{"id":18504,"date":"2004-01-17T13:40:35","date_gmt":"2004-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2004\/01\/neue-bohnen-zeitung-385\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:22","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:22","slug":"neue-bohnen-zeitung-385","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-385\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>                              <br \/>                              von                                                            <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0                &#8211;\u00a0 Juni 2004<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Kalorien z\u00e4hlen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>                              Was f\u00fcr ein Tag! Ich h\u00e4tte fast verschlafen, weil ich beim                Fernsehen eingeschlafen war und dadurch vergessen, den Wecker zu                stellen. Somit war ich sp\u00e4t dran, au\u00dferdem regnete es schon                wieder. Als ich mich hektisch nach unten b\u00fcckte um die Schuhe                zuzubinden, h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich ein verd\u00e4chtiges Ger\u00e4usch und                meine Hose war auf einmal so angenehm weit. Geschockt begutachtet                ich, wie die Naht der Hose durch die schnelle Bewegung einfach                auseinander gegangen war. Himmel, ich welchem Film war ich da                eigentlich?<\/p>\n<p>               Es                kostete mich zwei Minuten, eine andere, ungeb\u00fcgelte\u00a0 Jeans vom                W\u00e4schetrockner zu greifen, mich vorsichtig hineinzuwursteln und                dann noch rasch in Ballerinas ohne irgendwelchen Schnick Schnack                zu schl\u00fcpfen. Dann hatte ich sogar noch daran gedacht, den                Regenschirm zu greifen\u0085 Im Zug \u0096 ich hatte ihn gerade noch                erwischt &#8211; atmete ich schwer und tief durch. Wurde ich schon                wieder zu dick? Oder war es nur an der ruckartigen Bewegung                gelegen, dass die Naht aufgegangen war?<\/p>\n<p>                              Ich f\u00fchlte mich schuldig, wie sich viele \u00dcbergewichtige schuldig                f\u00fchlen, weil sie zu viel essen, weil sie keinem Sch\u00f6nheitsideal                entsprechen. Als ich mich in der Arbeit mit einer Tasse Kaffee                tr\u00f6sten wollte, marschierte Babsi, eine Kollegin, mit einem                Blechkuchen in die Betriebsk\u00fcche. \u0084Leute, ich hab gestern so viel                f\u00fcr meine Lieben gemacht, da hab ich euch was mitgenommen! Greift                zu!\u0093 Mir wurde schlecht und ich schlich mit meinem H\u00e4ferl zu                meinem Schreibtisch. Hatten die alle wirklich nur essen im Kopf?                Der Kopf begann mir weh zu tun und ich f\u00fchlte mich total                demotiviert.<\/p>\n<p>               In                einer Pause holte ich mir ein Glas Wasser. Babsis Kuchen lachte                mich, verf\u00fchrerisch portioniert, an und roch herrlich nach Nuss.                Tess, eine andere Kollegin, las angestrengt in einem Buch und                w\u00e4rmte Nudeln mit Gem\u00fcse in der Microwelle. Als ich ihr neugierig                \u00fcber die Schulter blickte, erl\u00e4uterte sie kurz: \u0084Weightwatchers!                Ich hab in drei Wochen schon fast drei Kilo abgenommen!\u0093                Entgeistert blickte ich sie an, die Buchstaben verschwammen vor                meinem Auge. \u0084\u00dcbrigens, hast du schon Babsis Kuchen gekostet?                Herrlich!\u0093 Habt mich doch alle! dachte ich mir und verlie\u00df die                K\u00fcche ohne ein Wort. Dreht sich die Welt nur um Essen, Essen,                Essen?<\/p>\n<p>                              Nach der Arbeit bummelte ich durch die Landstra\u00dfe. Wundersch\u00f6ne                Mode, durchaus erschwinglich, aber f\u00fcr K\u00f6rper geschnitten, die                meinem so absolut nicht entsprachen. Wer schneidert schon f\u00fcr eine                Birne? Fast destruktiv zog es mich in das Modegesch\u00e4ft C&amp;A um mich                umzusehen, vielleicht konnte ich mit irgendeinem Kauf meinen Frust                abk\u00fchlen. Ich musste im \u00dcbrigen heute schon den ganzen Tag an                Richard denken, diesen Ex-Freund von mir, der mich immer                \u0084Dickerchen\u0093 genannt hatte. Was f\u00fcr eine geschmacklose \u00c4u\u00dferung!                Aber doch lang vorbei, warum zerbrach ich mir \u00fcber diesen                unsensiblen Mann \u00fcberhaupt noch den Kopf? Was z\u00e4hlte schon, was er                vor sieben oder acht Jahren einmal zu mir gesagt hatte?<\/p>\n<p>                              Mein Gott! Ich stand in der Umkleidekabine und probierte die                t\u00fcrkise Leinenbluse, die so apart geschnitten war. Ich sah                unm\u00f6glich aus, vor allem stand mir die Farbe \u00fcberhupt nicht zu                Gesicht. Au\u00dferdem betonte dieses Kleidungsst\u00fcck alle P\u00f6lsterchen,                die ich so gerne verbergen w\u00fcrde. Wenn ich es nur k\u00f6nnte! Ich muss                abnehmen, dachte ich mir, es kann so nicht weitergehen! Irgendwann                wird mir sogar Ali davonlaufen, weil er mich nur mehr durch\u0092s                Zimmer rollen sieht! Als ich zur Stra\u00dfenbahn ging, war ich wieder                ein paar Komplexe reicher. Wie sp\u00e4t? Gleich halb vier! Albert                w\u00fcrde wohl schon auf mich warten\u0085<\/p>\n<p>                              Ali empfing mich in der Tat schon an der T\u00fcr. \u0084Hallo, mein                Schatz!\u0093 So viel Elan erdr\u00fcckte mich fast genau so sehr wie seine                innige Umarmung, die ich fast wie eine Stahlklammer empfand.                Albert schien nichts zu bemerken. Er nahm mich an der Hand und                f\u00fchrte mich in die K\u00fcche. Auf dem Tisch lagerten die gr\u00f6\u00dften                lukullischen Spezialit\u00e4ten. Ali zeigte mir alles. \u0084Schau her,                Torte f\u00fcr den Nachtisch, Pizzateig, dazu Mozzarella, Salami, Mais,                Schinken,\u0085 wir machen uns alles selbst\u0085\u0093 Ich folgte seinen                Ausf\u00fchrungen v\u00f6llig verdattert. Der Hunger tobte in meinen                Eingeweiden, weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte.<\/p>\n<p>                              Warum ausgerechnet heute? Warum heute, wo ich mich bei jedem                Bissen wieder v\u00f6llig frustriert f\u00fchlte, weil ich glaubte, eine                Tonne zu wiegen? Albert hatte sich so eine M\u00fche gemacht, und ich                wusste genau, ich konnte ihm einfach nicht sagen, dass ich heute                nicht konnte\u0085 Ali beobachtete mich. Am liebsten h\u00e4tte ich geweint,                aus purem Selbstmitleid. Mein Freund nahm mich bei der Hand.                \u0084Bl\u00f6der Tag gewesen?\u0093 \u0084Bl\u00f6der Tag gewesen!\u0093 antwortete ich leise.                Dann sch\u00fctte ich mein Herz aus. Ali h\u00f6rte zu, ohne ein Wort, nur                ab und an schmunzelte er. Meine Hand hielt er noch immer.<\/p>\n<p>                              \u0084Wie kommst du eigentlich auf den Gedanken, ich k\u00f6nnte dich                verlassen? So wie dieser Richard? Was denkst du \u00fcberhaupt noch an                den Kerl?\u0093 Er streichelte meine Wange und k\u00fcsste mich. \u0084Du hast                die wundersch\u00f6nsten Augen, die ich je gesehen habe, und deine                Lippen sind erotischer als bei jeder anderen Frau, die ich kenne!\u0093                Das sind Worte die eine Frau braucht, speziell in solchen Krisen.                Wir kochten also zusammen, wir schlemmten zusammen und wir                schliefen gemeinsam auf der Couch bei irgendeinem uninteressanten                Film ein, Arm in Arm.<\/p>\n<p>                              Beim Fr\u00fchst\u00fcck am n\u00e4chsten Tag, brachte Ali das Gespr\u00e4ch noch                einmal auf meine Komplexe. \u0084Wei\u00dft du, Vivi, f\u00fcr mich musst du es                ja nicht tun, das wei\u00dft du, aber wenn du selber so drunter                leidest\u0085. Warum gehst du nicht zwei-, drei Mal die Woche in ein                Fitnesscenter? Na?\u0093 Ich sah Ali sprachlos an. Dann legte ich das                Semmerl hin und holte tief Luft. \u0084Ali, ich hasse Fitnesscenter,                jeder Narr l\u00e4uft heutzutage in Fitnesscenter um sich einem                Jugendwahn zu unterwerfen\u0085\u0093 Ali unterbrach mich. \u0084Es geht nicht um                den Jugendwahn, es geht um dich. Glaubst du, ich merke nicht, wie                ungl\u00fccklich du wegen deiner Figur bist? Sieh es bitte nicht als                Mittel zum Jugendwahn, sieh es einfach als Kur, als Medizin. Und                ich wei\u00df, dass es dir schon gut tut, wenn du Sachen kaufst, die                ein paar Nummern kleiner sind. Tu dir einfach was Gutes!\u0093<\/p>\n<p>                              Alis liebevolle Worte brachen meinen Widerstand, meine ganzen                Vorbehalte. \u0084Gut ich \u00fcberleg mir\u0092s! Wahrscheinlich sogar hast du                Recht. Wei\u00dft, was ich mich frage\u0085\u0093 Ich sah Ali mit einem warmen                L\u00e4cheln an. \u0084\u0085womit hab ich dich \u00fcberhaupt verdient?\u0093 Mein Freund                lachte laut auf und grinste schelmisch zur\u00fcck. \u0084Ich brauche dich                einfach\u0085, das ist der Grund, aber wenn du mich das noch mal                fragst, \u00fcberleg ich es mir vielleicht doch noch!\u0093 Ich zeigte Ali                die Zunge, und warf das Kissen nach ihm &#8211; er hatte schon ein                Talent eine romantische Situation v\u00f6llig zu veralbern!<\/p>\n<p>               <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com?subject=Leserbrief\">                                             Vivienne<\/a><\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; Juni 2004 Kalorien z&auml;hlen&hellip; Was f&uuml;r ein Tag! Ich h&auml;tte fast verschlafen, weil ich beim Fernsehen eingeschlafen &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-385\/#more-18504\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-18504","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-bunte-welt-von-vivienne","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18504"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18504\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32309,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18504\/revisions\/32309"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18504"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18504"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}