Der Patient – Ansichtssache

Es liegt erst einige Monate zurück, dass mir ein Freund davon erzählte dass sein Vater ernstlich erkrankt wäre. Der Vater, nur einige Jahre älter als ich, ist mir selbst bekannt und war bisher noch selten mit gesundheitlichen Einschränkungen konfrontiert. Nachdem Ende des Vorjahres verschiedene Beschwerden aufgetreten waren hatte er einen Arzt aufgesucht und bei der Untersuchung war letztlich ein Karzinom diagnostiziert worden.

Es ist bestimmt nicht unverständlich, dass eine solche zumeist doch überraschende Diagnose in erster Linie bei dem Betroffenen selbst, aber auch bei der Familie und im Freundeskreis einen heftigen Niederschlag findet. Dieser resultiert aus meiner Sicht aber nicht nur aus der Diagnose selbst sondern vielmehr auch aus der Unsicherheit, bestimmt aber auch aus der Unkenntnis zu den möglichen Behandlungsmöglichkeiten. Wir sollten uns aber auch bewußt sein, dass eine fallweise Stigmatisierung für den Betroffenen keinesfalls zielführend sein kann.

Die behandelnden Ärzte haben eine umfangreiche Chemotherapie angesetzt, welche keinen andauernden stationären Aufenthalt erfordert. Ich habe mich in den vergangenen Wochen bei meinem Freund mehrmals nach dem Behandlungsfortschritten bei seinem Vater erkundigt und konnte erfahren, dass er bisher erfreulicherweise sehr positiv auf die Therapie angesprochen hätte. Auch wenn mir Details zur Diagnose fehlen ist mir doch aufgefallen, dass über die Chemotherapie hinaus keine weiteren Behandlungsschritte bekannt sind. Ich möchte die Sinnhaftigkeit einer Chemotherapie keinesfalls in Frage stellen, doch bestehen auch andere Behandlungsoptionen – wie etwa der chirurgische Eingriff. Was mir also fehlt ist ein gesamthaftes Therapiekonzept – wobei ich davon ausgehe, dass ein solches durchaus vorliegt, aber möglicherweise dem Patienten noch nicht ausreichend kommuniziert wurde.

An dieser Stelle möchte ich zum besseren Verständnis meiner Sichtweise kurz auf meine eigene Krankengeschichte verweisen. Als bei mir Anfang 2008 ein atypisches Meningeom diagnostiziert wurde mußte ich mich umgehend einer Schädeloperation unterziehen. Da der Tumor nur subtotal entfernt werden konnte wurde mir die Notwendigkeit einer weiteren OP in Aussicht gestellt, welche dann auch im Herbst erfolgte. In dieser Zeit hatte ich die weiteren möglichen Behandlungsschritte offenbar nicht hinterfragt. Nachdem dann klar wurde, dass eine vollständige chirurgische Entfernung des Tumors nicht möglich wäre wurde ich im Herbst 2008 erstmalig mit einer Strahlentherapie konfrontiert. Aufgrund der in meinem Fall bestehenden Gefahren von Langzeitschäden nach einer konventionellen Strahlentherapie widersetzte ich mich dieser Option. Erst nun begann ich damit mich mit meiner Krankheit selbst zu beschäftigen und durfte im Zuge einer entsprechenden Recherche letztlich die stereotaktische Radiochirurgie entdecken, die mir zuvor von meinen Ärzten nicht aufgezeigt wurde.

Ende 2008 lernte ich das Landesklinikum Graz kennen, wo ich auf der neurochirurgischen Abteilung zwei „Gamma Knife“ Behandlungen unterzogen wurde. Ich bin hier nun schon seit bald fünf Jahren in Behandlung und habe mich nicht zuletzt aufgrund der kompetenten und offenen Gesprächsbereitschaft stets gut aufgehoben gefühlt. Das Einholen einer ärztlichen Zweitmeinung empfand ich zum damaligen Zeitpunkt, Ende 2008, aber noch als ein für mich beinahe unzulässiges Mißtrauensvotum gegenüber den behandelnden Ärzten in Wien. Erst als ich mich später über Foren und Selbsthilfegruppen mit anderen Patienten auszutauschen konnte erkannte ich die Bedeutung der Eigenverantwortung des Patienten.

Kommen wir aber wieder zurück zu dem eingangs erwähnten Bekannten, der doch noch gewissermaßen am Beginn seiner Krankengeschichte steht. Auch wenn seine Diagnose mit der meinen nicht unmittelbar vergleichbar ist sehe ich dennoch gewisse Parallelen im persönlichen Umgang damit. Als Inhaber eines klein- bis mittelständigen Betriebes im Baunebengewerbe soll er stets rasch darauf drängen um nach einem Behandlungszyklus wieder beruflich aktiv sein zu können. Auch selbst war ich nach meinen Schädeloperationen sehr rasch – in der Regel nach nur einigen Wochen – wieder im Beruf aktiv und habe einen Rehabilitationsaufenthalt nie angedacht. Ich möchte auch gar nicht bestreiten, dass hier eine bestimmte Form der Verdrängung durch den Patienten stattfindet – ob diese vernünftig ist, steht wohl auf einem anderen Blatt.

Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit gefunden mit dem Bekannten selbst über seine Krankheit zu sprechen und möchte letztlich auch eine gewisse Sensibilität nicht vermissen lassen. Aus den Erzählungen seiner Familie wurde mir auch rasch klar, dass er Gespräche über seine Krankheit weitestgehend meidet, was ich aber auch durchaus gut verstehen kann. Ich konnte schon beobachten, dass manche Menschen dazu neigen einen Kranken möglicherweise auch unbewußt zu bedauern anstatt ihm mit konstruktiven Lösungsansätzen und einem gesunden Optimismus entsprechenden Mut zuzusprechen.

Mit diesen Zeilen möchte ich meinen Bekannten einerseits gute Besserung wünschen, ihm zugleich aber auch einen Ansatz für den Umgang mit seiner Krankheit mit auf den Weg geben. Es ist nicht ungewöhnlich und in vielen Fällen sogar notwendig medizinische Details zu erfragen. Der Arzt erkennt darin das Interesse des Patienten und wird in der Regel die Auskünfte gerne erteilen. In diesem Zusammenhang wäre der eingangs erwähnte Therapieplan eine sehr wichtige Information. Auch heikle Themen wie die Prognose sollten in einem solchen Gespräch nicht ausgeklammert werden. Erst mit dem entsprechenden Wissen über die eigene Krankheit besteht die Möglichkeit medizinische Zweitmeinungen bei Spezialisten einzuholen. Ein solches Verhalten des Patienten hat nichts mit Mißtrauen zutun, aber auch innerhalb der anerkannten Schulmedizin bestehen verschiedene Meinungen zu den Therapieformen, die auf unterschiedlichen Erfahrungsberichten beruhen. Und erst wenn ich diese kenne und mich mit ihnen beschäftigt habe kann ich – als Patient – die letzte Entscheidung treffen.

Es war mir anfangs nicht ganz leicht gefallen, diesen Beitrag zu schreiben – aber letztlich bin ich froh, es getan zu haben. Die niedergeschriebenen Zeilen sind allesamt real erlebt, doch habe ich mich dazu entschieden, dass ich einzelne Details behutsam abwäge um die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen nicht zu verletzen.

Pedro

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