{"id":18424,"date":"2001-01-17T13:40:35","date_gmt":"2001-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2001\/01\/neue-bohnen-zeitung-305\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:15","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:15","slug":"neue-bohnen-zeitung-305","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-305\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>                              <br \/>               DIE BUNTE WELT VON               VIVIENNE<br \/>von <a href=\"mailto:silvia_pree@hotmail.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0               &#8211;\u00a0 November               2001<\/strong>            <\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Gut Ding braucht               Weile<\/strong><\/p>\n<p\/>\n<p>           Haben           Sie auch diese Erfahrung gemacht? Manche Dinge, auf die man lang           verzichten muss, fehlen einem auf eine gewisse oberfl\u00e4chliche Art,           die man gar nicht mehr richtig wahrnimmt. Man wei\u00df zwar, dass einem           etwas fehlt und man jammert auch h\u00e4ufig lautstark dar\u00fcber, aber           genau genommen wei\u00df man gar nicht mehr genau, wie \u0084es\u0093 eigentlich           ist&#8230;  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Sie           verstehen nicht ganz, wie ich das meine? Nun, stellen Sie sich vor,           Sie m\u00fcssten von einem Tag auf den anderen auf Ihr Auto verzichten. F\u00fchrerscheinentzug.           Oder noch besser, Totalschaden. Irreparabel. Und momentan fehlen           einfach die Mittel, um f\u00fcr einen halbwegs ad\u00e4quaten Ersatz zu           sorgen. Was tun Sie? Es bleibt Ihnen gar nichts anderes \u00fcbrig, als           Tag f\u00fcr Tag den Kampf mit den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln auf sich           zu nehmen. Mit Bahn oder Bus in die n\u00e4chste gr\u00f6\u00dfere Stadt, wo Sie           arbeiten, dort umsteigen auf O-Bus, Tramway und Co. Man gew\u00f6hnt sich           dran, richtig. Obwohl der Arbeitstag jeden Morgen und jeden Abend           wieder Anlass f\u00fcr allerlei \u00c4rgernisse gibt: im Winter in aller Fr\u00fch           bei \u009615\u00b0 C warten auf den Zug. Die Stra\u00dfenbahn f\u00e4hrt Ihnen wieder           einmal vor der Nase davon? Oder sie ist so \u00fcberf\u00fcllt, dass Sie sich           wie in einer Konservenb\u00fcchse vorkommen&#8230; Man schimpft, man \u00e4rgert           sich. Aber man gew\u00f6hnt sich dran. Man gew\u00f6hnt sich an so vieles&#8230;<\/p>\n<p\/>\n<p>           Aber           stellen Sie sich vor, eines Morgens stehen Sie auf und ein chicker           Mittelklassewagen steht vor der T\u00fcr. Wartet nur darauf, dass Sie           einsteigen und losfahren. Was Sie auch sofort tun. Sie brauchen nur           mehr die halbe Zeit in die Arbeit. Sie d\u00fcrfen in der Fr\u00fch l\u00e4nger           liegenbleiben, Sie haben mehr Zeit f\u00fcr\u0092s Fr\u00fchst\u00fcck, f\u00fcr sich           selbst, f\u00fcr viele andere Dinge. Und sehr schnell kommt der Moment, wo           Sie sich fragen: wie konnte ich je ohne Auto auskommen? Und da wird           Ihnen erst richtig bewusst, worauf\u00a0           Sie in der ganzen \u0084autofreien\u0093 Zeit eigentlich verzichten           mussten&#8230;<\/p>\n<p\/>\n<p>           Verstehen           Sie jetzt, was ich meine?<\/p>\n<p\/>\n<p>           Und           sehen Sie, bei vielen Dingen im Leben ist es \u00e4hnlich.<\/p>\n<p\/>\n<p>           *<\/p>\n<p\/>\n<p>           Anfang           Mai hatte sich ein befreundetes Ehepaar aus Berlin bei meiner Familie           gemeldet: Jupp und Anneliese, in den \u0084F\u00fcnfzigern\u0093, mit viel           \u0084Herz und Schnauze\u0093, wie man den Berlinern allgemein nicht ohne           Grund nachsagt. Diese Freundschaft geht auf einen Onkel zur\u00fcck:           Marius, der j\u00fcngere Bruder meines Vaters, ist freischaffender K\u00fcnstler           \u0096 Maler und Bildhauer. Eine Zeitlang hatte er in Berlin eine Wohnung           mit Atelier gemietet. Jupp und Anneliese waren seine Hausmeister. Die           beiden umsorgten den Exzentriker, den er fallweise auch hervorkehrte,           mit viel Gelassenheit und Humor. Meine Familie kannte die beiden von           einigen Besuchen und der Kontakt blieb auch aufrecht, als Marius seine           Zelte in Berlin wieder abbrach und sich in der Folge in S\u00fcdfrankreich           niederlie\u00df. Doch das ist eine andere Geschichte&#8230;<\/p>\n<p\/>\n<p>           Wie           gesagt, Jupp und Anneliese hatten sich gemeldet und f\u00fcr Juni ihren           Urlaub am Attersee angek\u00fcndigt. Sie schlugen uns dort ein Treffen           vor. Ich hielt das f\u00fcr eine gute Idee, der Gedanke, meinen Urlaub           gleich anzuh\u00e4ngen, hatte etwas Positives. Beatrice, meine j\u00fcngere           Schwester, schloss sich spontan an. Also besprach ich mit den beiden           die Details, das Treffen wurde auf die letzten beiden Juniwochen           fixiert.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Etwas           \u00fcberraschend sagte mir dann aber Beatrice etwa zehn Tage vor dem           geplanten Urlaub ab. \u0084Bl\u00f6d, ich wei\u00df\u0093, gab sie am Telefon zu,           \u0084aber Louis, mein Mann, m\u00f6chte unbedingt nach Italien.\u0093 \u0096 Na           gut, dachte ich. Wird wohl nicht so schwer sein, Ersatz zu finden.           Irrtum: meine beiden anderen Schwestern, Eloise und Natalie, die ich           als erstes anrief, waren gleichfalls mit ihren Familien auf Urlaub           bzw. standen kurz davor. Cousin Hubert und seine Sigrid erreichte ich           nur am Anrufbeantworter: \u0084&#8230;sind bis 5. Juli in S\u00fcdspanien&#8230;\u0093           Viktoria? \u0084Tut mir echt leid,\u0093 fl\u00f6tete die beste Busenfreundin           von allen. \u0084Aber Bert und ich haben schon was anderes vor.\u0093 Nat\u00fcrlich           Bert \u0096 wer sonst? \u0084Oh, das verstehe ich schon\u0093, fl\u00f6tete ich zur\u00fcck           und h\u00e4tte am liebsten den H\u00f6rer auf die Gabel geknallt. Ein Dutzend           oder mehr Telefonate an diesem Abend. Eben so viele frustrierende           Absagen \u0096 von der lieben Verwandtschaft, von Freundinnen, von           Kolleginnen&#8230; Alle hatten sie schon was vor und alle waren sie nicht           allein. F\u00fcr einen Single scheint die Welt aus lauter P\u00e4rchen zu           bestehen. Diese These hatte sich gerade wieder einmal erh\u00e4rtet.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Ich           war also ziemlich sauer. Mehr als das: fast verbittert. Als ich mich           dann an jenem Samstag Vormittag Mitte Juni ins Auto setzte (von Bruder           Claudio geborgt, er war mit seiner Frau in K\u00e4rnten \u0096 nur zu Ihrer           Information!), hatte ich tolle Lust, den Urlaub am Attersee zu           streichen. Lediglich der Gedanke an Jupp und seine Frau hielt mich           davon ab. Was h\u00e4tten die zwei sich gedacht, wenn ich auch nicht           aufgekreuzt w\u00e4re? Kurz vor Mittag kam ich also an, erledigte die           Formalit\u00e4ten und trug meinen Koffer ins Zimmer im ersten Stock.  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Das           Wetter war eher durchwachsen, aber die Aussicht auf den See und das           Gebirge \u0096 einfach traumhaft. Grunds\u00e4tzlich liebe ich das           Salzkammergut hei\u00df, aber bei mir kam trotzdem keine rechte           Urlaubsstimmung auf. Mir war in den letzten Tagen wieder schmerzhaft           bewusst geworden, dass man sich als\u00a0 Single schnell wie das f\u00fcnfte Rad am Wagen oder wie ein           mickriger Einzelteil vorkommt. Da ich mich mit Jupp und Anneliese in           einer nahegelegenen Gastst\u00e4tte zum Mittagessen verabredet hatte,           musste ich all meine Energie zusammenraffen, um einen halbwegs fr\u00f6hlichen           Eindruck vermitteln zu\u00a0 k\u00f6nnen.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Gott           sei Dank kam das Gespr\u00e4ch zwischen uns schnell in Gang. Wir hatten           eine Menge Stoff zum Erz\u00e4hlen und Jupp klaubte einige Anekdoten um           Marius und seine Berliner Zeit aus seinen Erinnerungen. Das Essen           schmeckte vorz\u00fcglich und nach einer Tasse Kaffee f\u00fchlte ich mich           einigerma\u00dfen. Die beiden Berliner verabschiedeten sich schlie\u00dflich f\u00fcr           einen Einkaufsbummel durch Weyregg und ein paar angrenzende Gemeinden.           Ich \u00fcberlegte, wie ich den Nachmittag verbringen konnte. Ehrlich           gesagt hatte ich mir vorher nicht wirklich etwas \u00fcberlegt. Die           Badesachen hatte ich mit, aber zum Baden war\u0092s mir jedenfalls zu           kalt, bei dem best\u00e4ndigen Nieselwetter. Ich packte also meinen Koffer           aus und bl\u00e4tterte ein paar Prospekte durch. Wanderkarten mit           Ausflugszielen lagen vor mir ausgebreitet&#8230;  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Der           Frust hatte mich wieder. Ich suchte fieberhaft nach einem Grund m\u00f6glichst           bald diesen \u0084Urlaub\u0093 abbrechen zu k\u00f6nnen. Sollte ich mich           vielleicht verk\u00fchlen? Oder den Kn\u00f6chel verstauchen? Fadisieren           konnte ich mich schlie\u00dflich auch daheim, das kam in jedem Fall           billiger. Single-Blues pur. Was braucht eine Frau mehr als alles           andere, wenn ihre Seele am Boden liegt? Ich gab mir einen Ruck und           begab mich in die n\u00e4chste Konditorei: dort bestellte ich einen           riesigen Becher mit Schoko-Eis und Schlagobers&#8230; Als das \u0084Unget\u00fcm\u0093           dann vor mir stand, wurde mir schon vom blo\u00dfen Anblick schlecht. Das           w\u00fcrde ich doch nie allein hinunter bekommen. Ich seufzte.<\/p>\n<p\/>\n<p>           \u0084Ja,           Vivienne, bist du das?\u0093 durchbrach da eine Stimme den Wall aus Frust           rund um mich. \u0084Ist das die M\u00f6glichkeit?\u0093 Ich blickte \u00fcberrascht           auf. Ein gro\u00dfer, dunkelhaariger Mann war an meinen Tisch getreten und           ich musterte ihn im ersten Moment, fragend, ja entgeistert. Eine           unbestimmte Erinnerung begann sich in mir zu regen. Die lebhaften,           dunklen Augen, die warme, herzliche Stimme, der feste, energische H\u00e4ndedruck.           &#8222;\u0084Allm\u00e4chtiger!\u0093 entfuhr es mir nach einer halben Ewigkeit.           \u0084Albert! Wie kommst denn du hier her?\u0093 \u0084Mit dem Auto\u0093,           antwortete Albert trocken. Ich musste angesichts meiner nicht sehr           geistreichen Antwort selber lachen. \u0084Verzeih\u0091, aber ich bin jetzt           einigerma\u00dfen \u00fcberrascht. Damit h\u00e4tte ich nie gerechnet.\u0093 Ich           schenkte ihm ein warmes L\u00e4cheln.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Albert           strahlte zur\u00fcck. Formlos angelte er sich einen Stuhl und setzte sich           zu mir. \u0084Ich darf doch?\u0093 \u0084Nat\u00fcrlich darfst du, nur keine Umst\u00e4nde\u0093,           antwortete ich. Wir hatten uns ewig nicht gesehen, genaugenommen seit           meinem Abgang von dieser Gro\u00dfhandelsfirma \u0096 Sie erinnern sich           vielleicht. Albert sah noch immer sehr gut aus. Etwas st\u00e4mmiger war           er geworden, er wirkte auch nicht mehr so unbek\u00fcmmert auf mich wie           seinerzeit. Aber, gestand ich mir ein, \u00c4hnliches musste ihm wohl auch           zu meiner Person durch den Kopf gehen. Nichts desto Trotz war sein           Lachen offen und herzlich, er freute sich sichtlich, dass wir uns           getroffen hatten. Und mir ging es nicht anders.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Ich           lud Albert gleich ein, mit mir den \u00fcberdimensionalen Eisbecher zu           verdr\u00fccken, und er lie\u00df sich nicht zwei Mal bitten. Nach getaner Tat           r\u00e4usperte ich mich erst einmal und griff nach meiner           Zigarettenschachtel. Albert z\u00fcckte sofort sein Feuerzeug und z\u00fcndete           mir die Zigarette an. Noch ganz die Charmebombe von fr\u00fcher, dachte           ich bei mir und l\u00e4chelte verstohlen. Ich tat einen tiefen Zug und           fragte ihn neugierig: \u0084Und? Bist du noch bei der Firma?\u0093 Albert           grinste zur\u00fcck. \u0093Was glaubst du?\u0093 In der Folge h\u00f6rte ich eine           Reihe von Episoden aus der Zeit nach meinem Abgang: Witziges,           Nachdenkliches, Groteskes. Ge\u00e4ndert hatte sich im Prinzip wenig.            <\/p>\n<p\/>\n<p>           \u0084Wie           l\u00e4uft\u0092s eigentlich zwischen Frau Neumeier und Herrn Rossecker?\u0093           griff ich die Langzeit-Affaire der beiden Chefit\u00e4ten wieder auf.           \u0084Wie gehabt,\u0093 antwortete Albert und trank von seinem Verl\u00e4ngerten,           den die Serviererin gerade gebracht hatte. \u0084Aber weil wir gerade           beim Thema sind\u0093, Alberts Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an.           \u0084Bist du eigentlich noch mit Hermann beisammen?\u0093 \u0084Das ist schon           gar nicht mehr wahr\u0093, gab ich zu und wunderte mich ehrlich gesagt           ein wenig, dass Albert sich an dessen Namen erinnerte obwohl sich die           beiden nie gesehen hatten. \u0084Ja, zwei Jahre schon wieder vorbei\u0093,           erg\u00e4nzte ich mehr f\u00fcr mich selbst w\u00e4hrend mir die Geschichte wieder           einfiel. Damals, als ich mich von Richard getrennt hatte. Richtig&#8230;           Als ich Alberts forschenden Blick bemerkte, schob ich die Erinnerungen           beiseite.<\/p>\n<p\/>\n<p>           \u0084Was           treibt eigentlich Toni?\u0093 versuchte ich einen Themenschwenk. Albert d\u00e4mpfte           seine Zigarette etwas heftig aus. \u0084Der ist schon einige Zeit weg.           Ich glaube, er ist jetzt in Graz, bei einer Elektronikfirma.\u0093           \u0084Recht hat er,\u0093 nickte ich. \u0084Ich muss dir wohl nicht sagen, dass           du auch in dieser Firma nur deine Nerven, deine Talente und deine Zeit           verschwendest.\u0093 \u0084Stimmt,\u0093 gab Albert etwas doppeldeutig zu.           \u0084Ich hab\u0091 auch schon graue Haare deswegen.\u0093 Und zeigte mir eine           graue Str\u00e4hne \u00fcber dem linken Ohr. Er erz\u00e4hlte dann von einem           Konzept, das er fast fertig hatte. \u00dcber eine eigene Firmengr\u00fcndung           im IT-Bereich. Klang sehr interessant obwohl ich seit der Zeit mit           Hermann solche \u0084todsicheren\u0093 Konzepte mit Vorsicht genie\u00dfe. Aber           das sagte ich ihm klarer Weise\u00a0 nicht.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Albert           und ich hatten uns in den vergangenen Jahren nat\u00fcrlich ver\u00e4ndert.           Nach wie vor verband uns aber unser Humor, eine fast kindliche,           verspielte Ader, einige gemeinsame Interessen und dass wir \u00fcber           verschiedene Themen, unabh\u00e4ngig voneinander, sehr \u00e4hnliche Ansichten           entwickelt hatten. Wir konnten einfach miteinander, daran hatte auch           die lange Trennung nichts ge\u00e4ndert. Das merkte ich schnell.\u00a0           Als wir etwa eine alte Geschichte aus gemeinsamen Tagen           \u0084auspackten\u0093, mussten wir so lachen, dass einige andere G\u00e4ste um           uns peinlich ber\u00fchrt aufsahen. Albert und ich grinsten uns nur           hilflos an w\u00e4hrend wir m\u00fchsam versuchten unser Lachen einigerma\u00dfen           zu kontrollieren.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Im           Kaffeehaus herrschte ein st\u00e4ndiges Kommen und Gehen. Es schien mir           bei meinen vereinzelten Blicken rundum, als st\u00fcnden immer wieder           Leute auf um zu zahlen w\u00e4hrend andere an ihrer Stelle Platz nahmen           und bestellten. Nur wir zwei sa\u00dfen da und redeten und redeten und als           ich doch einmal auf die Uhr sah, erschrak ich ein wenig. Mehr als halb           sieben, das gab\u0092s doch nicht! Sch\u00f6n langsam sollte ich in die           Pension zur\u00fcck. \u0084Soll ich dich hinbringen?\u0093 bot sich Albert an.           \u0084Wo bist du eigentlich abgestiegen?\u0093 Ich nannte ihm die Pension,           lehnte aber gleichzeitig ab. \u0084Ist ja wirklich nicht weit von hier.           Aber danke trotzdem. Und wo residierst du eigentlich?\u0093 fragte ich im           Gegenzug.  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Albert           l\u00e4chelte. Er erz\u00e4hlte, dass er hier mit einem Freund ein sehr ger\u00e4umiges           Ferienhaus h\u00e4tte, nicht sehr weit von Weyregg. \u0084Dann bist du wohl           mit deiner Freundin hier?\u0093 mutma\u00dfte ich w\u00e4hrend ich in der           Handtasche nach der Geldb\u00f6rse kramte. Albert stellte seine           Kaffeetasse scheppernd hin. Ich blickte auf und stellte fest, dass er           mit einem Mal etwas reserviert wirkte. \u0084Babsi kommt noch,\u0093 war er           ziemlich kurz angebunden. Mir lag eine Frage auf der Zunge. Gibt\u0092s           da etwa leichte Differenzen mit der Freundin? dachte ich bei mir. In           diesem Moment kam aber die Serviererin mit der Rechnung. Also sagte           ich nichts, wir zahlten und standen auf. Ich sch\u00fcttelte Albert die           Hand und nickte ihm herzlich zu. \u0084Man sieht sich,\u0093 antwortete           Albert seinerseits. Und es klang eigentlich nicht wie eine Floskel.            <\/p>\n<p\/>\n<p>           Am           n\u00e4chsten Morgen, oder wenn ich ehrlich bin, musste man wohl schon           eher von Vormittag reden, kam ich beinahe nicht aus den Federn. Am           Vortag war es n\u00e4mlich noch sp\u00e4t geworden. Wir, also Jupp, Anneliese           und ich, waren bis in die Nacht mit zwei deutschen Pensionsg\u00e4sten aus           der Gegend um Garmisch beisammen gesessen. Die beiden Freunde           verbrachten nun schon zum vierten Mal ihren Urlaub am Attersee, wie           sie erz\u00e4hlten. Es wurde auch sonst viel gelacht und gescherzt und           auch ein wenig getrunken. Die Gespr\u00e4che waren zwar nicht besonders           tiefsch\u00fcrfend und drehten sich meist um eher Banales. Aber der Tag           hatte sich entwickelt, wie ich zu mir selber meinte, als ich nach ein           Uhr auf mein Zimmer ging.  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Ich           lie\u00df den Tag Revue passieren und musste nat\u00fcrlich an Albert denken,           den ich so \u00fcberraschend wieder getroffen hatte. An die gemeinsamen           Rauchpausen zusammen mit Toni, an Richards Seitensprung und meinen           Auszug aus unserer Wohnung, ja, und die Fahrten mit Albert, der mich           \u00fcber einige Wochen hinweg heimgebracht hatte, in meine neue Wohnung,           am A&#8230; von Linz. Auch an diese omin\u00f6se Weihnachtsfeier erinnerte ich           mich wieder, den gro\u00dfen Krach zwischen Albert und mir danach bis hin,           ja, als er mir am letzten Arbeitstag sein Herz f\u00fcr ein paar Minuten           ge\u00f6ffnet hatte um mir seine Gef\u00fchle zu gestehen&#8230; Schon eine           witzige Geschichte, dachte ich bei mir. So kann\u0092s einem manchmal           gehen und wenn ich damals geahnt h\u00e4tte, was mich bei Hermann so           erwartet, dann&#8230; Egal, unterbrach ich mich. Schluss, aus, vorbei.           Aber trotzdem sch\u00f6n, dass wir uns wieder einmal \u00fcber den Weg           gelaufen waren. Gibt halt wenig Leute, mit denen man auch noch nach           Jahren kann. Albert geh\u00f6rte offenbar dazu. Und damit schlief ich ein.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Ich           k\u00e4mpfte mich also mit verschlafenen Blick ins Fr\u00fchst\u00fcckszimmer und           griff als erstes nach der Kaffeekanne. Der Duft des Kaffees schien wie           ein Lebenselixier und nach den ersten Schlucken wurde ich sch\u00f6n           langsam wieder richtig wach. Da \u00f6ffnete die Pensionswirtin hektisch           die T\u00fcr. \u0084Telefon f\u00fcr Sie!\u0093 Es gab mir einen Stich. Mein Vater           war nicht bei bester Gesundheit und ich hatte pl\u00f6tzlich ein ungutes           Gef\u00fchl. In der Rezeption lag der H\u00f6rer offen&#8230; \u0084Ja, hallo\u0093,           meldete ich mich nerv\u00f6s. \u0084Hallo Vivienne!\u0093 Alberts fr\u00f6hliche           Stimme \u00fcberraschte mich v\u00f6llig. W\u00e4hrend meine Anspannung nachlie\u00df           lud mich Albert auf einen Ausflug nach Hallstatt ein. Ich bin zwar           schon einige Male in Hallstatt gewesen, aber die Aussicht, einen Tag           gemeinsam mit Albert zu verbl\u00f6deln, hatte etwas Reizvolles. Au\u00dferdem           hatte ich ja sonst nichts vor. Ich sagte also ohne langes \u00dcberlegen           zu und setzte mich wieder zum Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Als           ich mir die zweite Tasse Kaffee eingeschenkt hatte, kam Jupp ins Fr\u00fchst\u00fcckszimmer.           Er und Anneliese waren schon eine Weile vor mir aufgestanden und           entsprechend putzmunter nahm er bei mir Platz. \u0084Na gut           geschlafen?\u0093 lachte er mich an. \u0084Wei\u00dft du, wir Anneliese und ich,           und die beiden netten Herren von gestern m\u00f6chten eine Rad-Tour um den           See machen. Dat Wetter is ja nich so besonders. Na, biste mit von der           Partie?\u0093 Dabei zwinkerte er mir verschmitzt zu. Gro\u00dfer Gott, dachte           ich. Radfahren. Rund um den See. Das hie\u00df bei mir Blut, Schwei\u00df und           Tr\u00e4nen. Muskelkater und Wadenkrampf. Gott sei Dank hatte ich schon           was vor. \u0084Leider nein\u0093, antwortete ich hastig. Ich trank den Rest           des Kaffees und stand auf. \u0084Albert holt mich in einer halben Stunde.           Wir fahren an den Hallst\u00e4ttersee.\u0093 \u0084Wer is Albert?\u0093 fragte Jupp           mit gro\u00dfen Augen. \u0084Ein alter Freund\u0093, antwortete ich kurz. \u0084Wir           haben uns gestern zuf\u00e4llig getroffen.\u0093 Ich kannte Jupp. Gleich w\u00fcrde           er zu jammern anfangen und fragen, ob denn nicht Albert einfach           mitradeln k\u00f6nnte. Ich hatte mich nicht get\u00e4uscht. W\u00e4hrend ich schon           fast fluchtartig das Fr\u00fchst\u00fcckszimmer verlie\u00df, lamentierte Jupp           hinter mir, wie entt\u00e4uscht die beiden Bayern sein w\u00fcrden, wenn&#8230; Da           hatte ich die T\u00fcr schon hinter mir zugemacht. Nur auf keine           Diskussionen einlassen!<\/p>\n<p\/>\n<p>           Ich           ging nach oben, zog mich um, trug ein wenig Farbe im Gesicht auf und           legte kurz Hand an die Frisur. Albert war p\u00fcnktlich, Jupp weit und           breit nicht zusehen und so stieg ich einigerma\u00dfen erleichtert ins           Auto. Albert hatte irgendwann in den letzten Jahren seinen alten Audi           gegen einen fast neuen Golf getauscht. W\u00e4hrend ich den Gurt anlegte,           tauchten die Erinnerungen wieder auf. Es schien 100 Jahre her zu           sein&#8230; Da merkte ich erst, dass mich Albert schon die ganze Zeit           ansah. Ich senkte meinen Blick und fragte mich, was er sich jetzt wohl           gedacht hatte. Er sagte es mir jedenfalls nicht sondern lie\u00df den           Motor an und fuhr los.  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Im           Vorbeifahren zeigte er mir das Ferienhaus, das sehr h\u00fcbsch gelegen           war. Leider regnete es immer wieder. Wolkenfetzen waren auf den           Bergkuppen verstreut. Ohne Zweifel ein wild-romantischer Anblick, aber           Sonnenschein war mir trotzdem lieber. Albert erz\u00e4hlte viel.           Urlaubsepisoden, \u0084Schw\u00e4nke aus seinem Leben\u0093, \u0084b\u0092soffene           G\u0092schichten\u0093,&#8230; Albert ist der geborene Unterhalter und ich hatte           viel zu lachen. W\u00e4hrend der Fahrt kam mir kurz der Gedanke, wie ungew\u00f6hnlich           es eigentlich war, dass Albert unsere Freundschaft mit einer           Vertrautheit fortsetzte als h\u00e4tten wir uns vor ein paar Wochen           zuletzt gesehen. Sch\u00f6n, aber auch irritierend. Ich verdr\u00e4ngte diese           \u00dcberlegung aber wieder. Man soll ja nichts \u00fcberbewerten.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Albert           und ich schlenderten durch die schmalen Gassen und Stra\u00dfe von           Hallstatt. Ich unterhielt ihn mit einer Geschichte aus meiner           Schulzeit, als ein rothaariger, sommersprossiger Amerikaner, ein           Austauschstudent, mit unserer Klasse den Ausflug nach Hallstatt           mitgemacht hatte&#8230; Es war k\u00f6stlich, in diesen Erinnerungen zu           schwelgen. Nach dem etwas versp\u00e4teten Mittagessen schlug mir Albert           eine Schifffahrt \u00fcber den See vor. Ich z\u00f6gerte einen Moment. Albert           hatte mich schon zum Essen eingeladen, aber mit seinem Charme           zerstreute er meine Bedenken: ehrlich, so schnell w\u00fcrde mir doch           sicher niemand, schon gar nicht ein \u0084so gutaussehender,           liebenswerter Bursche\u0093 wie er \u0084ein so verlockendes Angebot\u0093           machen&#8230; Ich musste l\u00e4cheln. Wenn er es selbst so formulierte&#8230;           Warum also nicht?<\/p>\n<p\/>\n<p>           Es           war sehr frisch auf dem See. Trotz der Strickjacke fror ich. Albert           stand neben mir an der Reeling. Er wusste eine Menge \u00fcber Hallstatt,           wie ich \u00fcberrascht zur Kenntnis nahm. Historisches, Wirtschaftliches           und Geographisches. Ich musste zugeben, dass sich dieser           Hallstatt-Besuch wesentlich von den anderen vorher unterschied.           Irgendwann hatte Albert wie zuf\u00e4llig den Arm um mich gelegt und           gelacht, so nah beisammen w\u00fcrden wir sicher nicht so frieren. Nichts           weiter, versuchte ich mir einzureden. Aber f\u00fcr einen alten Freund war           das schon eine ordentliche Portion an Aufmerksamkeit, W\u00e4rme und N\u00e4he.           Au\u00dferdem wurde mir w\u00e4hrend der Schifffahrt erst richtig bewusst, wie           empf\u00e4nglich ich jetzt daf\u00fcr war. H\u00e4tte ich es nicht besser gewusst,           w\u00e4re wohl der Gedanke, dass Albert mehr als nur eine alte           Freundschaft aufleben lassen wollte, f\u00fcr mich auf der Hand gelegen.           Aber so&#8230; Es ist schwierig f\u00fcr eine Single-Frau, die des Alleinseins           l\u00e4ngst \u00fcberdr\u00fcssig ist, solche \u0084Signale\u0093 richtig zu deuten,           sagte ich mir. Die Dinge sind oft nicht wie sie scheinen. Deshalb lie\u00df           ich es zu, als w\u00e4re es nichts Besonders. Aber ich war mehr als nur           irritiert, ich war schon etwas unruhig.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Es           war relativ sp\u00e4t, als wir uns auf dem R\u00fcckweg machten. Mir ging           vieles durch den Kopf und mir fiel auch auf, dass mich Albert immer           wieder von der Seite beobachtete. Die Scheinwerfer der           entgegenkommenden Autos warfen tanzende Schatten in sein Gesicht. Er           ist ja noch so jung, dachte ich bei mir. Noch keine Drei\u00dfig, so weit           ich das in Erinnerung hatte, und ich selber war ja schon 35&#8230;           \u0084Woher hattest du eigentlich die Telefonnummer meiner Pension?\u0093           fiel mir in einer l\u00e4ngeren Gespr\u00e4chspause ein. Albert grinste mich           entwaffnend an. \u0084Aus dem Telefonbuch.\u0093 Typisch Albert, typisch           seine trockenen Kommentare und Antworten. Aber richtig \u0096 woher denn           auch sonst? \u0084Doch damit wir in Zukunft solches vermeiden,\u0093 fuhr er           rasch fort und griff in seine Jackentasche, \u0084 gibst du mir deine           Handy-Nummer und ich geb\u0091 dir meine.\u0093 L\u00e4chelnd hielt er mir seine           Visitenkarte vor das Gesicht. Ich f\u00fchlte mich ein wenig \u00fcberrumpelt,           steckte sie aber in meine Tasche und gab ihm eine von mir. \u0084&#8230;damit           wir in Zukunft solches vermeiden&#8230;\u0093 Was um alles in der Welt sollte           denn das hei\u00dfen?<\/p>\n<p\/>\n<p>           Albert           lie\u00df es sich nicht nehmen mit in die Pension zu kommen. Er wollte           unbedingt \u0084meine Berliner\u0093 kennen lernen, wie er es formulierte.           Die flei\u00dfigen Radler sa\u00dfen m\u00fcde und ein wenig abgek\u00e4mpft um den           Tisch, wie ich nicht ohne Schadenfreude registrierte. Da war in der           Tat ein Krug an mir vor\u00fcbergegangen. Sie warfen Albert und mir           jedenfalls einen etwas \u00fcberraschten Blick zu. Bevor ich Albert           allerdings vorstellen konnte, hatten sie uns schon Platz gemacht und           wir wurden in eine rege Unterhaltung einbezogen. Die Pensionswirtin           stellte Wein und Most auf den Tisch.  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Es           war \u00e4hnlich wie gestern abend und doch nicht, denn ich sa\u00df neben           Albert. Der bester Laune war, der vor Charme und Witz spr\u00fchte. Und           der mich mit leuchtenden Augen anlachte, w\u00e4hrend in meinem Bauch ein           Riesenschwarm Schmetterlinge sein Unwesen trieb. Seinen Arm um mich           gelegt demonstrierte er eine Vertrautheit vor den anderen, die mich           zusehends in eine Zwickm\u00fchle brachte. Ich wusste nicht, wie ich das           deuten oder mich verhalten sollte. Einmal strich er mir z\u00e4rtlich eine           Str\u00e4hne aus der Stirn&#8230; Ich fing die Blicke der anderen auf:           unschwer zu erkennen, wie sie diese Geste deuteten. Es w\u00e4re mir wohl           selber auch so gegangen, aber ich wusste, dass in ein paar Tagen           Alberts Freundin nachkommen w\u00fcrde. Er war anscheinend im Moment ein           wenig \u00fcbers Kreuz mit ihr, weshalb er einem kleinen Abenteuer nicht           abgeneigt schien. Und da kam ich gerade recht. Ich hatte das schale           Gef\u00fchl, dass mich Albert nur benutzte&#8230;<\/p>\n<p\/>\n<p>           An           diesem Abend schl\u00fcpfte ich in eine Rolle. Meine ganzen bitteren           Gedanken lie\u00df ich mir nicht anmerken, ganz im Gegenteil. Ich war           schlagfertig und am\u00fcsant und erg\u00e4nzte mich mit Albert auch verbal in           einer Weise, die den \u00e4u\u00dferen Eindruck noch unterstrich. Aber           irgendwann glaubte ich dann, mir w\u00fcrde der Kopf zerspringen. Ich           stand auf, uneins mit mir selbst, und ging in den leeren Gastgarten.           Dort fiel die Maske von mir ab. Ich lehnte mich gegen einen Baum, ein           paar Tr\u00e4nen konnte ich nicht unterdr\u00fccken. Gott, war ich eine dumme           Gans! Das hatte ich wieder Not gehabt. Der frische Wind k\u00fchlte meine           gl\u00fchenden Wangen und mein erhitztes Gem\u00fct ein wenig ab. Ich konnte           wieder klarer denken.  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Es           war ein Fehler gewesen mit Albert diesen Ausflug zu machen. Das sah           ich jetzt ein. Er suchte offenbar nur ein wenig Abwechslung, bis seine           Freundin &#8211; Babsi oder wie hie\u00df sie noch? &#8211; nachkam. Und ich? Fast aus           dem Nichts waren da ein paar heftige Emotionen in mir wach geworden.           Kein Wunder, ich war schon lange allein und Albert war ohne Zweifel           \u0084ein gutaussehender, liebensw\u00fcrdiger Bursche\u0093 \u0096 seine eigenen           Worte. Ich hatte mir eigentlich nichts dabei gedacht ihn wieder zu           sehen und jetzt war Feuer am Dach, um es drastisch zu formulieren. Was           wusste Albert schon davon wie es ist, wenn man so lange allein lebt&#8230;           Er war sicher kein Kind von Traurigkeit!<\/p>\n<p\/>\n<p>           \u0084Hey,           Vivienne\u0093, holte mich Alberts Stimme aus meinen Gedanken. Er war mir           nachgekommen, weil ich hier anscheinend schon eine ganze Weile meinen           Gedanken nachhing. Ich drehte mich zu ihm um. Albert blickte mich           fragend an. Ich beschloss mit ihm \u00fcber das alles zu reden. Schon aus           Selbstschutz. Albert strich sanft mit der Hand \u00fcber meine Wange.           \u0084Geht\u0092s dir nicht gut?\u0093 Seine Stimme hatte einen besorgtem           Unterton. Mein m\u00fcder Gesichtsausdruck war ihm sofort aufgefallen.           \u0084Nichts ist\u0093, antwortete ich leicht genervt. \u0084Es w\u00e4re mir nur           einfach lieber, wenn du dir nicht soviel M\u00fche geben w\u00fcrdest uns wie           ein Liebesp\u00e4rchen aussehen zu lassen. Hast du dir eigentlich \u00fcberlegt,           was sich meine Freunde dabei denken?\u0093 Ich fuhr mit der Zunge \u00fcber           meine trockenen Lippen und wollte fortfahren. Aber Albert blickte mir           mit einem versonnenen L\u00e4cheln direkt in die Augen, so dass ich mich           einer heftigen Gef\u00fchlsregung nicht erwehren konnte. Wenn er mich nur           nicht immer so ansehen w\u00fcrde&#8230; \u0084Und wenn wir wie ein Liebesp\u00e4rchen           aussehen, ist das ein Problem f\u00fcr dich?\u0093\u00a0           Sanft nahm er mich in seine Arme bevor ich irgend etwas sagen           konnte. Ich sp\u00fcrte seinen Herzschlag und schloss die Augen. Was f\u00fcr           ein verlockender Gedanke sich dieser Situation hinzugeben, sprich:           diesem Mann&#8230;  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Darauf           kannst du dich nicht einlassen, siegte aber meine Vernunft schon eine           Sekunde sp\u00e4ter. Mach keinen Bl\u00f6dsinn, sagte sie laut und deutlich.           Und sie hatte recht. Im n\u00e4chsten Moment l\u00f6ste ich mich bestimmt aus           seiner Umarmung. Es tat weh, Albert sah mich auch irritiert an, aber           ich wollte mich nicht zur N\u00e4rrin machen. \u0084Mach\u0091 dich nicht lustig           \u00fcber mich!\u0093 sagte ich fast schroff um meine eigene Unsicherheit zu           verbergen. Mein Herz klopfte wie verr\u00fcckt und ich hatte weiche Knie.           Ich lie\u00df Albert stehen und ging die paar Schritte in die Pension zur\u00fcck.           Im Vorraum lag noch meine Tasche. Ich kramte den Zimmerschl\u00fcssel           heraus als Albert die T\u00fcr \u00f6ffnete und hereintrat. \u0084Vivienne, bitte           lass dir ein paar Dinge erkl\u00e4ren. H\u00f6r mir zu, nur ein paar           Minuten.\u0093 Ich sah ihn ungehalten an. Was wollte er eigentlich noch?           F\u00fcr wie naiv hielt er mich denn?  <\/p>\n<p\/>\n<p>           \u0084Mir           musst du gar nichts erkl\u00e4ren,\u0093 erwiderte ich ziemlich zynisch. Ich           war verletzt und zeigte das auch offen. \u0084Ich denke, ich wei\u00df wie           das hier l\u00e4uft. Du willst ein paar Tage Spa\u00df haben, bis deine           Freundin nachkommt. Okay, soll so sein. Ich will mich in eure           Beziehung auch gar nicht einmischen.\u0093 Dann hielt ich inne und           blickte ihm fest in die Augen. \u0084Aber f\u00fcr einen netten Zeitvertreib           solltest du dir jemand anderen suchen.\u0093 Albert sch\u00fcttelte den Kopf\u00a0           w\u00e4hrend er mir zuh\u00f6rte. \u0084So ist das nicht.\u0093 Er kam zu mir           und nahm meine H\u00e4nde. Mein erster Gedanke war, ihn einfach stehen zu           lassen und nach oben zu gehen. Aber ich konnte nicht, als er mich so           ansah, fast bittend&#8230; Mein Gott, dachte ich mir. Wo hatte ich           eigentlich vor vier Jahren meine Augen gehabt? Wie konnte ich diesen           Burschen ignorieren und mich in Hermann verlieben? \u0084Lauf jetzt nicht           weg\u0093, sagte Albert leise. \u0084Es ist richtig, Babsi kommt in ein paar           Tagen. Mit unserem Kind.\u0093 Als er meinen betroffenen Blick bemerkte,           hob er seine Stimme. \u0084Und mit Walter, ihrem neuen Freund. Vivienne,           Babsi und ich haben uns schon vor der Geburt unserer Tochter wieder           getrennt.\u0093 Albert macht eine Pause. \u0084Und das ist mehr als ein Jahr           her.\u0093<\/p>\n<p\/>\n<p>           In           meinem Kopf tobte ein Wirbelsturm. Im Moment wusste ich nicht, was ich           sagen sollte. Ich versuchte nur m\u00fchsam, Ordnung in meine Gedanken, in           meine Gef\u00fchle zu bringen. Und das dauerte seine Zeit. Die Szene           gestern im Kaffeehaus, kurz bevor wir gingen, erschien mir in einem           ganz anderen Licht. Ich atmete ein paar Mal h\u00f6rbar ein und aus.           Albert schien erleichtert, dass ich ihm zugeh\u00f6rt hatte. Sein           angespannter Gesichtsausdruck wurde wieder weicher, meine H\u00e4nde hielt           er aber noch immer umklammert. Ein wenig hektisch erz\u00e4hlte er dann           weiter: wie er und Babsi sich getrennt hatten nachdem der Versuch,           ihre Beziehung durch ein Kind zu kitten, gescheitert war. \u0084&#8230;ich           will ihr keine Schuld geben. Es hat nicht gepasst, wir sind eben zu           verschieden. Aber ich liebe unsere Tochter und deshalb habe ich Babsi           und Walter eingeladen, damit ich meine Kleine wieder sehe. Was ja           sonst nicht so oft der Fall ist, wie du dir vorstellen kannst. Das           Haus ist sehr ger\u00e4umig, aber das sagte ich dir ja schon&#8230;\u0093  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Er           l\u00e4chelte ein wenig verlegen. Ich sah Albert lange an ohne ein Wort zu           sagen. \u00c4rger und eine gewisse Erleichterung k\u00e4mpften in mir um die           Oberhand&#8230; Warum hatte er mir nicht schon gestern im Kaffeehaus die           ganze Geschichte erz\u00e4hlt? Stunden waren wir beisammen gesessen&#8230;           Zeit hatten wir wahrlich genug miteinander verbracht, auch heute.           Eigentlich wollte ich ihm das ganz offen sagen, was ich ihm an           Herzklopfen aber auch an Frust und Zweifeln zu verdanken hatte, weil           er nicht gleich f\u00fcr klare Verh\u00e4ltnisse gesorgt hatte. Und was ich           von so einem \u0084Verwirrspiel\u0093 hielt. Ein einziger Satz \u0096 und ich w\u00e4re           mir die letzten Stunden nicht wie eine Idiotin vorgekommen&#8230; Aber           Albert ist eben Albert. Ich konnte es nicht. Als ich es n\u00e4mlich           wollte, l\u00e4chelte er mich wieder auf seine unwiderstehliche Art an und           fl\u00fcsterte: \u0084Glaubst du wirklich, dass ich nur ein wenig mit dir           spielen wollte? Du wei\u00dft doch gar nicht, dass ich dich nie vergessen           konnte \u0096 wie denn?\u0093  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Seien           Sie ehrlich, k\u00f6nnten Sie jemandem widerstehen, der Ihnen\u00a0           das sagt? Mit diesem Blick?<\/p>\n<p\/>\n<p>           Ich           habe keine Ahnung, wie lange wir da unten im Vorraum standen. Wir           lagen uns in den Armen, fl\u00fcsterten uns den \u00fcblichen \u0084s\u00fc\u00dfen           Unsinn\u0093 ins Ohr, tauschten K\u00fcsse, Z\u00e4rtlichkeiten und Liebkosungen           aus \u0096 mal sanft, mal fordernd, mal leidenschaftlich. Vor allem aber           ausgiebig &#8211; Sie kennen das ja \u0096 und ganz ungest\u00f6rt. Nur einmal \u00f6ffnete           Anneliese die T\u00fcr der Gaststube einen Spalt und warf einen Blick           herein. Aber als sie uns dastehen sah, so v\u00f6llig mit uns selbst besch\u00e4ftigt,           verschwand sie gleich wieder.<\/p>\n<p\/>\n<p>           \u00a0<\/p>\n<p\/>\n<p>           *<\/p>\n<p\/>\n<p>           \u00a0<\/p>\n<p\/>\n<p>           <b>Epilog<\/p>\n<p\/>           <\/b><\/p>\n<p>           Eine           hinrei\u00dfende Geschichte, nicht wahr?<\/p>\n<p\/>\n<p>           Manch einer w\u00fcrde dazu sagen: \u0084Was lange w\u00e4hrt, w\u00e4hrt endlich           gut.\u0093  <\/p>\n<p\/>\n<p>           Jemand           anderer k\u00f6nnte auch formulieren: \u0084Besser sp\u00e4t als nie.\u0093<\/p>\n<p\/>\n<p>           Goethe           aber fiel schon vor \u00fcber 200 Jahren etwas wirklich Passendes dazu           ein: \u0084Kennst du die herrliche Wirkung der endlich befriedigten           Liebe? K\u00f6rper verbindet sie sch\u00f6n, wenn sie die Geister befreit.\u0093<\/p>\n<p\/>\n<p>           Ich           habe keine treffenderen Worte gefunden.<\/p>\n<p\/>\n<p>           Vivienne<\/p>\n<p\/>\n<p>           \u00a0<\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE BUNTE WELT VON VIVIENNEvon Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; November 2001 Gut Ding braucht Weile Haben Sie auch diese Erfahrung gemacht? Manche &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-305\/#more-18424\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-18424","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-bunte-welt-von-vivienne","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18424","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18424"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18424\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31924,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18424\/revisions\/31924"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18424"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18424"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18424"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}