Waldtheater – In die Stille gerettet

Textauszüge: Harry Popow – „In die Stille gerettet“. Persönliche Lebensbilder. Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3

Waldtheater (Seite 294)

Die Leute von Gadderos kommen in die Schlagzeilen. Es ist Juli 2004. Jedes Jahr finden in dem einst so ärmlichen Smaland die Musiksommertage statt. Schönste musikalische Klänge ertönen aus Glashütten, die zwischen Juli und August zu Musiksälen umfunktioniert werden. Auch an den Ufern der schönen verschwiegenen Seen schmettern Blasorchster in die morgendliche Stille. Da ist jung und alt auf den Beinen, um Stunden der Freude zu erleben. Was kann Gadderos bieten? Bis zum vergangenen Jahr nur die traumhafte ruhige Waldlandschaft. Man beriet. Auch Cleo mischte mit. „Auf Cleo sollte man hören“ – ein geflügelter Spruch im Ort. Und so kam den tatkräftigen und lebenslustigen schwedischen, dänischen und deutschen Einwohnern nach gründlicher Überlegung die Idee: Wir bieten den Gästen und Touristen eine Abenteuerwanderung durch den Wald.

Gedacht und getan. Dutzende Hände bestückten den Wald – wie auch schon im vergangenen Jahr – mit gemalten Tieren, bauten nach historischem Vorbild mit viel Liebe einen Kohlenmeiler auf, wuchteten für die Hexe einen eisenschweren Kessel auf eine kleine Lichtung, stellten auf dem grünen zentralen Platz des Ortes Bänke auf, bestellten einen Bühnenwagen und die bekannte „Sveriges Cultband“, und die Frauen buken Kuchen für jedermann. Die Waldpfade wurden mit Teelichtern, die in Glasschalen schwammen, markiert. Bevor die ersten Touristen eintrafen, schlüpften die Akteure in die Kostüme einer Hexe, zweier Trolle, eines Vagabunden und zweier Elfen, die letzteren ganz von weißen Schleiern umhüllt und anmutig anzusehen. Ein Waldarbeiter, Henry wurde dazu auserkoren, stand am Kolmila (Kohlenmeiler). Er trug einen typisch schwedischen grauen Filzhut, eine braune Arbeitsjoppe und ein ziemlich unrasiertes Kinn zur Schau. Dann tauchte die erste Gruppe der Touristen auf, etwa fünfzehn Leute, geführt von einem Einwohner aus Gadderos. Der Schwede Börje, ein schlanker und gut aussehender Mann, schilderte in kurzen Worten die Funktion und Arbeitsweise des Meilers. Der Köhler indessen kletterte eine kleine Holzleiter empor, die am Meiler anlehnte. Oben schwang er einen riesigen Holzhammer, der aus dem Museum in Maleras ausgeliehen worden war, wie er später erfuhr, um die Abdeckung des Meilers immer wieder festzuklopfen. Er wuchtete schwer, das war ihm offensichtlich anzusehen, denn er wischte sich alsbald den Schweiß von der Stirne, kletterte rücklings die Leiter wieder herab, griff sich eine lange Eisenstange und stocherte im Meiler herum, ob die Holzkohle schon „gar“ geworden war. Plötzlich, unweit des Meilers, ein menschlicher Ruf. Es klang wie ein lockendes Vogelgezwitscher. Vorsichtig lugte er über den Rand des Holzstoßes, da sah er ein buntes langes Kleid, eine weibliche Person (Cleo). Was suchte sie hier? Was störte sie ihn bei der Arbeit? Der Köhler erinnerte sich der vielen Schauergeschichten von Trollen und wilden Feen im tiefen Walde. Und daß es dann mit seiner Ruhe aus sein würde und wer weiß noch alles. Doch die „Skogsrör“ (schönes Waldweib) hinter den hohen Fichten lockte weiter, ja, winkte ihn verheißungsvoll heran, er solle doch näherkommen. Ihn überkam ein Schauer. Entrüstet stemmte er die Hände in die Hüften. Hinter ihm hörte er das Lachen und Jauchzen der Touristen. Und nun gab es für ihn kein Halten mehr. Zu neugierig war er geworden, was das unheimliche weibliche Wesen denn von ihm wollte. Er stolperte ein paar Schritte in ihre Richtung, doch sie floh – mühevoll über die Blaubeersträucher und Baumstümpfe springend. Er hinterher, nun gab es für ihn kein Zurück mehr. Oben am Wege holte er sie ein. Er ging auf sie zu, umarmte, küßte sie. Sie ließ ihn gewähren, und noch bevor ihn die unheilvollen und schwerwiegenden Folgen klar wurden, nahte bereits die nächste Gruppe von Touristen, sehr erheitert über die urkomische und hinterwäldlerische Szenerie.

So ging das über eine Stunde. Immer wieder mußte der Waldarbeiter auf den Meiler zurück, und immer wieder lockte ihn das Weib, und der Strom der Neugierigen riß nicht ab. Insgesamt waren es über 300 Besucher, die an dieser Abenteuerwanderung teilnahmen. Am nächstes Tag stand´s in der Lokalpresse. Gadderos macht von sich reden.

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