reden noch den ganzen Abend.
Über mich.
Über ihn.
Über Stefan.
Ja, und auch über dich.
Über Gott und die Welt halt.
Kurz vor Mitternacht macht Frank es sich auf der Couch bequem.
Und ich verschwinde in meinem Schlafzimmer.
Die Tür ist halb offen.
Ich schlafe tief und ruhig.
Fast als wäre ich wieder ein Kind.
An den Traum kann ich mich fast nicht erinnern.
Aber er war sehr angenehm.
Erst der Radiowecker reißt mich aus dem Schlaf.
Es ist natürlich viel zu spät, aber Frank beruhigt mich.
Ich bringe dich mit dem Auto in die Arbeit.
Kein Stress!
Wir frühstücken.
Während ich langsam wach werde, fällt mir auf, dass Frank frisch rasiert ist.
Er lächelt auf meine Frage.
Weißt du, ich bin ein Optimist…
Und er zeigt mir eine angerissene Packung Einwegrasierer, die er bei sich trägt…
Ich muss unwillkürlich lachen.
Seine unverkennbar gute Laune ist ansteckend.
Er lädt mich ins Kino ein und schmiedet verschiedene andere Pläne.
Ich möchte nach Kärnten fahren.
Ende nächster Woche.
Wenn du dir dieses Wochenende frei hältst, kommst du mit mir!
Einverstanden?

Während er das sagt, formt sich ein Gedanke in meinem Kopf.
Es macht ihm nichts aus.
Es macht ihm absolut nichts aus.

Er mag mich anscheinend wirklich…

© Vivienne

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