Wiki-Leaks, Realsatire, Dissertationen, der Freiherr und der Geist der Wissenschaft – Frankie Millers Einsichten

„Miller, wie wär`s mal mit Realsatire?“
hatte der Editor noch gefragt, der sich mir bei meinem Eintritt in die geheiligten Redaktions-Räume unseres Süddeutschen Käseblattes, mal wieder bedeutungsvoll wie ein Pfau präsentierte.

Ich hängte zunächst mein Mäntelchen an den Haken des runden Kleiderständers und ging dann erst auf die Frage des Gewaltigen unseres Wochenblättchens ein. Des Editors fordernden Blick nicht ausweichend, schaltete ich, das Gefeixe der Kollegen an den Monitoren weiterhin wahrnehmend, auf Angriff.

„Sie meinen Politikverdrossenheit, werter Herr Editor?“

Er sah mich nur an und das Flackern in seinen Augen signalisierte mir, voll ins Schwarze getroffen zu haben.

„Ah, sieh an Miller, Sie bestätigen mir mal wieder, dass Kommunikation auch über einzelne Schlüsselbegriffe funktioniert. Ach übrigens, wie lange haben Sie eigentlich an Ihrer Dissertation gesessen, Miller?“

Dissertation, da war schon wieder das Schlüsselwort, dass sowohl Reaktionen, in meinem Falle allerdings auch Abwehr auslösen konnte.

Wie lange hatte ich damals in Archiven herumgewühlt, auf dem heimischen Schreibtisch Spickzettel gestapelt, nur um dann nächtelang über Jahre hinweg, die Nacht zum Tage zu machen. Und dann der erhebende Augenblick: Man war wer! Doktor! Wissenschaftler mit entsprechend nachgewiesener Legitimation.
Und dann Jörg!

Jörg J., angehender Doktorant der Psychologie, feixte, so wie jetzt die Kollegen vor den Monitoren und schlug mir damals beruhigend auf die Schulter.

„Frankie, lass mal, glaube mir, Dein Blut ist nun nicht blauer als vorher. Und für den Doktor-Titel kannst du Dir noch nicht mal einen Laib Brot kaufen. Aber glaub mir, ohne diese Selbstbeweihräucherung namens Promotion, geht eine Karriere schon mal auf dem Weg nach oben vor die Hunde. Ich weis, wovon ich spreche, denn ich habe ja schon drei Dissertationen verfasst! Und ich habe damit auch noch mein Studium finanziert!“

Jörg, der schon so lange ich zurückdenke kann, tagsüber den nachbarlichen Kindergarten putzte und ebenso lange hier bei dem Schallplatten-Großhandel jobbt, den ich regelmäßig abends zwecks Regalfüllung bei meinem Arbeitgeber aufsuchen musste, ein Dreifach- Doktor?
Jörg schaute belustigt, antwortete dann aber ziemlich ernst.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass diese ganzen Großkopfeten, die ihre eigene Unfähigkeit hinter akademischen Graden verbergen und deren Inkompetenzen dann auch meist sehr offensichtlich zutage treten, sich eine Dissertation wirklich leisten können. Wenn ich leisten sage, dann meine ich nicht das Monetäre Moment. Da, so glaube mir, stehen beinahe unbegrenzte Mittel zur Verfügung.“

„Du bist also nicht wirklich promoviert und willst mich glauben machen, Du hättest…?“

Weiter war ich nicht gekommen, denn Jörg, hoch gewachsener Schlacks mit langen Locken, im von mir gemutmaßten 19ten Semester der Psychologie, der mir mal verraten hatte, dass Psychologie eigentlich nur der eigenen Psychosen wegen studiert würde, fasste meine beiden Schultern und sagte beinahe großväterlich:

„Ich habe drei Dissertationen als Aufträge erledigt. Meine Ente der 2 CV, meine Reise durch die USA, meine Wohnung, alles Erfolgs-Honoraren geschuldet. Drei Leute, heute gute Namen in der Branche verdanken ihre Überwindung dieser Hürde auf der Erfolgsleiter, nur einem, nämlich mir!“

„Du sagst, Leute haben Dich dafür bezahlt, dass Du ihre Dissertation getippt hast?“

Jörg schien beinahe erschüttert, als er meine beiden Schultern los lies.

„Mann, Du hast wohl gar nichts verstanden, mein Lieber. Ich habe nicht bloß getippt, das war Caroline. Ich habe alle Fakten zusammengetragen, das Resumee gezogen und die wissenschaftliche Ausarbeitung erstellt, damit marschierten dann die Doktoranden zum Doktorvater, der`s dann mit einem zweiten Prof. sichtete und für die Veröffentlichung freigab.“

Ich stellte mir gerade Caroline vor, Jörgs Schwester, in die ich immer noch unsterblich verliebt war, die aber meine Verliebtheit zu meinem Verdruss niemals erwiderte, wie sie tagelang ihre flinken Finger über die Tasten fliegen ließ.

„Klar doch, Jörg, ich dachte nur. Natürlich Caroline. Die schreibt ja weltmeisterlich Maschine.“

„Die Dunkelziffer bei Fremdschaffenden bei Promotionen wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf über 30% geschätzt. Genaue Zahlen gibt es da natürlich nicht. Im Bereich Psychologie ist diese Zahl wohl übertrieben und bei den Wissentschaftlich-Technischen Berufen scheinbar auch. Bei den Rechtswissenschaften und den Medizinern soll diese Angabe aber bei weitem nicht ausreichen. Du weißt ja, für eine Karriere bei Gericht und im Klinischen Bereich ist der Doktor-Titel beinahe Grundvoraussetzung und da lässt sich für einen fixen Studenten eine Menge Kohle abgreifen.“

Er hatte mich beinahe mitleidig angesehen und seine Schultern gezuckt.

Der Editor riss mich aus meiner Nachdenklichkeit zurück.

„Miller, was ist mit Ihnen?“

„Ich weis jetzt, was ich schreibe, Editor. Ich werde mich mal ganz vorsichtig auf einen ziemlich im Dunkel liegenden Bereich des Akademischen Betriebs in Deutschland konzentrieren und da mal auf diejenigen verweisen, die für andere Dissertationen verfassen und die Doktoren, die damit ihre Universitäten bescheißen.“

„Miller, wo haben Sie eigentlich schreiben lassen? Ihre Dissertation, meine ich natürlich.“

Nicht dieser unhaltbare Verdacht, bei meiner Dissertation gepfuscht zu haben, sondern der in Richtung meiner Nasenspitze gestreckte Zeigefinger des Editors, ließ mich erschreckt zurückzucken.

„Ach ja, und vergessen Sie die Realsatire nicht, Miller!“

Und schon war der Unnahbare, der sich immer bei Besprechungen hinter seinem Gummibaum in seinem geräumigen Büro zu verschanzen pflegte, in diesem verschwunden.
Was wäre real, was Satire, dachte ich noch, als ich in die Tasten des Computers haute.
Und warum Politikverdrossenheit, Frankieboy?

Na gut, Herr zu Guttenberg hat es lediglich versäumt, etwa 80 längere Absätze in seiner Doktorarbeit als das zu zeichnen, was sie nun nachweislich auch sind. Das ist real!

Satire wäre, wenn Herr zu Guttenberg damit durchkäme und seinen Titel und Amt behielte und hernach herauskäme, dass der von ihm beauftragte Dissertations-Autor geschlunzt hätte und Wichtiges versäumte und ein aufstrebendes Politisches Talent von der CSU, ein künftiger Kanzlerkandidat womöglich, dann anschließend in irgendeiner Badewanne in der Schweiz aufgefunden würde, nur weil er wie schon vor ihm ein Unions-Politiker seinerzeit, an seinem eigenen Anspruch gescheitert wäre.

Politikverdrossenheit dürfte man allerdings nicht darauf zurückführen, denn spätestens nach Wiki-Leaks und der veröffentlichen Meinung, Amerikanischer Offizieller, dürfte die Riege der Deutschen Politik, in ihrer ganzen Nacktheit dem saukalten Wind der Geschichte ausgesetzt sein.

Na gut, Editor, auf Frankie Miller ist immer Verlass. Bis zur Dead-Line steht der Artikel. Doch verdammt, warum habe ich mir damals die Tage und Nächte um die Ohren gehauen, wenn gerade du es bist, der mir täglich beweist, dass der Titel eines Doktors, niemals über alle Menschlichen Schwächen hinwegtäuschen kann.

Jetzt muss ich aber mal machen. Die Zeit läuft ab, Herr Doktor zu Guttenberg und nicht nur für mich.
Und der Geist der Wissenschaft schwebt über uns allem.

A.S. 19. Februar 2011

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2 Kommentare

  • Unglaublich, aber so läuft es wirklich. Habe es selbst mit bekommen, wie sich einer dieser „Großkopferten“ sogar damit gebrüstet hat, das „selbstverständlich nicht selbst zu schreiben“. „Dafür hätte er ja gar keine Zeit bei den ganzen Verpflichtungen die er hätte“. Die einzige Verpflichtung die er aber allen Anscheines nach hatte, war Saufen, feiern, und dumm daher labern. Er wird die Kanzlei seines Vaters übernehmen, diese in den ruin treiben und dann doof da stehen, das ist für mich schon so klar wie Kloßbrühe…

  • vivienne

    Wirklich genial, Toni!

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