Zeit zu gehen

„Zeit zu gehen“… so hieß es zu Silvester für das alte Jahr 2006.

Aber nicht nur fürs Jahr 2006.

„Zeit zu gehen“ hieß es auch für Saddam Hussein, der noch kurz vor Jahresende mit dem Strang hingerichtet wurde, womit der Spirale der Gewalt zusätzlicher Anstoß gegeben wurde.

Der Ex-Diktator stand zwar zu Recht vor Gericht und musste für seine grausamen und menschenverachtenden Taten verurteilt werden, aber

die Todesstrafe ist durch nichts zu rechtfertigen!

Nur wenn man die Kette von Tod und Rache beendet, gibt es eine Chance, etwas Neues zu beginnen. Die Vollstreckung von Todesurteilen ist kein Zeichen für Rechtsstaatlichkeit, sondern ein Symbol von Rache und Gewalt.

Die Todesstrafe ist ein Widerspruch in sich. Mit der Strafe soll ja gerade dokumentiert werden, dass es ein Unrecht ist, Menschen zu töten.

Sie ist nicht nur kurzsichtig, dumm und eine Niederlage der Menschenrechte, sondern eine Schande und verpasste Chance für alle beteiligten westlichen Demokratien.

Denn nun steht zu befürchten, dass dieser Vollzug noch mehr Hass, Chaos und Tod im Irak erzeugen wird. Millionen Menschen im Irak und darüber hinaus werden Saddam Hussein jetzt nicht wegen seiner grausamen Verbrechen in Erinnerung behalten, sondern wegen seines vermeintlichen Märtyrertodes.

Aber nicht nur wegen dieser Spirale der Gewalt und des niemals enden wollenden Krieges, zeichnet sich bei mir seit ein paar Jahren eine gewisse Silvesterantipathie ab.

Brauchtum hin oder her – ich war nie ein Mensch, der gerne an großen und lauten Festen teilnahm, weil mir Lärm in jeglicher Form zuwider ist. Laute Dinge, seien es nun Maschinen, Raketen oder Menschen waren mir seit je her ein Gräuel. Zudem tun mir alle Tiere leid, für die jede Silvesternacht erneut einem Weltuntergang gleich kommen mag.

Auch der Überschwang an Alkoholkonsum, das sinnlose Besäufnis und dieses irgendwie stantepede, ja beinahe erzwungene „Gute-Laune-haben“ und „Lustig-sein-sollen“ in dieser Nacht, löst bei mir eine regelrechte Widerwärtigkeit aus.

Pervers erscheint mir dann immer wieder das laute Feiern mit Raketen und Krachern, gibt es doch nicht unweit von unseren Grenzen Kriege, deren Bevölkerung sich nicht sehnlicher herbeiwünsch als Ruhe und Frieden.

Dieses Bild das man zu Silvester in einer Zeitung sah, gibt einem doch nachzudenken…

…mir zumindest – den meisten Leuten anscheinend nicht;

denn wieder gab es ein deutliches Umsatzplus bezüglich Verkauf von Raketen und Böllern.

Unglaubliche 8,5 Millionen Euro gingen dieses Mal zu Silvester in Schall und Rauch auf.

Traurigerweise – wie ich finde, könnte man doch jenes Geld für diese sinnlose Knallerei, anderweitig und viel besser verwenden.

Auch wenn dieses Jahr mit 6 Millionen Euro für Licht ins Dunkel ebenso ein Plus an Spenden gegenüber steht, so ist es doch bedenklich, dass wir Österreicher um fast ein Drittel mehr für Raketen und Knaller verpulvern, als wir bereit sind, bedürftigen Menschen zu geben.

Leider stehe ich mit dieser Einstellung zu Silvester meist ziemlich alleine da. Trotzdem ließ ich es mir heuer nicht nehmen, ganz dem „Silvestertrend“ entgegengesetzt – alleine ins Kino zu gehen, um einen ganz bestimmten Film zu sehen, auf den ich jetzt näher eingehen werde.

„Zeit zu gehen“… so hieß es nicht nur für das Jahr 2006 und Saddam Hussein, sondern so hieß auch jener Film, den ich mir zu Silvester im Moviemento-Kino Linz zu Gemüte führte.

Gezählte 14 Menschen – davon nur 3 männliche, durchwegs älter als ich – entschieden sich auf jene etwas unübliche Art und Weise den Vorabend zum Jahreswechsel zu verbringen.

„Zeit zu gehen“ ist ein kleiner österreichischer Dokumentarfilm über das große Tabu unserer Zeit: das Sterben. (siehe auch auf www.zeitzugehen.at)

Und wie so oft im Kino steht die „Größe“ eines Werks auch hier in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Bedeutung. Dieser Film zeigt, was niemand so besonders gerne sehen mag, und das mit einer Klarheit und Genauigkeit, die jedem falschen Sentiment zuvorkommt:

Sterben als Teil des Lebens.

Anita Natmessnig und ihr Team nahmen 3 Monate am Alltag im Hospiz Rennweg teil,

eine 12-Betten-Station, wo das Sterben als natürlicher Teil des Lebens akzeptiert wird.
Der Film zeigt, wie 6 unheilbar krebskranke Menschen die letzten Wochen und Tage ihres Lebens verbringen. Er macht Sterbende sichtbar und hörbar und dabei wird letztlich deutlich:

Im Angesicht des Todes geht es vor allem um das Leben.

Der Film beschreibt mit großer Aufmerksamkeit dieses allmähliche Verblassen bis hin zum Erlöschen und dem Einschlafen in einer milden Nacht als aktiven Prozess, als ein entschlossenes Atemschöpfen für ein nochmaliges Erwachen an einem starken sonnenfrischen Herbstmorgen, jeder Atemzug ein Kampf gegen den sterbenden Körper, aber auch ein Zeichen, sich noch nicht geschlagen zu geben, immer aufs Neue die Liebe, die Erinnerung, das Leben dagegenzusetzen.

„Zeit zu gehen“ … einen schöneren Titel hätte die Regisseurin nicht finden können.

Einerseits müssen jene 6 unheilbar krebskranken Männer und Frauen Abschied nehmen. Andererseits geht es ums Zeit haben – Zeit für Dinge, die einem wichtig sind.

„Lassen S’ Ihnen Zeit“, sagt jemand zu Frau Reisinger, die gerade ihre Suppe löffelt – und es ist nicht umsonst der letzte Satz des Films, illust­riert von einem Windrad, das sich immer schneller dreht.

„Zeit zu gehen“ hieß es dann nach 95 Minuten auch für die 14 gezählten Zuschauer.

Abschied nehmen von den „Hauptdarstellern“ des Films – ganz wie im richtigen Leben.

Abschied nehmen vom Jahr 2006 und schon als ich das Kino verlasse höre ich bereits die ersten Böller aus der Ferne. Eine kleine Gruppe Halbwüchsiger schmeißt sich gegenseitig Schweizer-Kracher vor die Füsse und ich werde schon Ausgangs des Kinos schnell und etwas unsanft in die laute Realität zurückgeholt. Und trotzdem wirkt dieser Film in mir nach, denn absolut nichts wirkte in diesem Film inszeniert oder voyeuristisch. Er ist ein leiser Bruch eines großen Tabus – wohltuend anders als die vielen Horrorschocker von Fällen aktiver Euthanasie, die uns von Zeit zu Zeit aufrütteln, um den Umgang mit dem Tod nur noch schwieriger zu machen. Natmessnigs Film zeigt wenig Spektakuläres, vielmehr ganz durchschnittliche Männer und Frauen, für die es Zeit zu gehen ist.

Das Hospiz wird in diesem Film zu einer Art Gegenwelt unserer Gesellschaft:

hier geht es nicht darum festzuhalten, sondern loszulassen; nicht darum, schneller und stärker zu sein, sondern darum, schwächer zu werden.

Lauter Tabus in einer auf Effizienz und Produktivität versessenen Gesellschaft.

Das Sterben wird mit Einwilligung aller Protagonisten und großem Respekt gezeigt.
Nicht Sterben als Sensation, sondern Sterben als Alltag – und als Geheimnis, als geheimnisvoller Übergang –ins … „wohin-auch-immer“.

In dieser letzten Lebensgemeinschaft zwischen Gesunden und Kranken gibt es Menschen, die ihren Humor niemals verlieren; Menschen, die keine Angst vor Berührungen haben; Menschen, die reden und schweigen können. Hier wird die Autonomie von Kranken respektiert bis zuletzt, ist bei aller Fürsorge in jedem Handgriff und bei jedem Satz Respekt vor dem Willen der Patienten zu spüren. Deutlich zu erahnen ist der hohe Anspruch an die berufliche Ausbildung, aber auch an die Belastbarkeit der Ärztinnen und des Krankenpflegepersonals.

„Leben in Würde bis zuletzt“

Dieses Grundanliegen der Hospizbewegung wird in „Zeit zu gehen“ sehr gut anschaulich.

Den unheilbar Krebskranken wird trotz ihrer Beschwerden durch die respekt- und liebevolle Atmosphäre in dem Hospiz hohe Lebens-(und Sterbens-)qualität ermöglicht.

Die „Hospiz-Idee“ wird in diesem Film hoch gehalten und ich kann nur mit großem Respekt und allerhöchster Hochachtung zustimmen, wenn es da heißt:

In Würde bis zum Ende zu leben, sollte ein Menschenrecht für ALLE sein!!!

(C) Wolf

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