{"id":14524,"date":"2013-07-07T16:00:53","date_gmt":"2013-07-07T14:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/?p=14524"},"modified":"2013-07-07T12:15:29","modified_gmt":"2013-07-07T10:15:29","slug":"der-patient-ansichtssache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/der-patient-ansichtssache\/","title":{"rendered":"Der Patient &#8211; Ansichtssache"},"content":{"rendered":"<p>Es liegt erst einige Monate zur\u00fcck, dass mir ein Freund davon erz\u00e4hlte dass sein Vater ernstlich erkrankt w\u00e4re. Der Vater, nur einige Jahre \u00e4lter als ich, ist mir selbst bekannt und war bisher noch selten mit gesundheitlichen Einschr\u00e4nkungen konfrontiert. Nachdem Ende des Vorjahres verschiedene Beschwerden aufgetreten waren hatte er einen Arzt aufgesucht und bei der Untersuchung war letztlich ein Karzinom diagnostiziert worden.<\/p>\n<p>Es ist bestimmt nicht unverst\u00e4ndlich, dass eine solche zumeist doch \u00fcberraschende Diagnose in erster Linie bei dem Betroffenen selbst, aber auch bei der Familie und im Freundeskreis einen heftigen Niederschlag findet. Dieser resultiert aus meiner Sicht aber nicht nur aus der Diagnose selbst sondern vielmehr auch aus der Unsicherheit, bestimmt aber auch aus der Unkenntnis zu den m\u00f6glichen Behandlungsm\u00f6glichkeiten. Wir sollten uns aber auch bewu\u00dft sein, dass eine fallweise Stigmatisierung f\u00fcr den Betroffenen keinesfalls zielf\u00fchrend sein kann.<\/p>\n<p>Die behandelnden \u00c4rzte haben eine umfangreiche Chemotherapie angesetzt, welche keinen andauernden station\u00e4ren Aufenthalt erfordert. Ich habe mich in den vergangenen Wochen bei meinem Freund mehrmals nach dem Behandlungsfortschritten bei seinem Vater erkundigt und konnte erfahren, dass er bisher erfreulicherweise sehr positiv auf die Therapie angesprochen h\u00e4tte. Auch wenn mir Details zur Diagnose fehlen ist mir doch aufgefallen, dass \u00fcber die Chemotherapie hinaus keine weiteren Behandlungsschritte bekannt sind. Ich m\u00f6chte die Sinnhaftigkeit einer Chemotherapie keinesfalls in Frage stellen, doch bestehen auch andere Behandlungsoptionen &#8211; wie etwa der chirurgische Eingriff. Was mir also fehlt ist ein gesamthaftes Therapiekonzept &#8211; wobei ich davon ausgehe, dass ein solches durchaus vorliegt, aber m\u00f6glicherweise dem Patienten noch nicht ausreichend kommuniziert wurde.<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich zum besseren Verst\u00e4ndnis meiner Sichtweise kurz auf meine eigene Krankengeschichte verweisen. Als bei mir Anfang 2008 ein atypisches Meningeom diagnostiziert wurde mu\u00dfte ich mich umgehend einer Sch\u00e4deloperation unterziehen. Da der Tumor nur subtotal entfernt werden konnte wurde mir die Notwendigkeit einer weiteren OP in Aussicht gestellt, welche dann auch im Herbst erfolgte.  In dieser Zeit hatte ich die weiteren m\u00f6glichen Behandlungsschritte offenbar nicht hinterfragt. Nachdem dann klar wurde, dass eine vollst\u00e4ndige chirurgische Entfernung des Tumors nicht m\u00f6glich w\u00e4re wurde ich im Herbst 2008 erstmalig mit einer Strahlentherapie konfrontiert. Aufgrund der in meinem Fall bestehenden Gefahren von Langzeitsch\u00e4den nach einer konventionellen Strahlentherapie widersetzte ich mich  dieser Option. Erst nun begann ich damit mich mit meiner Krankheit selbst zu besch\u00e4ftigen und durfte im Zuge einer entsprechenden Recherche letztlich die stereotaktische Radiochirurgie entdecken, die mir zuvor von meinen \u00c4rzten nicht aufgezeigt wurde.<\/p>\n<p>Ende 2008 lernte ich das Landesklinikum Graz kennen, wo ich auf der neurochirurgischen Abteilung zwei &#8222;Gamma Knife&#8220; Behandlungen unterzogen wurde. Ich bin hier nun schon seit bald f\u00fcnf Jahren in Behandlung und habe mich nicht zuletzt aufgrund der kompetenten und offenen Gespr\u00e4chsbereitschaft stets gut aufgehoben gef\u00fchlt. Das Einholen einer \u00e4rztlichen Zweitmeinung empfand ich zum damaligen Zeitpunkt, Ende 2008, aber noch als ein f\u00fcr mich beinahe unzul\u00e4ssiges Mi\u00dftrauensvotum gegen\u00fcber den behandelnden \u00c4rzten in Wien. Erst als ich mich sp\u00e4ter \u00fcber Foren und Selbsthilfegruppen mit anderen Patienten auszutauschen konnte erkannte ich die Bedeutung der Eigenverantwortung des Patienten.<\/p>\n<p>Kommen wir aber wieder zur\u00fcck zu dem eingangs erw\u00e4hnten Bekannten, der doch noch gewisserma\u00dfen am Beginn seiner Krankengeschichte steht. Auch wenn seine Diagnose mit der meinen nicht unmittelbar vergleichbar ist sehe ich dennoch gewisse Parallelen im pers\u00f6nlichen Umgang damit. Als Inhaber eines klein- bis mittelst\u00e4ndigen Betriebes im Baunebengewerbe soll er stets  rasch darauf dr\u00e4ngen um nach einem Behandlungszyklus wieder beruflich aktiv sein zu k\u00f6nnen. Auch selbst war ich nach meinen Sch\u00e4deloperationen sehr rasch &#8211; in der Regel nach nur einigen Wochen &#8211; wieder im Beruf aktiv und habe einen Rehabilitationsaufenthalt nie angedacht. Ich m\u00f6chte auch gar nicht bestreiten, dass hier  eine bestimmte Form der  Verdr\u00e4ngung durch den Patienten stattfindet &#8211; ob diese vern\u00fcnftig ist, steht wohl auf einem anderen Blatt.<\/p>\n<p>Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit gefunden mit dem Bekannten selbst \u00fcber seine Krankheit zu sprechen und m\u00f6chte letztlich auch eine gewisse Sensibilit\u00e4t nicht vermissen lassen. Aus den Erz\u00e4hlungen seiner Familie wurde mir auch rasch klar, dass er Gespr\u00e4che \u00fcber seine Krankheit weitestgehend meidet, was ich aber auch durchaus gut verstehen kann. Ich konnte schon beobachten, dass manche Menschen dazu neigen einen Kranken m\u00f6glicherweise auch unbewu\u00dft zu bedauern anstatt ihm mit konstruktiven L\u00f6sungsans\u00e4tzen und einem gesunden Optimismus entsprechenden Mut zuzusprechen. <\/p>\n<p>Mit diesen Zeilen m\u00f6chte ich meinen Bekannten einerseits gute Besserung w\u00fcnschen, ihm zugleich aber auch einen Ansatz f\u00fcr den Umgang mit seiner Krankheit mit auf den Weg geben. Es ist nicht ungew\u00f6hnlich und in vielen F\u00e4llen sogar notwendig medizinische Details zu erfragen. Der Arzt erkennt darin das Interesse des Patienten und wird in der Regel die Ausk\u00fcnfte gerne erteilen. In diesem Zusammenhang w\u00e4re der eingangs erw\u00e4hnte Therapieplan eine sehr wichtige Information. Auch heikle Themen wie die Prognose sollten in einem solchen Gespr\u00e4ch nicht ausgeklammert werden. Erst mit dem entsprechenden Wissen \u00fcber die eigene Krankheit besteht die M\u00f6glichkeit medizinische Zweitmeinungen bei Spezialisten einzuholen. Ein solches Verhalten des Patienten hat nichts mit Mi\u00dftrauen zutun, aber auch innerhalb der anerkannten Schulmedizin bestehen verschiedene Meinungen zu den Therapieformen, die auf unterschiedlichen Erfahrungsberichten beruhen. Und erst wenn ich diese kenne und mich mit ihnen besch\u00e4ftigt habe kann ich &#8211; als Patient &#8211; die letzte Entscheidung treffen.<\/p>\n<p>Es war mir anfangs nicht ganz leicht gefallen, diesen Beitrag zu schreiben &#8211; aber letztlich bin ich froh, es getan zu haben. Die niedergeschriebenen Zeilen sind allesamt real erlebt, doch habe ich mich dazu entschieden, dass ich einzelne Details behutsam abw\u00e4ge um die Pers\u00f6nlichkeitsrechte von Betroffenen nicht zu verletzen.<\/p>\n<p>Pedro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es liegt erst einige Monate zur&uuml;ck, dass mir ein Freund davon erz&auml;hlte dass sein Vater ernstlich erkrankt w&auml;re. 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