Forelle Blau – Schlumpfenland ist überall

Forelle Blau

Bertold konnte gut auf nur einem Bein stehen.
Bertold konnte sogar hicke-hacke-voll, ohne sich an der Thekenreling festzuhalten, sehr gut auf nur einem Bein stehen.
Diese Thekenreling konnte so manch einem späten Zecher nach kräftigem Biergenuss einen gesicherten Halt verschaffen.
Bei Wolfgangs Theke bestand sie aus einem geschwungenen und von vielen Händen in Jahren der feuchtfröhlichen Geselligkeit blank polierten Messingrohr, von etwa Unterarmdicke eines kräftigen Bauarbeiters,
Wolfgangs Bierschwemme, direkt gegenüber dem Bahnhof, machte immer erst um siebzehn Uhr auf und Bertold gehörte hier beinahe schon zum Inventar.
Meistens verdiente er sich in Zeiten schönsten Sonnenscheins, also mitten im Berliner Sommer, seinen ersten Doppelkorn schon dadurch, dass er Wolfgang dabei half, einige Tische und Stühle auf dem breiten Bürgersteig aufzustellen.
Darüber hinaus wusste Bertold ganz genau, was Wolfgangs Thekengäste bei Laune halten konnte. Und dieses Wissen war für ihn reinstes Gold. Flüssiges Gold.
Und so stand Bertold meist auf seinen ganz gesunden Beinen inmitten einer grölenden Meute, die sich bierselig gegenseitig auf die Schultern klopfte und Bertold beim Jonglieren eines Stuhles auf der Stirne oder beim Armdrücken mit einem viel größeren Kerl zur Seite stand. Und um die Spannung und damit die Einsätze der Wetter zu erhöhen, Bertold auch mal auf nur einem Bein.

Beim Dart, dem Lieblingssport Wolfgangs, zeigte Bertold trotz seiner manchmal zittrigen Finger, auch wahre Meisterschaft.
Es mag an Bertolds Liebenswürdigkeit gelegen haben, möglicherweise auch nur an seinem Aussehen, aber Tatsache war, Bertold war schon immer sehr bemerkenswert.

Mir war er zum ersten Mal in der Grundschule begegnet. Wir drückten gemeinsam die Schulbank.
Bertold hatte eine jüngere Schwester und einen älteren Bruder.
Dieses Trio war überhaupt sehr bemerkenswert. Alle und dazu auch ihre Mutter, einte die Form der Augen.
Das was bei der Mutter und der Tochter für einen gewissen exotischen Reiz sorgte, brachte den Brüdern regelmäßig nicht nur Schmäh und Häme ein, sondern nicht selten auch noch eine gehörige Tracht Prügel.
Die ganze äußere Erscheinung der Familie Bertolds, glich eher einer Zirkustruppe fernöstlicher Provenienz, als der der Abkömmlinge Hermann des Cheruskers in der soundsovielten Generation, als die sich wohl die West-Berliner jener Tage sehen wollte. Also noch vor dem Zufluss Rumänischer Hütchenspieler oder Vietnamesischer Zigarettendealer in der Hauptstadt.
Und das war es dann wohl auch, was mich und Bertolds Clan einte.

Wir alle stachen heraus aus der sich weltmännisch gebenden Berliner Bevölkerung.
Ich lediglich durch eine etwas dunklere Hautfärbung und nicht zu bändigenden Lockenpracht, die meiner Mutter zum Gram nur selten einem Friseur zur Behandlung zugeführt wurde.

Meine sportliche Erscheinung und meine harten Trainingsrunden im Boxring in Zehlendorf konnten die Häme auch nicht ganz, aber zumindest die körperlichen Angriffe auf mich durch Hochmütige, in Schach halten.
Wir bildeten also schon sehr bald eine kleine Schicksalsgemeinschaft obwohl ich ja dann auf das Gymnasium wechselte, während der Berthold-Clan nach acht Jahren Volksschule die Ausbildung wohl für beendet erklärte.

„He Doc, klasse dass Du Wort gehalten hast! Prima Klinik haste hier! Durchgangsarzt? Dass heißt, dass Du Unfallverletzte solange verarztest bis dass der richtige Doc kommt?“
Ich hatte gerade erst vor Wochen meine Chirurgenpraxis in Mitte eröffnet, als mir Bertold unverhofft seine Aufwartung machte.

„Tenn, das ist eine Chirurgische Praxis, keine Klinik. Hier gibt es keine Betten. Und stimmt schon, wir machen die Erstversorgung und wenn nötig, veranlassen wir die Einweisung in eine Klinik.“

Sein und der ganzen Familie Bertolds Aussehen, hatte ihm schon im Kindergarten den Spitznamen „Tenn“ eingebracht. Kein Mensch wusste warum, doch niemand nannte ihn irgendwann mal beim richtigen Namen.

„He Doc, klasse dass Du Wort gehalten hast. Du hast Deine Klinik wirklich hier im Kietz aufgemacht. Du hättest ja auch dahin gehen können, wo die ganz dicke Kohle lockt.“
Seine Augen verrieten mir, dass es Tenn wirklich so sah, wie er es mir nun zu verklickern suchte.

„Ach Tenn, alter Junge, mach Dir mal keinen Kopf, wir kommen auch hier ganz gut zurecht.“
„Glaube ich Dir, Doc, doch nun muss ich weg, die Pflicht ruft, Wolfgang braucht mich. Du weißt?“
„Tenn, tu mir und Dir einen Gefallen! Höre auf so viel zu saufen!“
„Doc, Du weißt doch, ich saufe gar nicht so viel, das meiste verschütte ich doch immer.“
Und um seine Behauptung zu unterstreichen, zitterte er auf einmal sehr stark mit den Händen.

Stunden später, Gilla hatte überraschend festlich den Abendtisch gedeckt. Es gab „Forelle Blau“, dazu einen feinen „Pfälzer“ von besonderer Güte. Ich Trottet hatte natürlich wieder mal unseren Hochzeitstag verdaddelt. Die letzten Tage waren aber auch mehr als mörderisch gewesen. Der Pieper lag neben mir. Gilla hatte mir schließlich doch noch verziehen. Da schlug das Ding Alarm! Rückruf bei der Einsatzleitung der Polizei. „Schwerverletzte Person. Von einem Auto angefahren. Sieht sehr ernst aus. Wir brauchen Sie, Herr Doktor. Es eilt!“
„Ich komme sofort!“

Bertold lag auf dem Rücken. Er atmete schwer. Kurze Orientierung meinerseits. Das direkt an der Hüfte abgetrennte Bein war von einem Polizisten neben ihm abgelegt worden. Die von aufgeregten Passanten doch schon, aber nicht ganz fachgerecht angelegte Kompresse konnte den Blutverlust aber nicht wirklich stoppen. Meine Erstversorgung konnte daran dann auch nicht mehr etwas ändern. Seit dem Unfall mochten etwa nur 10 Minuten vergangen sein. Doch für eine solch böse Verletzung eine viel zu lange Zeit.
Zwei aufgemotzte 3er BMW, einer davon vorne stark beschädigt, standen etwas weiter die Straße hinunter halb auf dem Fußweg.
Bertolds letzte Worte waren kaum zu verstehen.

„Doc, ich finde es klasse, dass Du Wort gehalten hast. Und das, obwohl Du ein Schwarzer bist. Du Doc, ich mochte Dich trotzdem schon vom ersten Tag an.“
Ich sah ihn wortlos an. Seine weit aufgerissenen Augen hatten nun auf einmal die in Mitteleuropa geläufige Form und Größe.
Sein Spitzname hatte hierdurch nun auf einmal jede Berechtigung verloren.

Das Eintreffen des Rettungswagens hat er dann nicht mehr erleben dürfen.

Ja, Bertold konnte immer sehr gut auch nur auf einem Bein stehen.

Die Gerichtsverhandlung brachte den beiden jungen Burschen denen Bertold beim Überqueren der Straße in die Quere gekommen war und damit ihrem illegalen Rennen ein blutiges Ende verschaffte, lediglich eine ziemlich geringe Geldstrafe ein.

(Nach einem wahren Begebnis. Namen und Orte sind verändert)

copyright  chefschlumpf im September 2013  für „Die Bohnenzeitung“

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