Siebzehnuhreinundfünfzig

Das Personal hatte in Karlsruhe gewechselt.
Die neue Besatzung hatte ihre Aufgaben übernommen. Herbert Pröll, als Zugbegleiter auf dem Intercity, Köln-Basel, via Frankfurt, Freiburg mit Anschluss nach Genf eingesetzt, hatte, nach dem Kontrollanruf im Führungsleitstand, soeben sein Dienstabteil in der Mitte des Zuges verlassen, um die vorgeschriebene Ticketkontrolle durchzuführen, als sich der Zug in Bewegung setzte.

„Nichts hatte auf sein Vorhaben hingedeutet, Gernot. Sein Zustand war mir vorgekommen, wie an jedem Tag. An diesem Montag war alles, wie immer.“ Isolde schnäuzte sich in ihr Taschentuch, um dieses daraufhin im Ärmel ihres Kleides verschwinden zu lassen. Gernot kannte solche Verhaltensweisen noch von seiner Mutter.
Isoldes Anruf hatte ihn hier in dem kleinen Bistro gegenüber dem Bahnhof, auf sie warten lassen.
„Glaube mir, hätte ich etwas geahnt, ich hätte es vielleicht verhindern können“.
Gernot konnte sich Werner gut vor seinem inneren Auge vorstellen. Werner, der in ihrer Klasse immer den Anführer mimte und auch in wilden Zeiten, auch ihn, Gernot, zu revolutionärem Handeln verleitete. So jedenfalls war es ihm, Gernot, immer vorgekommen, wenn es darum ging, seinen Eltern, das Blaue vom Himmel vorzulügen, wenn es darum ging, mal über die „Stränge zu schlagen“!
„Es geschah ohne Hinweis für dich, du hättest nicht so etwas aus seinem veränderten Verhalten herauslesen können?“ Gernot überkam ein Gefühl der Verlorenheit, gepaart mit Wut. Wut auf sich selber. Er war sich nicht sicher, den richtigen Ton getroffen zu haben, mit seiner Frage an Isolde.
Sie schaute durch ihn hindurch. Gernot konnte seiner inneren Aufgewühltheit wegen nicht erkennen, dass sie ihn nur anstarrte.

„Die Fahrkarten, bitte“. Herbert hatte sein freundlichstes Lächeln aufgesetzt. Er wusste, dass die neuerliche Kartenkontrolle, jetzt, nachdem etwa die habe Fahrtstrecke zurückgelegt war, zu kleiner Verstimmtheit einiger Fahrgäste führen würde. Etwa die Hälfte der Fahrgäste hatte sich, etwas Bequehmlichkeit suchend, auf den Sitzen hingeflegelt und schienen sich ins Land der Träume begeben zu haben. Diese würden diese Kontrolle als etwas sehr störendes empfinden und Herbert wusste, dass er den Missmut würde abbekommen. Herberts und seiner Zugkollegen, als auch Herrn Mehdorns Ansinnen musste sein, den Zug ohne Beanstandungen, an den Zielbahnhof zu bringen. Und die zahlende Fracht nicht zu verprellen!

„Werner hatte morgens einen kleinen Streit vom Zaun gebrochen. Ich weiß eigentlich gar nicht, was in ihn gefahren war. Er hatte sich aufgeregt, weil ich Barbara erlaubt hatte, anstelle mit uns meine Schwiegereltern zu besuchen, mit ihrer besten Freundin auf eine Fete zu gehen“.
„Bärbel ist doch jetzt auch schon sechzehn Jahre alt, oder?“ „Mädchen mit sechzehn finden Verwandtenbesuche doch eher ätzend, wenn es stattdessen zu `ner Party gehen könne!“ Isolde hatte wieder in ihr Taschentuch geschnäuzt.

Martin Schulz, der Mann im Lokführerstand, hatte soeben zum bestimmt fünften Male, auf seine Zeitanzeige geschaut, deren Verlustschleppzeiger ihm signalisierte, dass er und mit ihm der Zug, gut in der Zeit läge. Radiogeräte oder ähnliches waren im Fahrstand nicht erlaubt und daher wippte er in einem inneren Takt zu der Melodie der Fahrtgeräusche.

Der ältere Herr war sofort aufgesprungen als Herbert an seine Sitzreihe getreten war und nach dem Fahrschein gefragt hatte. Er nestelte nervös an seiner Jacke herum, die am Kleiderhaken hing, während der neben ihm sitzende junge Man die Fahrscheine aus dem schweren Koffer holte, um sie Herbert auszuhändigen. „Schon gut, Großvater, hier habe ich die Bahntickets“.
„Bitte die Gepäckstücke nicht auf die Ablage stellen, bei einer Bremsung können diese leicht zu Geschossen werden und wir alle möchten doch nicht, das was passiert“. Herbert hatte nach dieser Ermahnung, seinen Kontrollgang fortgesetzt.
„Meine Tochter Julia möchte etwas trinken. Kommt noch ein Service-Wagen durch, oder müssen wir in den Bistrowagen gehen, Julia und ich?“ Julia lächelte Herbert freundlich zu und flüsterte ihrer Puppe leise ins Ohr: „das ist ein Zugchef, mein Pappi ist auch Chef, aber ein Bankchef!“ Werner musste unwillkürlich lachen, bei soviel Wortwitz. „Zugbegleiter! Ich bin nur Zugbegleiter. Der Service wird in etwa zehn Minuten hier im Kurswagen die Möglichkeit bieten, etwas zum Trinken zu erwerben“. Julia erinnerte Herbert an seine Enkelin. „Werden wir pünktlich in Freiburg sein, meine Tochter holt mich am Bahnsteig ab“. Die alte Dame rutschte unruhig auf dem Sitz hin und her und sah Herbert gespannt an.
„Ganz bestimmt, meine Dame. Wir haben jetzt siebzehnuhrfünfzig und wir liegen sehr gut in der Zeit. Wir haben schon etwas an Verspätung herausgeholt und es müsste schon Unvorhersehbares geschehen, wenn es zu Verspätungen kommen sollte“. Standardantworten auf Standardfragen, dachte Herbert.

„Er war direkt nach Dienstschluss hingefahren und hatte seinen Wagen geparkt und abgeschlossen. Er scheint noch ein wenig in der Gegend herum gelaufen zu sein. Zu der Zeit, als er auf dem Bahndamm stand, sollten sich die beiden Züge genau dort begegnen, so jedenfalls die Bahn“. Gernot sah bei Isoldes Worten auf seine Hände. Er konnte ganz tief drinnen, Werner auf den Gleisen stehen sehen. Werner auf den Gleisen. Ein Intercity mit geschätzt einhundertachzig trotz Vollbremsung, die verstörten, durcheinander geschüttelten Fahrgäste, der Aufprall des Körpers auf den Lokkopf, die zunächst ratlosen Zugbegleiter, der verschreckte Lokführer, der Zusammenbruch Isoldes nach der Nachricht. Für alle musste dieses Ereignis eine Zäsur darstellen, auch für ihn, Gernot.

Er kam direkt auf sie zugeflogen!

Direkt nach der Kurve schien er auf sie zuzufliegen. Doch es war der Zug, der auf ihn zufuhr, nicht etwa flog. Er stand ganz ruhig, bewegungslos, die Arme ausgebreitet, scheinbar die Welt umarmen wollend. Die Augen geöffnet, lächelnd. Er schien Martin willkommen heißend.
Im Bruchteil des Bruchteils einer Sekunde, spulte Martin sein Programm ab, was ihm in Jahren der Zugführertätigkeit, in Fleisch und Blut übergegangen und welches doch nur aus einer einzigen Tätigkeit zu bestehen schien. Der Vollbremsung!

Fleisch und Blut!

Martin erstarrte. Er hatte ein Bild vor Augen, das in ihm auf diesen, gefürchteten, von jedem Lokführer gefürchteten, Augenblick nur gewartet zu haben schien. Fleisch, Blut und Knochen, zermalmt. Ein Mensch, der aufgehört hatte, ein Mensch zu sein. Der beabsichtigt hatte, aufzuhören ein Mensch zu sein! Martin hatte diesen Tag gefürchtet. Schon immer.

„Er fuhr wie jeden Tag zur Klinik, machte seinen Dienst wie immer. Er liebte seinen Beruf. Er liebte die ambulante Sprechstunde in der Chirurgie, am Montagnachmittag. Nur über eine Sache komme ich nicht hinweg“. Gernot sah Isolde gespannt an. Isolde, seine große Liebe, bevor sie Werners Frau wurde, noch bevor er sich seiner Angebeteten offenbart hatte
Isolde tat ihm unendlich leid und die Wut auf sich selber wuchs.
„Die Leute vom Institut sagten, ich solle mir das nicht antun, doch ich wollte ihn noch mal sehen. Er sah so friedlich aus, als ob er schliefe“

Isolde, die Maskenbildner vermögen wahre Wunder zu tun, dachte sich Gernot.

„Lös Pröll, wir müssen nach Martin sehen, er geht nicht ans Zugtelefon. Meine Herrschaften, wir haben einen Personen-Unfall, keine Gefahr. Ich hoffe, unsere Verspätung wird sich in Grenzen halten“. Zugchef Weber, der nach Stillstand des Zuges, aus dem Dienstabteil nach vorne geeilt war, zog Herbert Pröll am Ärmel und zischte diesem fast unhörbar zu: „ Diese verdammte Kurve. Das dritte mal, dieses Jahr. Was geht in diesen verdammten Selbstmördern vor, das sie sich immer diese verdammte Stelle aussuchen müssen?“

Gernot schaute auf seine Finger. Isolde trank ihren Kaffee aus und nestelte an ihrer Handtasche herum und sie schien ihn so nebenbei zu fragen, ob ihre Freundschaft bestehen bliebe, jetzt, wo Werner nicht mehr wäre.
„Glaubst du, dass Werner von uns erfahren hat? Ich meine, ob er wusste, dass du und ich?“ Gernot konnte die Frage nicht beenden, ohne seine Gefühle zu verraten. Er tat sich immer sehr schwer mit seinen Gefühlen. Gefühle waren zu unterdrücken und Gernot versuchte dies immer, unter allen Umständen.
„Diese Frage ist es, die mich die ganze Zeit beschäftigt, Gernot“.

„Wie spät haben wir es jetzt? Schaffe ich meine Termine in Freiburg, heute Abend? Wenn nicht verlange ich Schadenersatz, Herr Zugchef, darauf können sie sich verlassen“.

Solche Leute hasse ich, fuhr es Weber durch den Kopf und trotzdem wandte er sich ganz freundlich an diesen, vermutlich Vertreter, um ihn auf betont professionelle Art zu beruhigen.
„Keine Panik, wir bemühen uns, jede unnötige Verspätung zu vermeiden. Allerdings, versprechen kann ich nichts“.
Der Vertreter setzte sich wieder hin, nicht ohne zu bemerken: „Deutsche Bahn und so was will an die Börse. Können noch nicht mal für ihren Fahrplan garantieren!“

„Wir haben jetzt genau „Siebzehnuhreinundfünfzig“ und dieses ist ein unplanmäßiger Zwischenfall, mein Herr!“

(C) Chefschlumpf

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