Rechte, rechts und die Gerechtigkeit in der Politik (Paris und kein Ende? Part 2) – Frankie Millers Einsichten

„Riechen Sie ihn, Miller, den Zeitgeist?“
Der Editor hatte mürrisch auf seine Sportfliegeruhr gelinst. Verflixt, Herr Chefredoktor, seit wann stempeln miesbezahlte Autoren bei miesen Blättern ihre Stechuhren? Nur Kleingeister brauchen sie, die absolute Kontrolle über Stunde und Minute! Und frühmorgendliche Pünktlichkeit? Nur was für Streber!
„Den Zeitgeist, riechen, Ich?“
Das was ich rieche, Herr Editor, ist die Katze, beziehungsweise ihre Sandkiste mit Katzenstreu. Hatte ich doch erst gestern noch gereinigt. Na ja, auch Redaktionsmiezen sind zuallersteinmal Katzen. Und denen sagt man ja nicht zu Unrecht nach, dass sie ihren Protest gegen was auch immer, sehr diffiziel vorzutragen im Stande sind. Sie pinkeln dabei meist sehr ungeniert in irgendeine Ecke.

„Ja, der sich im Rechtsruck der Systeme nun zu zeigen scheint, Miller. Machen Sie mal was dazu. Ich denke, einen historischen Abriss über die Zwanziger des letzten Jahrhunderts und dann, sozusagen als Pfropfen darauf, was über Putin, Orban, diesen Neuen in Manila und die Diktatorentochter in Korea. Na, ich kenne Sie, Miller, sie binden einen schönen Strick daraus. Halten Sie einfach das Wort Verteilung schön im Hinterkopf an der Leine!“

Strick? Früher preiswertes Hinrichtungsmittel der oberamtlichen Justizien und heute noch Unverzichtbares auf Segelbooten. Und sowas soll auch noch schön daherkommen? Dann doch wohl lieber einen jahreszeitlich bedingt gepflückten Strauß aus Feld- Wald- und Wiesenblumen.
Aber, da der Herr Editor nun die Türe aufgestoßen hatte, hieß es nun für mich nur noch, hindurch zu gehen. Und das in zweierlei Hinsicht.

Etwas später hatte er mich da, wo er mich wohl hinhaben wollte. Der Propfen sollte dann alles gut verschließen?
Ich grübelte ein wenig selbstverloren und wenn nicht Mieze ihre Nase sanft gegen meine rechte Wade gestoßen hätte, wäre für den gefleckten Stubentiger erst einmal fasten angesagt gewesen. Ja, Katzerl, dir geht es gut,bloß, was ist mit dem Zeitgeist und Viktor Orban?

Verteilung? Geht es dabei um Sicherung von Besitztümern und der Abwehr von unberechtigten Forderungen? Steckt den Besitzenden Verlustangst in den Knochen? Ist das technische Substantiv „Globalisierung“ nur der Irrtum der Gegenwart?

Historischer Abriss? Die „Zwanziger“? War da schonmal irgendeine Globalisierung der Anlass für Ängste aller Arten? Gibt es sie denn nicht, die Angst? Gibt es deren mehrere?

Der erste Weltkrieg, da noch „Der Krieg“, hatte die Weltwirtschaft in Folge kräftig aufgewirbelt. Da dieser Krieg im Grunde ein industrieller Schlagabtausch war, einer der sich großzügig beinahe aller Recourcen bediente, die eine aufstrebende Industrialisierung förderte, beginnend im Manchester des Neunzehnten Jahrhunderts, können Nutzen und Verluste eigentlich gar nicht einmal gegengerechnet werden.
Na gut, was den Technischen Fortschritt in Konstruktion und Fertigung anging, konnte man das geflügelte Wort des Kriegstheoretikers Clausewitz, vom „Krieg, der Mutter aller Dinge“ beruhigt in Mutter allen „Fortschrittes“ verballhornen.

Millionen Tote, deren Leichenberge die Horizonte wohl verdunkelt hätten, wären sie zur Abschreckung nachfolgender Generationen wirklich mal aufgetürmt worden, waren verhältnismäßig schnell in der Erde, als auch der Erinnerung begraben.
Jahrhundertelang landwirtschaftlich geprägte Gesellschaften waren nun, gleichsam über Nacht zu Industrienationen geworden und der Optimismus, nicht nur den Krieg überstanden zu haben, sondern auch die Zukunft im Griff zu behalten, war beinahe grenzenlos!

Sportfliegeruhr, der Editor? Fliegen als Sport? Doch, kann man sich zwar vorstellen, vom mikrigen Zeilenhonorar aber nicht zu bezahlen, es sei denn…?

Ja, schon gut, Katzerl kriegst ja noch ein Leckerli!

Der Nachkriegsoptimismus im Europa der Nationalstaaten hielt nicht lange an. Italien machte mit den Faschisten unter Musolini, wenn mich mein Gedächnis nicht trügt, den Anfang! Deutschland setzte mit Hitler`s Herrschaft dann einen drauf und die Kriegsbegeisterung der sogenannten „Legion Condor“, alles freiwillige, mutige Männer, die nur aus politisch notwendigem Anlass, dem Diktator General Franko in Spanien, gegen den „Sozialismus“ zur Hilfe eilten. So die Mähr im Dritten Reich!
Hitler machte zumindest mit seiner Intronisierung, er war schließlich regulär vom Volk gewählt worden, im Vergleich zu den beiden Anderen eine auch nicht bessere Ausnahme.

Na gut, Editor, bislang nicht viel Historie auf dem Schmierzettel, aber lass mal gut sein!

Rechtsruck, Geruch des Zeitgeistes, Systeme und deren Bedeutung für doch immer noch sehr friedlich scheinende Zeitgenossen, lässt man mal abgefackelte Flüchtlingsunterkünfte außen vor. Diese wurden doch mehr als wett gemacht, durch Frau Merkels überschwenglich gefeierte Willkommenskultur!

Ja, Frankie Miller, wenns nur so wäre! Die großherzige Großmama, Gott hab` sie selig, würde es ganz anders ausdrücken, trotz ihrer nach außen immer so stolz zum Kirchgang getragene Frömmigkeit. „Gehts mir weg, mit die Fremden. Die sind nur gekommen um zu stehlen!“
Und zu den brennenden Flüchtlingsunterkünften hätte sie nur gesagt: „Das tut mir aber jetzt auch leid!“

Frauke Petry und Frau von Storch, beide Repräsentanten einer Partei, die zur Not auch auf Frauen und Kinder schießen lassen würde, würden der Omama wohl nicht nur ihrer Frisuren wegen gut gefallen. Ja, das hatte auch schon immer meine Großmama,Verlustängste!

Was aber treibt die Politiker dieser Tage an? Einen Viktor Orban, der sein Land schon einige Zeit „auf Rechts“ gewendet hat. Eine Polnische „Pis“, die Partei, die sich auf Jesus berufen, einer Willkommenskultur aber den Laufpass geben will. Eine Marine Le Pen, der der eigene Vater und Parteiengründer zu peinlich ist, die ihn selber aber immer noch rechts überholen und wohl demnächst auch mit an der französischen Außenpolitik rumschrauben will?

Die FPÖ, die Hinterlassenschaft des einstigen Dauergrinsers aus dem Steirischen, stellt demnächst den Präsidenten im östlichen Alpenland. Und ihr Kanzler, Boss der Sozialen in gefühlt beinahe tausend Jahren Große Koalition mit den „Schwatten“, nun überaus saft- und kraftlos, schmeißt hin, weil er keinen Rückhalt in der eigenen Partei mehr findet.
Spaniens Rechte und die in Portugal, holen nie zuvor gekannte Wahlstimmenzuwächse und das in Ländern, die noch beinahe vorgestern von rechten Regimen beherrscht worden sind.

In den USA kommt ein bisherig prolliger Lautsprecher mit Scheißhausparolen möglicherweise in Amt und Würden ins Weiße Haus, nur weil er gegen alles Fremde hetzt und Amerika nach Süden hin einmauern möchte.

In Brasilien soll eine Sozialistin und frühere Freiheitskämpferin, durch ungerechtfertigte Vorwürfe von äußerst Rechts aus dem Amt gejagt werden.
Und im beinahe letzten Kommunistenstaat auf Erden, China, zieht die allmächtige Partei in Peking, angesichts für China verheerender Wirtschaftszahlen, die vermeintlich gelockerten traditionellen Fesseln wieder kräftig an.

„Autorität“ könnte es werden, das neue Schlüsselwort! „Autoritäten müssen her!“, so vermutlich der Wählergedanke weltweit und in den Köpfen der Verantwortlichen.

Waren es noch vor ein paar Jahren solche Worte wie Demokratie, Volksherrschaft, Gerechtigkeit Wählerwillen, die Fortschritt und Gelassenheit zu sugerieren schienen, ist es heute wohl nur noch die nackte Angst.

Es ist nicht mehr zu übersehen! Die Welt steckt im Schlamassel! Und zwar ganz gewaltig!

Moment, Frankie Miller, mal ganz langsam.
Ja, ich gebs zu, zur abschließenden Beurteilung dieser ganzen Misere brauchte es noch ein paar Statistiken, wohlüberlegte Auskünfte von Spezialisten zum Thema und womöglich noch ein freundliches Hirtenwort aus dem Vatikan. Aber dennoch, wir stehen am Abgrund!

Ich hatte sie mir angesehen. Diese Bärtigen! Die, die samstags in der Fußgängerzone, mir freundlich lächelnd ein Buch,mit der Aufforderung „,lies!“ in die Hand drücken wollten.
Ich wehrte ab, ich hoffe, freundlich genug und suchte stattdessen das Gespräch mit dem Obermeister dieser Muslimbruderschaft, wie ich sie für mich selber nannte.

„Weisst Du, meine Brüder und ich brauchen Allah. Und auch Du brauchst den Beistand des Allmächtigen. Und hier, dieses Buch sagt Dir, was Du tun musst um Allah am Ende Deiner Tage zu sehen.“
Um es kurz zu machen, das Gespräch faserte zuletzt ein wenig aus und nicht alle seiner Argumente konnte ich nachvollziehen, obgleich so einiges genau dem entsprach, was meine Oma mir immer nahe zu bringen suchte. Und meine Oma kante ihren Katechismus.

Diese Welt steckt in einer ungeheuren Angstphase!
Das Gespräch mit dem Prediger lies mich erahnen, dass diese Truppe und womöglich nicht nur diese, eine gewisse ordnende Kraft vermisst. In Ländern mit wechselnden Mehrheiten in der Regierung scheinen so manche Zeitgenossen ständig überfordert zu sein.
Wem soll man zuhören, wen wählen?
Demokratie?

Die Länder des Arabischen Frühlings, mit Ausnahme Tunesiens, sind allesamt wieder unter Diktatorenherrschaft.
In Südkorea herrscht die Tochter eines der bösartigsten Machthaber der Neuzeit, von Nordkorea mal zu schweigen.

Scheinbar lässt der Glaube an Allah, so etwas wie Folgschaft als etwas Großartiges erscheinen.
Und nicht wenige unserer Zeitgenossen suchen die Sicherheiten vor allzuviel Freiheiten, die immer auch Entscheidungen von ihnen verlangen. Scheinbar ist es für sie sicherer, wenn große Autoritäten ihnen die Entscheidungen wegnehmen, allen Erfahrungen mit restriktiven Systemen in der Vergangenheit zum Trotz.

Selbst die an den so genannten Dschihad des IS verlorenen Kinder, scheinen in unserer so demokratisch geregelten Unauffälligkeit, nicht das System Demokratie als Fortschritt im Denken zu sehen.

Beim Gespräch mit dem Bärtigen kam mir der Gedanke, dass hier ein Mensch stand, der an die Hand genommen werden will, der mit unserem Verständnis von Grundrechten und dem Gedanken an Freiheit nicht viel anfangen kann.
Und darauf, so meine daraus resultierende Überlegung, baut der Terror im Orient und seit Paris, auch bei uns auf.
Nur, was bedeutet das für den scheinbaren Rechtsruck in den „aufgeklärten Gesellschaften“?

Nun, zunächst hatte sich das Blatt nach dem Zusammenbruch des Kommunismus gewaltig gewendet. Russland, zunächst unter Gorbatschow und später Jelzin,versank im Wirtschaftlichen Aus.
Früher, in einer Welt scheinbar vor unserer Zeit, waren es Freiheitsbestrebungen die sich links bewegten. Fortschritte im Denken, Fortschritte im Miteinader, Fortschritte mit der Gleichberechtigung, frei jeglicher Vorurteile und Regressionen. Modern war links in einer aufgeklärten Welt. Rebellion war angesagt! Vater und Mutter, Ihr habt recht, doch die Jugend will frei entscheiden! Und, übrigens, was habt Ihr Alten aus der Geschichte gelernt?

Ja, unser Problem ist nicht ein uns feindlich gesinnter Islam. Unsere Probleme gehen sehr viel tiefer. Der IS hat diese Problematik schon sehr früh erkannt. Verunsicherte rufen nach Führung, nach Leitung, nach Nachhaltigkeit in strukturellen Gegebenheiten. Minderheiten haben sich anzupassen, fertig aus! Ordnungsverlust verspricht für die Autoritäten leichtes Spiel. Dem Verunsicherten scheinen Repressionen mehr Sicherheit zu geben als Rebellionen und innere Aufstände.
In den letzten zehn Jahren haben sich Meinungsfreiheit und Pressefreiheit in der sogenannten Freien Welt erschreckend rückwäts entwickelt.
Die Amerikanische NGO „Freedom House“ und die Britische „Economist Intelligence Unit“ haben 195 Staaten in punkto politische Partizipation, Demokratische Rechte, sowie Presse- und Meinungsfreiheit und die Menschenrechte, global einer ernsten Prüfung unterzogen.

Der „Brexit“, der Ausstieg der Briten aus der EU, so wie von einer nur noch sehr knappen Minderheit in den „Vereinigten Königreichen“ auf der Insel gefordert und möglicherweise schon im nächsten Monat entschieden, lässt das Dilemma einer Globalen Wirklichkeit erkennen.
Die Autoritäten scheinen den idealen Weg aus dem Chaos mit verschiedenen Herrschaftsbereichen zu weisen.
„Brüssel“, das heißt eine Clique aus Eurokraten, nicht nur für den Krümmungsgrad von Bananen oder Gurken verantwortlich, ist wohl an allem schuld was die 550 Millionen Europäer drückt.

Eurokrise, Flüchtlingsprobleme und wegbrechende Erträge für die Ölförderländer der EU, und damit Sicherheiten für die Bevölkerung, völlig losgelöst von jedweder Logik, kann doch nur dort ersonnen worden sein, wo eine große Gleichmacherei durch dominierende Staaten, wie zum Beispiel Deutschland, mit Gewalt durchgesetzt wurde.

Durchregieren im geschlossenen Raum erscheint sicherer zu sein, als unendliches Verhandeln und andauernde Rücksichtname auf den Wählerwillen oder die Befindlichkeiten von weniger mächtigen Bevölkerungsschichten.

Kurz nach dem Wegfall des „Eisenen Vorhangs“ und dem Kollaps des Sozialismus im Osten, erschien es möglich, dass selbsteuernd alles in Richtung Selbstbestimmung und liberaler Demokratie sich entwickel könnte.
Doch, so scheint es nun, der Kollaps der Währungssysteme, nur noch durch durch eine äußerst restriktive Geldpoltik abgemildert, hat die Eliten ins „richtige Licht“ gerückt, die Reichen und Vermögenden, die immer reicher, die Völker dagegen immer ärmer machten.

Verlustängste, Ängste wirtschaftlich abgehängt zu werden, Ängste in einer global funktionierenden, weiterhin unüberschaubaren Weltwirtschaft die Übersicht zu verlieren, scheinen einer autorität gestimmten Zukunft, nachgerade in die Hände zu spielen.

Pegida, IS, und eine an sich selber scheiternde EU, sind wohl nur noch die Vorboten von gesellschaftlichen Veränderungen in einer gar nicht mehr so weiten Zukunft, die ich mir, Frankie Miller, so gar nicht erst vorstellen will-

Na, ob der Editor mit solchem Schmarrn wohl etwas anfangen kann? Na ja, es kann durchaus sein, dass er immer noch den Zeitgeist riecht. Aber, ich schwöre, das Katzerl war es diesmal nicht. Das schlummert in seinem Körbchen.

Aber schön ist sie, diese Fliegeruhr.

Wird fortgesetzt

© chefschlumpf, in Zeiten großer Verunsicherungen 2016 im Wonnemonat Mai

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