Der neue Nachbar – Geschichten aus dem Cafe Steiner

Die Geschichten aus dem „Cafe Steiner“, von denen ich euch in meiner Kolumne erzähle, zeichnen sich fallweise durch eine gewisse Banalität aus. Es sind aber dennoch gerade jene Dinge, die oftmals die Menschen beschäftigen und über die sie sich gerne am Stammtisch austauschen möchten. Ich darf euch jedenfalls versichern, daß mir gerade an jenen Themen, welche oberflächlich betrachtet banal erscheinen mögen, manchmal durchaus etwas liegen kann, weil sie auch tiefe Einblicke in das Seelenleben gewähren oder eine Botschaft vermitteln können. Das mag auch auf die heutige Geschichte mit dem Titel „Der neue Nachbar“ zutreffen.

Es war diesmal Kellner Martin, der mit seiner Erzählung eine für mich sehr interessante Diskussion in unserem „Cafe Steiner“ ins Laufen gebracht hatte. Er wohne schon seit rund 20 Jahren mit seiner Gattin in einem Miethaus im 2. Wiener Gemeindebezirk und fühle sich dort durchaus wohl. Die Umgebung wäre ihm bestens vertraut, aber auch das gute Verhältnis zu seinen Nachbarn sei ihm wichtig. Der sanierte Altbau verfüge über gerade mal zehn Wohnungen. Dieser Umstand wäre aus seiner Sicht mitverantwortlich dafür, daß sich die Mieter untereinander sehr gut kennen würden. Im Laufe der Jahre hätten sich durchaus manche freundschaftliche Verbindungen ergeben. Er sei sich dessen bewußt, so formulierte es Martin, daß dies in einer riesigen Wohnbausiedlung weniger vorstellbar wäre.

Erst kürzlich wäre eine zuvor im 2. Stock des Hauses wohnhafte Familie ausgezogen und die Wohnung wurde neu vermietet. „Na und?“ – werdet ihr, liebe Leser, euch jetzt vielleicht fragen, denn ein neuer Nachbar ist doch wohl keine Besonderheit. Ein wenig werdet ihr vielleicht jetzt verstehen warum ich eingangs auf die Banalität dieser Geschichte hingewiesen habe. Laßt mich weiterzählen, denn ich werde gleich versuchen auf den nicht unspannenden Punkt zu kommen. Die Wohnung wäre jedenfalls an einen jungen Mann, etwa Ende Dreißig, vermietet worden, der aber – wie manche Nachbarn empfinden würden – sich in dem Haus noch nicht eingelebt hätte.

Auch Martin und seine Frau wären dem neuen Nachbarn natürlich schon im Stiegenhaus begegnet und er hätte stets sehr freundlich gegrüßt. Auch sonst gebe es an dem jungen Mann keinesfalls etwas auszusetzen – er würde lediglich den Eindruck vermitteln, daß er etwas ruhig und zurückhaltend wäre. Dieser Umstand wird von manchen Hausparteien – wie ich vermute fälschlich – als eine Form der Distanziertheit oder gar Abgehobenheit interpretiert.

Selbst wohne ich seit vielen Jahren in einem sehr großen Wohnhaus und pflege selbst nur zu sehr wenigen Nachbarn ein etwas engeres Verhältnis. Nicht, dass ich darauf stolz wäre, aber ich bin auch nicht der Mensch, der einen Grund dafür sieht etwas zu erzwingen. Aus diesem Umstand heraus hat mich dieses Thema an dem Abend durchaus ein wenig gefesselt, da ich mir die Frage gestellt hatte ob ich nicht selbst mit diesem neuen Nachbarn vergleichbar wäre.

Nun wollte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen um Martin zu fragen, welches Verhalten denn aus seiner Sicht von den Nachbarn erwartet worden wäre. „Weißt du, Pedro, mir ist das doch eigentlich ziemlich egal“, antwortete er, „aber wahrscheinlich hätten es manche Hausparteien ganz gern gesehen wenn sich der Herr Huber bei seinen Nachbarn kurz vorgestellt hätte. Manche Menschen wollen einfach alles wissen über den anderen, du kennst unsere Hausmeisterin nicht. Alleine schon der Umstand daß der Huber alleine lebt läßt da bei manchen Menschen die Phantasie hochgehen.“

Ja, diesen Umstand kann ich schon ein wenig nachvollziehen. „Und hat er sich bei euch nicht vorgestellt?“, fragte ich neugierig nach. „Doch, natürlich hat er sich bei uns vorgestellt als wir ihm im Stiegenhaus begegnet sind. Aber außer seinen Namen wissen wir kaum etwas über ihm.“ „Ja, und was wollt ihr über ihm wissen?“, hackte ich nach, worauf ich aber nur mehr ein „Du verstehst nicht was ich meine, Pedro“, zurückbekam.

Doch, lieber Martin. Ich habe sehr gut verstanden, was du meinst. Wenngleich ich diesen Herrn Huber nicht kenne kann ich mir aus den Erzählungen sogar ein kleinwenig ein Bild von ihm machen. Ich weiß es zwar nicht, ob er sich nun gegenüber seinen neuen Nachbarn allzu geschickt verhalten hat, stelle mir aber trotzdem die Frage ob man hierfür überhaupt einen angemessenen Prozeß sehen kann. Ich kann mir gut vorstellen, daß dem neuen Nachbarn dieser Umstand auch bewußt ist, wenngleich sein Verhalten möglicherweise aus seinem Wesen heraus resultiert und die Kritik an seiner Person wohl nicht angebracht erscheint.

Die Anonymität eines großen Wohnhauses wird oftmals kritisch gesehen, wenngleich sie letztlich die Bekanntschaften zwischen einzelnen Nachbarn aus meiner Sicht keinesfalls behindert. Die kleinere Mietergemeinschaft kann sich aber besser als Gruppe definieren, wenngleich dies natürlich nicht generell der Fall sein muss. In der Hausgemeinschaft, in welche der neue Mieter eingetreten ist, dürfte diese Gruppendynamik aber ansatzweise vorhanden sein. Ich hoffe dennoch, daß in wenigen Monaten von all diesen Irritationen gegenüber Herrn Huber nichts mehr übrig bleiben wird.

Pedro

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