{"id":18440,"date":"2002-01-17T13:40:35","date_gmt":"2002-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2002\/01\/neue-bohnen-zeitung-321\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:15","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:15","slug":"neue-bohnen-zeitung-321","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-321\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>                              <br \/>               DIE BUNTE WELT VON                VIVIENNE<br \/>von                <a href=\"mailto:silvia_pree@hotmail.com\">Vivienne<\/a>\u00a0               &#8211;\u00a0               November 2002<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>&#8230;weil&#8217;s &#8222;nur&#8220;                M\u00e4dchen waren&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>                              Die Wahl ist                geschlagen, Wolfgang Sch\u00fcssel hat die Nase vorne und einer                Neuauflage der schwarzblauen Koalition d\u00fcrfte trotz des                Wahldebakels des rechten Koalitionspartners FP\u00d6 nichts mehr im                Wege stehen. Soll wohl so sein, und \u00d6sterreich hat wohl genau den                Kanzler gew\u00e4hlt, den es verdient hat. Damit ich mich nicht \u00e4rgern                muss (meine politische\u00a0 Gesinnung ist den meisten von Ihnen wohl                nicht ganz fremd), will ich hier aber keine Wahlanalyse zu Papier                bringen, das \u00fcberlasse ich anderen, sondern wieder einmal \u00a0in                Viviennes Welt eintauchen und mich einem kontr\u00e4ren Thema widmen.                N\u00e4mlich dem, wenn ein Vater es nicht verwinden kann, dass ihm                statt des erhofften Sohnes \u0084nur\u0093 M\u00e4dchen geboren werden. Eine                wahre Geschichte \u00fcbrigens, und wenn Ihnen die                Wahlberichterstattung zu viel wird, sind Sie hier an der richtigen                Stelle.<\/p>\n<p>                              Wer heiratet, will                auch Kinder haben, das galt vor drei\u00dfig Jahren noch viel mehr als                jetzt. Der Mutter-Kind-Pass, der unter der sozialistischen                Alleinregierung unter Bruno Kreisky Anfang der 70er Jahre                eingef\u00fchrt wurde, hat seither die S\u00e4uglingssterblichkeit in                \u00d6sterreich dank der medizinischen Vorsorge auf ein Minimum                reduziert. Wer selber Kinder geboren hat, kennt das Gef\u00fchl nur zu                gut, wenn man nach den Strapazen der Geburt jene Gewissheit                genie\u00dfen kann: mein Kind ist\u00a0 gesund! Leider reicht das in manchen                Beziehungen nicht, dass der kleine Erdenb\u00fcrger wohlgestaltet und                ohne gesundheitliche Einschr\u00e4nkungen geboren wird.  <\/p>\n<p>                              Vor allem V\u00e4ter                sehnen und sehnten sich nach einem Stammhalter, obwohl die                wenigsten von ihnen heute noch ein K\u00f6nigreich zu vergeben haben.                Warum das so ist, mag vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde haben, Gr\u00fcnde, die                wahrscheinlich dem Vater selbst nicht wirklich bewusst sein                d\u00fcrften. Aber es ist denkbar unfair gegen\u00fcber der kleinen Tochter,                die weniger geliebt wird als f\u00fcnftes Rad am Wagen und somit v\u00f6llig                unschuldig einen denkbar schlechten Start ins Leben hat. Ich                m\u00f6chte Ihnen heute so eine Geschichte von einem Mann erz\u00e4hlen, der                im Grunde alles hatte in seinem Leben, aber seinen T\u00f6chtern keine                Liebe schenken wollte, weil sie nicht das \u0084richtige\u0093 Geschlecht                hatten \u0096 und staunen Sie mit mir, warum ein Mann allen Ernstes                seinen Kindern die Zuneigung verweigert&#8230;<\/p>\n<p>                              Herr und Frau                Schneider aus unserer Siedlung galten lange als ein unauff\u00e4lliges                Paar. Meine j\u00fcngern Geschwister gingen mit den \u00e4ltesten T\u00f6chtern                der beiden in die Schule. Dass es in der Familie ein Problem war,                dass kein Sohn geboren worden war, wurde uns lange Zeit nicht                bewusst. Doch Herr Schneider hatte keinen sehnlicheren Wunsch als                einen Sohn und lie\u00df das seine beiden T\u00f6chter immer wieder sp\u00fcren.                Als auch das drittgeborene Kind ein M\u00e4dchen war, tauchten zum                ersten Mal Ger\u00fcchte auf, dass Herr Schneider seine gro\u00dfe                Entt\u00e4uschung im Alkohol ertr\u00e4nkt hatte und mit einem ziemlichen                Rausch nach Hause gekommen war. Seine Frau und die j\u00fcngste Tochter                wollte er erst gar nicht in der Klinik besuchen&#8230;<\/p>\n<p>                              In der Folge h\u00f6rte                man immer \u00f6fter von Streitigkeiten des Ehepaares. Herr Schneider                machte seiner Frau immer wieder Vorw\u00fcrfe, dass sie nicht in der                Lage w\u00e4re, einen Sohn zur Welt zu bringen, und immer \u00f6fter tat er                das in alkoholisiertem Zustand. Die Arbeitskollegen des Herrn                Schneider, der im Baugewerbe arbeitete, h\u00e4nselten ihn, ja, sie                zogen ihn, die sie genau wussten, wie empfindlich er bei diesem                Punkt war, nach Strich und Faden auf. Was f\u00fcr die Ehe der                Schneiders nicht gerade f\u00f6rderlich war. Wenn immer ich Frau                Schneider zu dieser Zeit sah, blickte ich in die Augen einer                verh\u00e4rmten Frau, die vielleicht einmal h\u00fcbsch gewesen war, die                jetzt aber nur mehr blass aussah und zutiefst ungl\u00fccklich war.<\/p>\n<p>                              Schnell erfuhren wir                von der vierten Schwangerschaft von Frau Schneider. Die Schneiders                hatten zu bauen begonnen, die gro\u00dfe Familie brauchte ja auch                Platz, und Herr Schneider lie\u00df keinen Zweifel daran, dass sein                Sohn einmal dieses Haus erben sollte. Dass sagte er jedem, der es                wissen wollte, vor allem im Wirtshaus, am Stammtisch. Wof\u00fcr ihn                die Sekkierer dort wieder ordentlich durch den Kakao zogen und ihm                versicherten, dass es \u0084zu 100 Prozent\u0093 wieder ein M\u00e4dchen werden                w\u00fcrde. Ich wei\u00df auch nicht warum, aber sie sollten Recht behalten.                Ein paar Laute konnte ihre Schadenfreude kaum noch verhehlen,                wobei man sich fragen muss, wo da eigentlich der Schaden war, wenn                Frau Schneider ein weiteres pumperlgesundes Kind zur Welt brachte,                das h\u00fcbsch aussah und gerade Glieder hatte. Was ja heute nicht                immer so selbstverst\u00e4ndlich ist. Aber Herr Schneider tobte, soff                sich im Wirtshaus nieder, pr\u00fcgelte in der Folge seine Frau wie die                T\u00f6chter immer wieder, und war daheim \u00f6fter betrunken als n\u00fcchtern                anzutreffen.<\/p>\n<p>                              Das \u0084gro\u00dfe Leid\u0093, das                ihm seine Frau zuf\u00fcgte, indem sie ihm eine Tochter nach der                anderen gebar, war ja eine bequeme Ausrede, sich immer \u00f6fter dem                Suff zu ergeben. In der Zeit \u0096 Herr Schneider war oft auf Montage,                da er wegen des Hausbaus Geld brauchte \u0096 passierte Herrn Schneider                in alkoholisiertem Zustand auf der Baustelle ein schwerer Unfall.                Nicht nur, dass er selbst wochenlang im Spital lag, seine Firma                machte ihn haftbar f\u00fcr den verursachten Schaden, den er ersetzen                musste. Da war es praktisch, dass die beiden \u00e4ltesten T\u00f6chter                schon in eine Lehre gingen: Herr Schneider nahm ihnen an jedem                Monatsersten jeden Groschen ihrer Lehrlingsentsch\u00e4digung weg. Die                beiden M\u00e4dchen wagten nicht zu protestieren, da sie ihren Vater                f\u00fcrchteten. Meiner Schwester Beatrice vertraute sich eines der                M\u00e4del einmal an, das von ihrer st\u00e4ndigen Angst erz\u00e4hlte, den                Vorw\u00fcrfen und den gro\u00dfen Streitereien daheim, wenn der Vater                wieder betrunken war.<\/p>\n<p>                              Die beiden M\u00e4dchen                zogen schnell von daheim aus, aber das Geld, das ihnen ihr Vater                genommen hatte, sahen sie trotzdem nie wieder. Inzwischen hatte                Herr Schneider seine Schulden bezahlt, und Frau Schneider war zum                5. Mal schwanger. Fast zum Hohn, muss man schon sagen, brachte sie                aber wieder ein M\u00e4dchen zur Welt, was f\u00fcr das famili\u00e4re Klima bei                den Schneiders nur abtr\u00e4glich war. Herr Schneider wollte so                verbissen einen Sohn haben, dass er das Gl\u00fcck, das er genie\u00dfen                durfte, gesunde Kinder zu haben, nicht sch\u00e4tzte. \u00a0Seine beiden                \u00e4ltesten Kinder mieden ihn, lie\u00dfen sich daheim nicht mehr sehen,                die j\u00fcngeren T\u00f6chter haben ihn nie als liebenden Vater gekannt,                weil sie nicht das richtige Geschlecht hatten.<\/p>\n<p>                              Dabei konnte Herr                Schneider durchaus umg\u00e4nglich und hilfsbereit sein, wenn er                wollte. Ich kam einmal bei Regen nach der\u00a0 Arbeit bei uns am                Bahnhof an. Es war saukalt, als ich aus dem Zug ausstieg, und ich                hatte keinen Schirm dabei. Herr Schneider wartete am Bahnhof auf                eine seiner T\u00f6chter, die er vom Zug abholen wollte, die sich aber                versp\u00e4tetet haben musste. Kurzerhand, und weil der Weg fast                derselbe war, brachte mich Herr Schneider ohne viel Federlesens                heim. Ich roch zwar als ich neben ihm sa\u00df, dass er etwas getrunken                haben musste, aber er war freundlich und umg\u00e4nglich. Schade, dass                er dem Geschlecht seiner Kinder so viel Bedeutung beima\u00df \u0096 er                h\u00e4tte durchaus ein liebenswerter Familienvater sein k\u00f6nnen. Aber                was er an seinen Kindern falsch gemacht hatte, konnte er nicht                mehr gut machen.<\/p>\n<p>                              Und vor allem auch                das, was er seiner Frau in mehr als zwanzig Ehejahren angetan                hatte: die Pr\u00fcgel, die Vorw\u00fcrfe, die Schuldgef\u00fchle, die er ihr                eingeimpft hatte. Das letzte, was ich vor einigen Jahren von den                Schneiders h\u00f6rte, war, dass Frau Schneider die zerr\u00fcttete Ehe                nicht mehr ertragen und sich scheiden lassen hatte. Das Haus, das                beiden geh\u00f6rt hatte, musste deswegen verkauft werden, beide zogen                weg. Man kann an dieser Stelle keinesfalls behaupten, dass Herr                Schneider ein besserer Mensch geworden w\u00e4re, h\u00e4tten er und seine                Frau einen Sohn gehabt. Den Hang zum Wirtshaus sitzen und \u00f6fter                mehr Alkohol zu trinken als ihm gut tat, hatte er sicher immer                schon gehabt. Auch dass er manchmal rabiat wurde und ihm \u0084die Hand                ausrutschte\u0093, bei der Frau wie bei den Kindern, ist nicht nur                dadurch zu\u00a0 erkl\u00e4ren, dass er ohne \u0084Stammhalter\u0093 blieb.<\/p>\n<p>                              Schlimm ist aber der                andere Aspekt, wenn man bedenkt, wie viele junge Paare heutzutage                ungewollt kinderlos bleiben und die \u00fcber ein gesundes Kind,                gleichg\u00fcltig welchen Geschlechts, unendlich gl\u00fccklich w\u00e4ren.                Vielleicht ist Herr Schneider in seiner Wohnung heute einsam und                er w\u00fcrde sich \u00fcber Besuch seiner Kinder freuen, vielleicht hat er                auch schon Enkelkinder, die er nie kennen gelernt hat, weil er                selber alle T\u00fcren zugeworfen hat. Was Gl\u00fcck ist, wei\u00df man oft erst                im Nachhinein, das ist vermutlich auch Herrn Schneider schon klar                geworden&#8230; Ganz sicher ist, dass sich Herr Schneider in eine fixe                Idee verrannte. Je verbohrter er sie verfolgte, desto weiter                entfernte sich das Ziel. Und dass das oft so ist im Leben, werden                Sie selber auch schon erkannt haben: der Schmetterling fliegt weg,                wenn Sie ihm auf der Wiese nachjagen, aber wenn Sie ganz ruhig                stehen bleiben und abwarten, dann kommt er vielleicht von selbst                und setzt sich auf Ihre Schulter.  <\/p>\n<p>                              Vivienne<\/p>\n<p>               \u00a0<\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>               \u00a0<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE BUNTE WELT VON VIVIENNEvon Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; November 2002 &hellip;weil&rsquo;s &bdquo;nur&ldquo; M&auml;dchen waren&hellip; Die Wahl ist geschlagen, Wolfgang Sch&uuml;ssel hat &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-321\/#more-18440\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-18440","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-bunte-welt-von-vivienne","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18440"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18440\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31957,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18440\/revisions\/31957"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}