Seemannsgrab

Erik hatte schon viel zu viel Wasser geschluckt. Er war zwar immer ein guter Schwimmer gewesen, aber lange würde er nicht mehr durchhalten. Eine Feier auf hoher See hatte es werden sollen. Das Geburtstagskind war so stolz auf den neu erworbenen Segelschein gewesen. Als der Himmel sich langsam verdunkelte, hatte sich niemand Sorgen gemacht. Die meisten waren ohnehin zu betrunken, um das aufziehende Unwetter zu bemerken. Er selbst hatte die Wolken bemerkt, aber er war kein Seemann und hatte sich beruhigen lassen. Und dann war der Sturm innerhalb von Minuten ausgebrochen. Die Segel konnten nicht mehr eingeholt werden und plötzlich war er im Wasser und sah nur noch Wellen um sich herum. Er wusste, dass er es schwimmend nicht bis zur Küste schaffen würde. Trotzdem strampelte er verzweifelt und versuchte in die Richtung zu schwimmen, in der er Land vermutete. Aber seine Kraft begann nachzulassen und ihm war kalt. Das Wasser wurde ruhiger, aber er war zu schwach, um weiter zu schwimmen. Schließlich gab Erik auf und ließ sich sinken. Ertrinken sei ein gnädiger Tod, das hatte er einmal gehört. Schon fast bewusstlos glaubte er dann Hände unter seinen Armen zu spüren, die ihn nach oben zogen. Das war wohl die Gnade des Ertrinkens.

 

Verschreckt zuckte Erik zusammen und schnappte nach Luft, strampelte mit Armen und Beinen, verhedderte sich in einer Bettdecke und stieß sich die Hand an einem Nachttisch an. Verwirrt sah er sich um. Er lag in einem ihm unbekannten Schlafzimmer, in warme Decken gewickelt. Neben seinem Bett brannte eine Lampe. Offensichtlich hatte er im Traum gerufen oder Lärm gemacht, denn die Tür des Zimmers ging auf und ein freundliches Frauengesicht schaute herein.

„Na, sind wir wieder wach? Wie geht’s?“

„Ganz gut – denke ich mal.“

Die Frau nickte zufrieden und ging wieder hinaus, während Erik sich in Zeit und Raum zu orientieren versuchte. Kurz darauf kam sie mit einem Tablett wieder und stellte sich als Nelly vor. Sie stellte das Tablett auf seinem Schoß ab und ermunterte ihn, von den belegten Broten zu essen und Tee zu trinken. Nelly kicherte: „Ich wollte Ihnen eine Suppe kochen, aber mein Mann meinte, sie haben schon genug Wasser geschluckt. Ein Krankenhaus haben wir hier auf der Insel nicht, aber wir haben den Arzt gerufen. Er meinte, sie sollten sich auf dem Festland noch mal untersuchen lassen, aber sie seien soweit in Ordnung.“

Erik merkte, dass er hungrig war und griff nach einem Käsebrot. Schwach kam die Erinnerung an das Boot und den Sturm und das kalte Wasser zurück: „Wer hat mich raus gezogen? Kam ein Boot vorbei? Was ist mit den anderen?“

Nelly runzelte die Stirn. „Wir haben per Funk gehört, dass draußen ein Boot ins Unwetter kam, aber wir wissen noch nichts Genaues. Aber sie können doch nicht auf dem Boot gewesen sein. Man hat sie am Strand gefunden. Etliche Meilen von dem Boot entfernt. So weit wird keiner lebendig angeschwemmt. Dann haben ein paar Männer sie hergetragen und wir haben den Arzt gerufen.“

Erik stutzte: „Aber das kann nicht sein. Ich weiß noch, ich bin auf See untergegangen, und halb ertrunken merkte ich noch, dass mich jemand aus dem Wasser zog.“

Nelly sah ihn nachdenklich an. Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich an sein Bett. Sie lächelte versonnen. „Da war wohl wieder die gute Josefine am Werk. Mein Mann glaubt ja nicht an sie, aber ich hab’s ihm gleich gesagt.“

Und dann erzählte ihm Nelly Josefines Geschichte. Vor über 100 Jahren hatten Josefine und ihr Mann hier auf der Insel ein Haus, in dem sie mehrere Wochen im Jahr verbrachten. Josefine und ihr Mann hatten einen kleinen Sohn, Peter. Peter ging jeden Tag mit seinem Kindermädchen zum Strand. Er spielte im Sand, als sein Kindermädchen, die sich etwas entfernt hatte, von einem verschmähten Liebhaber abgepasst wurde. Es kam zum Streit, das Mädchen wies den jungen Mann wieder ab, der Streit eskalierte und der Mann erschlug das Mädchen im Zorn. Erst nach seiner Tat bemerkte er Peter. Um ihn loszuwerden, trieb er ihn ins Meer und ließ ihn nicht zurück ans Ufer. Peter hatte gerade erst schwimmen gelernt, aber er strampelte und schrie und versuchte zu entkommen. Schließlich ließen aber seine Kräfte nach und er ertrank. Als man abends die Leichen fand, brach Josefine zusammen und wurde wahnsinnig darüber, dass sie ihren Sohn nicht hatte schreien hören. Bald darauf starb sie, ohne wieder zu Verstand gekommen zu sein.

Einige Jahre nach ihrem Tod waren immer wieder Menschen aus dem Meer gerettet worden. Und alle Geretteten erzählten dieselbe Geschichte. Sie waren geschwommen, bis die Kraft sie verlassen hatte. Beim Untergehen hatten sie dann gespürt, wie jemand sie aus dem Wasser zog. Am Strand von Josefines Insel wurden dann die Opfer gefunden, ohne dass sie sich daran erinnern konnten, wie sie dort hingekommen waren.

Als Nelly die Geschichte beendet hatte, nahm sie Erik das Tablett ab und zwinkerte ihm zu: „Aber das erzählen sie besser keinem weiter, sonst hält man sie auch noch für verrückt.“

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