{"id":18442,"date":"2002-01-17T13:40:35","date_gmt":"2002-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2002\/01\/neue-bohnen-zeitung-323\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:15","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:15","slug":"neue-bohnen-zeitung-323","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-323\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>                              <br \/>                              DIE BUNTE WELT VON               VIVIENNE<br \/>von <a href=\"mailto:silvia_pree@hotmail.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0               &#8211;\u00a0                J\u00e4nner 2002<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Vom Risiko, sich auf                das Leben einzulassen &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>                              Gewidmet all jenen, die an die                Liebe glauben.<\/p>\n<p>               Aber auch denen, die                meinen, das Leben w\u00e4re nur zu ihnen grausam: es gibt immer                jemanden \u0096 man muss nur bereit sein, diesen Menschen auch                wahrzunehmen.<\/p>\n<p>                              Wie viele Dichter haben sich                schon mit ihr befasst: die Liebe, die \u0084Himmelsmacht\u0093, besch\u00e4ftigt                die Menschen seit Anbeginn der Zeiten und daran wird sich nie                etwas \u00e4ndern. Kein Mensch m\u00f6chte allein sein, trotz horrender                Scheidungsraten boomen Heiratsinstitute und wer die Inserate in                den Tageszeitungen genauer durchsieht, kann das Bed\u00fcrfnis von                M\u00e4nnern wie Frauen nach Zweisamkeit nur best\u00e4tigen. <i>Dabei ist                es mit der Liebe so wie mit den Pflanzen<\/i>, kleidete Jeremias                Gotthelf einmal in sch\u00f6ne Worte: <i>Wer Liebe ernten will, muss                Liebe s\u00e4en&#8230;<\/i> Vielleicht ist das auch der Grund, warum soviel                Beziehungen scheitern \u0096\u00a0 weil nicht wenige\u00a0 Menschen Liebe und                tiefe Gef\u00fchle mit allen Konsequenzen vom anderen erwarten aber das                selber gar nicht ausstrahlen, ja, oft gar nicht in der Lage sind,                selber zu geben und das gar nicht merken. Einsamkeit ist ein                schlimmes Los, aber wenn man auf der Suche nach dem oder der                \u0084Richtigen\u0093 ist und \u00f6fter Fehlschl\u00e4ge erleidet, sollte mann oder                frau die Schuld nicht bei den Menschen oder der \u0084Zeit\u0093 oder                sonstigen Problemen suchen, sondern einmal in sich hineinhorchen                und sich kritisch fragen: \u0084<i>Bin ich es nicht selbst?<\/i>\u0093 Und                wer ehrlich ist zu sich selbst, wird erkennen, dass er auch sich                \u00e4ndern muss, um bereit und f\u00e4hig zu Liebe zu werden.<\/p>\n<p>                              Ich m\u00f6chte an dieser Stelle                von einer ungew\u00f6hnlichen Liebe erz\u00e4hlen. Die beiden Menschen                hatten nicht die perfekten Voraussetzungen daf\u00fcr, aber sie lie\u00dfen                sich nicht davon abhalten, ihr gemeinsames Leben zu leben, denn                ihre Gef\u00fchle waren stark. Stark genug, auch in \u0084guten wie in                schlechten Tagen\u0093 \u0096 \u0084bis dass der Tod sie schied\u0093 und doch nicht                wirklich, denn ihre Liebe lebt weiter in ihren Kindern. Und                wundern Sie sich nicht, wenn diese Geschichte von \u0084Vivienne\u0093 etwas                ungew\u00f6hnlich beginnt \u0096 sie kommt sicher zum Punkt.<\/p>\n<p>                              Wer wie ich in einer kleinen                Gemeinde aufgewachsen ist, kennt das zerrissene Gef\u00fchl: einerseits                kann das Landleben herrlich sein, wenn man nicht gerade im Umfeld                von Misthaufen und kr\u00e4henden H\u00e4hnen lebt. Andererseits werden Sie                mir recht geben, dass es in Gemeinden Geheimnisse nicht lange                gibt, dass eine gut geschmierte Ger\u00fcchtek\u00fcche im Gang ist und                vielleicht haben Sie selbst einen Nachbarn, der st\u00e4ndig am                Gartenzaun werkt und beobachtet, welches Auto da bei Ihnen gerade                stehen bleibt und wer aussteigt&#8230; <\/p>\n<p>                              So geht und ging es auch mir                oft. Vor etwa zehn Jahren war ich noch meistens mit dem Zug in die                Arbeit unterwegs, so auch an einem jener Fr\u00fchsommertage, wie ich                sie so liebe: man schlie\u00dft die Augen und die Sonne scheint einen                zu k\u00fcssen und zu umarmen und man sp\u00fcrt mit jeder Faser des K\u00f6rpers                das Leben&#8230; Dementsprechend gut gelaunt kam ich heim, lie\u00df meine                Schuhe und die Tasche in der Garderobe und ging in die K\u00fcche.                Meine Eltern sa\u00dfen beisammen, aber nicht wie \u00fcblich beim Schnapsen                sondern sie sahen eher betroffen aus und unterhielten sich leise                ohne aufzuschauen. Ich sah die beiden mit hochgezogenen                Augenbrauen an. \u0084Ja, was ist denn los?\u0093 Mein Vater griff nach                seiner Brille, die vor ihm lag: \u0084Frau Huber ist gestorben. Die                Nachbarin war gerade da, Begr\u00e4bnis ist am Samstag.\u0093 Frau Huber,                einen Moment musste ich \u00fcberlegen. Welche Frau Huber&#8230;? Vati                merkte meine \u00dcberlegungen. \u0084Ja, Frau Huber halt, die vom Rosenweg,                die mit der Multiplen Sklerose&#8230; sie ist in einem Pflegeheim                verstorben\u0093<\/p>\n<p>                              Jetzt erinnerte ich mich. Mein                Gott, Frau Huber&#8230; Ein Bild tauchte vor meinem geistigen Auge                auf: Gerlinde Huber, im Rollstuhl, mit ihrer kleinen Tochter im                Arm, vielleicht zwei Jahre alt. Sie sah nicht gesund aus, aber sie                strahlte mit ihrer j\u00fcngsten Tochter im Arm, mehr noch, sie sah                stolz aus. Die beiden Buben, Zwillinge, so vier, f\u00fcnf Jahre alt,                standen neben dem Rollstuhl und dahinter befand sich ihr Mann,                Walter Huber: gro\u00dfgewachsen, die H\u00e4nde auf den Schultern seiner                Frau, den Blick auf sie gerichtet: eine Mischung aus Z\u00e4rtlichkeit                und Sorge stand in seinem Gesicht. Ich war selber damals noch ein                Kind, und es muss ein Weihnachtsbasar in der Nachbargemeinde                gewesen sein, bei dem ich das Ehepaar Huber so bewusst                wahrgenommen hatte. Und jetzt war Frau Huber also gestorben, mit                wievielen Jahren? Mitte Vierzig, Ende Vierzig, so in dem Bereich.                Gestorben an Multipler Sklerose in ihrer schlimmsten Form, \u0084am                Zenit des Lebens\u0093, wie man so sagt&#8230; Meine gute Laune schwand und                ich wurde nachdenklich.<\/p>\n<p>                              Am Abend ging ich noch ein                wenig spazieren in unserer Siedlung. Ich wollte auf andere                Gedanken kommen, schaffte es aber nicht so richtig. Wenn man so im                Leben steht, sich jung und \u0084unbezwingbar\u0093 f\u00fchlt, ist so eine                Auseinandersetzung mit dem Tod nicht angenehm, vor allem, wenn                eine relativ junge Frau wie Gerlinde Huber aus dem Leben gerissen                wird. Der Mensch tendiert dazu, diese Gedanken zu verdr\u00e4ngen, weil                sie ihn mit der eigenen Verg\u00e4nglichkeit konfrontieren \u0096 und wem                f\u00e4llt es schon leicht, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen? Und                wie es der Zufall so wollte, lief mir Sandra \u00fcber den Weg. Sandra                Huber, die Tochter. Sie hatte verheulte Augen und bemerkte mich                nicht gleich. Ich gr\u00fc\u00dfte und hatte schon ein paar Worte zur                Beileidsbekundung auf den Lippen, als sie wieder zu weinen begann.<\/p>\n<p>                              Ich wusste nicht, was ich                sagen sollte, aber ich wollte auch nicht weitergehen und sie so                stehen lassen. Sandra ist etwa sieben oder acht Jahre j\u00fcnger als                ich. Wir sahen uns damals regelm\u00e4\u00dfig, weil wir am Abend \u00f6fters mit                demselben Zug heimfuhren und plauderten: nichts Wichtiges, aber so                ein sozialer Kontakt halt, durch den man das eine oder andere                erf\u00e4hrt. Sandra beruhigte sich und begann von selbst zu reden.                Ihre Mutter sei gestern abend gestorben, wegen der \u00dcberf\u00fchrung aus                dem Pflegeheim in Linz w\u00e4re die Beerdigung erst am Samstag. Und ob                ich kommen w\u00fcrde&#8230; Ich sagte ohne zu \u00fcberlegen zu. Mir war neu                gewesen, dass Frau Huber in einem Linzer Pflegeheim verstorben                war. Ich hatte angenommen, sie w\u00e4re noch in der Nachbargemeinde im                Senioren- und Pflegeheim untergebracht gewesen, wie ich vor ein                paar Jahren geh\u00f6rt hatte. Bereitwillig erz\u00e4hlte Sandra eine Reihe                von Details, die ich nicht gewusst hatte. In den letzten Wochen                hatte sich der Gesundheitszustand der Mutter stetig verschlechtert                bis der Tod nur mehr eine Erl\u00f6sung gewesen sei, wie man so sagt.                Ihr Mann war die letzten Tage bei ihr gewesen und hatte                schlie\u00dflich die Kinder informiert: die beiden S\u00f6hne studierten                gerade in Wien und Sandra selbst hatte die Nachricht bei einem                Kurzurlaub mit ihrem Freund in K\u00e4rnten erhalten&#8230;<\/p>\n<p>                              Sandra war froh, dass sie mit                jemandem reden konnte. Ich merkte, dass sie ein wenig darunter                litt, dass sie die letzten Stunden nicht mehr bei ihrer Mutter                verbringen hatte k\u00f6nnen. Verst\u00e4ndlich. Ich war noch immer                nachdenklich als ich heimging. Und mir fiel die Lebensgeschichte                von Frau Huber ein, die ja auch in der Gemeinde aufgewachsen war.                Was wusste ich eigentlich von dieser Frau, die ich selber fast                nicht gekannt hatte, weil sie einen gro\u00dfen Teil ihres Lebens                bettl\u00e4grig gewesen war? Doch eine ganze Menge, wie ich                feststellte. Wie eine Suchmaschine, in die ich einen Begriff                eingegeben hatte, begann mein Gehirn zu arbeiten und f\u00f6rderte so                manches zutage.<\/p>\n<p>                              Gerlinde Huber war vor allen                Dingen ein fr\u00f6hlicher , lebensbejahender Mensch gewesen \u0096 und so                aktiv, wie man unter diesen Voraussetzungen nur sein konnte.                Gerade 17 Jahre alt wurde sie mit der Diagnose \u0084Multiple Sklerose\u0093                konfrontiert, MS in einer besonders schweren Form. So mancher                Mensch h\u00e4tte sich in dieser Situation selbst aufgegeben, und                gerade sie h\u00e4tte allen Grund dazu gehabt. War sie doch als                Halbweise gro\u00df geworden, denn ihr Vater, der ihr das Leiden                vererbt hatte, war mit nicht einmal vierzig Jahren freiwillig aus                dem Leben geschieden: er war mit der Krankheit und den daraus                resultierenden Depressionen nicht mehr klar gekommen. Aber nicht                Gerlinde. Es schien, als w\u00fcrde sie dieses Leben als eine besondere                Herausforderung annehmen, die nur besonderen Menschen zugedacht                werde. \u0084Ein sch\u00f6nes, problemloses Leben kann ohnedies jeder                leben\u0093, war ein Satz, den ich einmal von ihr geh\u00f6rt hatte. In                diesem Moment bekam er f\u00fcr mich eine neue Dimension. Leben \u0096                richtig und intensiv leben: tun wir das alle nicht viel zu selten?<\/p>\n<p>                              Es war schon dunkel als ich                heimkam und auf mein Zimmer ging. Ich hatte keine Lust zum                Fernschauen und wollte den Abend mit einem Buch ausklingen lassen.                Aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Also machte ich das                Licht aus und legte mich ins Bett, doch ich w\u00e4lzte mich schlaflos                hin und her. Meine Gedanken kreisten immer wieder um Frau Huber.                Ich blickte auf den Wecker: fast 24.00 Uhr. Seufzend drehte ich                mich auf die andere Seite&#8230; Gerlinde Huber war ein sportlicher                Mensch gewesen. Sie war im Winter gern Schifahren, im Sommer                urlaubte sie oft am Meer oder im Gebirge. Es war ihr ein                Bed\u00fcrfnis, diese f\u00fcr sie wichtigen Dinge auszukosten solange es                ihr m\u00f6glich war. Dementsprechend gesellig scharte sie immer viele                neue Bekanntschaften um sich. Der lockere Umgang mit den Menschen                aber auch mit ihrer Krankheit selbst machte sie beliebt und sie                hatte viele Freunde. Ich war noch ganz klein, als ich sie das                erste Mal mit ihm sah: mit Walter Huber, einer                Urlaubsbekanntschaft. Eigentlich aus dem Bundesland Salzburg                geb\u00fcrtig, hatten sich die beiden bei einem Italienurlaub                kennengelernt.<\/p>\n<p>                              Ich habe Walter Huber nie                besonders gut gekannt, er ist ein eher verschlossener Mensch und                liegt mir deshalb nicht so sehr. Ich wei\u00df nicht, ob es die                Krankheit seiner Frau war, die ihn wortkarg hatte werden lassen,                aber mir fiel schon damals auf, dass immer ein besonderes, warmes                Leuchten in seinen Augen war, wenn er mit seiner Frau sprach,                ihren Rollstuhl schob oder einfach nur die Decke auf ihrem Scho\u00df                richtete. Seine z\u00e4rtlichen Gesten wirkten nie mechanisch auf mich,                ich habe ihn nie ver\u00e4rgert oder grob im Umgang mit ihr gesehen.                Walter Huber war ein gutaussehender Mann, gro\u00df und dunkelhaarig,                mit blauen Augen, der auf einen bestimmten Typ Frauen in seiner                Jugend zweifellos gewirkt haben musste. Ich fragte mich, warum er                gerade mit der zweifellos schwer angeschlagenen Gerlinde eine                Beziehung eingegangen war. Die junge Frau hatte nie ein Hehl aus                ihrer Krankheit gemacht, auch nicht daraus, dass sie einmal, ja,                wahrscheinlich sehr fr\u00fch im Rollstuhl sitzen w\u00fcrde, als                Pflegefall. Was bewegt einen Menschen, jemanden mit solchen                Gesundheitsprognosen nicht nur ehrlich und aufrichtig gern zu                haben sondern &#8211; wie in diesem Fall &#8211; sie auch zu heiraten und mit                ihr eine Familie zu gr\u00fcnden, wenn nicht \u0096 Liebe, eine tiefe und                sehr gro\u00dfe Liebe&#8230;<\/p>\n<p>                              Der schrille L\u00e4uten des                Weckers lie\u00df mich hochschrecken. Irgendwann musste ich doch                eingeschlafen sein und jetzt wartete ein neuer Arbeitstag auf                mich, obwohl ich gerade die n\u00f6tige \u0084Bettschwere\u0093 h\u00e4tte. Seufzend                stand ich auf&#8230; Der Tag verging rasch und ich hatte keine Zeit                f\u00fcr tiefsch\u00fcrfende Gedanken zum Thema Liebe, Tod und Leben. Mit                viel Gl\u00fcck erreichte ich den Zug, lie\u00df mich in den Sitz fallen,                als Frau Pichler, eine alte \u0084Tratsch\u0092n\u0093 aus der Nachbarschaft bei                mir Platz nahm. Sie grinste mich mit ihren falschen, br\u00e4unlichen                Z\u00e4hnen an und ich l\u00e4chelte leicht s\u00e4uerlich zur\u00fcck. Das hatte mir                gerade noch gefehlt&#8230; Schnell verwickelte mich Frau Pichler in                ein Gespr\u00e4ch und es nutzte gar nichts, dass ich meine H\u00e4kelarbeit                aus der Tasche holte, sie war nicht zu stoppen. Nat\u00fcrlich                konfrontierte sie mich mit Frau Hubers Ableben&#8230; \u0084\u0093&#8230;47 Jahre                war sie erst alt\u0093, best\u00e4tigte sie meine gestrigen Annahmen. Ich                r\u00e4usperte ger\u00e4uschvoll \u0096 ob sie diesen sanften Wink verstand?<\/p>\n<p>                              Sie ignorierte ihn                geflissentlich und erz\u00e4hlte vom Pflegeheim, wo sie Frau Huber                mehrmals besucht hatte. \u0084\u0093Es ging ihr ganz gut, soweit man das                sagen kann \u0096 bei <b>der<\/b> Krankheit!\u0093 Sie sah mich mit gro\u00dfen                Augen an. \u0084Und ihr Mann war fast jeden Tag bei ihr, meistens am                Abend, nach der Arbeit, hat er hereingeschaut, hat sie mir                erz\u00e4hlt. Und die Kinder, sogar die Buben, die ja schon ein paar                Jahr\u0091l in Wien leben, haben sich regelm\u00e4\u00dfig anschauen lassen.\u0093                \u0084Buben\u0093 dachte ich mir, \u0084Buben\u0093 mit 25 (!) Jahren, und sch\u00fcttelte                kaum merklich den Kopf. Gleichzeitig bem\u00fchte ich mich, meinem                Gesicht einen interessierten Gesichtsausdruck zu geben. Bei einer                kurzen Gespr\u00e4chspause riss ich das Ruder an mich: \u0084Woher kam er                denn \u00fcberhaupt, der Herr Huber?\u0093 Frau Pichlers Augen begannen zu                leuchten. Jetzt konnte sie ihr ganzes Wissen ausspielen \u0096 und das                war enorm. Der junge Walter Huber war ein geb\u00fcrtiger Saalfeldner,                seine Eltern lebten schon damals nicht mehr und Geschwister hatte                er nicht. Gerlinde war eine h\u00fcbsche, junge Frau gewesen,                dunkelblond und dunkle Augen, und als sich die beiden beim Segeln                an der Adria kennengelernt hatten, muss es von Anfang an gefunkt                haben. Es dauerte allerdings noch eine Weile, genaugenommen bis                zum gemeinsamen Schiurlaub in Tirol fast ein dreiviertel Jahr                sp\u00e4ter, dass aus den beiden ein Paar wurde.<\/p>\n<p>                              Frau Pichler war in Fahrt und                lie\u00df sich nicht mehr unterbrechen. Ich fragte mich, wie das Leben                von Frau Pichler wohl jeden Tag so ablaufen musste, wenn sie \u00fcber                jeden \u0084Furz\u0093 der Leute bei uns Bescheid wusste. Ja, ich fragte                mich, was sie wohl \u00fcber mich selber wusste&#8230; \u0084&#8230;im Sp\u00e4tsommer                darauf ham\u0091s g\u0091heiratet\u0093, kramte die Pichlerin in ihren                Erinnerungen. \u0084Die Gerlinde hat ihre Arbeit aufgegeben, weil sie                sagte, sie m\u00f6chte nur f\u00fcr ihren Mann und die Kinder dasein. Das                war halt noch eine Frau, die meisten heutzutage glauben ja, sie                m\u00fcssen arbeiten gehen und lassen die Kinder allein und den Mann,                das h\u00e4tt\u0092s zu meiner Zeit nicht gegeben&#8230;\u0093 keppelte Frau Pichler                dahin und sah mich auf einmal etwas schief an. Richtig, ich war ja                auch eine Frau und ging arbeiten. \u0084Es ist nichts Schlechtes, wenn                eine Frau arbeiten geht\u0093, wagte ich leicht nerv\u00f6s einzuwerfen.                \u0084Was sagst?\u0093 musterte mich die Frau mit schmalen Augen b\u00f6se. \u0084Wie                war das, wann sind die Kinder geboren worden?\u0093 warf ich                blitzschnell einen K\u00f6der aus, um eine Diskussion zu vermeiden.                Frau Pichler biss sofort an und versorgte mich mit s\u00e4mtlichen                Details der beiden Kaiserschnittgeburten: den Zwillingen Werner                und Fritz, und eben Sandra. Sandras Geburt nahm Gerlinde Huber so                mit, dass der Rollstuhl nach und nach f\u00fcr sie zum st\u00e4ndigen                Begleiter wurde.<\/p>\n<p>               Der Zug hielt an                unserm Bahnhof und erl\u00f6ste mich von Frau Pichler. Ich h\u00e4tte die                Art dieser Frau keine Minute l\u00e4nger ertragen. Ich spannte den                Schirm auf und lief heimw\u00e4rts. Leider hatte das Wetter                umgeschlagen und es regnete auch, als ich zwei Tage sp\u00e4ter zum                Begr\u00e4bnis ging. Die Kirche war \u00fcberf\u00fcllt, kein Wunder, Frau Huber                war eine bekannte und beliebte Frau gewesen. Vorn konnte ich die                drei Kinder und Herrn Huber selbst erkennen. Pfarrer Bauer begann                mit dem Begr\u00e4bnisgottesdienst. Mich fr\u00f6stelte und meine Gedanken                schweiften ab&#8230; Walter Huber hatte aus Liebe zu Gerlinde                s\u00e4mtliche Br\u00fccken in Saalfelden abgebrochen, war hierher gezogen,                fand einen guten Job in Linz und dann wurde geheiratet. Die beiden                hatten sich die Kinder aus ganzem Herzen gew\u00fcnscht; nebenbei hatte                Herr Huber mit dem Hausbau begonnen. Ich war als Kind nach der                Schule immer an dem Rohbau vorbeigekommen und hatte staunend                beobachtet, wie schnell die Arbeit von statten ging. Walter Huber                musste in der Zeit \u00dcbermenschliches geleistet haben. Seine Frau,                die relativ fr\u00fch mit den Haushalt nicht mehr allein zurecht kam,                dazu die drei kleinen Kinder, die zu versorgen waren, der Hausbau                und\u00a0 &#8211; nicht zu vergessen! \u0096 sein Job.  <\/p>\n<p>                              Ich \u00fcberlegte. Es spricht sich                so leicht in der Kirche bei der Trauung \u0096 \u0084in guten wie in                schlechten Tagen\u0093&#8230; ob Walter Huber geahnt hatte, bei aller Liebe                zu seiner Frau, worauf er sich da einlassen w\u00fcrde? Mir fiel ein                Zitat von Dom Helder Camara ein: \u0093<i>Die Hoffnung, die das Risiko                scheut, ist keine Hoffnung&#8230; Hoffen hei\u00dft, an das Abenteuer der                Liebe glauben, Vertrauen zu den Menschen haben, den Sprung ins                Ungewisse tun und sich ganz Gott \u00fcberlassen.<\/i>\u0093 Liebe ist immer                ein Risiko. Was heute ganz klar und sicher erscheint, kann morgen                schon durch v\u00f6llig andere Gegebenheiten ersetzt ein. Und in                solchen Situationen entscheidet sich, auf welchen Beinen eine                Liebe steht: n\u00e4mlich auf Fels oder auf Treibsand&#8230;<\/p>\n<p>                              Neben mir schluchzte eine Frau                auf. Der Herr Pfarrer hatte begonnen, aus einem Brief von Frau                Huber vorzulesen, einem Brief, den diese an ihre Schwester                geschrieben hatte. \u0084&#8230; ich bin so stolz auf meinen Mann, wie er                alles schaukelt, alles in Ordnung h\u00e4lt und organisiert \u0096 ein                Wahnsinn, wie er das schafft&#8230; Und die Kinder sind so t\u00fcchtig,                die Sandra lernt so brav in der Schule und die Buben machen heuer                die Matura&#8230; ich kann dir gar nicht sagen, wie froh mich das                macht&#8230; und ich bin nie allein. Ich w\u00fcnsche mir manchmal, ich                h\u00e4tte mehr f\u00fcr Walter und die Kinder dasein k\u00f6nnen, aber es geht                ihnen so gut, dass es nicht n\u00f6tig war&#8230;\u0093 Ja, es hatte Frau Huber                an nichts gemangelt, aber auch ihren Kindern nicht, und insofern                war sie gl\u00fccklich gestorben: sie hatte erleben d\u00fcrfen, wie ihre                Kinder erwachsen wurden, dass aus ihnen \u0084etwas geworden ist\u0093, wie                sie selbst formuliert hatte.<\/p>\n<p>                              Der Gottesdienst war vorbei,                die Menschen str\u00f6mten auf den Friedhof, aber das wollte ich mir                bei dem Regen nicht antun. Gem\u00e4chlich machte ich mich auf den                Heimweg. Frau Huber hatte keine umwerfenden Voraussetzungen f\u00fcr                ihr Leben vorgefunden, keine Frage, aber sie hatte sich den                Tatsachen gestellt und ohne Zweifel das Beste daraus gemacht,                nicht zuletzt auch dank des Mannes, der diese Herausforderung mit                ihr getragen hatte. \u0084<i>Das Gl\u00fcck deines Lebens h\u00e4ngt von der                Beschaffenheit deiner Gedanken ab<\/i>\u0093, soll der r\u00f6mische Kaiser                Marc Aurel einmal gesagt haben. Und ohne Zweifel hat Gerlinde                Huber seine Worte beherzigt wie kaum ein Mensch.<\/p>\n<p>                              Vivienne\u00a0<\/p>\n<p>               \u00a0<\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>                              \u00a0<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE BUNTE WELT VON VIVIENNEvon Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; J&auml;nner 2002 Vom Risiko, sich auf das Leben einzulassen &hellip; Gewidmet all jenen, &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-323\/#more-18442\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-18442","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-bunte-welt-von-vivienne","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18442","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18442"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18442\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18442"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18442"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18442"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}