Polizisten? – Frankie Millers Einsichten

„He Miller, wie stehen Sie eigentlich zu unserer Polizei?“
hatte der Editor mich gefragt, als ich noch ziemlich groggy am Montag Früh in der Redaktion erschien.
Beim Weg zur Kaffee-Maschine schaute ich kurz zur halb geöffneten Türe und damit in seine Froschaugen, die normalerweise durch dunkle Gläser vor der gesamten Öffentlichkeit verborgen sind.
Er, der Editor, so ist zu vermuten, litt schon als Kind unter der Häme seiner zuerst Kindergarten- und später Schulfreunde. Was ihn, so mein Verdacht, von Anfang an zu dem Ekel machte, als das er mir immer in meinen schlechten Stunden, so wie immer Montags früh mit Brummschädel, vorgekommen war.
„Zur Polizei?“
hatte ich gefragt und dabei wieder meinen Blick zur Kaffeemaschine gelenkt.
„Ja zur Polizei, verflixt. Ich möchte, dass Sie als Presse-Gast mal einige Stunden im Polizei-Präsidium verbringen.“

Der Editor war nun ganz in die Redaktionsstube getreten und seine grüne Strickjacke in Verbindung zu seinen eindrucksvollen Augen, ließen mich sofort an Kermit, den Frosch aus der Sesamstraße denken.
„Au, Scheiße!“
entfuhr es mir, was den Editor auf den nicht gerade abwegigen Gedanken brachte, dass von mir damit der einsam von ihm geplante Polizei-Präsidium-Einsatz gemeint war.

Die Kollegen, wie ich aus den Augenwinkeln sehen konnte, warfen sich bedeutungsschwangere Blicke zu. War das sehr harmonische Verhältnis zwischen mir und unserem Chefredakteur, schon immer Grund zur Schadenfreude nicht weniger hier.

Zu meiner Ehrenrettung muss allerdings auch gesagt werden, dass ich dem Editor noch nie eine Antwort, auf eine seiner unverschämten Vorhaltungen schuldig blieb.

„Wie bitte?“
Ich winkte ab.

„Nein, nein, ich habe mir soeben nur die Schnauze verbrannt. An dem Scheiß-Kaffee hier.“
Seinem nun auf einmal freundlicheren Gesicht konnte ich ansehen, dass er diese freche Lüge tatsächlich geschluckt hatte!

Ich und die Polizei? Eine Geschichte, die gespickt war von nicht immer unvermeidbaren Missverständnissen. So für mich, jedenfalls bei Licht betrachtet und nun unleugbar mitten im Leben stehend. Also, genau betrachtet war mein Verhältnis zu den Bullen so wie das des Säbelzahntigers zum Neandertaler.
Wobei ich wohl von Anfang an, schon immer auf die Rolle des daraufhin längst ausgestorbenen Säbelzahntigers festgelegt war.

Es war vor Jahren!
Ich war in meiner ersten Festanstellung als Foto-Journalist. Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Tag.
Sie lag zerschmettert auf dem Bordsteig. Blut lief aus ihren Mund. Die Augen halb geöffnet, die Arme seltsam verdreht. Ein Bein ausgestreckt, das andere ungewöhnlich verkrümmt.
Flatterband mit dem sich ständig wiederholenden roten Aufdruck „Polizeiabsperrung“.

Blaulicht, das sich im Blut auf dem Bürgersteig spiegelte. Die Sonne hatte soeben, an diesem fortgeschrittenen September-Nachmittag der nun aufziehenden Schwärze der Nacht Platz gemacht.
Der Regen setzte wohl in der Sekunde ein, als ich genau gegenüber meinen Wagen abschloss.

„Frau aus dem dritten Stock gefallen“, hatte es aus dem Telefonhörer geheißen, „fahr hin!“
Was ich auch sofort tat.
Ich machte mein Foto erst dann, als ein Beamter die Leiche mit einer blauen Plane zugedeckt hatte.
Eine zugedeckte Leiche auf einem verregneten Bürgersteig!
Ein Foto wie es immer gemacht wurde. Bei Mordopfern!

Das zweite und eigentlich schon letzte Bild, erschütterte Zuschauer hinter der Absperrung, genau so wie auch ich.
Zwei Bilder, die nie erscheinen sollten!

„Sie verstehen Sich gut mit der Ordnungsmacht?“
Der Editor setzte ein wissendes Lächeln auf.
„Es geht so, bin bisher immer gut zurecht gekommen.“
Log ich und wurde wieder in die spätnachmittägliche Szene dieser Ruhrgebietsstadt, von vor Jahren zurückgezogen.
„Na prächtig, Miller, na prächtig. Kommen Sie bitte mal rüber, damit wir alles absprechen können!“
Der Kaffee war alles andere, als viel zu heiß.

Es war eine verzweifelte Frau gewesen, die zwei Nächte zuvor, barfuss und nur im Nachthemd zur nahe gelegenen Polizeiwache gelaufen war um dort Schutz vor ihrem prügelnden Ehemann zu suchen.
Er hatte getrunken und ihr mehrfach mit dem Tod gedroht. Er hatte sie geprügelt und mit Fußtritten malträtiert.
Es ging alles seinen normalen Gang und eine Anzeige wurde gefertigt.
Anschließend wurde die zitternde Frau mit einem Streifenwagen nach Hause gefahren. Zu ihrem Ehemann. Die Akte verschwand dann in einem Hefter für die Kriminalpolizei.

Doch das erfuhr ich erst Wochen später.
Auch der Polizeipräsident hatte es mir nicht gesagt.

„Polizei? Eine Behörde mit Schusswaffen. Und Behörden sind im höchsten Maße zerstörerisch! Vor allem die Beamten in dieser Behörde.“
Der Editor schaute etwas verwirrt. Er hatte mich gefragt, was ich eigentlich über die Aufgaben unserer Polizei wisse und welches persönliche Verhältnis ich zu diesen Leuten in Uniform hätte.
Ich hatte ihn mit meiner Antwort wohl verwirrt und nicht wenig erstaunt.

Die beiden Aufnahmen waren innerhalb von Minuten entwickelt und vor Drucklegung der Morgenausgabe lagen bereits die Abzüge und mein maschinengetippter Bericht auf dem Schreibtisch des zuständigen Redakteurs.
Ich war dann einfach wieder nach Hause gefahren.

Am Nachmittag saß ich dann im Büro des Polizeipräsidenten. Ich saß einem sehr sportlich wirkenden Mittvierziger gegenüber, der eine schwarze Aktentasche unter seinem Schreibtisch hervorzog und daraus ein Bild nahm. Mein Bild von der zugedeckten Leiche!

Ich war noch sehr unerfahren damals und ich ließ mich wohl einschüchtern!

Es war ein ganz normaler Vorgang. Mein Redakteur hatte im Präsidium angerufen um etwas über die Hintergründe dieser toten Frau auf dem Bürgersteig zu erfahren.
Der zuständige Beamte hatte etwas von einer labilen Frau erzählt, die vermutlich in selbstmörderischer Absicht aus dem Fenster gesprungen war.
Damit war mein Fall und damit auch mein Foto erledigt. Man berichtet zwar von einem Selbstmord. Doch man bringt keine Fotos von Selbstmördern. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz im Pressewesen.
Bis Heute!

Der Polizeipräsident zeigte auf das Foto, das zwischen uns auf dem Schreibtisch lag und fragte mich, wie lange ich schon für das Blatt arbeiten würde. Ich sagte ihm, dass ich noch ziemlich neu in der Redaktion wäre.
Er lächelte und sagte, damit mich verabschiedend, dass ich großes Talent hätte, jedenfalls, was gute Fotos angehe.
Wie das Foto in die Aktentasche des Polizeipräsidenten gekommen war, hatte ich nie herausgefunden.

Ich fand dann nur etwas später heraus, dass diese zuletzt einsam dort liegende Frau zuvor bei der Polizei gewesen war und um Schutz gebeten hatte.
Ich konnte nicht herausfinden, ob sie jemand aus dem Fenster gestoßen hatte oder ob sie selber, ihrem Leben auf diese groteske Art und Weise ein Ende machte.
Ich konnte nur herausfinden, dass diese Frau wohl schmählich im Stich gelassen wurde.
Von schwer bewaffneten Beamten in Uniform.

Für die Polizei stellten sich möglicherweise diese Fragen nie wirklich. Jedenfalls waren die Akten schon sehr schnell im Archiv verschwunden.

„Miller, Sie müssen Ihr Verhältnis zur Polizei mal dringend kritisch überdenken. Möglicherweise erschließt es sich Ihnen nun, nach Ihrem Rechercheeinsatz im Polizeipräsidium. Sie werden sogar mit dem Streifenwagen auf Tour gehen. Als das Präsidium bei uns anrief, hatte ich sofort Sie im Auge. …wer wohl, wenn nicht Du, kann ein bisschen Promotion für unsere Freunde und Helfer machen, Frankie?“

Dem Editor konnte ich nun, hier in seinem Büro, seine unbedingte Begeisterung ansehen.
Bei Begeisterung verfiel er immer auf die Du-Form.

Na gut, Frankie Miller macht eine Home-Story für die Exekutive. Warum eigentlich nicht?
Ob wohl noch etwas von diesem Scheiß-Kaffee da ist? Meine montäglichen Kopfschmerzen ließen Gott sei Dank schon etwas nach.

(A.S. 30.Juli 2010) chefschlumpf

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