{"id":18265,"date":"2004-01-17T13:40:35","date_gmt":"2004-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2004\/01\/neue-bohnen-zeitung-224\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:20","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:20","slug":"neue-bohnen-zeitung-224","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-224\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p>               <strong>               <br \/>                              von                                                            <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0                &#8211;\u00a0 Oktober 2004<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Nobelpreistr\u00e4gerin Elfriede                Jelinek<\/strong><\/p>\n<p>                              Ich traute heute Nachmittag meinen Ohren kaum, als ich fast                zuf\u00e4llig im Radio h\u00f6rte, wen die Schwedische Akademie heuer als                Literaturnobelpreistr\u00e4ger auserkoren hat: die Wahl fiel n\u00e4mlich                auf die geb\u00fcrtige Steirerin Elfriede Jelinek, ber\u00fchmt, ber\u00fcchtigt,                umstritten und angefeindet. Die erste \u00f6sterreichische Tr\u00e4gerin des                von Alfred Nobel gestifteten Preises seit, wenn ich mich nicht                irre, Konrad Lorenz im Jahr 1973. Elias Canetti (bekannt durch                \u0084Die Fackel\u0093), Literaturnobelpreistr\u00e4ger 1981, konnte zwar                unleugbar auf Wiener Wurzeln verweisen, nahm den Preis aber nicht                als \u00d6sterreicher entgegen. Und das wird in gewisser Weise auch die                Jelinek nicht tun. Nicht nur, weil sie schon bekannt gegeben hat,                nicht pers\u00f6nlich zur Verleihung anzureisen: &#8222;Ich kann mich im                Moment Menschen nicht aussetzen.&#8220; wird die Autorin in den Medien                zitiert.\u00a0<\/p>\n<p>                              Jelinek hatte in ihrem Leben immer wieder mit seelischen Problemen                zu k\u00e4mpfen, musste ihr Musikstudium (dass sie als Organistin                \u00fcbrigens 1971 doch mit \u0084Sehr gutem Erfolg\u0093 abschloss) deshalb                zeitweilig unterbrechen. Der Vater, ein Chemiker, wurde im 2.                Weltkrieg von den Nazis f\u00fcr die Forschung eingesetzt und war                deshalb vor antisemitischer Verfolgung sicher. Selber wurde er                aber mit dieser zwiesp\u00e4ltigen Rolle nicht fertig, hatte seit den                fr\u00fchen F\u00fcnfzigerjahren mit einer psychischen Krankheit zu k\u00e4mpfen                und befand sich immer wieder auch in Anstaltspflege, wo er dann                1969 verstarb. Jelinek hat wohl die verletzliche Seele ihres                Vaters geerbt. Schon 1968 hatte sie sich v\u00f6llig zur\u00fcckgezogen und                war ein Jahr lang nicht in der Lage das Haus zu verlassen. Sp\u00e4ter                engagierte sich Jelinek in der Studentenbewegung und in den                Literaturdiskussionen der Zeitschrift \u0084manuskripte\u0093.<\/p>\n<p>                              Die ersten H\u00f6rspiele Jelineks erschienen. \u0084wenn                die sonne sinkt ist f\u00fcr manche schon b\u00fcroschluss&#8220; wurde                schlie\u00dflich im Jahr 1974 von der \u0084Presse\u0093 als erfolgreichstes                H\u00f6rspiel ausgezeichnet. !974 trat sie der Kommunistischen Partei                bei. Im selben Jahr heiratete sie auch Gottfried H\u00fcngsberg, der in                den 60er Jahren dem Zirkel um den erfolgreichen deutschen                Filmemacher Rainer Werner Fassbinder angeh\u00f6rte. Die beiden sind                auch heute noch beisammen w\u00e4hrend die Bindung zur KP\u00d6 wieder der                Vergangenheit angeh\u00f6rt: 1991 trat sie wieder aus. Dazwischen eine                \u00c4ra, in der sich die Jelinek einen Namen machte, als <b>DIE                Jelinek<\/b> zu einem Begriff wurde, Fans begeisterte, Kritiker                spaltete und Gegner aufbrachte: Mit Romanen etwa, von denen wohl                \u0084Die Klavierspielerin\u0093 noch in aller Ohren ist \u0096 durch die                ebenfalls nicht unumstrittene Verfilmung durch Michael Haneke, die                nichts desto Trotz international ausgezeichnet wurde.\u00a0<\/p>\n<p>                              Geteiltes Publikum                lie\u00dfen auch Ihre Dramen wie                &#8222;Rastst\u00e4tte oder                Sie machen&#8217;s alle&#8220; (an der Burg) zur\u00fcck. Ein typisch                \u00f6sterreichisches Schicksal f\u00fcr die Schriftstellerin, die heute                sehr zur\u00fcckgezogen am Rand von Wien lebt: Im Ausland h\u00f6her gelobt                und anerkannt als in der Heimat, ebenso wie der geniale Thomas                Bernhard, der schon vor einigen Jahren verstorben ist und im                Testament seinerzeit ein Spielverbot seiner Dramen in \u00d6sterreich                verf\u00fcgte\u0085 Eine \u00e4hnliche Auszeichnung wie die der Jelinek blieb ihm                verwehrt, aber die Schriftstellerin ist selber nicht ganz                gl\u00fccklich mit dem Nobelpreis, der sie zwar freut, wie sie zugibt,                aber noch mehr auch verzweifeln l\u00e4sst. Wohl mit ein Grund f\u00fcr sie                dem Trubel der Preisverleihung fern zu bleiben. Dieser Preis                sorgte in der Literaturwelt durchaus f\u00fcr eine handfeste Sensation,                verschiedene andere Namen waren doch zuvor im Gespr\u00e4ch gewesen.                Und die M\u00f6glichkeit einer weiblichen Preistr\u00e4gerin verdichtete                sich schlie\u00dflich zu der ziemlich unerwarteten Entscheidung, wenn                gleich \u0096 wie oben erw\u00e4hnt \u0096 in der Schwedischen Akademie die                (knappe) Entscheidung begr\u00fc\u00dft wurde.<\/p>\n<p>                              Wir haben also wieder einen Nobelpreistr\u00e4ger \u0096 aber haben wir ihn                oder besser gesagt sie wirklich? Ich glaube, ehrlich gesagt,                nicht. Nicht wenige werden bei uns den Kopf sch\u00fctteln dar\u00fcber,                aber ich denke, dass die Jelinek nie vor hatte die Massen zu                begeistern. Eine Ja-Sagerin ist sie bei Gott nicht, Provokation                und Skandal sind von ihr oft bewusst inszeniert worden. Und das                schmeckt nicht jedem, vor allem wenn er Staberl hei\u00dft\u0085 Aber dieser                ist mittlerweile l\u00e4ngst pass\u00e9 und wird wohl mit gemischten                Gef\u00fchlen an seinen geliebten Nestroj denken: \u0084\u0085die Welt steht auf                kann Fall mehr lang, lang, lang\u0085\u0093 Selber habe ich auch eine                gewisse Beziehung zu Elfriede Jelinek. Vor einigen Jahren,                1998\/99, war ich in einem Frauenprojekt involviert, das                international mit \u00e4hnlichen Frauengruppen in Berlin und Irland                kommunizierte. Teil dieser Zusammenarbeit war auch eine                Gruppenarbeit \u00fcber Schriftstellerinnen, die ich in Englisch                verfasste (\u0084<b>Feminist Writers<\/b>\u0093). Zehn Schriftstellerinnen                suchte und fand ich f\u00fcr diesen \u0084Mega-Aufsatz\u0093, neben der gro\u00dfen                Virginia Wolf und der Feministin Ester Vilar recherchierte ich                eben auch in Sachen Elfriede Jelinek.<\/p>\n<p>                              Ein gro\u00dfer Preis f\u00fcr eine gro\u00dfe, sensible \u00d6sterreicherin. Ein                Preis aber auch, den sich \u00d6sterreich selber nicht so mir nix dir                nix anheften kann wie bei anderen Landsleuten. Wollen wir hoffen,                dass auch bei der Autorin selber die Freude noch nachkommt. Eine                Ehrung, die doch in jedem Fall vieles wieder wettmachen sollte,                das sie in ihrer Karriere an harter wie auch immer wieder                ungerechtfertigter Kritik einstecken musste. Ihre Induvidualit\u00e4t                hat sie sich in jedem Fall bewahrt und den Mut auf ihre eigenen                Sichtweise. Das macht auch eine\/n gro\u00dfe\/n Literaten\/in ganz sicher                aus\u0085<\/p>\n<p>               <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com?subject=Leserbrief\">                                             Vivienne<\/a><\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; Oktober 2004 Nobelpreistr&auml;gerin Elfriede Jelinek Ich traute heute Nachmittag meinen Ohren kaum, als ich fast zuf&auml;llig im &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-224\/#more-18265\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-18265","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kritisch-betrachtet","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18265"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18265\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32198,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18265\/revisions\/32198"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}