{"id":18499,"date":"2004-01-17T13:40:35","date_gmt":"2004-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2004\/01\/neue-bohnen-zeitung-380\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:22","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:22","slug":"neue-bohnen-zeitung-380","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-380\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>                              <br \/>                              von                                                            <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0                &#8211;\u00a0 Juni 2004<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Erinnerungen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>                              Vor wenigen Wochen \u00fcberraschte mich in meiner Wohnung ein Anruf:                ein Klassentreffen stand wieder an, und diesmal unter einem                besonderen Stern. Das 20j\u00e4hrige Maturajubil\u00e4um sollte zelebriert                werden, und Margot, eine Schulkollegin, wollte wissen, ob ich                kommen k\u00f6nnte, wollte,\u0085 Klassentreffen waren \u00fcber viele Jahre ein                rotes Tuch f\u00fcr mich gewiesen, ich lie\u00df das heuer schon das eine                oder andere Mal in einer Geschichte anklingen, aber seit ich mich                vor ein paar Jahren aufgerafft hatte, den inneren Schweinehund                \u00fcberwunden hatte, war ich auch in der Lage gewesen, meine                Vorurteile abzubauen.<\/p>\n<p>                              Warum auch nicht! dachte ich mir. Wird sicher lustig. Albert hatte                spitzb\u00fcbisch den Kopf gesch\u00fcttelt, als ich ihm davon erz\u00e4hlt                hatte, und ohne mich ausreden zu lassen, gemeint, er w\u00fcrde mich da                sicher nicht begleiten, weil er sich fehl am Platz f\u00fchle. Ich                verstand das &#8211;\u00a0 was hatte er auch mit den Leuten gemein, die mit                mir die Schulbank gedr\u00fcckt hatten und alle miteinander schon recht                knapp unter Vierzig waren\u0085! Ich musste schmunzeln bei dem                Gedanken. W\u00e4hrend Albert auf meiner Couch lag und sich                interessiert den Michael-Douglas-Thriller frei nach Alfred                Hitchcock zu Gem\u00fcte f\u00fchrte, hatte ich im Schlafzimmer in einer                Schachtel zu kramen begonnen. Da war das Maturazeugnis, alles in                allem gar nicht so schlecht, daf\u00fcr, dass ich einmal knapp dran                gewesen war, aufzugeben.<\/p>\n<p>                              Mit teilweise heftigem Lachen musterte ich die Fotos:                Klassenaufnahmen, Schnappsch\u00fcsse von Wandertagen und Exkursionen.                Gott, wie hatte ich einmal ausgesehen! Mein ganzes Leben m\u00f6chte                ich nie wieder 17 oder 18 sein, das wusste ich jetzt mit                Gewissheit. Schlie\u00dflich hielt ich das Maturafoto in der Hand, ich                mit meiner ersten Dauerwelle und biederem Look \u0096 Gott sei Dank                hatte ich vor fast zw\u00f6lf Jahren doch meine Haare schneiden lassen                und von der 100%igen Verbesserung des Aussehens profitiere ich                heute noch. Ich bin nun mal nicht der Typ f\u00fcr eine L\u00f6wenm\u00e4hne, und                irgendwann hatte das sogar ich begriffen\u0085<\/p>\n<p>                              Vertr\u00e4umt blickte ich aus dem Fenster. Es war dunkel, aber das                bemerkte ich gar nicht. Das Fenster \u00f6ffnete sich n\u00e4mlich und                pl\u00f6tzlich war ich wieder die kleine, pummelige Vivienne,                irgendwann vor vielen Jahren, die an einem Junimorgen um 5:00 Uhr                fr\u00fch nach nerv\u00f6ser Nacht aufstand, um sich ins letzte Gefecht zu                werfen. Matura! Ich sah mir zu dabei, wie ich Z\u00e4hne putzte und                nach der Morgentoilette im Wohnzimmer eine Tasse Tee trank. Man                sollte es fast nicht glauben \u0096 kein Kaffee f\u00fcr Vivi an diesem                wichtigen Tag. Diese Sucht gesellte sich erst viel sp\u00e4ter in mein                Leben. Das Radio hatte ich eingeschaltet: Cyndie Lauper mit \u0084Girls                just want to have Fun\u0093 und die Dire Straits mit \u0084Far Away\u0093 liefen                im \u00d63-Wecker.<\/p>\n<p>                              An jenem Tag war es tr\u00fcb und grau drau\u00dfen.                Bisweilen regnete es, nichts desto Trotz wollten meine Eltern                ihren Entschluss das Schlafzimmer auszumalen auch durchf\u00fchren. Ein                eher verregneter Sommer, genauso wie heuer. F\u00fcr das gro\u00dfe Ereignis                hatte ich mir einen neuen Rock, neue Schuhe und eine neue Bluse                gekauft. Ich konnte mich genau erinnern und musste wieder                schmunzeln. Meine Schuhe hatten hohe St\u00f6ckel und als ich mich auf                den Weg zum Bahnhof machte, begannen sie schon nach wenigen                Schritten furchtbar zu dr\u00fccken. Als ich in den Zug einstieg, waren                meine Fersen bereits blutig. <i>Ruckedigu,                Blut ist am Schuh\u0085<\/i><\/p>\n<p>                              Ich biss die Z\u00e4hne zusammen und versuchte nicht daran zu denken,                wie sehr mich die Blasen schmerzten. Ich setze mich sp\u00e4ter in Linz                im Linienbus gleich nieder, als ich meinen Namen h\u00f6rte. \u0084Vivi! So                eine \u00dcberraschung!\u0093 Schicksalsgenosse Erich stand von weiter                hinten auf und kam her zu mir. Erich war f\u00fcr die Matura in einen                dunklen Anzug gekleidet und trug \u0096 f\u00fcr mich unverst\u00e4ndlich \u0096 statt                einer Krawatte ein Mascherl. Leicht irritiert fixierte ich nach\u00a0                der Begr\u00fc\u00dfung dieses Mascherl, traute mich aber nicht, etwas                anzumerken. Ob Sie es glauben oder nicht, liebe Leser, Vivienne                war einmal sehr sch\u00fcchtern. Erich reagierte selber, nachdem ihm                mein Blick nicht verborgen geblieben war. \u0084Wei\u00dft Vivi, ich hatte                schon eine Krawatte um, aber dann hab ich mir den Kaffee aufs Hemd                gesch\u00fcttet\u0085 und weil die Krawatte auch hin\u00fcber war, hab ich mich                dann ans Mascherl gehalten.\u0093<\/p>\n<p>                              Erich l\u00e4chelte verschmitzt und wechselte danach das Thema. Die                letzen Schritte vor der Schule kam uns schon Peppi entgegen, ein                gro\u00dfer bulliger Typ, Marke Otti Fischer in Jugendtagen. Eigentlich                hie\u00df Peppi ja Harald, aber Petra, eine Kollegin, hatte ihn, als er                zu unserer Klasse gesto\u00dfen war, immer Peppi genant, weil sie sich                seinen Namen nicht merken hatte k\u00f6nnen. Seither war Harald der                Peppi, daran lie\u00df sich nichts mehr \u00e4ndern. Wir maskierten unsere                Nervosit\u00e4t mit banalen Gespr\u00e4chsthemen und betraten schlie\u00dflich                gottergeben die Schule. Damals wurde das Geb\u00e4ude umgebaut, fast                \u00fcberall nur Baustelle und wir mussten einen unglaublichen Umweg                hinter uns bringen, bis wir in jenen Raum kamen, in dem wir uns                auf die m\u00fcndliche Matura vorbereiten konnten.<\/p>\n<p>                              Peter, genannt Ami, erz\u00e4hlte schon lautstark, welche                \u00dcberraschungen seine Eltern f\u00fcr ihn parat h\u00e4tten, wenn er die                \u0084Reifepr\u00fcfung\u0093 erst abgelegt hatte. Mir war schon lange schlecht                und als ich aufgerufen wurde um einen englischen Text                vorzubereiten, w\u00e4re ich gern davongelaufen. Aber kein Grund daf\u00fcr.                W\u00e4hrend ich Vokabel aus meinem Ged\u00e4chtnis klaubte, sang Mark                Knopfler weiter \u0084Far Away\u0093 in meinem Geh\u00f6rgang. Der Song ist zu                meinem Maturalied geworden, untrennbar damit verbunden, und f\u00fchrte                mich zu einem guten Start. Englisch lief also unerwartet gut.                Geschichte war ohnehin wegen eines m\u00f6glichen Durchfallens nie zur                Debatte gestanden, in Mathematik unterlief mir ein bl\u00f6der Fehler,                wie schon bei der schriftlichen Matura, ich war aber nie                gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>                              Ich wusste, ich hatte es geschafft, schon bevor uns Hemma, unser                Klassenvorstand, bekannt gab, dass wir alle die Matura bestanden                hatten. Alle bis auf Dutchie, den faulen Kerl, aber der auch nur,                weil er eine Zusatzpr\u00fcfung in Englisch gebraucht hatte, f\u00fcr die er                aber nicht lernen hatte wollen. Ich hatte mein Ziel also endlich                erreicht, und als ich das realisiert hatte, bemerkte ich wieder,                wie sehr meine Fersen schmerzten. Eine Weile sa\u00dfen wir noch                beisammen, euphorisch, und quasselten laut. Was waren wir doch gut                gewesen! Irgendwann l\u00f6ste ich mich von der Gruppe, die immer                kleiner geworden war. Ami war von seinen Eltern mit riesigem                Blumenstrau\u00df abgeholt worden, ich selber humpelte m\u00fchselig zur                Bushaltestelle. Es nieselte wieder leicht und der Himmel war                voller Wolken.<\/p>\n<p>               Am                Bahnhof suchte ich mir einen jener altmodischen M\u00fcnzautomaten, die                es heute gar nicht mehr gibt und w\u00e4hlte die Nummer meiner Eltern.                Mein Vater hob ab. \u0084Ich hab bestanden!\u0093 konnte ich meine Freunde                fast nicht verhehlen. \u0084Sch\u00f6n\u0093, antwortete mein Vater fast                emotionslos. \u0084Wir sind mit dem Schlafzimmer auch fast fertig. Wann                kommst du?\u0093 \u0084Kannst du mich abholen?\u0093 jammerte ich kleinlaut.                \u0084Meine Schuhe, ich bin ganz blutig an den Fersen!\u0093 \u0084Na, wir werden                sehen\u0093, lie\u00df sich mein Vater nicht aus der Ruhe bringen. \u0084Wann,                sagst du, kommt der Zug bei uns an?\u0093<\/p>\n<p>                              Mein Vater holte mich tats\u00e4chlich vom Bahnhof ab. Und au\u00dferdem                hatte er mir ein paar alte Schlapfen mitgebracht, damit ich meine                St\u00f6ckelschuhe gleich ausziehen konnte. Es begann immer mehr zu                regnen, und als wir daheim ankamen, war der Niederschlag in einen                Landregen \u00fcbergegangen, der fein aber best\u00e4ndig von oben kam. Im                ganzen Haus roch es nach frischer Farbe\u0085 Regen, Farbe, Erichs                Mascherl und die Dire Straits \u0096 meine ganz pers\u00f6nlichen                Erinnerungen an meine Matura. Ich beobachtetet mich, wie ich meine                Fersen mit Heftpflaster verklebte und wie mir meine Mutter das                Mittagessen hinstellte, als das Bild pl\u00f6tzlich tr\u00fcb wurde und das                Fenster zuging.<\/p>\n<p>                              Ich schreckte\u00a0 auf. Albert stand hinter mir und sein Blick zeigte                Neugierde. \u0084Sag, was machst du da?\u0093 Ich hob die H\u00e4nde mit den                Fotos. \u0084Schau, hab ich mir alles angesehen, eben jetzt.\u0093 Ali                konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. \u0084Lass das, deine                Kollegen siehst du ohnedies erst in ein paar Wochen.\u0093 Er drohte                mir spielerisch mit dem Zeigefinger und nahm mir die Bilder alle                auf einmal weg, um sie in die Schachtel zur\u00fcckzulegen. \u0084Aber ich                bin da, hier und jetzt und verlange vollste Aufmerksamkeit!\u0093 Ich                musste lachen, wie er mich resolut bei der Hand nahm und mich                wieder ins Wohnzimmer zog. Einen Moment gab ich mich noch einmal                der Erinnerung hin. Zwanzig Jahre her, und es war mir fast so, als                w\u00e4re es erst gestern gewesen, oder vor ein paar Wochen. Die Zeit                ist schon etwas Merkw\u00fcrdiges\u0085<\/p>\n<p>               <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com?subject=Leserbrief\">                                             Vivienne<\/a><\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; Juni 2004 Erinnerungen&hellip; Vor wenigen Wochen &uuml;berraschte mich in meiner Wohnung ein Anruf: ein Klassentreffen stand wieder &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-380\/#more-18499\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-18499","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-bunte-welt-von-vivienne","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18499","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18499"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18499\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32304,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18499\/revisions\/32304"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18499"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18499"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18499"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}