Putins geheimer Krieg – Buchbesprechung

Betrachtungen zu Boris Breitschusters „Putins verdeckter Krieg“ – Wie der Kreml den Westen destabilisiert- (ECON 2016)

„Wir werden euch zu Grabe tragen!“, so ein beinahe vergessener Spruch Nikita Chruschows, heute geradezu eine sehr passende Zusammenfassung der Putinschen Strategie in Hinsicht auf den Westen und insbesondere der USA.

Wie so etwas zu verstehen ist, in Zeiten von Bits und Bytes, fasste Valeri Gerassimow, der Chef des Russischen Generalstabes in seltener Offenheit zusammen:

„Im 21. Jahrhundert verwischen die Grenzen zwischen Krieg und Frieden. Kriege werden nicht mehr erklärt, und wenn sie einmal begonnen haben, verlaufen sie nach einem ungewohnten Muster (…). Die Rolle der nicht-militärischen Mittel beim Durchsetzen von politischen und strategischen Zielen ist gewachsen; in einigen Fällen ist ihre Durchschlagskraft deutlich höher als die von Waffen.“

Boris Breitschusters kluge Diagnose der Politik Putins, eines Mannes der, ein sozialistisches Eigengewächs des Staatsaparates der Sozialistischen Diktatur Sowjetischer Machart, beinahe aus dem Nichts die Weltbühne betreten hatte und nun nicht mehr von der Macht lassen will und wohl auch nicht kann, ist nach wie vor ein Muss für einen Jeden der versucht, diesen Kremlherrscher zu verstehen.
Dabei legt Breitschuster sehr viel Wert darauf, Putins Umfeld genauestens zu beleuchten.
Und genau hierin liegt die Stärke des Buches, in dem der Autor auf 335 Seiten die augenblickliche Situation zu beleuchten und zu analysieren versteht!
Denn Breitschuster versteht es sehr gut, große Zusamenhänge leicht verträglich zu präsentieren.

Wer ist dieser Wladimir Putin wirklich? Was genau, versucht dieser Kremelherrscher in der unzweifelhaft kommenden historischen Betrachtung als Hinterlassenschaft zu inszenieren?

Breitschuster, selber über 16 Jahre als Korrespodent in Russland, versteht es die Hintergründe die zu Putins Machtentfaltung führten, von allen Seiten zu beleuchten. Es ist, nach Breitschusters Analyse nicht vermessen von dem „System Putin“ zu sprechen, wenn über die offen zutage tretenden Anzeichen von Gier, Macht und Korruption nachgedacht wird.
Breitschuster versteht es sehr gut, die Konflikte zu beleuchten die das heutige Russland dem Westen gegenüber in bissiger Verteidigungsstellung verharren lassen!

„Leichtes Würgen bis zur Bewustlosigkeit!“, so in Putins Biografie eine Situation beschrieben, könnte durchaus als wirksame Methode für Putins Aufstieg aus dem Leningrader Bürgertum an die Spitze Russlands gewertet werden. Ging es doch bei der geschilderten Situation dem damals sechzehnjärigen Judokalehrling lediglich darum, sich Respekt zu verschaffen. Sein großes Vorbild war zu der Zeit ein nach 20 Jahren aus dem Gefängnis entlassenen Massen-Vergewaltiger, Scheckbetrüger, Devisenschieber in Sowjetzeiten, sein von ihm noch heute verehrter Judotrainer.

Im Besonderen schildert Breitschuster Putin, wenn schon nicht als nur „nützlichen Idioten, dann doch zumindest als eine Marionette an den gar nicht mal so feinen Fäden der russischen Mafia!
Vor allem erklärt der Autor wie es möglich war, dass ehemalige Aparatschiks der Sowjet-Nomenklatura innerhalb ganz weniger Jahre so etwas wie einen Staat im Staate gründen konnten, und wie es möglich wurde, dass diese Kumpel sich den ehemaligen Vizebürgermeister von St. Petersburg zum diensbaren Geist heranzüchten konnten.

Wenn heute in Moskau die Rede von Putin ist, dann immer mit dem Hinweis, dass Wladimir Putin wohl bis zum Ende seines Lebens der Führer Russlands sein dürfte! Schon aus Selbstschutz, da das mafiöse System einen früheren Kreml-Herrscher im Knast niemals dulden würde. Es hängt allzuviel von dem ehemaligen Geheimdienstmann ab. Und dass Putin für seine Taten in den Knast gehört, daran scheinen nur sehr wenige Russen zu zweifeln.

Besonders aufschlussreich ist das Kapitell über die „friedliche“ Besetzung der Krim durch die „kleinen grünen Männchen“, die nach Breitschusters breit angelegter Recherche von Moskaus Hilfstruppen mit nicht wenigen von der Justiz gesuchten Verbrechern „angereichert“ wurden. Wie die später von Putin mit Auszeichnungen Behängten in die Vorgänge um die Abspaltung integriert wurden, hat der Autor mit zahlreichen Quellen-Angaben belegt, wie dieses Werk überaus sich mit Quellen-Angaben auszeichnet.
Besonderes Augenmerk wird auch der Westpresse zuteil, die, das mag nicht jeden überraschen, sich sehr seltsam gegenüber dem Kremlherrscher benommen hatte.
Von Abneigung und Kritik an Putin bis zur Umarmung („Putin hat reichlich Angebote gemacht!“, so eine längjährige Moskau-Expertin der ARD) des Präsidenten waren so ziemlich alle Register an Meinungsmache gezogen worden.

Für die Elite der deutschen Informationsportale,wie ARD und ZDF, sowie der Qualitäts-Gazetten abseits von Bild und Co, also DIE ZEIT und andere, wäre es ein Leichtes gewesen, so Breitschuster im Subtext, in Punkto Wahrheitsfindung mal beim Chef des Russischen Generalstabs Gerassimow nachzublättern, der schon im Jahre 2006 sich vom Förderationsrat in Moskau dazu ermächtigen lies, die Sondereinsatzkommandos der Streitkräfte und der Geheimdienste „im Ausland einzusetzen“! Kurz danach wurde der Russische Exagent und Zuträger westlicher Geheimdienste, Litwinenko in London mit Polonium, einem nur sehr schwer und kostspielig zu beschaffenden nuklearen Gift getötet!

In einem ganz eigenen Kapitel schildert der Autor, wie Putin die „Schröderisierung der westlichen Eliten“ in seiner Politik betreibt, indem er den Deutschen Exkanzler für sich bei den jährlichen „Petersburger Gipfeln“ als Grüßaugust wohl Tischreden halten lässt, ihn dann aber als offensichtlich nur sehr teures Souvenir wieder „nach draußen“ schickt!

Besonderes Augenmerk widmet der Autor den allgegenwärtigen Beziehungen der Nachfolge-Parteien der SED, also PDS und nun „Die Linke“ zu Russland, geschickt an der juristischen Grenznaht entlang, die ganz reale Zuschreibung von übler Nachrede trennt.
Die heutig sich demokratisch Nennenden, wohl immer noch vom Sozialismus Träumenden, heimlich nach Osten schielend, dennoch in beinahe jeder Talkshow Sitzenden, genannt mit Name und Titel, sehen in Putin und seiner Kleptokratie immer noch das Heilende! Ja doch, Putin zieht womöglich doch auch dort die Fäden.

Bei Rückführung des PDS-Vermögens, zwecks Tilgung von Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern des einstigen „Sozialistischen Arbeiter und Bauernstaates“, im Einigungsvertrag explizit verhandelt, taten sich besonders diese Genossen hervor, die nun im Sog der Vereinigung recht kräftig, wohl ihrer geschickten Retorik geschuldet, an die Oberfläche der Parteienlandschaft gespült wurden.
Die Gelder, jedenfalls, wurden daraufhin nicht wirklich ihrem geplanten Zweck in voller Höhe zugeführt.

Wie die Putinsche Demoralisierung erschreckend erfolgreich auf die Deutschen Qualitätsmedien und vor allem die „Öffentlich Rechtlichen TV-Anstalten“ und da besonders die Nachrichten Einfluss nam, berichtet die jahrelange Moskau-Korrespotentin Golineh Atai sehr bedrückt.
Weil wohl der Westen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Interesse an Russland und der zusammengeschusterten Union der GUS-Staaten verloren hatte, traten in der Wahrnehmung unisono nur noch Agenturmeldungen ins Licht des Interesses.
Putins Taktik ist erschreckend erfolgreich-und zwar wohl deshalb, weil sie einen schwachen Punkt in unserem System angreift und Putin dabei offene Türen einrennt.
In den 25 Jahren nach Ende des Kalten Krieges hat der postmoderne Relativismus bei uns Einzug gehalten, so Breitschuster! Bloß keine Position beziehen, bloß nicht festlegen, schön in der Mitte bleiben.
Atai beklagte sich im Februar 2015 : „Während der Zuschauer Vertrauen in mich verliert, verlierte ich Vertrauen in die Heimatredaktionen, in langjährige Kollegen, in journalistische und intektuelle Vorbilder. Ich erlebe, wie die Angst in das Programm hineinspielt. Ich höre jeden Tag von den Kollegen in Deutschland, dass sie bestimmte Wortmeldungen und Formulierungen vermeiden wegen der Beschwerden!“
„Besetzte Gebiete“ werden zu „Separatisten-Gebieten“ nach Moskauer Duktus und die „Russische Opposition“ kommt im Wortlaut kaum noch vor! Statdessen sind die wenigen Genannten lediglich „Dissidenten“, also Unbequeme und Außerhalbstehende, lediglich im Wiederspruch Stehende!
Was steckt wohl dahinter, ist man versucht zu fragen. Der Autor gibt auch darauf sofort die Antwort. Putin hat ungeheuer dazugelernt!

War es früher so, dass vom Kreml oder dem KGB versucht wurde, so gut gefälschte Nachrichten zu produzieren, dass sie glaubhaft erscheinen mussten, geht es heute nur darum, die westlichen Narrative so zu zerstören, dass Nachrichten ihren Nachrichtencharakter möglichst zu verlieren haben und damit unglaubwürdig seien.
Ziel ist die größtmögliche Verunsicherung in Russland wie auch im Ausland. Wenn alle lügen kann man niemandem mehr trauen!

Und wie effektiv Putins Verunsicherungskrieg sein kann, macht der Autor an der Bundesdeutschen Berichterstattung in den Tagen der Krim-Besetzung durch Putins „Spezialkräfte“ fest.
Auf westliche Berichte in den Zeitungen und den Sendern, folgten ungeheuer viele „Leserbriefe“ die Putins Entschlossenheit begrüßten, die Russischstämmige Bevölkerung vor Mord und Totschlag zu schützten. Die Anzahl an Zuschriften war etwa zehnmal so hoch wie bei anderen Nachrichten, so Boris Breitschuster.
Das Wort Trolle oder der Begriff Trollfabrik kam schon 2003 mit der Veröffentlichung einer Studie des Moskauer „Zentrum für Journalismus in Extremsituationen“ mit dem Titel: „Das virtuelle Auge des großen Bruders“ ins Geschehen, wurde danach eher verharmlosend als Ausstülpung der öffentlichen Meinung angesehen.
Die Anzahl der Putin zustimmenden Zuschriften wegen der Annexion war überproportional zu der Ansicht bundesdeutscher Befragter von Allensbach zu diesen Vorgängen.

Sehr bezeichnend auch Breitschusters Beobachtungen sogenannter „Russland-Experten“ in den Bundesdeutschen Talkshows und Spezial-Magazinen, wie zum Beispiel des Medienmagazins „Zapp“ des NDR.

Die langjährige Mitarbeiterin im Moskauer ARD-Studio Gabriele Krone-Schmalz, die in Russland lebend, so Breitschuster, mehrfach als Moderatorin für kremlnahe Unternehmen tätig war, beklagte sich laut über „unprofessionell wahrgenommene Berichterstattung“ und fürt sofort an „ Die haben alle sofort den Begriff Annexion gebraucht!“
Zapp brachte einen in Unterwürfigkeit gegenüber der Agression getauchten Bericht, der schon dadurch auffiel, dass meist Russen, kaum Ukrainer zu Wort kamen.
Später, so Breitschuster im Gespräch mit dem Autor gab der zu, „ziemlich blauäugig und von wenig Sachkenntnis getrübt in Sachen Russland gearbeitet zu haben!“

Putins Agenten im Infokrieg setzen nicht nur auf Fehlinformationen und Vertreter der Kremlideologie im Westen, denn mit „RT Deutsch“ hat der Kreml ein sehr effizientes Sturmgeschütz in Sachen Meinungsmache in der Öffentlichkeit aber auch den sozialen Medien.
Schwerpunkt dieser, mit der jungen Sprecherin Jasmina Kosubek scheinbar seriös daherkommend, zielgerichteten Angriffswaffe ist die totale Desinformation, die sich dadurch auszeichnet, dass in den entsprechenden „Zielgebieten“ vom Inhalt völlig gegensätzliche „Wahrheiten“ verbreitet werden.
Wird den russischen Nutzern von RT in der russischen Ausgabe erklärt, dass in Deutschland mehr als 500.000 Deutschrussen zurück in die „Heimat“ wollen, weil der milionenfache Zuzug von Asylanten nach Deutschland ihnen Angst macht, wird in der deutschen Ausgabe auf YouTube ein Pegidaaufmarsch mit Aktivisten der AfD live gestreamt. Von abmarschbereiten Russen keinerlei Rede!

Breitschuster weist in seiner Schilderung sehr gut nach, dass dieses Wechselspiel mit Meinung und Meinungsmache sehr gut das beabsichtigte Ziel im Fadenkreuz hat, Desinformation!
Am „Fall“ des Mädchens „Lisa“, angeblich von muslimischen Asylanten über Tage mehrfach vergewaltigt, zeigt Breitschuster auf, dass die Berichterstattung von RT Deutsch sich grundsätzlich von den Beiträgen in der Sache für die Russischsprachigen unterschied.
Während in den Beiträgen für die Deutschen schon kräftigst zurückgerudert wurde, baute RT auf russisch unso kräftiger an der Legende mit „unserem Mädchen“!
Lisa, in Deutschland geboren, schon bei der ersten Vernehmung durch die Polizei geständig, aus Angst vor den Eltern gelogen zu haben, wurde weiterhin als russisches Opfer gewaltbereiter Muslime bezeichnet.
Das Motiv schien zu sein, die Deutschen Medien der Lüge und Beschwichtigung zu zeihen!

Wie der Autor es schildert, ist der Kreml-Herrscher Wladimir Putin nicht nur von der Idee verfolgt, über scheinbar vom Mainstream unabhängige und damit den Systemmedien, wie zum Beispiel „KenFm“, in Europa Einfluss zu nehmen.
Ziel seiner Einflüsterrungen sind auch die eher an Russland weniger interessierten Deutschrussen, also derjenigen die nach dem Zusammenbruch der UDSSR, diese verlassen hatten und nun in Deutschland ihre Heimat sehen.

Über die manigfachen Verbindungen innerhalb deutscher Rechter und sogar einiger sich links postulierender Organisationen, mit Versuchen gut geplanter Aktionen von zum Beispiel Pegida und Montagsmahnwachen bis hin zu Auftritten von Politagitatoren, so Breitschuster, wie Jürgen Elsässer auf NPD-Versammlungen, lässt sich das „who is who“ Eurokritischer Verbreiter von den Öffentlich Rechtlichen „ungeschminkter“ Wahrheiten verfolgen.

Breitschusters kluge Analyse erschien schon vor 3 Jahren, ist also nicht wirklich auf dem heutigen Stand des „Wissenkönnen“! Nicht wirklich erklärbar ist daher der Umstand, dass nach einem kritikwürdigen Amerikanischen Präsidenten namens Donald Trump, der ebenso kritikwürdige Russische Präsident Wladimir Putin in der Deutschen Medienberichterstattung relativ gut wegkommt. Selbst einem „Grüßaugust“ in Person des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder, wird noch viel zuviel Respekt erwiesen, anstelle von Distanz geübt.

„Putins verdeckter Krieg-Wie Moskau den Westen destabilisiert“

Boris Breitschuster ECON 2016

 

chefschlumpf 2019

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2 Kommentare

  • Tommi

    Ja, in der Politik gibt es immer nur eine Wahrheit! Die alles entscheidende Frage ist: „Welche“?

  • vivienne

    Perfekt, Toni!
    Richtig gruselig ist es, was da läuft und man fragt sich immer öfter, was und wem man eigentlich noch trauen kann.
    Danke dir, für diese Buchbesprechung – jeder müsste es eigentlich lesen, um zu begreifen, welche Unwahrheiten uns vernebeln…

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