{"id":14960,"date":"2013-09-17T16:35:12","date_gmt":"2013-09-17T14:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/?p=14960"},"modified":"2013-09-17T16:35:12","modified_gmt":"2013-09-17T14:35:12","slug":"heute-vor-zwanzig-jahren-von-ralph-bruse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/heute-vor-zwanzig-jahren-von-ralph-bruse\/","title":{"rendered":"Heute &#8211; Vor zwanzig Jahren &#8211; von Ralph Bruse"},"content":{"rendered":"<p><strong>Heute &#8211; Vor zwanzig Jahren<\/strong><\/p>\n<p>Ende September.<br \/>\nRegen nieselt wie Perlenstaub durch die Altstadt.<br \/>\nKopfsteinstra\u00dfen dampfen im scheu gewordenen Sonnenlicht.<br \/>\nHeike kommt auf Rollschuhen den Gehweg entlang. Ihr langes,<br \/>\nnasses Haar fliegt im Wind. Sie tr\u00e4umt vor sich hin; summt<br \/>\nselbstvergessen und l\u00e4chelt endlos, als sei sie verliebt.<br \/>\nVon der anderen Stra\u00dfenseite her ruft Tim ihren Namen. Er<br \/>\nwinkt und sie wirft ihm einen Kussmund zu. Tim ist ihr erster<br \/>\nFreund. Die ganz gro\u00dfe Liebe.<br \/>\nEr l\u00e4uft ihr nach, um sich den Kuss in echt zu holen; rennt<br \/>\nquer \u00fcber die Stra\u00dfe. Gleich hat er sie&#8230;Zun\u00e4chst ihr sch\u00fcch- tern verstohlenes L\u00e4cheln.<br \/>\nSchlie\u00dflich lacht sie laut; saust ihm davon; wechselt j\u00e4h die Stra\u00dfenseite&#8230;Sie lacht immer noch&#8230;lacht und lacht&#8230;<br \/>\nPl\u00f6tzlich endet das Lachen abrupt&#8230;es kracht an der Stra\u00dfen- ecke&#8230;Tim stockt der Atem&#8230;Er sieht Heike, merkw\u00fcrdig ver- kr\u00fcmmt, mitten auf dem Kopfsteinpflaster liegen; ihr starrer Blick zum Himmel gerichtet. Der eine Rollschuh surrt direkt<br \/>\nin seine Richtung; stoppt genau vor seinem Fu\u00df.<br \/>\nEndpunkt. Bis hierhin und nicht weiter&#8230;.<br \/>\nStimmen jagen umher. Leute schreien. Der Fahrer des Wagens:<br \/>\nfassungslos. Auch jene, die ihn verfluchen: fassungslos.<br \/>\nEin Krankenwagen.<br \/>\nDann Kopfsch\u00fctteln.<br \/>\nNichts mehr zu machen, sagt jemand.<br \/>\nPolizeisirenen. Der Autofahrer mu\u00df vor der tobenden Men-<br \/>\nschenmenge gesch\u00fctzt werden &#8211; wird weggebracht.<br \/>\nHeike bringen sie ganz woandershin.<br \/>\nTim steht immer noch da; will endlich weinen und nie mehr<br \/>\nvon dort weggehen.<br \/>\nDer eine Rollschuh&#8230;Er b\u00fcckt sich danach. Seine H\u00e4nde zittern.<br \/>\nDer ganze Leib zittert. Seitw\u00e4rts, an der Schnalle des Roll- schuhs, seine Handschrift, mit F\u00fcller geschrieben.<br \/>\nF\u00fcr Heike<\/p>\n<p>Irgendwann sp\u00e4ter nimmt irgendjemand Tim in den Arm.<br \/>\n&gt; Der war viel zu schnell! Das wird der Kerl b\u00fc\u00dfen&#8230;! &lt;<br \/>\nKein Trost.<br \/>\nGarkeiner.<br \/>\nErst weit nach Mitternacht taumelt Tim nach Hause. Das blas- se Gesicht im Fenster verliert sich in tiefstem Dunkel.<\/p>\n<p>Kaum achtzehn, zog er weg. Kurz vorher sagte er: ich hasse die Stra\u00dfe, die Stadt, alles&#8230;!<br \/>\nEinst liebte er sie &#8211; Heike, seine Freunde, die Stra\u00dfe, die unbe- schwerte Zeit. Doch jetzt flieht er&#8230;winkt stumm geworden von fern, mit Tr\u00e4nen in den Augen. Adieu Tim, lieber Freund.<\/p>\n<p><strong>Heute <\/strong><br \/>\nKlassentreffen bei Uli. Eigentlich nichts Besonderes. Elf, zw\u00f6lf Leute aus der alten Clique, die sich selbst feiern.<br \/>\nAbends klingelt es an Ulis\u00b4 T\u00fcr.<br \/>\nSie \u00f6ffnet &#8211; jauchzt los. Da steht er &#8211; Tim &#8211; in zerschlissenen Klamotten, unrasiert; v\u00f6llig durchn\u00e4sst. Uli umarmt ihn. Wir auch. Er setzt sich zu uns; versucht ein L\u00e4cheln; isst innerhalb von Minuten s\u00e4mtliche Frikadellen weg; trinkt Starkbier; be- ginnt etwa nach der f\u00fcnften Flasche zu erz\u00e4hlen &#8211; langsam, als wolle er lieber garnichts sagen&#8230;erz\u00e4hlt, da\u00df er Familie hat. Und zwei Kinder.<br \/>\nWieder der Versuch eines L\u00e4chelns.<br \/>\n&gt; Alles prima, &lt; f\u00fcgt er schnell an, ehe er Knall auf Fall schwei- gend in sein Schneckenhaus zur\u00fcckkriecht.<\/p>\n<p>Er bleibt nicht lange. Nach zehn ist er pl\u00f6tzlich verschwunden. Ich suche ihn; kann mir schon denken, wo er ist und bleibe auf Distanz.<br \/>\nTim schleicht auf dem Friedhof umher; findet aber nicht das gesuchte Grab, weil es inzwischen eingeebnet wurde. Weg &#8211; ihr Grab ist einfach weg. &gt; Heike&#8230;,&lt; h\u00f6re ich ihn leise sagen. Nur dieses eine Wort.<br \/>\nEs zerfetzt mich!<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter lehnt er an der kleinen Br\u00fccke, die in den Ort f\u00fchrt. Dort trafen sie sich immer.<br \/>\nEr steckt sich eine an; starrt vor sich hin. Ich will aus dem Schatten einer krummen Linde treten; will mich gerade zu ihm setzen. In dem Moment h\u00f6re ich ihn nuscheln: Alles prima, na klar&#8230;Und dann sein lautes Lachen, das grauenvoll klingt. Ich verschwinde. Und er steckt sich die n\u00e4chste Kippe an.<\/p>\n<p>Heute morgen, beim gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fcck &#8211; ohne Tim &#8211; meinte Uli, sie w\u00fcrde das Gef\u00fchl nicht loswerden, er h\u00e4tte in einer Tour gelogen, gestern. &gt; Familie. Kinder. Glaub ich ihm<br \/>\neinfach nicht. &lt; Die dicke Ulla, neben ihr, findet das lustig und kichert am\u00fc- siert. Holger, der Grundschullehrer, zwei St\u00fchle weiter, schmiert sich fingerdick Leberwurst auf\u00b4s Br\u00f6tchen, schlie\u00dft die \u00fcbern\u00e4chtigten Augen; schmatzt ausgiebig; h\u00f6rt garnicht zu. Ihm gegen\u00fcber fletzt sich Walter, der etwas \u00fcberkandidelte Chemiker in einem renommierten Forschungslabor. Der stimmt doch tats\u00e4chlich in Ullas\u00b4 d\u00e4mliches Gekicher ein. F\u00fcgt noch an, da\u00df Tim einen wie auch immer gearteten, wirren und ver- wahrlosten Eindruck machte.<br \/>\n&gt; Na und. Wenn schon!, &lt; erwidere ich irgendwie gel\u00e4utert und ziemlich gereizt. &gt; Sch\u00f6n, da\u00df Ihr wenigstens alle beieinander<br \/>\nhabt und auf der sicheren Seite seid! &lt;<br \/>\nJetzt wiederum hab ich das lichterloh brennende Gef\u00fchl, hier schnellstens raus zu m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Drau\u00dfen, auf der Stra\u00dfe, wird ebenso schnell deutlich, da\u00df ich gerade elf, zw\u00f6lf Freunde verprellt habe. Und der eine, der mir<br \/>\nbleibt, ist \u00fcberall und nirgendwo. Vielleicht sollte ich nach ihm<br \/>\nsuchen. Oder besser nicht&#8230;?<br \/>\nDoch, ich werde es tun.<br \/>\nAtme ein paarmal tief ein und aus.<br \/>\nDie feuchte Morgenluft klart auf. Es riecht nach Fisch. Nach<br \/>\nHafen. Nach Leben. Nie war ich dem vertrauten Geruch n\u00e4her,<br \/>\nals jetzt. Und elf, zw\u00f6lf Leuten aus dieser Stadt nie ferner&#8230;<br \/>\nNa und. Drauf gepfiffen.Vorw\u00e4rts &#8211; nicht zur\u00fcck.<br \/>\nDas L\u00e4cheln zwischen meinen Lippen macht sich.<\/p>\n<p>(c) Ralph Bruse<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute &ndash; Vor zwanzig Jahren Ende September. Regen nieselt wie Perlenstaub durch die Altstadt. 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