Augenblicke – Frankie Millers Einsichten

Wie, um Alles in der Welt, komme ich auf Christal Meth?
Ein Erlebnis-Bericht von Frankie Miller

Er hatte den üblichen Witz gemacht und sogar noch darüber gelacht.
„Anton, doch nicht der aus Tirol?“

Haha, wie witzig, komm raus Witz, du bist erkannt! Aber trotzdem war der Knubbel mit dem freundlichen Gesicht und dem sorgsam gestutzten „Männer-Wurzelwerk“ im Gesicht, irgendwie vertrauenerweckend.
Musste er ja auch sein, bei dem Beruf. Anästhesist, also ein Fach man für „Chemische Keulen“ und „Tod mit zeitlicher Begrenztheit“.

Nur, was verdammt, macht so Einen zum Fachmann? Liegt sein Geheimnis darin begründet, dass er die Anzahl seiner Fehlgriffe und kleiner Übertreibungen in der Gabe von Beruhigungsmitteln, mit graduellen Unpässlichkeiten und nicht restlos im Vorgespräch eruierten Besonderheiten seiner Patienten, bei der Vernehmung durch die Staatsanwälte verniedlichen konnte?
Tot ist tot und tote Murmeln murmeln nicht!

„Ich gebe Ihnen nun eine kleine Injektion. Darauf werden Sie kurz einschlafen, damit der Operateur die Lokalanästhesie mittels eines kleinen Stiches ins Auge einleiten kann. Ist ganz harmlos, glauben Sie mir ruhig.“
Ja, ein Deiner Stelle würde ich meine Opfer auch vorher in Sicherheit wiegen und dann frohgemut zur schändlichen Tat schreiten!

Was hatte der Operateur gesagt? Irgendwas von einer Sonderstellung? Ich fiele aus dem Pool der Patienten, die hier sonst noch behandelt würden schon irgendwie heraus.
Ich, also doch nicht nur irgendeine Nummer, kein Normalo mit Durchschnittstrübung im Glaskörper? Was, verdammt, heißt da worum `s mir ging, schon Glaskörper?

Die Kerle hier werden mir gleich mit scharfen Schneidewerkzeugen ganz tief ins Auge schneiden, das Gele aus dem „Glaskörper“ schälen, die Gallertmasse durch eine höchst individuell geschliffene Plastikkopie ersetzen und das Ganze dann mit Zwirn wieder zunadeln. So die Theorie! Prost Mahlzeit, schon der Gedanke daran alleine, lässt meinen Schließmuskel leicht kollabieren.
Aber nein, du Anton nicht aus Tirol, eher aus Lindau im Bodensee, ergebe dich den Kerlen freiwillig.
Tu ganz einfach das was man dir sagt, und wenn es dem Alten Mann auf dem Thron des Schöpfers von all den Schönheiten des Universums und auch der Kerle, die Anderen lustvoll ins Auge stechen, gefällt, wird er dich schon wieder aufwachen lassen.

Wenn bloß das blöde Bild von dem Sado-Maso-Bildchenmaler Helnwein damals nicht gewesen wäre.
Da, wo der einen Kerl mittels krummgebogener Gabelzinken von vermutlich WMF, die Augenlider lang zieht.
Österreicher! Wenn die schon mal zu Pinsel und Leinwand greifen und nicht irgendein Gescheiter an der Kunsthochschule ihnen den Rat geben will, anstatt Ansichtskarten für Antons Tiroler Bergdörfer zu malen, es doch mal mit Politik machen im nördlichen Nachbarland zu versuchen.

„Sie haben da ja noch das Glück, dass wir mit der zweiten OP noch warten können. Ist schon eine Besonderheit, die Meisten kommen ja auch immer mit zwei Augen!“
Häh, was soll das, bin ich Long John Silver, nur heute mal ohne Holzbein aber natürlich mit Augenklappe?
Lauter Witzbolde hier, in dieser, was stand draußen dran, Augenklinik?
Macht das Zerstückeln von Augäpfeln vielleicht senil oder gilt ausufernder Humor als Eintrittkarte für das Studium der Augenheilkunde?
Ich hoffe, ihr Knallchargen, Ihr wisst was die Bezeichnung Heilkunde außerhalb eurer humorigen Anwandlungen wirklich bedeutet.

„Zwei kleine Pikser nur, nicht erschrecken!“
Tue ich trotzdem! Nicht der Pikser wegen, sondern weil ich ihn nicht kommen hörte.

„Sie werden gleich müde!“
Werde ich auch!

Christal Meth! Wie komme ich auf dieses Zeug?
Was haben Sie gespritzt, Christal Meth?
Kann man das blaue Zeug, mit dem Walter White in ein paar Monaten einige hundert Millionen machte, dann unsinnigerweise im Wüstensand verbuddelte, wirklich spritzen?

Ich glaube, ich muss dem Anästhesisten, der ja wohl nun wieder an seinen Schreibtisch zurück gekehrt ist, eine eMail schreiben. Gut, dass ich so gut mit einer Hand auf der Computertastatur klarkomme, ohne auch nur hinsehen zu müssen. Also Christal Meth! Ja, Christal Meth! Na gut, noch einige male getippt. Er wird schon antworten.

„Bewegen Sie bitte Ihre Augen. Rechts, links, nach unten, bitte und nach oben!“
Es ist sie.

Die, deren Schönheit ich nur an der Anmut ihres schlanken Frauenkörpers unter dem ziemlich unförmigen Op-Schutzanzug erahnen konnte, als sie mich in den Raum hier verfrachtete.
Das Gesicht wollte sie auch nicht preisgeben. Stattdessen hatte sie nur die Augen freigelassen. Burkapflicht mag es ja in Afghanistan geben. Aber, warum wollen diese Medizinmänner und ihre Gespielinnen nicht von uns erkannt werden? Warum überhaupt Schutz?
Vor wem, vor uns, ihren Opfern?
Ach so, Keime!

Mir hat mal ein anderer Medizinmann weiszumachen versucht, dass ein einziger, gut behaarter Mann, auf seinem Körper die dreifache Menge der Weltbevölkerung an Bakterien, Viren und sogar Pilzen mit sich herumschleppt. Selbst peinlichste Sauberkeit könne daran nicht ändern.
Nun gut, die Belehrung durch Einen der es wissen musste, hatte die Anzahl und die Dauer und vor allem die Intensität meines täglichen Reinigungsrituals nicht wirklich verringern, aber auch nicht befördern können.
Also, doch Angst vor mir!
Obwohl es ja eigentlich umgekehrt sein sollte.

„Muss ich nochmal?“
„Ja!“
„OK Tony, ich nenne Sie Tony, OK? Ich gebe nochmal zwei!“

Ja mach schon, was gibst du mir, Christal…?
Warum antwortet der nicht? Kennt er das Zeug, dass einen anscheinend von gleich auf jetzt direkt zwischen die Ringe des Saturns katapultiert, wirklich nicht, oder will er es einfach nur nicht an einem Unwürdigen wie mir verschwenden?
Nimmt wohl selber ganz gerne ein Näschen voll. Oder spritzt er es sich doch intravenös?
Geräusche!

„Die OP ist gut verlaufen. Wenn Sie wollen, können Sie gleich nach rechts aufstehen. Warten Sie, ich helfe Ihnen. Mit der Augenklappe, da müssen Sie sich erst daran gewöhnen. Fallen Sie nicht! Ich halte Sie.“

Der jungen Stimme antwortet eine schon ältere.
„Danke!“

Es ist die alte Lady, der ich, wohl meiner Angst wegen, beim gemeinsamen Warten inmitten einer beeindruckenden Sammlung von Uralt-Presseerzeugnissen ein paar ebenso uralte Ärztewitze erzählte. Ihr nervöses Lachen bewies mir dann auch schon sofort, dass ich mit meiner Angst nicht wirklich ganz alleine dasaß.
Sie, die ich, meiner, der Wattebäusche wegen blinden Augen nur erahnen konnte, war wohl soeben aus dem OP gerollt worden.

„Nun, bitte nochmal, Augen links, rechts und noch einmal oben, unten!“
So schnell sie runter waren, waren sie auch schon wieder drauf, die Wattebäusche. Wie hatte der Operateur gesagt, nur das rechte Auge? Warum dann beide Augen mit Watte zugepflastert? Ach ja, wer nichts sieht kann auch nichts aussagen! Ganz schön clever die hier in der Augenklinik!

„Ist OK?“
„Jau, wir können!“

Rumpel, di Pumpel, mein Bett rollt. Beinahe so wie gerade noch meine Augen. Links, rechts, nach oben und nach unten. Dann steht die Fuhre. Die Wattebällchen entschweben. Das linke Auge erblickt ein nur als riesig zu benennendes Mikroskop an der Decke, an dem unten ein rotes Licht leuchtet. Daneben ein ebenso riesiger Scheinwerfer mit grellweißem Lichtschein.
Was ist mit Auge Zwei? Beinahe Schwärze hat sich über das rechts ausgebreitet.

„Jau, Auge rechts ist markiert. Nicht dass wir uns doch noch das falsche vornehmen. Na wäre ja auch nicht wirklich ein Verlust, wir haben ja zwei davon!“
Jau, ich hoffe ich auch noch, wenn ihr mich wieder nach Hause lasst!

Eine Decke, in nettes Grün gehalten mit einem Loch in der Mitte senkt sich über mich. Mein zuvor noch sehendes Auge sieht auf einmal fast nichts mehr. Bis der Deckenfluter erwacht. Das rote Lämplein macht es ihm nach, kommt aber nicht wirklich mit.

„Der Fußschalter! Näher ran, ja, so ist gut!“

Psirr! Psirr!
Ein Geräusch, wie beim Zahnarzt! Der Fluter erlischt, das rote Lichtlein wird durch ein blaues ersetzt.
Habe ich vorher gar nicht mitgekriegt, diese Weihnachtsbaumbeleuchtung.

Psirrpsirrpsirr…!
Das Ding da, erinnert mich ganz stark an meinen Dremel. Dieses handliche, kleine Maschinchen, mit dem ich im Winter meinen Flugzeugmodellen immer zur Reife verhelfe und das mir beim Sommerlichen Motorradschrauben so schön gegen den Rost an den Kisten zur Hand geht.
Aber, Augen aufflexen?

Nun Tropfen! Irgendein Tropfen trifft mein rechtes Auge! Der Tropfen zuckt nach links, dann nach rechts. Und dann ist er wieder weg.
Psirrpsirpsirrpsirr…!

Da, der Tropfen! Wieder da! Nach links, nach rechts, oben unten.
„So passt. So ist es gut!“

Aus blau wird rot. Die Flutlichtanlage geht wieder an. Durch die grüne Decke blendet sie mich ziemlich. Jetzt wäre doch der linke Wattebausch wirklich angebracht, Leute!
Dann, irgendwas Härteres wird auf das Rechte gepappt und mittels wildem Ratsch eines, von der Rolle gerissenem Textilklebeband fixiert.

Zwei Minuten später. Rumpel, di Pumpel, mein Bett rollt.

„Die OP ist gut verlaufen. Wenn Sie wollen, können Sie gleich nach rechts aufstehen. Warten Sie, ich helfe Ihnen. Mit der Augenklappe, da müssen Sie sich erst daran gewöhnen. Fallen Sie nicht. Ich halte Sie.“
Ja sie schon wieder!

Später, wieder im Uralt-Magazine-Dschungel, während ich eine Tasse heißen Kaffees mein Eigen nenne, damit der älteren Lady zuproste, die mit dicken Backen ihr mitgebrachtes Brötchen kaut und auf ihren Sohnemann wartet, versuche ich mich zu erinnern, was es wohl mit dem Begriff auf sich hat, der mir dauernd durch die Birne saust.
Wie, um Alles in der Welt, komme ich nur jetzt auf „Christal Meth“?

Chefschlumpf Alfa Sierra Januar 2015

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