Verdikt

Ich werde mich wohl doch noch ändern müssen.
Morgen vielleicht!
Der heutige Tag wird mir dann als derjenige in Erinnerung bleiben, an dem sich alles und doch nichts verändert hätte
Ich selber möglicherweise schon, nur nicht meine Umgebung.
Diese brauchte sich auch nicht zu ändern
Wenn nur ich mich änderte, würde es schon Verbesserungen bedeuten
Für alle
Auch für mich.

Der Schließer öffnet das kleine Guckloch
Seine Stimme befiehlt mir, mich sofort in der Mitte des Raumes gut sichtbar zu präsentieren
Er wird, bevor ich nicht für ihn gut sichtbar bin, die schwere Stahltüre mit den mächtigen Riegeln nicht öffnen und meinen Entschluss, die Nahrungsaufnahme zu verweigern, damit nur noch bekräftigen können.
Ich bleibe also auf meiner Matratze liegen und starre weiterhin zur Decke.
Morgen werde ich diesem Befehl, der für mich in den letzten Tagen eher wie eine Beschwörung klang, wahrscheinlich folgen, weil sich ja alles ändern würde
Nur noch diesen einen Tag werde ich meinen Dickkopf ausleben, obwohl ich schon jetzt die Folgen des Entzuges spüre.
Nicht des Entzuges nahrhafter Suppen
Denn darauf beruht die Knastverpflegung zum größten Teil
Suppen, die in Zinkgeschirr, meist undefinierbar was ihre Zusammensetzung angeht, bei den übrigen Gefangenen möglicherweise trotzdem auf Begeisterung stoßen.
Morgen werde ich vielleicht, diesen vagen, unscharfen Gerüchten nachgehen!

Vor etwa einer Woche muss es mir passiert sein
Passiert, dass mich die Schergen der Stadtverwaltung auf der Strasse aufgriffen und hier in die Kassematten dieser alten Trutzburg aus längst vergangenen Tagen, ach was Jahrhunderten, einlieferten und mir damit tiefen Einblick in ein mir bisher verborgen gebliebenes Terrain meiner geliebten Heimatstadt gewährten.
Diese nicht ganz so neue Gesetzgebung hatte zunächst einen Bauboom im ganzen Land ausgelöst und lediglich der Umstand, dass unsere Stadt nicht über die notwendigen Mittel zu einem Gefängnisneubau verfügte, lies diese uralte, zuletzt als Kaserne genutzte Festung, zu einer nun nicht gerade modernen Beherbergungsstätte für Straftäter wie mich werden.

Sie hatten mich im Stadtpark erwischt, dem wohl bekanntesten Treffpunkt unbelehrbarer Geister, wie ich vermutlich nun mal einer war.
Sie hatten, sofort als sie meiner ansichtig wurden, ihre mit Elektroschocker ausgerüsteten Gummiknüppel aus irgendeiner der Falten ihres Gehrockes gezogen und eine so unmissverständliche Haltung eingenommen, die eine Gegenwehr als überaus unangebracht erscheinen lies.

Seltsam, dass diese Schergen meist weiblicher Natur waren
Männer in der Uniform der Kontrollbehörden fuhren wenn überhaupt, dann meist die Gefangenentransporter mit den festgesetzten Übeltätern zum Absitzen ihrer Strafen in die Gefängnisse
Eine Regelung, die mir seltsam und sehr von Gestern vorkam.

Eine alte Gewohnheit, ein Relikt längst vergessener Tage, hatte mich im “verbotenen Bereich” zu meiner Tat veranlasst
Einer Tat, die wenn überhaupt, nur im völlig privaten Bereich und nur in Anwesenheit der nächsten Familienangehörigen und dann auch nur mit derer ausdrücklicher Genehmigung straffrei bleiben würde.
Der verbotene Bereich war früher meist mit eindeutigen Symbolen gekennzeichnet, was aber aufgrund sich ständig verschärfender Gesetze bald als völlig überflüssig angesehen wurde, weil schließlich die gesamte Stadt zum verbotenen Bereich erklärt wurde.

Morgen würde ich meine erste von vermutlich unzähligen Wassersuppen probieren.

Wie hoch genau die Strafe ausfallen könnte, würde mir noch nicht mal mein Rechtsanwalt verraten, weil so genannte Deals, in der Rechtssprechung eigentlich durchaus üblich, bei meinem Vergehen streng verboten waren.
Leute meines Schlages, Unbelehrbare also, sollte die ganze Härte des Gesetzes treffen.
Unbelehrbare nannte man uns Gesetzesbrecher
Leute, die trotz besseren Wissens auf alten Bürgerrechten bestanden, die nun plötzlich als Vergehen mit strenger Strafandrohung geahndet wurden.
Uns, die wir sozusagen einmal nicht aus unserer Haut konnten, mehrheitlich auch meist gar nicht wollten.

Umerziehungslager nannte man diese Einrichtungen für besonders renitente Gesetzesbrecher, zu denen ich als Gelegenheitstäter wohl doch noch nicht zu zählen schien
Um mit einer geringeren Zahl an Tagen davon zu kommen, sollte ich einfach den großen Unbekannten vor Gericht erfinden, der mir gegen meinen erklärten Willen eine angeboten hatte und da ich nicht so sehr in der Materie drinsteckte, als vermeintlicher Gelegenheitsraucher, würde ich vom Richter einen kleinen Rabatt erwarten können
So jedenfalls mein Verteidiger, den meine liebevolle Gattin sofort zu mir geschickt hatte
Dieses würde allerdings auch letztendlich bedeuten, dass ich irgendjemanden beschreiben müsste, was wiederum bedeutete, dass vermutlich Unschuldige, die üblichen Verdächtigen eben, mit den Schergen zu tun bekämen.

Ich hatte mich daher entschlossen, dem unfreiwilligen Aufenthalt hier im Bunker, den größtmöglichen Nutzen abzugewinnen
Dem Verbrennen von Körpergewicht, bei gleichzeitiger Verringerung von Nahrungsaufnahme.

Sofort als sich das Kläppchen geschlossen hat, nehme ich wieder meine Übungen auf.
Diesmal würden es wohl fünfzig werden
Fünfzig Liegestütze am Stück, dann kleine Pause und noch mal von vorne.

Vom Gesetzesbrecher zum Supermann, in fünfzig Tagen? So jedenfalls das voraussichtliche Strafmaß, wenn der Anwalt letztlich Recht behielte.
Vom Raucher zum Arnold-Double, wenn es denn wirklich gelänge?
Gutes Gesetz, welches Alkohol- und Tabakmissbrauch in der Öffentlichkeit strikt verbot.
Seit ein paar Jahren!

© Antoine Susini August 2008

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