Stadtleben – In eigener Sache

Die Zeit vergeht wie im Fluge! Zwölf Jahre werden es heuer, dass ich vom Mühlviertel nach Linz übersiedelt bin. Die ersten Jahre verbrachte ich dabei unter ziemlich widrigen Umständen, mit viel zu wenig Gehalt und in der „falschen“ Firma: wo man ständig bemüht mir einzureden, dass ich einen Ernährer brauche. Trotzdem dachte ich nie daran, in die Provinz zurückzukehren oder mich aushalten zu lassen – das war ich mir selber schuldig. Die schönen Jahre kamen dann erst später, als ich den Dienstgeber endlich wechseln konnte und auch ein angemessenes Gehalt erhielt. Dieser glücklichen Fügung habe ich es zu verdanken, dass ich das Stadtleben richtig zu genießen begann: in meiner kleinen Wohnung, gut öffentlich angebunden, mit meinen beiden Katzen…

Trotzdem ist das Stadtleben nicht nur Honiglecken. Beruflich kommt es öfter vor, dass ich abends arbeiten muss und gerade im Winter zu später Stunde heimfahren ist manchmal durchaus ein wenig gruselig. Gerade die letzten Jahre trifft man da auf die absonderlichsten Gestalten: Stark Betrunkene etwa, die in der Straßenbahn erbrechen, oder offensichtlich Geisteskranke, die entweder sehr aggressiv agieren oder mit sich selbst im Clinch sind. Vor einigen Jahren geriet ich an eine Psychotin, die mich ins Gesicht schlug, weil ich sie ersucht hatte, in der Haltestelle leiser zu singen… (sagt schon, denke ich, sehr viel…) Ihr Gefährte stellte sich schützend und hämisch grinsend zu ihrem Schutz auf. Beide ergriffen aber wie die Hasen die Flucht als ich die Polizei anrief und detaillierte Personsbeschreibungen durchgab. Als ich die beiden wenige Wochen darauf wieder traf, hielten sie von vornherein einen Sicherheitsabstand zu mir…

Ich lebe ja in Kleinmünchen, das ist ein Stadtteil in dem der Ausländeranteil sehr hoch ist. Als Problem sehr ich das allerdings nicht. Im Laufe der Jahre hat sich vielmehr herauskristallisiert, dass eher die Proleten und vor allem auch ältere Leute nicht immer einfach zu nehmen sind. Erst vor wenigen Monaten kreuzten sich meine Wege mit einem Radfahrer in Leonding. Ich war von meiner Schwester an einer Straßenbahnhaltestelle abgesetzt worden und beim Schließen der Autotür kam ich dem Herrn ein wenig in die Quere. Die Folge war, dass mich dieser Radfahrer als fette Sau beschimpfte. Ein Blick zeigte mir übrigens schnell, dass er wohl gerade seinen Alk-Vorrat für Freitagabend heimtransportierte. Ich habe dem Herrn dann verbal so eingeschenkt, dass er sehr schnell das Weite suchte…

 

Erst dieser Tage ist mir wieder eine ähnliche Episode passiert. Ich saß auf der Bank bei einer Haltestelle und wartete auf den nächsten Straßenbahnzug. Als ich nach dem Handy griff, stieß ich unbeabsichtigt an eine Tasche, die eine Frau neben mich gestellt hatte. Sie fiel zu Boden und die Person begann mich übel zu beschimpfen: ich wäre ein Trottel weil ich nicht aufpassen könnte. Meine Bemühungen, das Gespräch zu beruhigen, wurden von der Frau mit neuerlichen Beschimpfungen abgewehrt. Also blieb ich meinerseits der Dame auch verbal nichts schuldig. Ich wirke nach außen sehr harmlos, was immer wieder Mitmenschen animiert, ihren Frust an mir abzubauen. Grundsätzlich bin auch sehr konsensorientiert – aber alles hat seine Grenzen und ich werde dann heftiger, als sich die meisten vorstellen können…. Später bemerkte ich, dass die Frau am Bulgariplatz ausstieg, wo sich das Arbeitsmarktservice befindet – der Verdacht liegt nahe, dass sie nicht besonders gut drauf war, weil sie einen Termin dort hatte. Man soll die Arbeitslosen selbstverständlich auch nicht über einen Kamm scheren, aber in diesem Fall bestätigte diese Person wohl das weit verbreitete Vorurteil…

Natürlich darf man sich durch solche fragwürdigen Zeitgenossen nicht die Freude am Stadtleben vermiesen lassen. Passieren kann einem überall etwas, das zeigt ein Blick in die Medien. Und außerdem bin ich durchaus ein Mensch, der sich nicht so leicht einschüchtern lässt. Und gerade in meiner Heimatgemeinde, in der ich immerhin 42 Jahre gelebt habe, habe ich nie mit einer Welle an Sympathieträgern zu tun gehabt. Einmal, schon nach meiner Übersiedlung nach einem Besuch bei meinem Bruder, war ich auf dem Weg zum örtlichen Bahnhof, als ein Autofahrer sich nicht zu blöd war um neben mir anzuhalten, und mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich auf den Gehsteig wechseln sollte… Die Heimat ist nicht dort, wo man so viele Jahre gelebt hat sondern dort, wo man wirklich zu Hause ist: in meinem Fall in Kleinmünchen, mit einer netten Nachbarin, die auf die Katzen schaut, wenn ich unterwegs bin. Und die öffentliche Anbindung ist auch in Ordnung. Im Großen und Ganzen ist es gut so, wie es ist… Natürlich war es schon sicherer bei uns, aber wichtig ist auch, dass ich meine Ruhe habe…

 

Vivienne/In eigener Sache

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