{"id":1487,"date":"2010-03-10T18:10:13","date_gmt":"2010-03-10T17:10:13","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=1487"},"modified":"2010-03-10T18:10:13","modified_gmt":"2010-03-10T17:10:13","slug":"betroffenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/betroffenheit\/","title":{"rendered":"Betroffenheit"},"content":{"rendered":"<p>Anja sperrte die T\u00fcr zu ihrer Wohnung auf.<br \/>\nGeschafft!<br \/>\nEben begann es zu regnen.<br \/>\nZu gie\u00dfen wie aus K\u00fcbeln.<br \/>\nDer Wind wirbelte die Gardinen in der K\u00fcche auf.<br \/>\nAnja ging hin und schloss das gekippte Fenster.<br \/>\nSekunden blieb sie stehen.<br \/>\nVerharrte vor der Glasscheibe.<br \/>\nUnd starrte hinaus.<br \/>\nIn das Grau.<br \/>\nDicke Tropfen klopften an das Glas.<br \/>\nLangsam ging sie zum K\u00fchlschrank.<br \/>\nSchenkte sich ein Glas Cola ein.<br \/>\nVersunken blieb sie am Tisch stehen.<br \/>\nSie verga\u00df fast zu trinken.<br \/>\nDas M\u00e4dchen aus der U-Bahn dr\u00e4ngte sich immer wieder in ihre Gedanken.<br \/>\nDunkles, gef\u00e4rbtes Haar.<br \/>\nPiercings an den Lippen und an der Zunge.<br \/>\nEin wenig f\u00fcllig.<br \/>\nEin weiter Rock.<br \/>\nEine Tunika dazu.<br \/>\nBeides dunkel.<br \/>\nAber das hatte Anja nicht so sehr beachtet.<br \/>\nImmer wieder sah sie den Unterarm des M\u00e4dchens vor sich.<br \/>\nAls es den Halteknopf in der U-Bahn gedr\u00fcckt hatte.<br \/>\nUnd sie war neben ihm gestanden.<br \/>\nHatte den Blick nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen\u2026<\/p>\n<p>Anja z\u00fcndete sich eine Zigarette an.<br \/>\nNippte vom Glas.<br \/>\nWieder fixierte sie das Fenster.<br \/>\nSie dachte an das kaputte Auto.<br \/>\nDie Reparatur w\u00fcrde ein Verm\u00f6gen kosten.<br \/>\nHeinz fiel ihr wieder ein.<br \/>\nDer sie vor vier Wochen verlassen hatte.<br \/>\nUnd die Wunde schmerzte wie Feuer.<br \/>\nManchmal zumindest.<br \/>\nKeine Ahnung wie sie das durchstehen sollte.<br \/>\nNach \u00fcber f\u00fcnf gemeinsamen Jahren.<br \/>\nWeil er nicht mehr gewollt hatte.<br \/>\nEinfach so.<br \/>\nEs gab nicht einmal eine andere.<br \/>\nWie hatte er formuliert?<br \/>\nDu nervst.<br \/>\nDu bist eine Zicke.<br \/>\nDu regst dich wegen jeder Kleinigkeit auf.<br \/>\nUnd im Bett spielt sich nichts mehr ab zwischen uns\u2026<br \/>\nWas willst du noch?<br \/>\nWas willst du noch?<br \/>\nDie Worte dr\u00f6hnten in Anjas Kopf.<br \/>\nEin Kind hatte sie gewollt.<br \/>\nEin Kind von Heinz.<br \/>\nSo sehr.<br \/>\nUnd mit einem Mal hatte ihr Leben keinen Sinn mehr gehabt.<br \/>\nDer Unfall mit dem Wagen vorige Woche war nur Draufgabe gewesen.<br \/>\nIhr war nichts passiert.<br \/>\nAber w\u00e4re ihr das nicht im Grunde schon egal gewesen?<\/p>\n<p>Anja sog an der Zigarette.<br \/>\nDer Rauch brannte in ihren Augen.<br \/>\nDas M\u00e4dchen aus der U-Bahn zeichnete sich wieder vor ihr ab.<br \/>\nUnd der linke Unterarm, mit dem es den Halteknopf gedr\u00fcckt hatte.<br \/>\nAnja wusste nicht, warum sie diesen Arm angesehen hatte.<br \/>\nUnverwandt.<br \/>\nSie kannte doch das M\u00e4dchen gar nicht.<br \/>\nAber dann fiel ihr etwas auf.<br \/>\nFeine, wei\u00dfe Linien auf der gebr\u00e4unten Haut.<br \/>\nNarben von Schnitten.<br \/>\nDaneben Sch\u00fcrfwunden.<br \/>\nBlaue Flecken.<br \/>\nUnd kleine, fast kreisrunde Flecken.<br \/>\nMit Kruste.<br \/>\nEs dauerte einige Zeit bis Anja begriff.<br \/>\nDa d\u00e4mpfte jemand Zigaretten aus auf dem Arm des M\u00e4dchens.<br \/>\nImmer wieder.<br \/>\nUnd schon l\u00e4nger.<br \/>\nWie die alten Narben zeigten.<br \/>\nUnd die Schnittwunden\u2026?<br \/>\nAnja ballte ihre F\u00e4uste in Erinnerung.<br \/>\nWunden.<br \/>\nDas M\u00e4dchen f\u00fcgte sie sich selbst zu.<br \/>\nIn selbst zerst\u00f6rerischer Absicht.<br \/>\nUnd das sehr oft.<br \/>\nDas M\u00e4del machte sich Furchtbares mit.<br \/>\nGedem\u00fctigt und geschlagen.<br \/>\nUm nicht zu sagen: gefoltert.<br \/>\nErniedrigt.<br \/>\nUnd es kam mit der Situation nicht zurecht.<br \/>\nV\u00f6llig hilflos.<br \/>\nVerletzte sich immer wieder selbst.<br \/>\nSo viele Schnitte in der Haut\u2026<\/p>\n<p>Ein \u00fcbles, menschliches Schicksal.<br \/>\nAnja hatte sich da eine Trag\u00f6die offenbart.<br \/>\nRein zuf\u00e4llig.<br \/>\nWeil sie hingesehen hatte.<br \/>\nAls das M\u00e4dchen den Haltegriff gedr\u00fcckt hatte.<br \/>\nAnja hatte ihm nach dem Aussteigen nachgeblickt.<br \/>\nBis sich die T\u00fcr wieder schloss.<br \/>\nWo w\u00fcrde das M\u00e4del nun hingehen?<br \/>\nHeim?<br \/>\nWenn man das so nennen konnte?<br \/>\nWaren die Eltern die \u00dcbelt\u00e4ter?<br \/>\nDie sich an ihrem Kind schadlos hielten?<br \/>\nAuf unvorstellbare Art und Weise?<br \/>\nOder misshandelte der Freund dieses blutjunge Wesen?<br \/>\nUnd es konnte nicht von ihm lassen?<br \/>\nIn v\u00f6lliger Verkennung dessen, was Liebe war?<br \/>\nDer Regen hatte nachgelassen.<br \/>\nAnja d\u00e4mpfte ihre Zigarette aus.<br \/>\nSie wusste es nicht.<br \/>\nUnd sie konnte nichts tun.<br \/>\nKeine Anzeige machen.<br \/>\nOder sonst irgendwie dem M\u00e4del helfen.<br \/>\nDas doch fast noch ein Kind war.<br \/>\nNoch so jung.<br \/>\nUnd doch war sein Leben schon gelaufen.<br \/>\nVorbei.<br \/>\nNarben auf dem Unterarm.<br \/>\nDeutlich zu erkennen.<br \/>\nNarben auf der Seele.<br \/>\nNicht zu sehen.<br \/>\nAber umso schmerzhafter.<br \/>\nGerade erst zu leben begonnen.<br \/>\nUnd doch schon vom Weg abgekommen.<br \/>\nIrgendwo im Dickicht verlaufen.<br \/>\nKein Halt, kein Ziel.<br \/>\nKeine Chance mehr in diesem Leben\u2026<br \/>\nAnja atmete schwer.<br \/>\nUnd sie, Anja?<br \/>\nSie tat sich selber Leid.<br \/>\nWegen Heinz\u2026!<br \/>\nWar das nicht grotesk?<\/p>\n<p>Vivienne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anja sperrte die T&uuml;r zu ihrer Wohnung auf. 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