{"id":1427,"date":"2010-03-10T17:54:08","date_gmt":"2010-03-10T16:54:08","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=1427"},"modified":"2010-03-10T17:54:08","modified_gmt":"2010-03-10T16:54:08","slug":"seitenverkehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/seitenverkehrt\/","title":{"rendered":"Seitenverkehrt"},"content":{"rendered":"<p>Ich steige aus dem Zug aus.<br \/>\nBlicke mich um.<br \/>\nUnd dann erstarre ich.<br \/>\nEinen Moment dachte ich\u2026<br \/>\nEinen Moment dachte ich, er ist du\u2026<br \/>\nDer Mann dort vorn.<br \/>\nFast wie fr\u00fcher.<br \/>\nWenn du mich immer abgeholt hast.<br \/>\nVom Bahnhof.<br \/>\nOder vom Flughafen.<br \/>\nJe nach dem.<br \/>\nEs tat immer gut zu wissen.<br \/>\nDass du da sein w\u00fcrdest.<br \/>\nMit einem verschmitzten L\u00e4cheln im Gesicht.<br \/>\nUnd leuchtenden Augen.<br \/>\nHeute bist du nicht da.<br \/>\nNein.<br \/>\nEine Bekannte wird mich abholen.<br \/>\nEine Bekannte, die mich zu einem Gesch\u00e4ftsessen eingeladen hat.<br \/>\nIch rei\u00dfe mich los von deinem Gesicht.<br \/>\nDeinem Gesicht, dass ich \u00fcberall zu erkennen glaube.<\/p>\n<p>Da bist du ja!<br \/>\nIhre fast schrille Stimme l\u00e4sst mich zusammenzucken.<br \/>\nDa steht sie.<br \/>\nIn einem unm\u00f6glichen Kost\u00fcm.<br \/>\nUnd einem Regenschirm.<br \/>\nNieselregen.<br \/>\nIch ziehe ein L\u00e4cheln auf.<br \/>\nPflichtschuldigst.<br \/>\nUnd sie nimmt mich am Arm.<br \/>\nIhr Geplapper h\u00fcllt mich ein.<br \/>\nIch versuche mich dagegen abzuschotten.<br \/>\nWerfe mechanisch ab und zu ein Wort ein.<br \/>\nOder zwei.<br \/>\nUnd gehe doch meinen Gedanken nach.<br \/>\nWir gehen zu Fu\u00df.<br \/>\nDie U-Bahn ist so schmutzig.<br \/>\nUnd \u00fcberf\u00fcllt.<br \/>\nIhre Worte.<br \/>\nDas Caf\u00e9 ist wirklich nicht weit.<br \/>\nEs ist Herbst geworden.<br \/>\nUnd der Wind l\u00e4sst mich fr\u00f6steln.<br \/>\nEs war Fr\u00fchjahr.<br \/>\nFr\u00fchjahr.<br \/>\nAls du mich das erste Mal abgeholt hast.<br \/>\nUnd mir diese Lilien gebracht hast.<br \/>\nWei\u00df und duftig.<br \/>\nUnd so zerbrechlich\u2026<br \/>\nMein Blick saugt sich fest.<br \/>\nDa vorn die Blumenhandlung.<br \/>\nDort hast du sie gekauft.<br \/>\nDort hast du mir auch Rosen gekauft.<br \/>\nDamals.<br \/>\nAls wir uns liebten \u2026<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre ihren fragenden Blick.<br \/>\nUnd versuche gleichg\u00fcltig zu wirken.<br \/>\nAber es tobt in meinem Inneren.<br \/>\nDer Sturm kommt nicht zum Stillstand.<br \/>\nErinnerungen werden wach.<br \/>\nFast alle paar Schritte.<br \/>\nDer wundersch\u00f6ne Park und diese Parkbank dort!<br \/>\nDort haben wir uns gek\u00fcsst.<br \/>\nDas erste Mal\u2026<br \/>\nDer Italiener da dr\u00fcben.<br \/>\nDamals hie\u00df er noch \u201eNapoli\u201c.<br \/>\nNun hei\u00dft er \u201eVenezia\u201c.<br \/>\nAber er sieht aus wie damals.<br \/>\nWie damals im Fr\u00fchling.<br \/>\nNur irgendwie dunkler.<br \/>\nAnders.<br \/>\nSeitenverkehrt.<br \/>\nOb es am Wetter liegt?<br \/>\nDamals war Fr\u00fchling.<br \/>\nUnd die Liebe w\u00e4rmte mich.<br \/>\nW\u00e4rmte uns beide.<br \/>\nNun ist Herbst.<br \/>\nUnd ich f\u00fchle mich m\u00fcde.<br \/>\nAllein.<br \/>\nIch wei\u00df nicht wo du bist.<br \/>\nWas du machst.<br \/>\nEs ist vorbei\u2026<\/p>\n<p>Sie tun mir weh.<br \/>\nAll diese markanten Punkte.<br \/>\nErinnerungen branden auf.<br \/>\nRei\u00dfen ein Loch in mich.<br \/>\nDabei dachte ich:<br \/>\nIch bin dr\u00fcber weg!<br \/>\nL\u00e4ngst.<br \/>\nEs ist nicht zu \u00e4ndern\u2026<br \/>\nWir stehen vor dem Caf\u00e9.<br \/>\nSie klappt ihren Regenschirm zusammen.<br \/>\nL\u00e4chelt mich an.<br \/>\nSagt ein paar Worte.<br \/>\nIch verstehe nicht was.<br \/>\nUnm\u00f6glich mich darauf zu konzentrieren.<br \/>\nIch nicke nur.<br \/>\nUnd l\u00e4chle.<br \/>\nMeine Augen tun weh.<br \/>\nIch m\u00f6chte weinen.<br \/>\nSie dirigiert mich an den Tisch.<br \/>\nWir bestellen f\u00fcr uns beide.<br \/>\nIhr Reden beginnt mich zu nerven.<br \/>\nIch merke, dass ich aggressiv werde.<br \/>\nDu wirkst so abwesend.<br \/>\nDiesen Satz verstehe ich pl\u00f6tzlich.<br \/>\nIch tue recht erstaunt.<br \/>\nAber nein.<br \/>\nIch bin nur m\u00fcde.<br \/>\nIch bin gestern erst aus Rom gekommen\u2026<br \/>\nDer Wetterumschwung\u2026<br \/>\nIn Rom hat es auch geregnet.<br \/>\nUnd warm war es auch nicht.<br \/>\nAber das muss ich ihr nicht sagen\u2026<\/p>\n<p>Mein Blick schweift durch den Raum.<br \/>\nAuch hier sind wir oft gesessen.<br \/>\nDu und ich.<br \/>\nWir haben geredet.<br \/>\nUnd uns gek\u00fcsst.<br \/>\nDann sind wir durch die Stadt spaziert.<br \/>\nDen Mairegen auf unserer Haut.<br \/>\nEs ist fast wie damals.<br \/>\nNur irgendwie seitenverkehrt.<br \/>\nGenau.<br \/>\nSie sitzt neben mir.<br \/>\nNicht du.<br \/>\nUnd wir plaudern nicht im Gastgarten.<br \/>\nSondern auf einem kleinen Tisch.<br \/>\nMitten im Lokal.<br \/>\nSogar die Kaffeetasse sieht anders aus.<br \/>\nDabei hat sie dasselbe Muster\u2026<br \/>\nUnschwer zu erkennen.<br \/>\nIch m\u00f6chte nicht nachdenken.<br \/>\nUnd kann doch nicht anders.<br \/>\nDu bist weg.<br \/>\nIch liebe dich nicht mehr.<br \/>\nAber mit der Erinnerung kommt Wehmut.<br \/>\nSehnsucht nach dem Verlorenen.<br \/>\nDas nicht wiederkommen wird\u2026<br \/>\nSie redet und redet.<br \/>\nAber ich h\u00f6re nicht zu\u2026<\/p>\n<p>Vivienne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich steige aus dem Zug aus. Blicke mich um. Und dann erstarre ich. 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