Buddelschiffe? – Schlumpfenland ist überall

Günther saß im Hobbykeller. Seine Ilse, das wusste er, würde nach dem Besuch bei der Fußpflege noch kurz bei Irmgard vorbeischauen, um mit ihr den neuesten Klatsch aus der Nachbarschaft auszutauschen. Das konnte dann schon so einige Stündchen dauern.

Buddelschiffe!

Buddelschiffe waren Günthers ganz große Leidenschaft.

Früher, ja! Früher, ja da gab es mal etwas, das seine Gefühlswelt noch so richtig in Wallung brachte.

Doch dann war die Sache mit Robert passiert. Sie hatte ihn mit Robert betrogen und das nur, weil er geglaubt hatte, dass er in der Firma unersetzlich sein müsse.

Er hatte sich gar nicht darum gerissen, den Chefeinkäuferposten für die Groß-Märkte zu bekommen. Doch Gisela hatte sehr beharrlich darauf bestanden, dass er dem Angebot der Geschäftsleitung keine Absage erteilte.

Die dadurch notwendigen Außerhausnächtigungen hatten dann für reichlichste Zerwürfnisse gesorgt.

Auf einmal hatte Gisela das scheinbar sehr zwingende Bedürfnis, neben ihrem schon früher so ausgeprägten Shoppingtick auch noch häufige Theaterbesuche und Geselligkeiten mit anderen, wie sie es nannte, „Bessergestellten“ in ihre Planung einzubeziehen.

Dass er des Freitagabends lieber seine Füße hochlegte, um vom harten Wochenstress ein wenig Abstand zu gewinnen, nur ganz einfach abzuschalten…, machte ihr Verdruss.

Zunächst noch.

Doch dann hatte sich Robert, einer seiner besten Freunde noch aus Kindertagen, ihrer angenommen und Günther hatte die, seine Nerven beruhigende Wirkung von Alkohol in gerade noch dem männlichen Körper zumutbarer Konzentration, aber dafür umso höherer Dosis entdeckt.

Die Scheidung war dann nur noch reinste Formsache. Und Günther begoss schlussendlich seinen Kummer, wie er es nannte, in immer kürzeren Intervallen.

Dass er daraufhin immer öfter des Nachts schweißgebadet aufwachte und erfüllt von unerklärlichen Ängsten auf den nahenden Morgen wartete, führte dann letztendlich dazu, dass ihn irgendwann die Firma von seinen Aufgaben ganz freistellte.

Die daraufhin ungezügelte Trunksucht, er musste es sich dann irgendwann selber eingestehen, verschaffte ihm zunächst einen Klinik und zu Guterletzt einen langen Kuraufenthalt.

Nach dem letzten Totalabsturz, die Frührente.
Auf einmal Ilse! Die, die ihm dann einfach aus dem Kurort nachgereist war.

Rum, der Stoff aus dem die Träume verhinderter Seemänner sein könnten.

Und Günther zählte sich unbedingt zu dieser Gattung.

Nun also mussten es eben diese Buddelschiffe sein.

Meist Viermaster mit Gorch Fock!

Jedesmal, wenn Günther an den Wortwitz dachte, Gorch Fock war ja nun mal keine maritime Terminologie, sondern das bekannte Pseudonym eines nordseewasserfesten Heimatdichters und demgeschuldet auch der Name des letzten Bundesausbildungs-Rahseglers, der noch ganz klassisch Seekadetten ausbildete, nahm er einen tiefen Schluck aus der Buddel.

Und Günther kannte weder etwas Geschriebenes von Gorch Fock, noch war er je auf dem Vollschiff gleichen Namens gewesen.

Also, Günther wäre schon früher sehr gerne zur See gefahren.

Und nun, Jahrzehnte später und hunderte von Meilen weit vom Meer entfernt, saß er im Hobby-Keller und baute seine Buddelschiffe.

Ilse passte auf wie ein Schießhund. Doch Günther, der seiner Gisela keine Träne mehr nachweinte, hatte ja nun Ilse und reichlich Routine darin, seine Buddeln vor verdammt neugierigen Frauenaugen zu verstecken.

Er konnte es noch nicht einmal sagen, ob Ilse wirklich so weltfremd sein könne, oder ob sie nur aus der Angst, Günther zu verlieren, beide Augen zudrückte.

Es waren aber nicht etwa kleine Schiffe, die in einer Buddel steckten, sondern Günther nannte insgeheim die Groß-Modelle, die dann jahrelang nur im Wohnzimmer rum standen und Spinnweben anzogen, seine Buddelschiffe.

Weil meistens in der Zeit ihres Entstehens, die eine oder andere Buddel heimlich von ihm geleert worden war.

Er hatte es Ilse strikt verboten, irgendwie mit dem Wischmopp die Takelagen zu berühren, so dass sich Ärger schon meist nach Stapellauf und Indienststellung, in der gemeinsamen Wohnung einstellte.

Ilse war zwar seine Lebensabschnittspartnerin, aber wohl auch eine der deutschesten aller deutschen Hausfrauen. Immer dem Schmutz auf der Spur und sehr geübt darin, Staubmäusen noch vor deren Geschlechtsreife und damit verbundener erhöhter Fortpflanzungsneigung den Garaus zu machen.

Günther drehte den Verschluss auf und der Stoff ging ihm wieder runter wie Öl.

Soeben war der Rettungskreuzer „SOS Malmö“ fertig geworden und er hatte wahrlich allen Grund fröhlich zu sein. War dieser Seenotrettungskreuzer doch sehr naturgetreu geworden.

Ein kleines maritimes Juwel. Und diesmal, dank eines Microchips, sogar mit Dieselmotorgeräuschen und scheinbar laut gerufenen Seemannsbefehlen.

„He Smutje, wat mut dat mut, prosit!“

Der Kerl, der nun auf einmal ihm gegenüber auf dem anderen Hocker saß, mit dem Südwester um das wettergegerbte Ledergesicht herum, hob das Glas, das Günther soeben gelehrt auf seiner Werkbank abgestellt hatte und nahm daraus einen tiefen Zug Rum.

Was war das denn? Wo kam der Kerl bloß wech?

Günther hätte gewettet, dass das Glas eigentlich leer gewesen war.

„Was? Wie? Das Glas habe ich doch gerade erst geleert, oder?“
Günther kratzte sich an seinem Schopf.
„Pass of, men jong, dat Glos wird nemals nich leer wenn ick dat well.“

Da der Kerl das Glas wieder ansetzte, ohne dass irgendwer nachgeschüttet hatte, stierte Günther auf den Flascheninhalt, der gut von außen sichtbar war. Der Pegel war allerdings geschrumpft. Wenn er nicht schielte!

„Wer zum Teufel sind denn Sie?“

Günther schaute den Besucher nur ungläubig an, was den zu amüsieren schien.

Das runzelige Gesicht des Fremden verzog sich zu etwas, das mit Recht Grimasse genannt werden konnte.

„Ik ben Freund Hein. Do, ols oller Seemann, kannst auch Klabautermann zo mer zogen tun.“

„Ich bin, ich war nie Seemann. Immer nur Gemüsekaufmann! Groß und Einzelhandel, mein Herr.“

„Mocht fast gor nix. Wir Fahrensleut` erkennen uns immer und ol on Deck. Dein Heuerboch is abgeschlossen und ik ben dein Lotse zum endgültigen Liegeplatz für Sailors.“

Der Kerl hatte bals wohl die ganze Buddel geleert, ohne dass Günter eine Ahnung hatte, wie das geschehen konnte. Beinahe ungläubig schaute er in das verschmitzte Gesicht seines Gegenübers.

„Sie meinen, ich bin am Ende meines Törns angelangt und kann beruhigt den Anker werfen?“

„Nech of Rede, dafür an der Pier und nur im Flachwasserhafen.“

„Und da kann man nichts machen, Herr Hein?“

„Üblicherweise nech, Sailor Günther. De Heuers es ausgelaufen, de Winschen sind gelockt. Ausgang bis zum Wecken is nich mehr. Und der große Steuermann hat schon ziemlich Sehnsucht noch der.“

Günther fühlte den Schlag seines Herzens bis in den Hals. Um sich zu beruhigen versuchte er so etwas wie eine Konversation

„Sie sagten, üblicherweise. Was heißt das? Gibt es vielleicht doch noch Rettung für mich, am Leben zu bleiben?“

Günthers Stimme hatte einen weinerlichen Klang angenommen.

Der, der sich Freund Hein und Klabautermann genannt hatte, schaute verdrießlich, gab aber keine Antwort.

Eine kleine Zornesfalte zog sich über seine Stirn.

„Bitte, sagen sie es mir. Es gibt eine Rettung?“

„Na gut, da wär wohl wos, dat dir möglicherweise würde helfen können, aber ik weiß et nich.“

Wieder war der Pegel niedriger geworden.

„Sagen sie schon, was muss ich tun?“

„Du musst damit aufhören zu saufen. Und…“

Der Stand des Rums war beinahe am Boden der Buddel angelangt, ohne dass Günther sich erinnern konnte, überhaupt noch einen Schluck genommen zu haben.

„Und was noch, sagen sie schon!“

„Ik weit it niet, dat is verdammich kompliziert, sech ich dir, Smutje. Und verdammt unangenehm. Und verdammt nass.“

„Bitte, Herr Hein oder Klabautermann.“

„Nun jot, auf dein Gefohr hin. Du musst endlich schwimmen lernen!“

*

Es war eine sehr besorgte Ilse, die Günther später im Keller vor der Werkbank schlafend vorfand und die dann beruhigt die Worte des eilig geholten Notarztes vernahm, dass es nichts Ernstes war, das Günther fehlte. Er war wohl eher der Meinung, dass Günther etwas zuviel des Guten intus hatte, wie er es betont belustigt ausdrückte.

Sie hatte ihn nur einfach nicht wach gekriegt.

Nur undeutlich verstand sie das gebetsmühlenartig vorgetragene:“ ich muss unbedingt schwimmen lernen, ich muss unbedingt schwimmen lernen, ich muss unbedingt…“

„Also stimmt es doch, Seemänner können nicht schwimmen.“ Der Arzt lachte! Und er zeigte auf den Rettungskreuzer.

„Ich werde dafür sorgen, mein Seebär, dass du in Zukunft Buddelschiffe meidest.“

Der Notarzt schaute verständnislos.

Doch Inge lächelte nur still in sich hinein. Die Flasche, die ja bei ihrer Rückkehr beinahe noch voll war, hatte sie bereits zuvor in den Ausguss der Waschküche entleert.

 

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