Die Asche der Diva

Claude schaute mich geringschätzig an und räusperte sich nervös, bevor er mürrisch anhob:

„ Du glaubst wirklich jemand ist so bescheuert, uns Zehntausend neue Francs für ein bisschen Asche einer Diva zu zahlen, nur um sich diese auf seinen Kamin zu stellen? Und für uns springen noch mal fünftausend raus, wenn wir sie ihm in den nächsten drei Tagen liefern?“

Ich sah auf die winterlichen, sonnenüberfluteten Champs Ellysees hinaus, steckte mir eine Gauloises ins Gesicht, tat mich bewusst schwer diese anzustecken, blies den ersten tiefen Zug gegen die Fensterscheibe des Bistros, winkte einer jungen, dick vermummten, zurücklächelnden Dame auf den Champs zu und wandte mich dann erst Claude zu: „Der Kerl zahlt, wenn wir liefern und verdammt Claude, wir werden liefern!“

Ich sah ihn triumphierend an und drückte die Zigarette im Ascher aus. Claude fing wieder an zu stottern, was bei ihm ein untrügliches Zeichen von Erregung war. Er hatte angebissen!

„ Siebenfünf,….. für ne….ha. ha. halbe Stunde Angst und anschließend nach Ni..i..i..zza! Ni..i…i.cht schlecht! Nicht schlecht, Verdammt!“

Er angelte sich eine aus meinem Päckchen obwohl er gar nicht rauchte. Er winkte ab als ich ihm Feuer gab und fing an die Zigarette zu sezieren, nur um die Krümel im Ascher zu entsorgen. Claude hatte angebissen. Er hing an der Angel!

„Claude, pass auf! Das ist keiner der normalen Aufträge! Hier muss mit äußerster Sorgfalt gearbeitet werden. Hier geht es nicht darum einen geklauten Maserati oder Ferrari nach Spanien zu schaffen, oder ein paar Rolex-Uhren zu besorgen, die in die Staaten zu liefern sind. Hier geht es um Maria Callas die größte Sängerin der Welt, die Diva die einst das Schauspiel in die Oper gebracht hat und die nun hier in Paris auf dem Friedhof Per Lachaise ruht.“

Ich kann nicht verhehlen, dass mir die Diva sehr am Herzen lag. Obwohl ich diese niemals persönlich in einer Aufführung gesehen, sie auch niemals leibhaftig gehört hatte liebte ich ihre Stimme abgöttisch.

Maria Callas die Diva!

Ich hatte soeben mithilfe Claudes einen sehr schönen neuen Porsche aus einer Vorstadtvillengarage entwendet, diesen seinem neuen Besitzer im Nachbarland zugestellt und nun war ich beauftragt die Asche der Diva zu stehlen. Welch absoluter Widersinn!

„Und wie soll die Übergabe vollzogen werden? Wo wird gezahlt? Wer ist der Kunde? Und was ist das für ein Kunde? Und wer zum Teufel ist,… war diese Maria Callas?“

Claude hatte anscheinend schon wieder vergessen dass er stotterte.

„Geht Dich alles nichts an Claude. Ist ein verrückter Ausländer, einer von den absoluten Fans der Diva und auch dass es sich um die Callas handelt, vielmehr um das was von ihr übrig ist, solltest Du auch schnell wieder vergessen. Dich geht eigentlich gar nichts etwas an, nur dass unser Kunde am kommende Freitag in Nizza mit fünfzehn Riesen auf uns warten wird und wir wieder zurück nach Paris fahren.“

Ich winkte Jean zu uns noch einen Pastis zu bringen. Um diese Zeit, kurz nach neun Uhr früh, war noch nicht viel los hier in dem Laden. In einer Stunde sähe die Sache schon ganz anders aus. Ich war soeben mit dem ersten Flieger aus Madrid gekommen und freute mich schon auf mein Bett und Julia.

Ich pfiff leise die Melodie der Arie in Tosca, der Oper, in der die Diva zu ihren Lebzeiten brilliert hatte.

Jean stellte mir die Flasche hin und dazu eine Karaffe mit Eiswasser, bevor er wieder zurück zu seinen Gläsern hinter der Theke ging, um diese auf Hochglanz zu polieren.

Jean und ich waren alte Kumpels die eine Zeit gezwungenermaßen in größter Nähe miteinander verbracht hatten. Nun traf ich mich mit Claude meist in seinem Bistro, um zu frühstücken und um anstehende Geschäfte zu besprechen!

Wir hatten uns dem Export von Edelkarossen ins Nachbarland zugewandt, während Jean ein eher ruhiges Leben vorzog, was mich bei ihm auch nicht wirklich überrascht hatte.

Jean hieß eigentlich gar nicht so, wobei mir sein wahrer Name nicht bekannt war. Jean war Ausländer der nach fünfzehn Jahren Legion zwar Franzose wurde, aber immer noch französisch wie ein verdammter Deutscher sprach. Deutscher aus Süddeutschland. Er hatte sich mal verplappert als wir kurz nach unserer gemeinsamen Entlassung aus dem Knast, über die Stränge geschlagen hatten.

Ich hatte verdammt noch mal, jede Menge Grund mich zu besaufen und die beiden, Claude und Jean, hatten einfach nichts Besseres vor. Also haben wir uns gemeinsam vollaufen lassen.

Meine Kleine hatte wohl mit meiner Entlassung noch nicht so bald gerechnet und ich hatte sie in unserer gemeinsamen Wohnung auch nicht so alleine angetroffen, wie von mir gewünscht.

Es war am Gedenktag des Sturmes auf die Bastille und die jährliche Generalamnestie hatte uns gemeinsam vor die Tore der Strafanstalt geschwemmt. Madeleine würde mich nicht erwarten dachte ich und hoffte sie zu überraschen. Was mir dann auch wirklich gelungen war.

Madeleine und auch der Kerl fingen sich ein paar kräftige Ohrfeigen ein und ich stand dann also wieder alleine auf der Straße. Die Flicks die die Concierge gerufen hatte, sahen dann auch ein, dass ein gehörnter Ehemann auch wenn er nur wegen der Amnestie draußen war, ein bisschen ausflippen darf und nachdem Madeleine und ihr Mac auf die Anzeige verzichteten, war ich frei wie ein Vögelchen. Vogelfrei sozusagen! Das musste doch wohl gefeiert werden!

Im fünften Bezirk traf ich dann wieder auf Claude und Jean, der sich dann als Johann herausstellte. Johann hatte sich wohl früher eine Zeitlang als Beschützer von freischaffenden Damen in München einen Namen gemacht und war auf der Flucht vor der Polizei, am Bodensee einem Rekrutierer der Legion auf den Leim gegangen. Da er früher schon mal zehn Jahre gesessen hatte, verspürte er keine direkte Lust auf einen sehr geordneten Tagesplan und Wassersuppe.Was ihn dann allerdings zuerst auf Korsika und später in den Kolonien doch noch erwartete!

Claude der aus den überseeischen Kolonien stammte, hatte eine Zeitlang bei einem Zirkus gearbeitet bis ihm dann bei einem Wohnwagenbrand ein herabstürzendes Dachteil den rechten Ellenbogen zerschmetterte und er einen schweren Sprachfehler zurückbehielt, der aber immer wieder zu verschwinden schien wenn er gut aufgelegt war. Seine Geschicklichkeit, die ihm bis dahin im Zirkus das Überleben sicherte, sorgte jetzt dafür dass wir in allgemein gut abgesicherten Garagen die vorbestellten Wagen in Besitz nehmen konnten.

Und nun die Asche der Diva!

Blaulicht und Sirenen ließen uns auf die Straße blicken. Draußen vor Jeans Bistro waren zwei Taxen kollidiert. Die Fahrer beschimpften einander und die Flicks fuchtelten mit ihren Schlagstöcken herum. Jean machte durch obszöne Zeichen in Richtung der Polizisten auf seine Abneigung gegenüber Autoritäten aufmerksam.

Obwohl eine ganze Reihe der Flicks aus dem Bezirk zu seinen Stammgästen gehörten, vergab er keine Chance auf diese zu schimpfen. Doch brauchten diese Burschen auch immer nur die Hälfte ihrer Rechnungen zu bezahlen, was sie natürlich auch darum immer wiederkehren ließ.

Diese verdammten Teutonen, verstehe sie wer will!

Nun also die Asche der Maria Callas und ich sollte sie diesem verrückten Engländer liefern. Asche der längst verstorbenen Opernsängerin! Kohle für Asche? Geschäft ist Geschäft!

Der Kerl hatte mich vorgestern früh angerufen und wir hatten uns überstürzt am Gare du Nord getroffen.

Er hatte den Figaro geschwenkt und in seinem lächerlichen Französisch beinahe geweint, dass die Diva wohl in den nächsten Tagen in der Agäis ihre letzte Ruhestätte finden würde. Sie sollte dort ins Meer gestreut werden. Die griechischen Behörden hatten endlich eingelenkt und dem letzten Willen der Diva zugestimmt, nachdem sie sich jetzt drei Monate quergestellt hatten. Meneghini, ihr Ehemann hatte wohl endlich doch die richtigen Leute geschmiert.

„Fünftausend extra, wenn es in den nächsten Tagen klappt!“ Der Engländer war aufgeregt und sein Gesicht glühte wie das Hinterteil eines Glühwürmchens wie es mir erschien.

„Marcel, ich lege fünf Mille drauf wenn es in den nächsten Tagen über die Bühne geht. Wir können nicht mehr warten. Diese verdammten Griechen wollen meine Maria so einfach ins Meer schütten!“

Hatte er tatsächlich „meine Maria“ gesagt?

Ich schaute diesen Engländer an, dem ich erst vor ein paar Tagen über den Weg gelaufen war, dem ich aber ehrlich gesagt in seinen Leihwagen gekracht war als er mir in der Nähe von Versailles mutterseelenallein auf meiner Fahrspur entgegen gekommen war und der, als ich nach links ausweichen wollte, wohl seinen Irrtum bemerkte und plötzlich auf seine rechte Fahrspur zurückwollte und sich dadurch für Claude und mich ein sehr lukrativer Auftrag erledigt hatte.

Na gut, ich konnte ihn zwar davon abhalten nach den Flicks zu rufen. Doch der Kerl war gar nicht so blöd, wie ich anfangs noch gehofft hatte.

Wir fuhren dann mit seinem weniger beschädigten Citroen nach Paris und der Kerl sagte mir auf den Kopf zu was er vermutete.

Im Bistro von Jean vereinbarten wir dann, dass ich den Citroen verschwinden lassen würde, weil er den der unangenehmen Fragen des Verleihers wegen, so nicht zurückbringen könne.

Jean war nicht sehr erfreut, als er mitbekam was der Engländer und ich in seinem Laden so zu bequatschen hatten.

Im Radio lief Christa Ludwigs Arie aus Verdis Aida und da sah ich zum ersten Mal das leuchtende Hinterteil des Glühwürmchens wo ich bis dahin sein Gesicht zu sehen glaubte.

„Maria hätte diese Partie wie eine Göttin gesungen, Christa spult den Text nur ab, ganz ohne Leidenschaft. Maria war eine Göttin, mehr noch. Eine Diva!“

Ich muss den Engländer wohl ziemlich blöd angeschaut haben, weil sich dieser sofort bemühte mir etwas über die Callas zu erzählen und von seiner Liebe zu dieser für ihn so unnahbaren Sopranistin.

Ich beeilte mich, ihm zu versichern, dass wir vielleicht nicht den gleichen Geschmack hätten was Autos oder Frauen anging, aber in der Liebe zu weiblichen Opernstimmen, gar nicht so unterschiedlich zu ticken schienen. Ich hatte mich hierdurch auch als Maria Callas Fan zu erkennen gegeben.

Christa hatte ihre Arie beendet und der Moderator von Radio Paris kündigte nun die Medea an, gesungen von Maria. Das Glühwürmchen hatte tatsächlich noch einige zusätzliche Lichter in petto.

Der Engländer gab mir noch einige Scheinchen für meine Unannehmlichkeiten des Unfalles wegen und wir verabschiedeten uns und ich brachte die DS 21 zu einem sehr gut befreundeten Autoverwerter der mir noch einen großen Gefallen schuldete.

Es war dann Jean, der mich bei Julia meiner neuen Flamme anrief und berichtete, dass der Kerl den ich eigentlich nicht mehr wieder sehen wollte, schon mehrfach bei ihm aufgekreuzt war und der dann immer nach mir gefragt hat und er ihn einfach nicht abwimmeln könne.

Was soll ich sagen? Der Kerl hatte ein paar Platten von Maria und ein Foto vom Mausoleum in der ihre Urne stehen sollte, mitgebracht. Die Platten waren ein Geschenk für mich und er hatte sofort angefangen mich in seinen Plan einzuweihen.

Als Maria Callas im September gestorben war, hieß es, dass sie nach Griechenland überführt und dort nach Griechischem Ritus beerdigt werden würde. Dann war das Testament der Diva in New York, dem Geburtsort der Sängerin aufgetaucht und in diesem hatte sie bestimmt, im Meer vor Griechenland als Asche verstreut zu werden.

Die neue Regierung in Athen befürchtete wohl, dass der Kult um Maria ihre noch frische Demokratie gefährden könnte und verboten darum, diese in Griechenland gar nicht mal so unübliche Bestattungsart, rigoros.

Darum wurde also die schon eingeäscherte Diva zunächst hier in Paris beigesetzt, ihre Urne also in besagtem Ehrenmal eingemauert.

Das Glühwürmchen strahlte mich an und beendete seinen Vortrag damit, dass er mir beichtete, er deswegen schon des Öfteren nach Frankreich gekommen wäre und dann irgendwann unterwegs die Idee hatte, Maria einen ehrenvolleren letzten Wohnsitz zu bieten. Bei ihm zuhause in England!

Ich schaute zu Jean um mich zu vergewissern, nicht im Knast auf einer harten Pritsche vor mich hin zu träumen. Aber da das Bistro brechend voll war und trotzdem kein Mensch von uns Notiz zu nehmen schien, wandte ich mich wieder dem Engländer zu, der soeben sein letztes Glas Eiswasser ausgetrunken und damit meine Karaffe gelehrt hatte.

„Marcel, Sie müssen mir helfen! Uns, mir und Maria helfen!“

Ich schaute den Engländer nur an und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Da sitzen wir hier in Paris in einem Bistro in dem es von Touristen wimmelte und unterhielten uns über eine Sängerin, die tot war und faselten dass wir ihr helfen müssten, nach England auszuwandern. Ich schaute den Mister an und überlegte wie ich ihn loswerden könnte.

Bei der Schilderung des Tommys hatte ich doch tatsächlich eine ganze Packung Caporal ordinaire verqualmt und wollte nun nur für Nachschub sorgen und erhob mich daher. Der Engländer hatte dieses als Ablehnung missverstanden und geglaubt, dass ich wohl gehen wollte.

„Fünftausend Francs für die Asche!“

Es gab niemanden im Bistro, der nun nicht in unsere Richtung blickte und sich wohl fragte, was die beiden Kerle wohl zu bequatschen hatten und worum es wohl ging wenn eine Solche Summe laut geschrieen wurde.

Ich hatte gelinde gesagt die Schnauze voll, drehte mich zu dem Glühwürmchengesicht um und zischte diesem zu, dass er seine Telefonnummer bei Jean lassen sollte, ich ihn anrufe und trat dann ohne mich noch einmal zu ihm umzudrehen, auf die regennassen Champs hinaus.

Den Kerl umzulegen war das eine, seine Leiche verschwinden zu lassen ein viel größeres Problem. Den würde ich wohl niemals mehr los, so schien es. Also müsse er weg,… oder ich müsse ihm tatsächlich helfen!

Fünftausend würden nicht reichen. Es müsste noch ein wenig mehr dabei raus springen. Plus Spesen versteht sich!

Zwei Tage später fand dann ein erneutes Treffen statt, diesmal im Cafe auf dem Tour la Eiffel inmitten von fotografierenden Japanern, wobei ich es doch zu verhindern wusste in deren heimatlichen Fotoalben zu landen!

Wir waren uns sehr schnell einig. Zehn Riesen plus meine Spesen. Zahlbar in Nizza bei Aushändigung der Ware. Fünf im Voraus, in zwei Tagen auf der Treppe zur Staatsgalerie.

Claude sah mich nur an und ich konnte in seinem pechschwarzen Gesicht sehen wie es in seinem Gehirn kräftig arbeitete und so beschloss ich ihm noch ein klein wenig Zeit zu geben. Jedoch heute Nacht, dem 25. Dezember 1977 würde die Sache steigen müssen!

„Marcel siehst du was ich sehe?“ Claude war stehen geblieben, seine Taschenlampe zauberte einen Lichtkegel auf das Ehrenmal an dem trotz der Jahreszeit eine ungeheure Blumenpracht zu sehen war. Es war der erste Weihnachtstag und eine für den Winter sehr angenehme Nacht. Ich war mir nicht sicher ob Claude zitterte weil er als Caribier mehr fror als ich, der ich doch aus Chamonix stammte und während eines Schneesturmes geboren wurde, wie meine Mutter immer behauptet hatte.

Die Liebe zur Diva dürfte ihn nicht gepackt haben, eher schon die Gier nach den Riesen und meinetwegen Angst seiner wohl angeborenen Abergläubigkeit wegen!

„Nummer 16 259, Maria Callas, 2. Dec. 1923 . 16. Sept. 1977, passt genau! Lass uns anfangen, Claude!“

Ich lies die Tasche auf den Marmor fallen und bückte mich um den Reisverschluss aufzuziehen und die Stemmeisen heraus zu nehmen.

Claude strahlte beinahe wie das Glühwürmchen aus England bei seiner Verehrung für die Diva. Jedoch dürfte sich Claude eher auf die paar Scheinchen freuen, als auf eine Handvoll Asche!

Der Job war erstaunlich schnell erledigt wie es mir vorkam und nach genau sechs Minuten Stemmen und Brechen hielt ich eine ziemlich unscheinbare, vasenähnliche Urne in Händen und wunderte mich, dass ein Mensch für so etwas eine größere Summe ausspucken würde.

Claude hatte die Gesteinsbrocken mit dem Fuß zur Seite geschoben, die Stemmeisen und den Fäustel in die Tasche gesteckt, während ich immer noch auf diese unansehnliche, hässliche Kanne schaute. Genau in diesem Augenblick erschrak ich bis aufs Blut!

Es war nicht irgendein einsamer Nachtspaziergänger, der seiner Schlaflosigkeit wegen hier auf dem Friedhof plötzlich vor uns auftauchte um seinen Hund auszuführen, sondern es war sie!

Maria!

Obwohl ich ihrer nie leibhaftig ansichtig wurde war mir sofort klar, dass nur sie es sein konnte die uns, mich und Claude mit ihrem arroganten Blick ansah. Die mit herrischer Geste, beinahe wie in Pasolinis Medea, dem einzigen Film der Callas und den ich sogar mehrmals gesehen hatte, sich die Stola um ihren Hals schwang.

Sie stand nur da, mit perfekter Frisur, in ein figurbetontes langes schwarzes Kleid gehüllt, welches bis zur Erde reichte und auf dem Pailletten glitzerten bei der Bewegung ihres Brustkorbes der unter ihren Atemzügen auf und nieder ging, aufgerichtet, ihr Blick streng und abweisend.

Claude hatte sich mit seiner linken Hand an meinem Arm festgehalten und blickte mit weit aufgerissenen Augen auf die Gestalt und ich wusste dass sein schwarzes Gesicht schweißnass sein musste, so glänzte es.

Er setzte an etwas zu sagen, wobei er mit seinem verkrüppelten Arm auf die Diva deutete. Es lag wohl nicht an seinem Stotterreflex, dass er nicht ein Wort herausbekam. Es lag an dem blanken Entsetzen das ihn erfasst hatte und welches seine Stimme lähmte.

Es war dann diese Stimme die auch meine Nackenhaare sich aufstellen ließen. Ein tiefer voluminöser Klang schien sich auf diesem mondbeleuchteten Friedhof hier in Paris zu entfalten, der sich überall an den Mauern und Ehrenmalen brechen und über uns zusammen zu schlagen schien.

Diese Stimme, die es vermochte sich aus tiefsten Registern in die unbeschreiblichsten Höhen aufzuschwingen und dabei nicht nur an Volumen, sondern ebenso an Klarheit zuzulegen.

Claudes Griff hatte etwas Schraubstockartiges, was mir nicht gar so viel ausmachte. Was mir viel mehr Verdruss bereitete war die Tatsache, dass ich nicht in der Lage war mich zu rühren. Die Urne fest umklammert stand ich da, die Augen fest auf Maria Callas gerichtet, die soeben wieder anhob die Arie der Carmen zu singen, wie ich sie auf einer der Schallplatte von dem verrückten Glühwürmchen aus England doch so oft gehört hatte.

Die Augen der Diva sahen mich mit ruhigem Blick an. Sie wechselten von einer beinahe unnahbaren Feindlichkeit in eine besänftigende Milde um sich sofort wieder in eine überirdische Göttlichkeit zu wandeln und mir blieb nur, ihr still und ergeben zu lauschen, wobei mir gar nichts anderes übrig blieb als ihren Blick zu erwidern.

Diese ungeheure Intensität ihrer Stimme war mir beim Abhören ihrer Platten nie aufgefallen. Nun wurde mir ganz plötzlich bewusst, warum der Engländer dieser Frau nachgereist war zu deren Lebzeiten und er kaum einen ihrer Auftritte versäumt hatte, wenn immer es ihm möglich war.

Wie er mir beichtete, musste er sich nach der Tosca-Aufführung in Covent Garden in London 1965, ins Krankenhaus legen weil ihn die Ankündigung, dieses wäre der letzte Auftritt der Callas, an den Rand eines Herzinfarktes gebracht hatte.

Wie er weiter stolz berichtete, war es ihm wenig später gelungen, durch Bestechung eines der dortigen Bühnenarbeiter, genau dieses Stückchen Stoff zu ergattern, welches die Callas bei ihren 17 Vorhängen berührt hatte als sie immer wieder zurück auf die Bühne getreten war.

Sie schien mich immer fester mit ihrem Blick zu fesseln und es war mir beinahe so, als käme sie auf mich zu während sie die Register in immer schnellerer Folge wechselte.

Auf der Hülle eines Albums fand ich den Hinweis, dass ihr Stimmumfang vom a bis zum dreifach gestrichenen es reichte, was mir bisher nie wirklich etwas gesagt hatte.

Nun würde ich diese Aussage wohl rein körperlich bestätigen müssen, so erschien es mir.

Der Engländer schaute mich beinahe feindselig an und sein Gesicht hatte gar nichts mehr Glühwürmchenähnliches und es schien beinahe, als dass er mich heute gar nicht hier am vereinbarten Treffpunkt erwartet hatte, mich sogar liebend gerne zum Teufel gewünscht hätte.

„Soso, das ist also Maria Callas? Die Diva!”

Seine linke Augenbraue hob sich und mir erschien es, dass sich seine Abwehr intensivierte. Die Plastiktüte welche vor ihm auf dem Tisch lag würdigte er keines Blickes!

„Dies ist Maria Kalogeropoulos, wie es auf ihrer Geburtsurkunde steht und die als Sängerin Maria Callas die Oper in das zwanzigste Jahrhundert gesungen hatte und die von ihnen bestellt wurde und die nun auch von ihnen abgenommen werden muss!“

Ich hatte besonders leise gesprochen und versucht trotzdem meiner Stimme eine gewisse Schärfe zu geben, wobei mir allerdings auch ein wenig an Diskretion am Herzen lag. Die Bar hier in Nizza war so kurz nach Weihnachten auch nicht so richtig gut besucht und ich konnte mich des Verdachtes nicht erwehren, von überall her beobachtet zu werden.

Ich nahm Mister Glühwurm ganz feste in meinen Blick und sagte betont freundlich, wobei ich meine Stimme noch weiter senkte als sonst: „Mister, Sie haben uns beauftragt und wir haben fristgerecht geliefert und nun wird gezahlt, ohne wenn und aber und zwar ein bisschen plötzlich wenn ich bitten darf!“

Mir war die Situation ganz klar bewusst. Ich benahm mich wie ein echter Vollidiot. Ich saß hier in einer Bar inmitten halbseidener Typen herum und schob einem verrückten Tommy eine Plastiktüte über den Tisch zu und faselte dabei, wenn auch sehr leise, von Barzahlung. Wenn hier einer der Greifer von der Schmiere zuschaute, würde ich das nächste Frühstück vermutlich in Gegenwart von Mister Glühwürmchen, der nun plötzlich wieder seine Leuchtraketen zündete, im Gewahrsam serviert bekommen.

„Sie garantieren mir, dass dies wirklich Maria ist und sie keinen Beschiss planen? Die Zeitungen schreiben, dass die später am Zaun gefundene Urne noch randvoll mit Asche gefüllt war.“

Er hatte auf die Tüte gezeigt und nun auch noch seine rechte Augenbraue gehoben, beinahe wie Sean Connery als Bond.

„Pass auf, Mister! Mir war klar, dass wenn wir vor dem Bruch in die Arme der Flicks gelaufen wären, wir einen Grund brauchten um zu erklären warum wir hier am Friedhof sind und meine Idee war, etwas von einem toten, eingeäscherten Knastkumpel zu erzählen, der in der Nähe der Diva verstreut werden wollte. Wenn wir nach dem Bruch geschnappt würden, würde die Story wohl auch ziehen, weil die Urne der Diva ja noch voll mit Asche wäre und kein Mensch wirklich glauben musste, wir hätten uns an deren Urnengrab vergangen. Jedenfalls wäre uns nicht wirklich etwas zu beweisen gewesen, klar?“

Ich hatte die beiden Burschen vorne am Tresen feste im Blick, während ich meinen Kunden beruhigte. Diese Kerle waren wohl doch von der Schmiere, so viel stand fest. Na sollten sie doch! Mit dem Stoff würde sich kein Drogenfahnder eine goldene Nase einfangen, ganz im Gegenteil!

„Sie haben also den Inhalt der Urne ausgetauscht, diese am Zaun deponiert damit sie sofort entdeckt würde wenn der Aufbruch auffällt. Ich kann ihnen unbesorgt vertrauen sagen Sie?“

Das überirdische Glühen überzog wieder sein Gesicht und ich merkte, dass er nun wieder gerade in der Spur lief.

„Ein Glück, dass Du Opernliebhaber bist Marcel!“

Claude sah mich säuerlich an, als ich die Musikkassette mit Opernarien erneut ins Radio schob und mich im Autositz zurückfallen lies.

Ich sah ihn nur kurz an und fragte mich tatsächlich was mir eigentlich solche Angst eingejagt hatte, am 25. Dezember auf dem Friedhof.

„Wie meinst du das, Claude?“ Ich steckte mir eine Gauloises an, als jemand an meine Seitenscheibe klopfte, in dem ich sofort den einen von den zwei Kerlen an der Theke erkannte.

„Wissen Sie wo man für sich so ein kleines Bisschen Spaß kaufen kann, hier in Nizza? Sie verstehen schon!“

Ich sah Claude nur an und der knallte den ersten Gang rein und wir legten einen Blitzstart hin, der sich gewaschen hatte.

Später kurz vor Lyon fragte ich ihn, warum er mich beglückwünschte, Opernliebhaber zu sein.

„Na, die verdammten Opernfreunde scheinen wohl die größten Trottel der Welt zu sein. Diese Kerle können doch wirklich nicht richtig ticken. Jetzt höre ich mir diese verdammte Scheiße schon zum soundsovielten Mal an und Du wirst nicht müde, die Kassette andauernd immer wieder umzudrehen.“

„Der Kerl aus England wusste ganz genau was er wollte das glaube mal. Der Stoff den der Bulle von uns kaufen wollte, kostet einen Scheißdreck dagegen, gegenüber dem Preis den dieser Bursche jetzt für ein klitzekleines Löffelchen voll Asche kassiert!“

Ich konnte obwohl ich meine Augen geschlossen hatte Claudes Blässe spüren.

„Du glaubst, das Zeug lässt sich gut verkaufen? Du….g…gl. Glaub..st wirk.l.ich ? Scheiße! Da geht….un….uns a.. b…er ei..n gutes Geschäft…….du…..rch…..die Lapp….ppen. Verdammt!“

Ich fühlte in der Hosentasche die beruhigenden Scheinchen und notierte eben die Zulassungsnummer des gelben Porsche, der uns trotz der Geschwindigkeitsbegrenzung eben überholt hatte.

Es erfreute mich, dass es ein Pariser Kennzeichen war. Gelb würde die Farbe der Saison sein. In diesem Frühling! So sagte man jedenfalls in Spanien.

(C) Chefschlumpf im Jahre des Herrn 2008

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