{"id":18539,"date":"2005-01-17T13:40:35","date_gmt":"2005-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2005\/01\/neue-bohnen-zeitung-400\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:23","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:23","slug":"neue-bohnen-zeitung-400","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-400\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p>               <strong><br \/>                              von                                                            <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0                &#8211;\u00a0 J\u00e4nner 2005<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Der Sandler<\/strong><\/p>\n<p>                              Verschiedenste Ereignisse k\u00f6nnen einen Mann aus dem Leben werfen,                aus dem geraden Weg, der ihm vorgezeichnet scheint. Jobverlust,                Scheidung, ein Schicksalsschlag wie der Verlust eines geliebten                Menschen \u0096 die Liste w\u00fcrde wohl endlos sein. Auch bei Fritz                Gerlinger war es nicht anders. Gerlinger war unser                bezirksbekannter Sandler, woher er genau kam, wusste niemand mehr                so genau, aber vor mehr als zwanzig Jahren hatte er mit seiner                Lebensgef\u00e4hrtin weiter unten bei uns im Dorf gewohnt. Elke, seine                Freundin, war eine magere, kleine, bemitleidenswerte Person weil                geistig zur\u00fcckgeblieben, und die Leute hatten ihr grausam den                Beinamen \u0084sch\u00f6ne Elke\u0093 verpasst.<\/p>\n<p>                              Gerlinger vermietete sie in F\u00e4llen von akutem Geldmangel gern an                seine Trinkbr\u00fcder, die sie derb zu Sex zwangen, aber was tat sie                nicht alles f\u00fcr ihren Fritz! Als ich so ein Teeenager war,                verachtete ich diesen Mann, der M\u00fclltonnen nach Essbarem wie nach                brauchbaren Dingen durchw\u00fchlte, und das auch oft am helllichten                Tag. Unrasiert, schmutzig und verwahrlost wie er aussah, fehlte                mir jedes Mitgef\u00fchl mit ihm. Er h\u00e4tte doch nur arbeiten gehen                brauchen! Aber das tat er nur gelegenheitshalber, etwa bei der                M\u00fcllabfuhr im Bezirk, am liebsten reparierte er schwarz, also                unter der Hand, Mopeds, Fahrr\u00e4der und bisweilen auch Autos. Wer                machte sich schon Gedanken dar\u00fcber, dass er einmal ein t\u00fcchtiger                Mechaniker gewesen war!<\/p>\n<p>                              Wer gar dar\u00fcber, warum er \u00fcberhaupt \u0084abgest\u00fcrzt\u0093 war \u0096 ein                Trinker, der, wie es hinter der Hand immer wieder hie\u00df, bisweilen                auch vor kleinen Diebst\u00e4hlen nicht zur\u00fcckschreckte. Anzeigen gab                es selten, es brachte ja auch wenig, und es schien den Leuten in                der Siedlung einfach zielf\u00fchrender, die T\u00fcren abzusperren und                nichts Wichtiges \u00fcber Nacht drau\u00dfen im Garten stehen zu lassen\u0085                Hat man ihm je geholfen oder zu helfen versucht? Ich wei\u00df es                nicht, es war mir damals auch egal, wenn ich ehrlich bin. Mich                ekelte vor einem Mann, der sich zum Zuh\u00e4lter seiner Freundin, der                armen Elke, degradierte. Erst Jahre sp\u00e4ter, ich wohnte l\u00e4ngst in                Linz, habe ich einmal von meinem Vater die wahre Geschichte von                Fitz Gerlinger erfahren, aber auch wieder vergessen, bis ich vor                einiger Zeit einmal mit meinem Bruder Claudio telefonierte.<\/p>\n<p>                              Claudio kommt durch seinen Job im Vertrieb einer gro\u00dfen                Tageszeitung viel herum, und wir plauderten im Grunde nur wegen                der Daviscupauslosung der Herrn, als Claudio in einem Nebensatz                erw\u00e4hnte: \u0084Du, der Gerlinger Fritz ist tot!\u0093 Gerlinger wer? Im                ersten Moment musste ich nachdenken\u0085 \u0084Na, der Sandler! Wei\u00dft                nimmer?\u0093 Claudio am\u00fcsierte sich \u00fcber mich und mein \u0084unfehlbares                Ged\u00e4chtnis\u0093. Richtig. \u0084Der war doch noch gar nicht so alt? Was ist                passiert?\u0093 Claudio, eine Sportskanone sondergleichen, lie\u00df                tats\u00e4chlich f\u00fcr ein paar Momente sein Lieblingsthema Tennis links                liegen, und bequemte sich zu einer Antwort. \u0084An einer                Gehirnblutung. Er ist im Suff gest\u00fcrzt\u0085\u0093 \u0084Was?\u0093 Nicht dass mich                der Tod dieses Sandlers sehr \u00fcberraschte und schon gar nicht die                Art und Weise, aber da fehlte mir doch Fakten. \u0084Liegen geblieben                und nicht mehr aufgestanden? Bei dem Regen seit einer Woche?\u0093               <\/p>\n<p>                              \u0084Nein!\u0093 widersprach Claudio etwas ungehalten, weil ihn das Thema                nicht wirklich interessierte. F\u00fcr ihn gab es schlie\u00dflich nur                eines, Sport, Sport, Sport! \u0084Ich wei\u00df nicht, ob du wei\u00dft, dass sie                ihn vor einigen Jahren in die Bezirkshauptstadt verfrachtet haben,                wo er in einer Art Wohnheim ein Zimmer hatte. Die Elke haben sie                ihm \u00fcbrigens weggenommen, die lebt jetzt ganz woanders\u0085 und                neulich Abend muss er gest\u00fcrzt sein, als er gegen Morgen von einer                Sauftour heimkam. In der Fr\u00fch hat er gleich beim Arzt geklingelt                und geschrieen, er soll ihm helfen, weil er solche Kopfschmerzen                habe. Stell dir das vor!\u0093 Claudio machte eine Pause. \u0093\u0085gestunken                hat er nach Schnaps, dreckig war er und ganz nass vom Regen, reden                hat er fast nicht k\u00f6nnen. Der Arzt hat ihm gesagt, er soll zuerst                seinen Rausch ausschlafen und hat ihn dann rausgeworfen.\u0093<\/p>\n<p>                              \u0084Und?\u0093 Dass Claudio aber auch nie zum Punkt kommen konnte! Claudio                suchte nach Worten\u0085 \u0084Naja, er muss dann doch ins Wohnheim gegangen                sein und sich niedergelegt haben, irgendwann gegen 8:00 Uhr fr\u00fch.                Als er am Abend noch immer nicht aus seinem Zimmer gekommen ist,                haben ein paar Kumpane von ihm nachgesehen. Da war er schon eine                Weile tot. Eine Obduktion wurde gemacht &#8211; der Gerlinger hatte                anscheinend eine Gehirnblutung nach dem Sturz.\u0093 Ich war baff. \u0084Der                Arzt hat ihn einfach weggeschickt?\u0093 \u0084Was h\u00e4tte er tun sollen?\u0093                widersprach Claudio. \u0084Der Kerl war betrunken, und in den Kopf vom                Gerlinger konnte er nicht reinsehen\u0085\u0093 Ich hatte mittlerweile keine                Lust mehr \u00fcber Tennis zu reden. Nein, nicht mehr wirklich.<\/p>\n<p>                              Fritz Gerlinger war irgendwann vor langer Zeit verheiratet                gewesen, und hatte zwei oder drei Kinder gehabt. Er arbeitete in                einer kleinen Werkstatt im Bezirk und das geschickt und                verl\u00e4sslich. Sein Dilemma hatte mit der Scheidung begonnen, die                Alimente f\u00fcr Frau und Kinder lie\u00dfen ihm nur mehr wenig Geld zum                Leben. Irgendwer, so die Erz\u00e4hlung meines Vaters, riet ihm dann,                mit der Arbeit aufzuh\u00f6ren, weil er ohnedies nur mehr f\u00fcr \u0084die                Gschroppen\u0093 arbeiten w\u00fcrde\u0085 Ein schlechter Rat. Statt wenigstens                zu versuchen, sich mit seiner Ex-Frau zu arrangieren oder                finanzielle Unterst\u00fctzung zu suchen, war er den vermeintlich                bequemen Weg gegangen. Sa\u00df in der Freizeit nur mehr im Wirtshaus                und sank in ein Milieu ab, in dem er jedes Gef\u00fchl daf\u00fcr verlor,                wie er da wieder rauskommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>                              Stumpfte ab, verlor alle Skrupel, wie man am Beispiel seiner                Freundin sehen konnte. Und begann immer mehr zu trinken. Kein                Playdoyer f\u00fcr einen Sandler, ein Playdoyer f\u00fcr einen Menschen, der                nicht die Kraft hatte, seinen Weg noch mal zu \u00e4ndern. Der sich                treiben lie\u00df. Die eine oder andere Form der Hilfe wird man ihm                wohl angeboten haben, und es stimmt traurig, dass er sie letztlich                nicht n\u00fctzte oder verkannte. Schlimmer ist, dass man einen                Menschen verachtete, der gestrauchelt war und der nicht mehr                aufstehen konnte. Und seine Familie? Die wird sich wohl nicht um                ihn geschert haben. Man hat ihn verachtet oder sich gesch\u00e4mt f\u00fcr                ihn. Ich wei\u00df nicht, ob man ihn noch retten h\u00e4tte k\u00f6nnen nach                diesem Sturz, aber probiert hat es auch niemand\u0085 Wie h\u00e4tte der                Arzt wohl bei einem angesehenen B\u00fcrger reagiert?<\/p>\n<p>               <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com?subject=Leserbrief\">                                             Vivienne<\/a><\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; J&auml;nner 2005 Der Sandler Verschiedenste Ereignisse k&ouml;nnen einen Mann aus dem Leben werfen, aus dem geraden Weg, &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-400\/#more-18539\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-18539","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-bunte-welt-von-vivienne","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18539","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18539"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18539\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32324,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18539\/revisions\/32324"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18539"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18539"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18539"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}