Miller, was ist bloß im Osten los? – Frankie Millers Einsichten

„Miller…“, der Herre Chefe versuchte offensichtlich unverständlich zu erscheinen, was nicht wirklich erstaunen musste. Weder mich noch die angetretene Schar der Redakteure unseres Käseblattes.
„Miller…, was ist bloß im Osten los?“

Ich, der gerade noch mit Boris Johnsons No Deal-Politik, Donald Trumps China-Nabelschau, in der Ägäis treibenden Flüchtlingen und einer beinahe schon im politischen Tagesgeschäft unsichtbaren Angela Merkel versucht hatte einige kluge Gedanken zu entwickeln, muss doch wohl ein noch bescheuertes Gsicht gemacht haben, als der „Geliebte Führer“ unserer Redaktion. Um einmal die Bewohner Nordkoreas zu zitieren. Jedenfalls konnte ich in nicht wenigen Gesichtern meiner Mitleidenden ein wenig Hohn und Spott erahnen.
Ja, was, verdammt, war los im Osten?

„Tatsache ist doch wohl, Miller, der Osten ist tiefbraun!“

Bislang, oh großer Editor der du mittels deiner Jugendlichkeit und der Sympathie einer Verlegersgattin und nicht zuletzt deiner akademischen Würdigungen hier den Takt vorgibst, war der Osten eher hochrot und nicht gerade braun zu sehen. Aber, in Zeiten sich überschlagender Nachrichten im Internet und eben nicht gedruckten Papieres, waren Bedeutungen und Überzeugungen immer sehr schnell zu hinterfragen.

„In zwei Wochen wird gewählt, und nicht wenige der befragten Meinungsforscher sehen im deutschen Osten diese Rechtsparteien im stetigen Aufschwung!“

Rechtsparteien ist gut. Wo liegen Republikaner, die NPD oder die „Aufrechten“ im Vergleich zur AfD?

„Miller, ich denke, ein kleiner Aufriss der letzten 25 bis 30 Jahre und der Schwerpunkt könnte schon die Wiedervereinigung und deren Ergebnis in der Politikwahrnehmung bilden!“

Kleiner Abriss Deutscher Geschichte?

Na, warum nicht Herr Chefe, trifft mal wieder den Richtigen. Und das war wohl auch das Treibende der Wahrnehmung Frankie Millers, in den Augen seiner mometär bedingten Mitgefangenen.

Adolf Hitler hatte die Deutschen in gewisser Weise, in gerade einmal zwölf Jahren, ziemlich stromlinienförmig gemacht! Nicht wenige aus der Kaiserzeit Entwurzelte waren auf die Parolen der Nazis mit Begeisterung hereingefallen. Auch in meiner Familie gab es solche „Volksgenossen“. Und ich glaube mich zu erinnern, dass sogar noch bis in die späten Fünfziger so mancher Stammtisch in der Kneipe um die Ecke, durch strittige Thesen im Bierdunst bis auf die Straße zu hören war.

„War doch nicht alles schlecht beim Adolf…“,

lautete eine dabei sehr oft bemühte und selten wiedersprochene These. Fragte man mal nach, ich war aber dazu meiner Jugendlichkeit wegen noch zu wenig an Politik interessiert, kam mindestens das Argument:

„Der Führer hat schließlich die Autobahn gebaut!“

Es spielte wohl keinerlei Rolle, dass dem eben nicht so war!
Waren diese zwölf verlorenen Jahre unter dem Hakenkreuz wesentlich sinnstiftender als die vierzig Jahre Arbeiter- und Bauernstaat, so ist man geneigt zu fragen? Bei Licht betrachtet könnte man schon dieser Ansicht sein!

Beiden Regimen war zu eigen, das Volk in absoluter Geiselhaft zu halten.

Waren die Nazis nicht besonders erpicht, ihr Territorium zu halten, ganz im Gegenteil sogar, mussten Ulbricht und später Honecker nur dafür sorgen, dass nicht das ganze Volk „nach drüben machte“, also ihr vermeintliches Paradies gegen den teuflischen Kapitalismus eintauschte.

Volk ohne Raum, so eine Agenda der zwölf Jahre unter Hitler, gegen Raum ohne Volk, die Befürchtung der Staatssozialisten?
Hitlers Bestreben war, Deutschland in kurzer Zeit um zahlreiche Territorien zu erweitern, mit aller Härte versteht sich! Was ja dann auch zahlreiche Städte in Europa in Ruinen verwandelte. Ulbricht und Honecker elektierten sich dann auch darin, aus Ruinen wieder auferstanden zu sein.

Beiden Ideologien hing nun an, das Volk nicht einfach machen zu lassen was es will. Eine geheime Staatspolizei und in der DDR die Staatssicherheit musste ja dann die direkte Folge sein. Beiden Spitzelunternehmungen hängt nun an, nicht etwa das Volk oder den Staat zu schützen gehabt zu haben. Nein, in Wahrheit ging es in beiden Systemen nur darum, die Macht im Staate vor den Bürgern zu schützen! Kann so etwas wirklich gut gehen?
Nimmt man die Geschichte ernst muss die Antwort „nein“ lauten! Die Geschichte, aber, hat immer recht!

Was, aber, ist nun bloß im Osten los?

So doch der unwiedersprochene Wunsch des Herre Chefe!
Beinahe alle befragten Meinungsforscher geben der AfD einen gewaltigen Zuschlag zu den Ergebnissen der letzten Bundestagswahl und zudem der jüngsten Wahl zum Europaparlament. Ist nun der Osten braun bis in die Haarspitzen? Sind die Ehemaligen des Arbeiter- und Bauernstaates möglicherweise noch im Nationalsozialismus gefangen, den Hals noch im Schwitzkasten der Schergen Hitlers?

Ich glaube, so zu argumentieren trifft es nicht wirklich! In beiden Systemen, dem Nazi-Staat als auch dem sich daran anschließenden Sozialismus, Ostdeutscher Prägung, hatten die Bürger alles Recht sich vor dem Staat zu fürchten.
Die meisten Menschen nach 33 waren in die innere Emigration gegangen, was sich dann, im Gegensatz zum Westen, in der DDR auch noch nach 49 fortsetzte.

Der Staat gab alles vor, ohne auch nur auf die Menschen ein wenig Rücksicht nehmen zu wollen.
Als ewig klammes Staatsgebilde hatten die Nazis die Ausplünderung einer bestimmten Glaubensgemeinschaft zur Staatsdoktrin erhoben, während die Einheitssozialisten eher die unnötige Vermeidung wertvoller Staatsmittel im Auge hatten.
Beide Systeme profan Polizeistaaten zu nennen, wäre im Ernst nur die halbe Wahrheit!
Es war ja alles noch viel schlimmer.

Zunächst war es ja so, dass viele der Volksgenossen in Hitlerdeutschland sich vom Staat abgewendet hatten, ihre Meinung lieber für sich behielten, den Staatsorganen tunlichst aus dem Weg gingen und somit ihrer Regierung mit Skepsis begegneten.
Beinahe täglich wurde der Zeitgenosse nach 33 mit einem immer ungerechter auftretenden Staat konfrontiert.

Hatten die Ostdeutschen nach 45 noch gehofft, dass nun alles besser werden würde, hatten sie Ulbricht und die Sowjets schon sehr schnell vom Gegenteil überzeugt. Infolge flüchteten bis zum 13 August 61 mehr als 2 Millionen nach Westdeutschland.
Hätte die Geschichte ein Einsehen mit den nach dem Ersten Weltkrieg schon so gebeutelten Deutschen gehabt und Ulbricht zum Einlenken veranlasst, wäre die Welt schon mit der Gründung beider Deutscher Staaten eine sehr viel Bessere geworden. So aber…?

Was aber ist nun, nach beinahe dreißig Jahren Deutscher Einheit, im Osten los?

Na, ich glaube, wer so fragt hat wesentliches nicht verstanden! Selbst unter einem Kanzler Kohl oder seinem Nachfolger Schröder hatten die Ostdeutschen ihre Scheu vor den „Staats-Organen“ noch nicht verlieren können.
Dazu kam dann natürlich noch, dass beinahe der ganze Arbeiter- und Bauernstaat, wenn auch zuerst von „Ossis“, abgewickelt wurde.
Nimmt man als Vergleich einen aufzurubbelnden selbstgestrickten Pullover, stand halb Ostdeutschland bald ganz nakig im Westwind der Deutschen Geschichte da.
Wer konnte, machte bald wieder „nach drüben“ und nun hielt sie kein „Antiimperialistischer Schutzwall“ mehr auf!
Nicht wenige im Westen hatten sich ihn da sehr gerne zurückgewünscht!

Daran konnte auch eine wie ein Blitz aus der Dunkelheit auftauchende Ostdeutsche namens Angela Merkel nichts ändern, zumal man bei „Kohls Mädel“ noch gar nicht wissen konnte, wofür sie eigentlich stehen könnte!
Nungut, hatte sie nicht das schon marode Reiterstandbild „Helmut Kohl“ von seinen müden Füßen gekippt, mit ihrer Anklage in der „Frankfurter Allgemeinen“?

Nur, war ihr zu trauen…, der Primel aus der Uckermark?
Schröder war weg, vermutlich im russischen St. Petersburg verschollen. Frau Merkel griff nach dem Zepter, nahm einige Kilo ab und sofort auch wieder zu, ging zum Friseur, entließ ihre bisherige Typberaterin und machte in der neuerwachten Europäischen Gemeinschaft eine gute Figur, bei neuer Frisur.
Gerade im Sattel, kam ihr die Lehmann-Krise zugute, und an der Art, wie sie die Sparer vom tödlichen Run auf die Sparkassen abhielt, zeigte sich ihr Talent mit Sprache für Verwirrung zu sorgen.

In gewisser Weise traf sie den Geist der Zeit und aus Kohls Mädel wurde tatsächlich ein weiblicher Bundskanzler mit leicht lispelndem Unterton.

Ihre früheren FDJ-Genossen und der ganze Rest an Unangepassten im Osten konnten ihre anfängliches Misstrauen zu dieser in der sozialistischen Wolle Gefärbten nun dem Mehrwert Verpflichteten, nicht ganz ablegen.
Waren Regierende nicht perse zu verachten? Sollten vierzig Jahre böser Erfahrungen nun plötzlich nicht mehr zu gesteigerter Aufmerksamkeit anhalten?
Ihre Vorgänger, an Dienst-Jahren würde sie alle übertreffen, soviel war sicher. Und das was sie seinerzeit an die Spitze der Unions-Parteien gehieft hatte, das plattgesessene Hinterteil des abgewählten Helmut Kohl, scheint ihr nun längst zur Gewohnheit geworden, den eigenen Rückzug zu verweigern.

„Merkel muss weg!“,
tönt es nun im Osten, und bei etwas nüchternem Nachdenken würde man sofort darin einstimmen. Nur, was käme dann?
Muss man nicht bei Regierenden immer mit dem Übelsten rechnen?

Ist es nicht besser, sich nach einer Alternative umzuschauen bevor das Übel zur Gewohnheit wird?
Ja was ist los im braunen Osten?
Götterdämmerung?

Nein, bei Licht betrachtet, Zeit für Veränderung! Und bei noch ein wenig mehr an Beleuchtung, waren es die Rechten die den Lichtschalter betätigten, während sich die beiden Volksparteien weiterhin dem erholsamen Nachmittagsschläfchen hingaben.

Ja, die AfD ist auf dem Vormarsch, ganz klar! Und so in etwa läuft es auch in Italien, Griechenland, Großbritannien, Tschechien, Ungarn und weiteren Staaten weltweit.

Falls es die bisherige Große Koalition nicht vermag, sich in Zukunft wieder mehr um Innenpolitik zu kümmern, und bis zu Merkels Abgang als Außenpolitik-Kanzlerin eine gesunde Innenpolitik zu etablieren, wird sich nicht nur bei Landtagswahlen die selbsternannte Alternative bei den Wechselwählern „lieb Kind“ machen, und nicht nur der Osten vom „Braunfieber“ befallen!

Hatten sich die Wähler von 1933 nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler, mehr oder weniger von der Politik abgewandt, konnten die Sieger des Zweiten Weltkrieges die Bonner Republik demokratisieren, musste das Misstrauen gegen die Regierungen im Osten eine strenge Abkehr vom politischen Leben bewirken. Was natürlich beinahe logisch erscheinen muss.

So dürfte es also im Osten bei den noch anstehenden Wahlen zu völlig unpolitischen Stimmabgaben zuungunsten der „West-Parteien“ kommen.
Hatten es diese doch scheinbar versäumt, die 16 Millionen endlich ernst zu nehmen.
Ja, bravo, Herr Chefe das wird es sein, denn Regierenden ist nunmal nicht zu trauen!
Nur, seltsam ist, dass wir blöden Wessis das nicht früher mitbekommen hatten!

Wie war nochmal die Frage, Chefe?

„Miller, was ist bloß im Osten los?“

Kurz gesagt, Geschichte wiederholt sich nunmal, was uns wirklich Angst machen sollte.

© chefschlumpf 2019 A.S.

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