Im Schatten

„Dämliche Karre!“, fluchte Tom zum wiederholten Mal vor sich hin. Das Ding war ihm jetzt schon zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen verreckt. Mal der Kühler, mal die Zündung. Er sollte es verschrotten lassen. Und natürlich musste es in der Mittagshitze des heißesten Tags des Jahres mitten im Niemandsland liegen bleiben. Erneut schwenkte er sein Mobiltelefon wild in alle Richtungen und stellte fest, dass es immer noch keinen Empfang gab. Vor ihm und hinter ihm nur öde Landstraße. Wäre reine Glückssache, wenn hier jemand vorbeikommt. Rechts und links Gras und Felder. Von oben brannte die Sonne und er hatte keine Sonnenmilch dabei. „Hauttyp 1, immer schön eincremen“, spottete die Stimme seiner Hautärztin in seinem Kopf.

Tom lief weiter und schwitzte vor sich hin. Die Sonne knallte ihm auf die Stirn. Seit einigen hundert Metern hatte er ein seltsames Gefühl im Nacken. Wahrscheinlich bekam er einen Sonnenstich. Vorsichtshalber schaute er sich trotzdem um. Die Straße hinter ihm war leer, auch rechts und links war keine Menschenseele zu sehen. Nur sein kurzer Schatten, der hinter ihm her kroch. Tom lachte kurz und bitter auf. Wer sollte ihn denn auch überfallen, er hatte 15 Euro in der Tasche und ein kaputtes Auto.

Trotzdem blieb das Gefühl. Es musste ein Sonnenstich sein, hier würde man jeden noch so leisen Schritt hören. Kein Mensch war hier. Trotzdem kroch es ihm nun kalt über den Rücken. Auf seiner Haut begann es zu kribbeln, er starrte vor sich auf seinen Schatten, während er trotz der Sonne, die ihm auf die Stirn knallte, zu frieren begann. Ein Sonnenstich, es musste ein Sonnenstich sein. Wurde sein Schatten länger, weil er selbst auf den Boden zu stürzte? Dann stellten sich alle Härchen auf seinem Körper auf. Die Sonne kam von vorn, es war unmöglich, dass er seinen Schatten vor sich sehen konnte. Dort durfte es keinen Schatten geben.

Über das Gesicht seines Schattens huschte ein Lichtstreifen, der ihm ein bösartiges Grinsen verlieh. Immer größer wurde der Schatten, bäumte sich vor Tom auf, verdunkelte seine Welt und begann sie dann zu erobern. Stück für Stück drang er in seinen Körper ein, löste die Verankerungen, die die Seele im Körper halten. Er ignorierte Toms stumme Schreie, drückte und schob, bis Tom loslassen musste, um nicht zerrissen zu werden. Nach dem Schmerz des Drängens und Reißens schien es Tom fast als Erleichterung, als er den letzten Halt losließ und zu fallen begann.

Langsam und geschwächt fiel er nun aus sich selbst heraus, verlor alle Substanz. Er wartete auf den harten Aufprall, den ein fallender Körper verursacht, aber nichts geschah. Er sank nur flach und sanft auf den Boden hinter den Leib, aus dem man ihn verdrängt hatte. Dieser Körper drehte jetzt den Kopf und grinste ihn spöttisch an. Tom versuchte sich aufzubäumen und seinen Körper zurückzuerobern. Doch er hatte keine Kraft. Und so folgte er nun schwach, so schwach den Bewegungen seines neuen Herrschers.

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