{"id":18308,"date":"2004-01-17T13:40:35","date_gmt":"2004-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2004\/01\/neue-bohnen-zeitung-267\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:21","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:21","slug":"neue-bohnen-zeitung-267","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-267\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p>               <strong>               <br \/>                              von                                                            <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0                &#8211;\u00a0 Oktober 2004<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Zivilcourage<\/strong><\/p>\n<p>               In                unserer Gesellschaft sind die Regeln klar verteilt. Arbeitslose                etwa sind in der Hierarchie ganz unten angesiedelt, sie haben                keine Lobby, und seitdem ein bekanntes Kleinformat in regelm\u00e4\u00dfigen                Abst\u00e4nden Serien ver\u00f6ffentlicht, in denen Arbeitslose generell als                organisierte Sozialschmarotzer dargestellt werden, wird jeder auf                Jobsuche schief angesehen und ganz klar in einer Schublade                abgelegt: tiefer geht\u0092s nicht, <i>denn jeder der eine Arbeit                wirklich sucht, der findet auch eine<\/i>. Ein trauriges Kapitel,                trotzdem m\u00f6chte ich mich heute nicht mit dieser Materie                auseinandersetzen. Bekannterweise sind ja besonders Frauen\u00a0 &#8211;                siehe Verdienst \u0096 auch sehr weit unten in der Hierarchie unserer                noblen Gesellschaft angesiedelt, vor allem, wenn sie im Supermarkt                ihren stressigen wie schlecht bezahlten Job als Kassiererin tun.<\/p>\n<p>                              Heute wurde ich n\u00e4mlich Zeugin einer denkw\u00fcrdigen Szene in einem                Supermarkt nahe meiner Arbeit im Zentrum von Linz. Direkt vor mir                legte ein \u00e4lterer, wei\u00dfhaariger Mann bei der Kasse seine Waren auf                das Band. Eigentlich m\u00fcsste man ja sagen ein Herr: wohl gewandet                in edler, dunkler Jacke, das schlohwei\u00dfe Haar des                \u00dcbersiebzigj\u00e4hrigen fein s\u00e4uberlich nach hinten gek\u00e4mmt. Eine ewig                lange Schlange zog sich an der einzigen ge\u00f6ffneten Kasse und der                jungen Kassiererin passierte just bei dem noblen Herrn ein Fehler                beim Herausgeben des Wechselgeldes. Der Mann, der sich betont Zeit                lie\u00df an der Kasse um die Rechnung zu pr\u00fcfen, schnauzte die junge                Frau mit dem ausl\u00e4ndischem Akzent unfein an: \u0084Na, haben Sie sich                da nicht verrechnet beim Wechselgeld?\u0093<\/p>\n<p>                              Die Kassiererin reagierte etwas hektisch, begriff nicht gleich,                worauf der Herr hinauswollte und schlie\u00dflich korrigierte sie ihren                Fehler und entschuldigte sich. Doch der feine Mann beruhigte sich                nicht. \u0084Ich entschuldige gar nichts!\u0093 gab er seinen harten                Standpunkt lautstark weiter. \u0084:..denn so was hat nicht zu                passieren!\u0093 Die junge Kassiererin wies noch einmal darauf hin,                dass ihr auch einmal ein Fehler passieren k\u00f6nne. Worauf der noble                Herr \u0096 ein pensionierter Akademiker? \u0096 nach dem Filialleiter                verlangte. Obwohl im Grunde nichts passiert war. Das war dann der                Moment, wo Ihre Vivienne in die einseitige Diskussion eingriff.                \u0084Sind Sie nicht ein wenig ungerecht?\u0093 wies ich den Mann zurecht.\u00a0<\/p>\n<p>                              H\u00e4tte ich wohl besser nicht tun soll, denn nun richtete sich der                ganze Zorn des dunkel gewandeten Herrn auf mich. \u0084Sie sind doch                viel zu bl\u00f6d um zu begreifen, dass so etwas nicht geht. H\u00e4tte ich                nicht die Rechnung \u00fcberpr\u00fcft, w\u00e4re ich um das Geld gekommen!\u0093                Daraufhin ergriff die junge Kassiererin das Wort. \u0084\u0085aber Sie haben                Ihr Geld doch bekommen. Was wollen Sie noch?\u0093 \u0084Die Polizei!\u0093                antwortete allen Ernstes der Herr, der Widerspruch anscheinend                nicht gewohnt war. Dann bekam ich wieder mein Fett ab. \u0084Wenn ich                Sie nur sehe, vergeht mir so wie so alles!\u0093 Ich konterte ungeniert                wie un\u00fcberh\u00f6rbar, dass der noblige Herr auch kein Anblick f\u00fcr                G\u00f6tter sei. \u0084Es ist au\u00dferdem unglaublich, dass Sie wegen einer                derartigen Lappalie derart aufdrehen. Sie selber w\u00fcrden wohl an                der Kasse schon nach einer Stunde versagen!\u0093<\/p>\n<p>                              Der feine Herr drehte sich um und ergriff die Flucht. Fast wie ein                Hund mit eingeklemmtem Schwanz. Die Kassiererin bedankte sich und                klagte leise ihr Manko. \u0084\u0085wir d\u00fcrfen bei so was nichts sagen. Sie                verstehen\u0085\u0093 Aber ich muss nicht schweigen, nein. Vielleicht                wirklich zu banal das Ganze, vielleicht, aber auch ein Zeichen,                wie dekadent unsere Gesellschaft schon beisammen ist. Wenn sich                ein \u0084Besserer\u0093 de facto als Angeh\u00f6riger einer Herrenrasse                deklariert um einer jungen wie nerv\u00f6sen Person seine \u00dcberlegenheit                zu demonstrieren, kann man das nicht akzeptieren. Auch wenn der                Mann vielleicht einfach Streit mit seiner Frau hatte oder nicht                ganz gesund war. In solchen Situationen zeigt sich der Charakter                eines Menschen \u0096 n\u00e4mlich in Konfrontation mit einem Schw\u00e4cheren                oder Untergeordneten. <\/p>\n<p>                              Ich bin mir sicher, h\u00e4tte ich nicht eingegriffen, die ausl\u00e4ndische                Kassiererin h\u00e4tte sich noch manches anh\u00f6ren m\u00fcssen. Vielleicht                h\u00e4tte der Mann tats\u00e4chlich darauf bestanden, dass der Filialleiter                kommt und das M\u00e4dchen h\u00e4tte Schwierigkeiten bekommen k\u00f6nnen. Und                das war mir mein Eingreifen wert, auch wenn ich dabei vielleicht                lauter geworden bin, als n\u00f6tig gewesen w\u00e4re. Vielleicht ist es                bequemer solche Situationen des Alltags zu ignorieren.                Zivilcourage ist oft verfemt, Feigheit und Wegschauen werden                propagiert bei uns. \u0084Nur ned einmischen!\u0093 hei\u00dft die Devise wenn                Kinder gepr\u00fcgelt, Frauen geschlagen oder dunkle Gestalten im Haus                ihr Unwesen treiben. Einen Schande f\u00fcr unsere ach so zivilisierte                Welt!<\/p>\n<p>               <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com?subject=Leserbrief\">                                             Vivienne<\/a><\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; Oktober 2004 Zivilcourage In unserer Gesellschaft sind die Regeln klar verteilt. Arbeitslose etwa sind in der Hierarchie &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-267\/#more-18308\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-18308","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kritisch-betrachtet","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18308","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18308"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18308\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18308"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18308"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18308"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}