Streich Quartett – Schlumpfenland ist überall

„Für mich haben Geigen keine Bedeutung, Marcel. Sind Musikinstrumente! Ich kann gar nicht Geigespielen.“

Claude schaute beinahe beschämt zu Boden, was auf mich so wirkte, als ob ich ihn bei einer Eselei erwischt hätte, was ja auch irgendwie so in etwa stimmte.

Hatte der Kerl doch dieses wunderschöne Instrument, das ich ihm in meiner grenzenlosen Begeisterung soeben in die Hand gedrückt hatte, einfach achtlos auf dem Küchentisch abgelegt, anstatt es in den direkt vor seiner Nase stehenden Geigenkoffer zu legen.

Wir befanden uns in seiner Küche und Isabel, die soeben die Gläser gespült hatte und ihm nun die Flasche Roten zum Öffnen in die Hand drückte, schaute mich beinahe feindlich an und runzelte die Stirne, als sie eines der noch tropfnassen Gläser vor mich hinstellte.

„Sei nicht böse, Isabel. Ich mache Deinem Claude keinen Vorwurf. Ich hatte mich nur erschreckt. Wann bekommt man eine solche Geige in die Finger? Ein solch wertvolles Stück und dann sogar, wenn man gar nicht darauf gefasst ist.“

Isabel schaute mich prüfend an und wandte sich dann an Claude, der die Flasche nun geöffnet hatte und soeben die Gläser befüllte.

„Marcel hat`s nicht bös gemeint, Claude! Er hat sich nur erschreckt! Er hat geglaubt, du machst diese wertvolle Geige kaputt und weil du nicht Geige spielst, bist du wohl zu blöd um zu erkennen, dass das, was er Dir in die Hand gedrückt hat, ein Edelstein ist.“

Isabel hatte wohl scheinbar schnippisch zu Claude geredet, obwohl ich es war, an den diese Rede gerichtet war.

„Kein Edelstein, liebe Isabel! Viel mehr wert als ein Edelstein, eine echte Stradivari!“

Ich schaute meine beiden vor mir sitzenden Freunde an und erwartete etwas, wie Erbleichen, Erröten oder meinetwegen auch nur so etwas wie Demut. Nicht etwa vor mir, sondern vor diesem göttlichen Instrument. Der Stradivari!

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass beide mir vor Begeisterung um den Hals fallen würden, doch ein wenig weihevolle Bußfertigkeit hätte ich wohl schon erwarten können.

„Das ist eine Stradivari? Du machst Witze! Wie kommen wir an eine echte Stradivari? Solche kosten doch ein Vermögen, Marcel! Diese Dinger sind doch uralt und kein Mensch hat so was in seinem Wagen liegen, schon gar nicht, wenn der in Orly geparkt steht, auch wenn’s ein Maserati ist.“

Jetzt war es Claude, der seine Stirn in Falten legte und mir erschien es beinahe, als hätte seine Stimme einen leicht unwirschen Unterton bekommen.

„Doch Claude, schon, wenn’s ein amerikanischer Millionär ist, der seine Kohle nur durch den Handel mit alten Geigen verdient und der hier in Paris seinen Kunden erwartete und wir beiden ihm seinen fahrbaren Untersatz sozusagen unter dem Hintern weg geklaut haben. Ich hab mich inzwischen kundig gemacht. Das Ding hat einen Wert von mindestens fünf Millionen! Euro, nicht Franken, Claude!“

Nun waren es plötzlich zwei bisher sehr pechschwarze Gesichter, die schlagartig ihre Farbe verloren hatten und nun eher aschfahl wirkten.

Ich hob mein Glas und prostete den Beiden zu.

„Salut!“

Nachdem ich einen kräftigen Schluck genommen hatte und mein Glas auf den Küchentisch zurück stellte, nahm ich mir eine Zigarette aus Isabels Packung, die auf dem Tisch lag, brach bewusst provozierend den Filter ab und rollte den Rest des Glimmstengels zwischen Damen und Zeigefinger, als wollte ich die Bruchkante glätten und erst dann schaute ich wieder auf.

Isabel war es, die sich zuerst wieder gefangen hatte und aus der es jetzt wie aus einem Springbrunnen heraus zu sprudeln begann.

„Fünf Millionen Euro, Marcel! Fünf Millionen Euro, das ist ja fantastisch! Du bist dir sicher, dass diese Geige soviel bringt? Kannst du dir das vorstellen Claude? Weißt du, was das bedeutet? Wir sind reich! Wir sind Millionäre!“

Vor Begeisterung war die sonst so cool wirkende Isabel beinahe auf Claudes Schoß gehüpft, wäre dieser nicht im gleichen Moment wie vom Blitz getroffen auf den Küchentisch vornüber gesunken. Es schien mir, als ob er dabei seine Augen verdrehte, wie ein vom Schlag Getroffener.

Noch bevor ich mir ernsthafte Gedanken um Claudes Gesundheitszustand machen konnte, war der schon aufgesprungen und hatte damit begonnen, in dem kleinen Küchenraum herum zu laufen.

„Verdammte Scheiße, Marcel, weißt du was das bedeutet? Wir sind im Arsch! Alles umsonst! Mist und ich hatte schon gedacht, das Ding wäre gelaufen. Was machen wir jetzt? Den Maserati können wir getrost vergessen! Den nimmt jetzt kein noch so blöder Spanier! Noch nicht mal diese bekloppten Toreros kaufen einen solch heißen Ofen. Diese Dreckskarre wird jetzt überall gesucht, auf der ganzen beschissenen Welt!“

Ich hatte die Zigarette angesteckt und blies nun Kringel in die Luft!

„Wenn wir jetzt clever vorgehen, läuft die Chose. Die Versicherung, Claude! Die Versicherung muss es bringen! Nur dadurch haben wir noch eine gute Chance nicht in den Knast zu kommen und trotzdem unseren Schnitt zu machen.“

Claude war plötzlich stehen geblieben.

Ich musste lachen, als ich beider verdutzte Gesichter sah, die mich beinahe so musterten, als wäre ich durch ihr Küchenfenster herein geflogen und hätte ein Supermannkostüm an.

„Versicherung, Marcel? Die Geige muss doch versichert sein, bei diesem Wert, oder? Und wie kassieren wir die Versicherung und woher weiß die denn wer wir sind und wie kommen wir dann an das Geld? Du hast doch schon einen Plan, Marcel, oder?“

Es war Isabel, die sich zuerst gefangen hatte und mich sofort mit Fragen bombardierte.

„Also rekapitulieren wir! Was haben wir in Händen?“

Ich schaute die Beiden an und versuchte so ernst zu blicken, wie es mir möglich war.

„Eine alte, sehr wertvolle Violine, die dreihundert Jahre alt und Millionen wert ist. Weiterhin wird soeben ein funkelnagelneuer Maserati umgespritzt, nachdem er ein neues Interieur und eine neue Fahrgestellnummer samt echter Papiere bekommen hat und der sehr wahrscheinlich nach Dubai geht sobald er fahrbereit ist. Unsere spanischen Geschäftspartner sind da sehr zuverlässig, so hoffe ich zumindest nach all unseren Erfahrungen. Weiterhin haben wir eine Geige, nach der noch nicht mal gefahndet wird, weil der Diebstahl des Wagens und damit der Geige, noch nicht bei unseren Freunden von der Schmiere gemeldet wurde.“

Ich drückte die soeben erst angerauchte Zigarette auf der Tischplatte aus und fing mir dadurch abermals einen vernichtenden Blick von Isabel ein und konnte sehen, dass es in Claudes Kopf mächtig zu arbeiten schien.

„Cremona in Italien! Ihr müsst Euch vorstellen, wie es da zu gegangen ist vor dreihundert Jahren. Da lässt sich ein alter Geigenbauer in einer Vollmondnacht in die Hochalpen bringen und sucht eine Tanne, die so etwa fünfzig bis sechzig Jahre alt ist, schält ein wenig Rinde ab und hält sein Ohr an den Stamm nachdem er mit einem Hammer dagegen geschlagen hat. Gefällt ihm der Klang und klingt der lange genug nach, so wird der Baum gefällt und mit anderen ausgesuchten Bäumen, als Floß nach Cremona geschafft und daraus bauen Stradivari und Guarneri und vielleicht noch hundert andere Geigenbauer im Dorf ihre Instrumente, die an den Fürstenhöfen damals sehr geschätzt wurden.“

Wie ein Lehrer seine Schüler, schaute ich meine beiden Geschäftspartner an und dass beide in die Sache verwickelt waren, machte mir nicht ganz so viel aus, war ich mir doch der Loyalität Claudes, als auch Isabels sehr sicher.

„Und warum sind solche Instrumente heute noch so viel wert, Marcel? Sind die Dinger so selten, oder sind die so gut? Und wie viele gibt’s davon?“

Mir fiel gerade auf, dass weder Isabel noch Claude ihr Glas berührt hatten und darum prostete ich den Beiden zu und leerte mein Glas in einem Zug bevor ich weiter erzählte.

„Man glaubt, dass in den Bächen und Flüssen in denen die Stämme schwammen, ein Pilz die Ursache für die besondere Güte der Instrumente ist. Ein Pilz, der nur dort droben vorkommt und dass hier nur Bäume genommen wurden, die in einer sehr kalten Wetterphase gewachsen sind. Zwischen sechzehnhundertfünfzig und siebzehnhundertfünfzehn war`s arschkalt in Norditalien, und hierdurch ist dieses Holz sehr feinporig gewachsen, was das Holz länger und gleichmäßiger schwingen lässt. Und nun nach dreihundert Jahren klingen diese Geigen noch viel besser.“

„Stradivari würde sich vor Freude bepissen wenn er seine Geigen heute hören könnte, oder Marcel?“

So liebte ich meinen Kumpel Claude, mit dem man im wahrsten Sinn des Wortes Pferde stehlen konnte und mit dem ich tatsächlich schon mehr als ein Pferd gestohlen hatte, seitdem wir uns dem Export von Edelkarossen von Frankreich nach Spanien verschrieben hatten, wenn ich ganz ehrlich sein soll.

„ Antonio Stradivari hatte die Güte seiner Geigen ganz genau gekannt. Sie wurden ihm zu Lebzeiten aus den Händen gerissen, obwohl er schon damals der Teuerste war. Er hat so um die etwas mehr als zwölfhundert Instrumente gebaut, von denen noch sechshundertsechzig existieren. Guiseppe Guarneri del Gesu, sein Nachbar und Konkurrent, hat es nur auf etwa fünfhundert gebracht, wobei heute noch hundertvierzig existieren sollen.“

Isabel hatte mein Glas aufgefüllt, während ich gesprochen hatte und sich danach doch noch auf Claudes Schoß gesetzt. Ich bewunderte die beiden.

Claude, einer meiner ältesten Freunde und schon fast ein viertel Jahrhundert mein Kumpel und mir beinahe so lieb, wie es wohl nur ein Bruder sein konnte, hatte seine Liebste bei einem Heimwehaufenthalt in seiner Heimat, sozusagen auf der Straße aufgegabelt, wo sie scheinbar den Legionären in Guyana zu Diensten gewesen war.

Claude hatte wirklich nie darüber gesprochen, aber die ersten Monate nach beider gemeinsamer Ankunft hier in Paris, in denen es ziemlich hoch her gegangen war und in denen Isabel nicht selten bei mir und meiner damaligen großen Liebe, Josephine aufgetaucht war um, um Hilfe und Unterschlupf zu bitten, hatten eine beredte Sprache gesprochen.

Sie sah eigentlich nie gezeichnet aus, wie anzunehmen gewesen wäre. Jedoch ging ich bei Beiden von Anfang an von falschen Voraussetzungen aus. Ich hatte vermutet, dass Claude Isabel geschlagen hatte, weil er schon von seiner ganzen Statur so eher der zupackende Typ war.

Einer Frau mal soeben durch ganz einfache, schlagende Beweise zu zeigen, wo die Fahrt hinging, hätte mich nicht wirklich gewundert bei diesem Kraftpaket.

Ich erinnerte mich auch Jahre später nur mit Schaudern an unsere erste Begegnung im damals wohl sichersten Knast Frankreichs.

Ich hatte einen der Paten im Zuchthaus von Fleury-Mergois doch tatsächlich bloßgestellt nachdem er mich schon einen Tag nach meiner Ankunft auf dem Kieker hatte. In diesem Knast für besonders schwere Jungs, von dem manche wie von einem Deutschen Konzentrationslager sprechen, weil die ganze Prominenz der politischen Gefangenen Frankreichs mit ganz normalen Kriminellen so wie mir, dort vor der Öffentlichkeit weggeschlossen sind.

Nun gut, mein Zellennachbar Claude hatte mich dann nicht nur durch seine Statur, sondern zu allererst durch seinen absoluten Gerechtigkeitssinn und seine absolute Unbestechlichkeit vor weiteren Nachstellungen bewahrt.

Seit damals hielten wir zusammen wie Pech und Schwefel. Was schließlich auch unsere spätere geschäftliche Verbundenheit begründete.

Claude, pechschwarz und mit rechtem verkrüppeltem Arm, war ein Experte für moderne Diebstahlsverhinderer und ich mit meinem mir nachgesagten Verkaufstalent, hatten schon kurz nach dem Tode Francos, mit spanischen Autofans einen regen Austausch von Interessen angeleiert.

Ein gemeinsamer Kurzurlaub an der spanischern Atlantikküste brachte dann die ersten Kontakte mit Eta-Aktivisten, die Verbindungen nach Cuba aufgebaut hatten und hierdurch unseren Absatz von Luxuskarossen in dieses Arbeiter und Bauernparadies beschleunigte, in dem es wohl doch bei nicht wenigen von Fidel Castros Schranzen, jede Menge Dollars zu geben schien.

Nun gut, unser Geschäftsmodell sah den Austausch von Porsches und Ferraris gegen harte amerikanische Dollars vor.

Isabel leidete doch noch lange unter Heimweh und Claude mit seiner direkten, zupackenden Art, hatte wohl nicht immer die richtigen Worte parat, was nicht zuletzt auch an seinem schweren Sprachfehler zu liegen schien, der wie auf geheimnisvolle Art und Weise immer wieder zu verschwinden schien.

Ich hatte mich damals geirrt und musste mich doch tatsächlich dann irgendwann bei Claude entschuldigen, nachdem ich ihn wohl unbegründet beschuldigt hatte, Isabel geschlagen zu haben.

Diese Beiden gehörten einfach zusammen. Ein Gefühl welches ich schon immer hatte ohne es eigentlich begründen zu können.

Ganz im Gegenteil zu mir, der ich immer wieder nach den ersten überschwänglichen Gefühlen meinen neuesten Eroberungen gegenüber, schon sehr bald deren vermeintlich schwere Fehler in den Mittelpunkt meiner Überlegungen stellte, waren diese Menschen scheinbar füreinander bestimmt.

Hier jedoch erwuchs ein ziemlich großes Problem. Bestand zwischen Claude und mir früher stillschweigende Übereinstimmung, keine Weiber mit hineinzuziehen, gehörte Isabel schon recht bald zum Kreis der Eingeweihten, was mir auch bis Heute immer noch große Kopfschmerzen bereitete.

Weiber gehörten in Geschäfte nicht hineingezogen.

Doch in unserem neuesten Coup, war mir die Komplizenschaft Isabels mehr als nur Recht.

Bei der Verfolgung eines der vorbestellten Wagen, eines Maseratis der neuesten Ausführung, konnten wir feststellen, dass der Besitzer in einem Bürokomplex der Innenstadt abgestiegen war und Isabel konnte eine Woche später in der Kluft einer der Putzfrauen, spätabends einen Abdruck der Fahrzeugschlüssel machen und darüber hinaus, den Code der Wegfahrsperre auf einem Spezialchip speichern.

Zwei Stunden später in Orly, konnte ich dann endlich das Fahrzeug, beinahe wie selbstverständlich vom Parkplatz holen, wobei mir die Chipkarte eines der zuvor bestochenen Parkplatzmitarbeiter die Schranke für die Ausfahrt aus dem Parkhaus öffnete.

Und jetzt diese verdammte Stradivari!

„Die Geigen sind nur ganz selten versichert, Isabel. Die Händler die nicht selten Millionen verdienen bei ihren Geschäften, sind wohl nicht nur besonders geizig, sondern ganz besonders argwöhnisch und ich kann das schon verstehen. Stell Dir vor, dass irgendwo eine solche Geige angeboten wird und diese verschworene, aber untereinander sehr missgünstige Branche bekommt Wind davon. Hier geht es um ganz viel Geld. Diese Geige geht unter Umständen noch vor dem Verkauf durch viele Hände. Der Verkäufer sitzt meinetwegen in Florida, der größte und potenteste Händler aber sitzt in Chicago, der schickt die Geige gut verpackt doch unversichert, per Post nach Wien, wo in der Nähe ein Deutscher auf seinem Gutsherrenlandsitz residiert der gute Kontakte sogar nach Nordkorea unterhält. Drei Tage später sitzt unser Deutscher im Schnellzug nach Paris, wo er die Geige irgendeinem Interessenten zeigt, der darum bittet, diese in seinem Heimatland einem Virtuosen zu zeigen und diesem das Probespielen auf dem Instrument zu ermöglichen. Und das wirklich Interessante daran ist, dass dies alles ganz ohne Versicherung und nur auf das reine Versprechen hin ganz ohne Urkunden und Verträge funktioniert. Auf das Ehrenwort und alle halten sich daran.“

„Donnerwetter!“

Claude schaute mich nur an und hatte sich das Wort zwischen den Lippen hervorgepresst. In seinem Kopf hatte es wohl wieder angefangen zu rumoren.

„Die Interessenten sitzen auf der ganzen Welt und die Branche setzt auf Diskretion auf der ganzen Linie. Hier wird gehandelt, nicht gequatscht. Und vor allem werden Fehler nicht eingestanden, wie in unserem Fall die ganz große Dummheit, eine Fünfmillionengeige im Auto liegen zu lassen, bloß weil man sich die Wartezeit auf den Kunden mit einem Drink in der Vip-Lounge zu vertreiben gedenkt.“

Einen kurzen Augenblick lang schien es, als dass über Claudes Gesicht ein Lichtschein des Verstehens huschte, aber sofort wurde seine Mine wieder verschlossen.

„Nicht versichert, keine Kohle! Das Ding ist nicht zu verkaufen, oder?“

„Noch nicht versichert und darum Kohle ohne Risiko, Claude.“

Verständnislose Gesichter und diesen anzusehende Gedanken, versuchten in meine Gehirnwindungen einzudringen. Innerlich belustigt, musste ich ein wichtiges Gesicht machen, um nicht meine Überlegenheit zu früh ausspielen zu müssen.

„Was heißt noch nicht versichert? Willst du das Ding versichern, dir stehlen lassen um dann zu kassieren?“

„In der Branche sind mindestens dreißig Prozent Provision üblich, was einskommafünf Millionen bei dieser Barrere-Stradivari ausmacht, mindestens und uns Fünfhunderttausend und den Maserati inklusive der Originaldokumente bringt und einen Flug nach Brasilien. Ich denke Rio geht in Ordnung Isabel?“

Ich hatte mich an diese gewandt, um in Claude noch mehr Verwirrung zu pflanzen und damit meine Überlegenheit auf die Spitze zu treiben. Die Überlegenheit die ich hatte, seitdem ich heute früh die Anzeige gelesen hatte.

Wir hatten die Karre geklaut und zu einer Lackiererei gefahren, wo sofort die Sitze und das Lederinterieur ausgebaut wurden und die Karre zur Umfrisierung fertig gemacht wurde.

Dann der Anruf!

„Marcel, was soll mit der Geige geschehen? Ist die zu verkaufen?“

Der Lackierer hatte eine Frau, die auf dem Flohmarkt Marche d` Aligre mit verschiedenen Sachen handelte, Kleidung zumeist und diese bekundete nun Interesse an dem guten Stück, welches auf der Rückbank der Luxuskarre in einem sehr schäbigen Etui lag.

Ich jedenfalls hatte sofort einen Verdacht und war sofort hingesprintet!

Ich hatte dann die Geige mit nach Hause genommen und verdammte meine Sorglosigkeit sofort, als ich dann am dritten Tag nach dem Diebstahl, diese Anzeigen in allen französischen Tageszeitungen fand, die ich mir meinem Näschen wegen, gekauft hatte

Ein paar Worte nur!

„Meine geliebte Barrere, ich brauche dich dringend! Auch wenn dich nur Geld zu mir zurückbringt, verzichte ich gerne auf meinen Maserati! Ruf mich an unter… und hier folgte eine Pariser Telefonnummer, die doch, wie von mir schon vermutet, tatsächlich dem Kerl mit dem Maserati gehörte, zum Schluss stand da noch… mit lieben Grüßen, Bill!“

Barrere? Drei Stunden später wusste ich alles über eine Strad mit Namen Barrere! Eine Stradivari wird immer nach dem ersten Besitzer benannt. Diese Geige sollte sich schon längst in den Händen einer holländischen Stargeigerin befinden, an die sie verliehen werden sollte.

Das Internet machte es möglich!

Und nun lag sie auf meinem Schlafzimmerschrank und ich wusste bis dahin noch gar nicht, dass es sie überhaupt gab.

Ich war extra in einen Vorort gefahren, in dem ich in meinem Leben zuvor noch nie gewesen war und in das erstbeste Internetcafe gegangen und hatte angefangen zu recherchieren.

Und dieser verdammte Bill wollte sie unbedingt zurückhaben, koste es was es wolle!

Aus dem was mir das Internet erzählte, konnte ich mir meinen Reim machen.

Diese Geige sollte einer Holländerin zur Verfügung gestellt werden, da ein sehr großzügiger Sponsor dieser Weltklassegeigerin, dieser eine Stradivari zur Verfügung stellen wollte. Man wollte sich dann in Orly treffen.

Der Kontaktmann des Sponsors hatte sich wohl verspätet und der Mann mit dem Maserati bekam großen Durst. Da er Angst hatte, dass das wertvolle Instrument im Flughafen gestohlen werden könnte, ließ er sie einfach unter seinem Mantel verdeckt, im Maserati zurück. Beinahe hatte ihn der Schlag getroffen, als er dann mit dem Vertrauten des Sponsor im Schlepptau, das Parkhaus nach seinem Wagen absuchte.

Am Gare d` Sud hatte ich die in der Anzeige genannte Nummer gewählt, in Bereitschaft sofort aufzulegen, wenn irgendetwas krumm zu sein schien.

Der Kerl hatte sofort angefangen zu heulen, noch bevor ich überhaupt ein Wort gesagt hatte.

Ich verstand nur ein paar der Brocken englisch und das krude Französisch, was dann darauf folgte, war beinahe noch unverständlicher.

Ich hatte nach zehn Sekunden einfach aufgelegt und war dann mit der Metro zur Ille de France gefahren, von wo ich wiederum die Nummer anrief.

„Barrere Stradivari! One Million Dollars! No Police! Roger?“

Ich hatte wiederum, noch bevor eine Antwort erfolgen konnte, einfach aufgelegt und war nach Hause gefahren und hatte dann die Stradivari stundenlang liebevoll gestreichelt.

Um Punkt acht in der Frühe rief ich zum dritten Mal diese Nummer an und nun hörte ich genau zu, ohne etwas zu sagen.

„Zweihunderttausend Euro, oder welche Währung auch immer. Die Wagenpapiere und die Originalschlüssel sind die ihren! Ich bin überzeugt davon, dass es ihnen nur um den Wagen gegangen ist. Die Geige hat für sie keinerlei Wert und wenn sie sie zerstören, entgehen ihnen zweihunderttausend Euro und der Wagen wird als gestohlen gemeldet. Überlegen sie es sich!“

Er musste es sich wohl mithilfe eines Wörterbuches ganz genau aufgeschrieben haben und weil er es nun ganz langsam vorlas, verstand ich jedes Wort.

„Fünfhunderttausend in Rio! In vier Wochen! Wir melden uns!“

Ich hatte sehr leise und bestimmt gesprochen und sofort aufgelegt als ich den Zuhörer auf der anderen Seite schnaufen hörte und auch dass dieser Jemand zu einer Antwort ansetzen wollte. Auf die Papiere konnte ich beruhigt verzichten, doch diese Tüte voll Euros würde meine Zukunftsängste doch wie die Polkappen, ganz gewaltig schmelzen lassen.

„Und wie soll es jetzt weitergehen? Fliegen wir nach Rio und kassieren die Euros und machen uns ein paar schöne Tage an der Copacabana, oder wie, Marcel?“

Isabel holte mich zurück in die Wirklichkeit.

„Werte Isabel wir machen gar nichts! Wir warten ab was passiert und glaubt mir, es passiert mit ziemlicher Sicherheit mehr, als uns nur lieb sein kann.“

Bei diesen Worten schloss ich den Deckel des Geigenkoffers und machte mich zum Gehen bereit. Wie recht ich doch damals gehabt hatte, wie mir nun ziemlich klar ist!

Mit großen Augen schauten Claude und Isabel mir nach und mir kam es vor, als dass sie nun ganz bestimmt an meinem Verstand zweifeln mussten.

Der Handel mit wertvollen Geigen ist ein Geschäft von dem wohl die gesamte Weltbevölkerung, mit Ausnahme von vielleicht etwa fünfzehn, aber bestimmt nicht mehr als zwanzig Figuren weltweit, keinerlei Kenntnisse haben dürfte.

Hier handelt es sich um einen Markt, der sich nur durch eine ganz drastische Art von Verknappung der angebotenen Artikel selber am Leben erhält.

Jeder der angebotenen Artikel ist der kleinen Anzahl von Aktiven beinahe persönlich bekannt. Jeder des exklusiven Zirkels kennt die augenblicklichen Besitzer, oder die von möglicherweise unbekannt bleiben wollenden Sponsoren beglückten, angehenden oder schon etablierten Weltklassegeigern, der nach dreihundert Jahren noch immer excellenten Instrumente.

So kommt es, dass jede Bewegung im Markt, diese Gemeinschaft von immer auf dem Sprung zu sein scheinenden Händlern in Erregung versetzt.

Sollte es nun mal zu einer Störung dieser Welt in irgendeiner Weise kommen, kann diese nicht sehr lange verborgen bleiben. Und hierauf hatte ich meinen kleinen Plan aufgebaut.

Bill würde nicht wollen, aber er musste still halten. Denn würde bekannt, dass seine Barrere geklaut wurde, könnte er sich getrost zur Ruhe setzen und ich nahm nicht ganz ohne guten Grund an, dass sein Ruhestand nicht der Komfortabelste sein würde, da wohl die Regressforderungen der rechtmäßigen Eigentümer der Barrere, sein Portofoil ganz schön schrumpfen lassen würden.

Fünf Millionen Euro sind beileibe kein Pappenstiel, auch für den wohl größten Stradivarihändler der Welt, der Geigen im Wert von geschätzt über fünfzig Millionen Dollar in seinem Tresor in Chicago aufbewahrt. Wobei diese ihm noch nicht einmal schon gehören mussten.

Und der dann eine Geige, die noch nicht einmal ihm gehört, in seinem Wagen auf dem Rücksitz liegen lässt.

Der Mann wäre kastriert, schlimmer noch als das, er bekäme nie mehr irgendein Instrument angeboten. Der wohl größte anzunehmende Unfall, der Supergau schlechthin!

Eine Bewegung kommt auf alle Fälle in den Markt sobald irgend jemand bei einem im Ring der zwanzig Händler um ein Gutachten nachfragt, sei es einer Versicherung wegen, weil ein Instrument auf Reisen geht, was ganz bestimmt auf Veräußerungsabsicht schließen lässt, oder weil sich Erben der vererbten Schätze nicht sicher sind und außerdem auch noch das Finanzamt auf einer Klärung des Wertes besteht.

Die nächste Bewegung würde nun in den Markt kommen, wenn Bill jetzt eine Versicherung für die Barrere abschließen würde und er das gute Stück gar nicht vorlegen könne, damit ein Wertgutachten erstellt werden wird.

Doch nach allem was ich herausgefunden hatte im Internet, waren die Versicherer sowieso nur an der ziemlich happigen Prämie interessiert und glaubten eigentlich gar nicht so recht, dass ein Dieb so blöd sein könne, eine nur sehr schwer verkaufbare Geige zu klauen.

Na die kannten Frankreichs Autodiebe eben auch noch nicht!

Wir hielten dann abwechselnd vor Bills Büro Wache um dann nach weiteren zwei Tagen, die Abreise Bills mit Genugtuung zu beobachten. Er war tatsächlich zurück nach Chicago geflogen. Ich wusste, er würde jetzt die Geige in Amerika für die Reise nach Europa versichern, um in drei Wochen mit einem wohl minderwertigeren Ersatz zurückzukommen und wir würden danach irgendwo, möglicherweise sogar in Rio, den Austausch vereinbaren.

Die Stradivari hatte ich derweil in einem Airport-Schließfach in Orly deponiert. Der Schlüssel hierzu war gut bei Christin im Bad versteckt. Sie ahnte nichts und das war auch gut so! Ich schämte mich beinahe für meine Niedertracht! Denn falls wir aufflogen, würde auch der Verdacht auf Christin fallen und die Schmiere würde meine sie entlastende Aussagen, auch nur unter Schutzbehauptungen eines hochgradigen Lügners abheften.

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Ich hatte mich vor kurzem mit der ganz reizenden kleinen Christin angefreundet, die ich in Havanna kennen lernte und die sich dann auf unserem gemeinsamen Rückflug nach Paris, als Stewardess der Air France herausstellte. Sie hatte genau wie ich, in einem Kurzurlaub in Cuba ein wenig ausgespannt und wir kamen uns auf einer gemeinsamen Busfahrt zum Pinar del Rio ein wenig näher.

Christin war eine ganz reizende Person, die vermuten musste, dass mein Business tatsächlich meiner Scheinexistenz nach, in einer ganz legalen Tätigkeit des Importes von Zigarren aus Cuba lag.

In den nächsten Wochen waren ich und Claude mit Isabel im Schlepp, damit beschäftigt, unsere verschiedenen Beziehungen zu pflegen.

Wir ließen uns in den angesagtesten Clubs der Stadt sehen, wobei wir scheinbar aus alter Gewohnheit immer wieder Ausschau nach Edelschlitten hielten. Wir waren wohl alle drei noch nicht so ganz davon überzeugt, in absehbarer Zeit aus unserem bisherigen Geschäft aussteigen zu können.

Man wusste ja nie!

Endlich waren die vier Wochen vergangen und ich fand die mit Bill vereinbarte Anzeige im Paris-Soire im Kontaktteil.

„Amerikanischer Musikstudent (Violine)sucht französische Mitmusiker, die an italienischen Instrumenten und Musik aus drei Jahrhunderten interessiert sind und die gerne in einem Streichquartett musizieren wollen. Telefon ……..blablabla………..Bill!“

Der Maserati befand sich natürlich schon längst auf dem Weg nach Dubai und die Papiere dafür würden auch in Zukunft wieder zu einem ganz anderen Fahrzeug passen müssen, wenn jetzt in den nächsten Tagen nur alles klar ging, als ich Bill anrief.

Ich war mit der Metro in einen mir eigentlich auch nur namentlich bekannten Pariser Vorort gefahren, um ihn erneut von einem öffentlichen Telefon aus anzurufen.

Bill war völlig aufgekratzt und es schien mir, als dass er so etwas wie sein Glück auch auf mich zu übertragen versuchte.

Seinem natürlich immer noch miserablen Französisch konnte ich mit ein wenig guten Willens, so etwas wie eine gewisse Verbundenheit, sozusagen eine sehr geheimnissvolle Verschwörerverbundenheit entnehmen.

Durch den, durch Bill und unseren Diebstahl nun nachträglich scheinbar zwangsläufig angeleierten Versicherungsbetrug, waren wir jetzt tatsächlich so etwas wie Komplizen, aber unsere Komplizenschaft beruhte tatsächlich nur auf einer sehr einzigartigen Tatsache.

Ich hatte eine Stradivari und Bill würde eine und eine halbe Million bei dem Verkauf dieser kassieren und uns nun gezwungenermaßen, ein Drittel davon auf ein Liechtensteiner Nummernkonto überweisen. Die Versicherung würde ohne es zu wissen und daher auch ohne zu murren, die ganze Transaktion finanzieren!

Ich fand, das wäre ein sehr fairer Deal!

„Marcel ich fliege ab Übermorgen, dem 25. wieder die Nordatlantic-Route . Meine Kolleginnen Jaqueline und Francine sind nicht rechtzeitig aus dem Mutterschaftsurlaub zurückgekommen und die France hat beschlossen, dass ich umsteigen solle, da es jetzt ziemlich eng wird mit dem Service. Ich hab natürlich sofort zugesagt. Ich habe mich doch schon immer wieder zurückgesehnt nach New York und das bisschen Mehrarbeit auf dieser Strecke, macht mir nichts aus.“

Cristin war beinahe unbemerkt von mir im Badezimmer aufgetaucht, wo ich mir gerade die Stoppel vom Kinn kratzte und daher ihren flüchtigen Kuss auf meine Wange gar nicht sofort beantworten konnte.

„Du bist glücklich Schatz und wirst Südamerika nicht auch sehr vermissen?“

Ich wischte mir den Schaum vom Kinn und sah sie an. Christin legte ihre Stirn in Falten und wirkte aber trotzdem auf mich wie ein hilfloses Kind.

„Doch schon, gerade weil ich nun ganz gut vorwärts gekommen war mit meinem Spanisch und mein Englisch doch schon wieder sehr eingerostet ist. Der erste Flug, die 4590 geht nach New York.“

Christin hatte wieder ihr Strahlen aufgesetzt und ich bekam ganz plötzlich die rettende Idee! Die Falten auf ihrer Stirn und meine seit Wochen tief in mir grummelnden Sorgen, waren auf einmal schlagartig verflogen.

Ich hatte also Bill angerufen und ihm die ganz klaren Anweisungen gegeben.

Die Geige würde sich also in dieser Maschine auf dem Weg nach New York befinden und die Tatsache, dass sie vom hoffentlich in Stradivaris unbedarften Zoll in New York zum Crewgepäck gezählt werden würde, dürfte sich einiges für mich und natürlich auch für Bill erheblich angenehmer gestalten. Bill würde natürlich nur die Hälfte meines Planes kennen, die ihn wirklich etwas anging.

Wenn ich dem Kerl wirklich vertrauen könnte, den ich natürlich nie persönlich getroffen hatte, würde von uns in Vaduz Kasse gemacht und auch Bill würde wenig später ein Riesenstein vom Herzen fallen müssen und alle könnten freundliche Gesichter machen, zuallererst ich.

Claude und Isabel wären in Vaduz in einem Sporthotel eingemietet um das Liebespaar zu mimen, was ihnen sicherlich nicht allzu schwer fallen dürfte, während ich die Geige in einem Gepäckfach im J.F.K.-Airport deponierte. In einem anderen, mir noch nicht bekannten Schließfach würde dann der Zettel mit der Kontonummer liegen.

Je eine unnummerierte Kopie der Original-Schlüssel würden sich schon seit Tagen in Bills als auch den meinen Händen befinden, dafür würden Bill und ich gesorgt haben und über die Lautsprecher in der Ankunftshalle würden in Abständen von etwa einer Stunde, immer wieder ein bestimmter Monsieur Delarre, als auch ein Mister Hunter ausgerufen, die sich doch bitte im Airport-Hotel einfinden sollen, da sich „die Abfahrt der Limo um möglicherweise 107, oder auch ca160 Minuten verschieben könnte“ und wenn man nun wissen würde, dass zu beiden dann genannten Zeiten einfach dreihundert hinzugezählt, oder meinetwegen auch abgezogen werden müsse, hätte man genau die korrekten Schließfachnummern, was natürlich außer Bill und mir niemand ahnen konnte. Nun gut, ein klein wenig Suchen würde mir aber auch Bill nichts ausmachen dürfen. Würde Airport-Hotel ausgerufen, wären Zettel oder Geige in der Abflughalle deponiert, Wenn ein ganz anderes Hotel genannt würde, befänden sich die Tauschobjekte natürlich ganz wo anders in einem Schließfach, wobei ich ein Koordinatensystem aus einem Stadtplan kopierte und wir beide je eine Kopie in Händen hielten, nach unserer gemeinsamen Ankunft in New York.

Ich hatte mir sehr viel Mühe gemacht, bei meinem Plan!

Da ich vor zwei Tagen mit Air France einen Kurztripp nach New York hinter mich gebracht hatte, war ich jetzt immer noch ganz groggy vom Jetlag.

Ich lag auf dem Bett und starrte zur Decke und überlegte, ob noch Zeit genug für ein ausgiebiges Frühstück wäre. Christin war schon in Charles de Gaulle. Sie wollte ihrem Ehrgeiz geschuldet, noch vor ihrer neuen Crew am Start sein und noch etwas Wichtiges erledigen.

Ich entschied mich gegen das Frühstück und stattdessen für ein entspannendes Wannenbad.

Diese verdammte A1!

Ich saß fest, kein Zweifel. Hier ging nichts mehr. Dieser verdammte Verkehr! Die Abfahrt Nummer 6, der Zubringer zum Terminal, dürfte nur noch etwa fünf Kilometer entfernt sein und wenn ich nun diese verdammte Karre hier einfach abstellen würde, könnte ich doch versuchen, noch rechtzeitig zu Fuß zur Abfertigung zu kommen. Mir graute schon vor dem, was nun kommen würde.

„Was schon 14 Uhr? Noch knappe zweieinhalb Stunden bis zum Start.“

Ich hatte schon zum bestimmt zwanzigsten Male auf meine Uhr geschaut, laut gedacht und noch lauter geflucht und dabei enttäuscht feststellen müssen, dass ich scheinbar absolut nicht vorwärts kam.

Hatte ich vorhin noch gehofft, dass ich hier irgendein Taxi anhalten könne, auf der Straße die parallel zur Autobahn verlief, musste ich die Hoffnung hierauf schon sehr bald wieder aufgeben.

Hier auf der Rückseite des Airports fuhren wohl keine Taxis. Und wenn schon, dürften diese besetzt sein, weil mit Flugpassagieren auf dem Weg zum Terminal.

Ich war aus einem schnellen Gehen in einen leichten Trab gefallen. Was konnte ich bloß noch tun, außer es irgendwie zu versuchen, rechtzeitig am Abflugschalter zu sein. Um meinen Flieger nicht zu verpassen, musste schnellstens ein Wunder her!

Air France war immer bemüht, die angekündigten Abflug- und Ankunftszeiten ganz pünktlich einzuhalten und Christin hatte mir mal ganz ausführlich erklärt, dass das natürlich ganz besonders für die Nordamerika-Route galt, dem Sahnehäubchen auf der Krone der Grande Nation.

Trotz meines schweißtreibenden Zotteltrabs wollten diese verdammten Kontrolltürme nicht näher kommen. Ich lief nun schon seit einer Ewigkeit auf dieser Nationalstraße neben dem wohl fünf Meter hohen Metallzaun her, der das Flughafenareal nach Außerhalb begrenzte, ohne dass sich mir von irgendwoher überhaupt, irgendein fahrbarer Untersatz genähert hätte, den ich notfalls mit Gewalt hätte kapern können, als ich plötzlich von hinten etwas hörte, welches dem Motorengeräusch eines Traktors sehr nahe kam.

Das erhoffte Wunder?

Ich war sofort mitten auf die Straße gesprungen, um mit beiden Armen rudernd, den Fahrer dieses Gefährtes zum Stopp zu zwingen.

Es war ein etwa fünfzehn Jahre alter Junge, der dann mitten auf der Straße anhielt und an die Krempe seines Schlapphutes tippte, wohl um so etwas wie einen militärischen Gruß anzudeuten.

Er hatte eine Plexiglasscheibe aufgeschoben und fragte lauthals, wohl um den Krach seines Diesels zu übertönen, ob er mich irgendwohin mitnehmen solle.

„Charles de Gaulle! Ich muss zum Airport!“

Statt einer Antwort zeigte er auf die rechte Seite der Fahrerkabine, wo sich eine Klapptüre befand. Ich war noch ganz außer Atem, als ich die Leiter hochgeklettert war und dem Bengel meine Hand hinstreckte.

„Claude, ich bin Claude! Freundlich von ihnen mich mitzunehmen. Ich muss meine Maschine kriegen. Meine Karre steht unten auf der A1 und ich habe wohl falsch gelegen, weil ich gedacht hatte, ich könnte zum Terminal rennen. Dieser Flugplatz ist ja riesig.“

Der Junge lachte nur und ließ die Kupplung kommen, so dass der John Dere einen Satz nach vorne machte und ich hierdurch auf den Beifahrersitz über dem rechten Rad plumpste.

„Joseph, ich bin Joseph und ich muss mit dem Traktor nach Chevesse um unseren Anhänger aus der Werkstatt zu holen, Sie können bis dahin mitfahren und von dort sicher ein Taxi zum Terminal nehmen. Sind dann nur noch ein paar Minuten, wenn ein Wagen frei ist.“

Ich schaute mir Joseph an und zuckte die Schultern, als ich die Zigaretten wieder in meine Manteltasche schob.

Nachdem ich ihm eine angeboten hatte und er den Kopf geschüttelt hatte, verzichtete ich auch, mir eine ins Gesicht zu stecken.

„Rauchen Sie ruhig, tut Papa auch immer!“ Ich schüttelte nur gedankenverloren den Kopf.

„Marcel, ist das nicht schrecklich? Ich kann es noch gar nicht glauben! Ich habe sie alle gekannt! Die ganze Crew! Alle tot! Und ich dachte, du währest auch……!“

Weiter war sie nicht gekommen, da sie in Tränen ausgebrochen war.

Christin hatte mich gerade auf meiner Bank im Terminal wohl eher zufällig gesehen, als sie vom Air France-Schalter aus, die Halle des Terminals durchquerte.

Sie hatte sich ohne ein Wort auf mich gestürzt und mich dadurch aus tiefster Nachdenklichkeit gerissen.

Ich konnte gar nichts sagen.

Ich sah sie nur an, unfähig, das von ihr soeben Gesagte zu verstehen.

Was genau hatte sie gesagt und warum, verdammt noch mal, war sie hier in der Halle, anstatt in fünfzehn Kilometern Höhe den Passagieren der Air France auf dem Flug nach New York einen Chablis oder Dom Perignon zu servieren? Und verdammt, wo war diese verschissene Geige, wenn nicht mit Christin in dieser verdammten Kiste?

Und warum, zum Teufel saß ich nicht auch mitten unter diesen Passagieren und träumte von ihr und mir in Rio? Und verdammt um alles in der Welt, was hatte eigentlich dieser plötzliche Krach und diese Blaulichter da draußen und dieses aufgeregte Gerenne von Uniformen hier in der Halle zu bedeuten?

Nun gut, ich hatte eines verdammten Wannenbades wegen und weil ich dabei des verdammten Jetlags wegen eingepennt war und weil der verdammte Verkehr um Charles de Gaulle mal wieder zum Erliegen gekommen war und weil mich dann Joseph zwar bis beinahe zum Terminal gebracht hatte nachdem ich ihm zwei Hunderter gab, an der Abfertigung hören müssen, das ich zu spät dran war.

Nun gut dann eben Plan B!

Plan B sah für vorliegendes Szenario vor, dass es Christin wäre, die an meiner statt die Geige in das Schließfach legen würde um mich dann sofort hier in Charles de Gaulle anzurufen, worauf ich dann meinerseits in J.F.K. anrufen würde um Mister Hunter die Verspätung der Limo melden zu lassen.

Christin nun würde mich danach wiederum an der Air France-Abfertigung anrufen, um mir die Nummer für Monsieur Dellare mitzuteilen, die ich dann Claude und Isabel nach Vaduz durchgäbe.

Vier Tage später würde an der Copacabana eine Riesenfete starten, weil sich ein Streichquartett aus Paris, ganz plötzlich für den Samba zu interessieren begänne.

„Die Geige? Du hast die Geige? Was hast du gesagt? Alle tot? Wer ist tot? Was genau soll das bedeuten? Bill sitzt doch in der verfluchten Maschine!“

Christin war weis wie der Sand von Rio. Sie hatte verheulte Augen. Die Wimperntusche hatte sich schon auf den Weg zu ihrem Kinn gemacht und Ihr sonst sehr dezent aufgetragenes Make up, sah beinahe zum Fürchten aus.

Ich sah sie nur wortlos an, unfähig etwas zu fragen.

Sie nickte heftig.

„Alle tot, da kann es überhaupt keine Überlebenden geben. Die Maschine hat gebrannt und ist gerade an der Abfahrt 6 neben der A1 abgestürzt und ich hätte an Bord sein müssen.“

„Was sagst du da?“

Ich konnte nicht glauben, was ich hörte!

„Marcel, sie sind alle tot! Alle Passagiere und die Crew Und mein Gepäck war auch an Bord!“

„Dein Gepäck, sagst du? Und warum warst du….ich meine…was ist dazwischen gekommen? Du bist nicht an Bord, obwohl du es eigentlich sein solltest.“

Ein Rätsel! Christin, die sich auf den Flug nach New York so gefreut hatte, dass sie sogar vier Stunden vor ihrer eigentlichen Einsatzzeit zum Airport gefahren war, schien ebenso diesen Flug verpasst zu haben, obwohl, sie sagte eben doch,…….dass ihr Gepäck…..sich an Bord befand?

Ich schaute sie nur an und hoffte, dass sie sich beruhigen würde und mir meine Fragen beantworten könne.

Ich zog ein Taschentuch hervor und versuchte damit ihre Tränen und die verlaufene Schminke wegzuwischen, was aber die Lage nur noch verschlimmerte. Jetzt hatte ich ihr Gesicht total verschmiert und sie war beinahe an meiner Schulter zusammengebrochen.

„Die Amerikaner! Die Amerikaner haben mein Permit gekanzelt. Ich hätte zuviel Cuba-Einreise-Stempel im Pass und mein Nachname ließe keine klare Abgrenzung zu Amerikas Feinden zu und überhaupt bräuchte die Amerikanische Botschaft überhaupt keinerlei Begründungen für eine Visaverweigerung geben, sagte die Frau in Versailles. Und weil sich das hier beim Briefing keiner so richtig vorstellen konnte und die Disponenten immer noch an ein Versehen glaubten, wurde mein Gepäck schon an Bord geschafft.“

Die Amerikaner mit ihrer verdammten Paranoia, sahen überall Feinde und befürchteten hinter jedem Flugzeug einer ausländischen Airline ein Komplott gegen ihr Land.

Nachname? Castro! Christin Castro! Geboren in der Schweiz, Eltern Franzosen spanischer Herkunft, aufgewachsen in Lausanne, seit sieben Jahren bei der Air France auf beinahe allen Routen unterwegs, auch nach Nordamerika. Natürlich Französin, ihr Scheißamis!

„Melanie eine Deutsche, wurde statt meiner auf die Nummer gesetzt und ich hätte dafür morgen nach Rio gemusst. Marcel, ausgerechnet Rio. Melanie kannte ich vorher noch nicht, bevor sie mir heute Mittag versicherte, sich liebevoll um mein Gepäck in New York zu kümmern, das nun natürlich auch nicht mehr ausgeladen werden konnte, so kurz vor dem Start. Melanie war erst kurz vorher mit einem Airbus aus Ottawa gekommen und ihre Papiere waren in Ordnung. Sie hatte sich darum sehr gefreut! Es war ihr erster Einsatz auf der Concorde.“

Ich sah Christin an. Dann drückte ich sie ganz fest an mich, unfähig auch nur ein Wort zu sagen.

(C) Streichquartett A. Susini Februar 08

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