Udo Jürgens – Ansichtssache

Am vierten Adventwochenende war Silvia auf Besuch in Wien und wir konnten gemeinsam eine angenehme Zeit verbringen. Am Sonntag besuchten wir eine Ausstellung in der Hofburg, flanierten ein wenig durch die Innenstadt und ließen uns einen köstlichen Punsch am Weihnachtsmarkt gut schmecken. Am späteren Nachmittag kehrten wir dann in ein Lokal im sogenannten „Bermuda Dreieck“ ein. Im Hintergrund spielte leise das Radio und wir bekamen auch einen legendären Titel von Udo Jürgens zu hören – eine sonst selten gewählte Musikrichtung des Radiosenders Ö3. Die Kurznachrichten berichteten zu diesem Zeitpunkt noch von nicht allzu spektakulären regionalen Ereignissen.

Im Anschluß daran fuhren wir zum Westbahnhof, von welchem Silvia etwas später mit dem Zug heimfahren würde. Wie zumeist kehrten wir am Bahnhof noch in ein Kaffeehaus ein um das Wochenende gemütlich ausklingen zu lassen. „Fällt dir etwas auf?“, fragte mich Silvia, als wir das kleine Lokal kurz nach 18 Uhr betraten. Denn auch hier hörten wir im Hintergrund – wie auch schon zuvor in der Innenstadt – einen Titel von Udo Jürgens.

Solche Zufälle mag es schon geben, dachte ich mir anfangs noch. Erst als ich flüchtig wahrnahm, dass sich andere Gäste über Udo Jürgens unterhielten und letztlich der Begriff „tragisch“ fiel wurde ich mit einem Schlag äußerst hellhörig. Ohne ein Wort zu sagen griff ich zum Smartphone und rief eine Nachrichtenseite auf um mir Gewißheit zu verschaffen. Dort war unter den „Breaking News“ bereits zu lesen, dass Udo Jürgens um 16:25 Uhr unerwartet an akuten Herzversagen verstorben war.

Mit meinem heutigen Zeilen möchte ich dem äußerst erfolgreichen Sänger und Komponisten aber keinen Nachruf bereiten. Auch wenn unzählige Dinge aus seinem Leben, über seine Persönlichkeit und seine Werke berichtenswert wären bin ich davon überzeugt, dass diese Aufgabe von den Medien in gebührender Form wahrgenommen wird. Es ist mir aber ein Anliegen euch davon zu erzählen, wie sehr Udo Jürgens in den vergangenen Jahrzehnten mein Leben immer wieder begleiten konnte. Im Kindesalter hatte ich in den späten Siebzigerjahren gerne im Radio das Wunschkonzert gehört und einzelne Titeln mit dem Kassettenrekorder aufgenommen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich damals keinen Titel von Udo Jürgens auslassen wollte.

In meinen Jugendjahren entwickelte ich dann eine besondere Vorliebe für den damals noch etwas populäreren Austropop. Dem klassischen Schlager konnte ich nie viel abgewinnen, allerdings waren für mich Jürgens unverwechselbaren Werke auch bestimmt nicht vorrangig in diesem Segment beheimatet. Die Enzyklopädie Wikipedia formuliert es so, dass er als einer der bedeutendsten Unterhaltungsmusiker im deutschsprachigen Raum „zwischen Schlager, Chanson und Popmusik einzuordnen“ sei.

Udo Jürgens komponierte mehr als 1000 Lieder, veröffentlichte über 50 Musikalben und verkaufte in seiner jahrzehntelangen Karriere mehr als 100 Millionen Tonträger. Zweifellos fielen die Titeln, mit denen er in den Sechsziger- Jahren bekannt wurde, noch weitgehend in die Stilrichtung des Schlagers. Später war es ihm aber sehr wichtig in seinen Texten gesellschaftliche Themen anzusprechen und Mißstände aufzuzeigen. Da ging es im „Ehrenwerten Haus“ um die mancherorts verpönte Ehe ohne Trauschein, wurde in „Rot blüht der Mohn“ die Drogenproblematik thematisiert oder in „Gehet hin und vermehret euch“ die Position des Vatikan sehr eindrucksvoll hinterfragt – um nur einige wenige Beispiele zu nennen …

Erst im im Jahr 2009 entschloß ich mich erstmalig dazu ein Konzert von Udo Jürgens in der Wiener Stadthalle zu besuchen. Der Künstler war kurz nach seinem 75. Geburtstag auf Tournee gegangen und gab 63 Konzerte mit ungefähr 330.000 Besuchern. Im Jahr 2004 verfaßte er gemeinsam mit Michaela Moritz den Roman „Der Mann mit dem Fagott“, in dem er die Geschichte seiner Familie und die Anfänge seiner Karriere beschrieb. Als dieser Roman 2011 verfilmt wurde blieb mir dies natürlich auch nicht verborgen und die DVD findet sich schon lange in meiner Sammlung.

Bereits Anfang des Jahres 2014 konnte ich erfahren, dass die nächste Tournee bevorstehen würde. Schon einige Monate im vorhinein sicherte ich mir Karten für das Konzert um nach fünf Jahren wieder einen beeindruckenden Live-Auftritt miterleben zu können. Am 30. September beging Udo Jürgens seinen 80. Geburtstag, der unter dem Titel seines neuen Albums „Mitten im Leben“ am 18. Oktober mit einer großen TV-Show gewürdigt wurde. Zahlreiche Künstlerkollegen – von Chris De Burgh, Helene Fischer, Christina Stürmer und viele andere – gaben bei diesem einzigartigen Musikevent ihre Interpretationen von Udo Jürgens Klassikern zum Teil auch im Duett mit dem Geburtstagskind zum Besten.

udo

Am 5. Dezember konnte ich dann einen durchwegs vital wirkenden Udo Jürgens wieder live erleben. Es war ihm dabei durchaus wichtig in der ersten Hälfte des Konzertes auch neuere Lieder vorzustellen, wenngleich die Klassiker in weiterer Folge bestimmt noch folgten. Auch die Zugabe im legendären weißen Bademantel blieb natürlich nicht aus. Das Konzert in der Wiener Stadthalle war lange im voraus ausverkauft weswegen bereits ein Zusatztermin im Februar 2015 festgelegt war. An diesem Abend durfte ich wohl einen der letzten großen Auftritte von Udo Jürgens miterleben …

Im April 2015 habe ich dann das Ehrengrab von Udo Jürgens aufgesucht, welches sich am Wiener Zentralfriedhof in der Gruppe 33G unweit der Lueger Kirche befindet.

Pedro

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2 Kommentare

  • tommi

    Ja der Udo! Nein, nicht meine erste Wahl, wenn ich an Sänger aus Österreich denke! Da waren mir das „Ambross Wolferl“ oder Ludwig Hirsch und all die anderen „Kernigen“ und sogar der Hubert von Goisern viel symphatischer, obwohl dabei auch der Große Langenscheidt nicht wirklich „a rechte Hilfe“ sein wollte! Jedoch, der Udo punktete bei mir auf seine ganz eigene, viel dezentere, als `s Wolferl mit seiner direkten „zupackenden“ Art. Wo ich beim Ambross meine Wut über die herrschenden Verhältnisse im Deutschland der Sechziger und Siebziger, wiedergespiegelt sah und beim Ludwig die Verärgerung über allzu Spießiges, hatte der Udo meine ganze Aufmerksamkeit! Weil er mir mit seiner bescheidenen Art klar machen konnte, dass auch mal versöhnlichere Töne in den Herzen der Menschen ein kleines „Klicken“ erzeugen könnten. Also, ein Rebell, ein Berserker, ein Aufrührer wie scheinbar all die Anderen, war der Udo nie! Aber ein ziemlich liebenswürdiger „Normalo“, der, wenn auch oft genug dem „Zeitgeist“ nachhechelnd, immer zum jeweiligen Thema „die richtigen Worte“ fand. Und schon das alleine ist eine sehr gute Leistung und sicherlich nicht ganz unschuldig an seinem, über all die Jahre verdienten Erfolg!

  • vivienne

    Jeder hat so seine Erinnerungen an den großen Entertainer, Peter. Ob jung oder alt, (fast) jeder kennt ihn und er wird eine Lücke hinterlassen, die sich nicht leicht füllen lassen wird.
    Danke, dass du uns teilhaben hast lassen an deinen Gedanken. wir werden ihn alle nie vergessen…

    Liebe Grüße
    Silvia

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