{"id":18616,"date":"2005-01-17T13:40:35","date_gmt":"2005-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2005\/01\/neue-bohnen-zeitung-410\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:23","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:23","slug":"neue-bohnen-zeitung-410","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-410\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p>               <strong><br \/>                              von                                                            <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0                &#8211;\u00a0 Februar 2005<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>War                das Freundschaft?<\/strong><\/p>\n<p>                              Alicia! Ich konnte es kaum fassen! Sie sa\u00df an jenem Ecktisch im                Saal, rauchte eine Zigarette und war erschreckend blass. Auch ihre                wundersch\u00f6nen nilgr\u00fcnen Augen wirkten selbst auf die Entfernung                schon sehr glasig. Ich stie\u00df Albert vorsichtig an. Ohne ein Wort                folgte mein Freund mit den Augen meinem Zeigefinger. Dann warf er                mir einen am\u00fcsierten Seitenblick zu. Alicia trank inzwischen aus                einem Glas Rotwein und ihr grellrot geschminkter Mund wirkte im                blassen Gesicht wie eine offene Wunde. Nein, wir h\u00e4tten sicher                nicht erwartet, Alicia hier wieder zu treffen, und die beiden                Typen an ihrem Tisch geh\u00f6rten sicher wieder jener Gruppe M\u00e4nner                an, die an ihrer Bettkante schon niedergesunken waren\u0085<\/p>\n<p>                              Wie es wohl ihrem kleinen Sohn ging? Ganz pl\u00f6tzlich war diese                Frage da, ich brachte sie nicht mehr aus dem Kopf, denn die                Erkl\u00e4rung, eine ihrer Schwestern w\u00fcrde auf den Kleinen schauen,                schien mir nicht sehr realistisch. Die halbe Zeit war Alicia mit                ihren beiden Schwestern zerstritten gewesen, und obwohl es fast                unlogisch schien: ich machte mir Gedanken, wie es dem kleinen                Andre ging, diesem entz\u00fcckenden jungen Mann von vier Jahren, der                die Augen seiner Mutter geerbt hatte. Albert holte mich wieder aus                meinen Gedanken. \u0084Merkw\u00fcrdiger Zufall, was? Aber ich bin mir                sicher: sie ist heute schon wieder so betrunken, sie w\u00fcrde uns gar                nicht erkennen\u0085\u0093<\/p>\n<p>                              Ich nickte leicht abwesend. \u0084Kann leicht sein. Ich mach mir Sorgen                um sie. Sie sieht nicht gut aus\u0085\u0093 Albert legte den Arm um mich.                \u0084\u0085sie hat immer schon zu viel getrunken, erinnerst du dich? Es                sollte mich nicht wundern, wenn ihr kleiner Andre wieder bei                seinem Vater ist!\u0093 Ich musste unwillk\u00fcrlich schmunzeln\u0085 Ali hatte                einen \u00e4hnlichen Gedankengang gehabt wie ich. Langsam begann ich                mich wieder zu erinnern\u0085 Als Ali und ich vor einem halben Jahr in                die gr\u00f6\u00dfere Wohnung gezogen waren, hatte sie die Wohnung neben uns                bewohnt. Alicia, langes, dunkelbraunes Haar, Ende Zwanzig und                bildh\u00fcbsch. Und sehr gastfreundlich, denn schon am zweiten Tag                hatte sie uns zu einer Willkommensparty eingeladen, einer Feier,                bei der es feuchtfr\u00f6hlich zugegangen war und am Ende sowohl Ali                als auch ich mit einem ziemlichen Schwips heimgegangen waren.<\/p>\n<p>                              Alicia war echt nett, aber sie steuerte pfeilgerade auf eine                ernste Abh\u00e4ngigkeit von Alkohol hin, das war uns immer schon klar                gewesen. Und ich vermutete damals schon den Schl\u00fcssel dazu in                ihrer Kindheit \u0096 sie stammte, wie wir andeutungsweise wussten, aus                zerr\u00fctteten Familienverh\u00e4ltnissen. Ob sie selber jemals geborgen                gewesen war, wei\u00df ich nicht, aber sie versuchte zumindest ihrem                kleinen Buben ein famili\u00e4res Heim zu geben. Und trotzdem kamen mir                immer wieder Zweifel daran, wenn ich realisierte, wie der Bub                wechselnde M\u00e4nnerbekanntschaften und ihren unsteten Lebenswandel                mitbekam. Ali und ich passten bisweilen auf den Buben auf, der                lebhaft und sehr interessiert von der Welt Notiz nahm. Sein Vater                hatte sich schon lange von Alicia wieder getrennt, und so nach und                nach begriffen wir auch, warum.<\/p>\n<p>                              Alicia hatte merkw\u00fcrdige Vorstellungen von Liebe und von                Freundschaft. Nicht allein deshalb, weil sie einmal de facto neben                mir Albert auf der Couch verf\u00fchren wollte \u0096 und ihr damaliger                Freund w\u00e4re deswegen fast explodiert. Auch ihre Betrunkenheit                entschuldigte diese Entgleisung f\u00fcr mich nicht, wenngleich sich                Ali unmissverst\u00e4ndlich verhalten und ihr ihre Grenzen gezeigt                hatte. Ein paar Wochen sp\u00e4ter, wir hatten uns inzwischen wieder                vers\u00f6hnt, zeigte uns Alicia auf dem PC Fotos aus ihrem Fundus.                Darunter waren schlie\u00dflich auch Nacktfotos von Irmi, einer ihrer                besten Freundinnen. Irmi war noch etwas dicker als ich und hatte                die Fotos f\u00fcr ihren Freund Hubsi machen lassen, zu dessen                bevorstehenden Geburtstag.<\/p>\n<p>                              Einen professionellen Fotographen hatte sich Irmi nicht leisten                k\u00f6nnen, aber der h\u00e4tte sicher nicht gemacht, was Alicia tat: sie                machte sich lauthals \u00fcber Irmis dicke Schenkel und die breiten                Schultern lustig. Albert und ich hatten uns bei dieser Gelegenheit                irritiert angeblickt und waren schlie\u00dflich gegangen. Ich                bezweifelte im Grunde nicht, dass Alicia Irmi aufrichtig zugetan                war, aber sie hatte das gro\u00dfe Bed\u00fcrfnis, Irmi l\u00e4cherlich zu machen                oder zu verspotten \u0096 um ihr eigenes Minderwertigkeitsgef\u00fchl etwas                zu mildern. Vielleicht war auch die einmalige Absicht, Ali neben                mir zu verf\u00fchren, aus dieser Motivation entstanden. Immer wieder                kam mir der Gedanke, dass Alicia echte Hilfe brauchte. Jemand, der                sie aus den Sauforgien holte und ihre geknechtete Seele wieder                aufrichtete. Hilfe, die sie jedenfalls nicht bei ihren                unterschiedlichen Bettgef\u00e4hrten fand \u0096 den die suchten gro\u00dfteils                nur einen sch\u00f6nen K\u00f6rper zum V\u00f6geln.<\/p>\n<p>                              Oder sie vergraulte sie selbst. Indem sie Burschen, die sie                wirklich gern hatten, H\u00f6rner aufsetzte, und das offen ohne jeden                Genierer. Es war schwer festzustellen, was Alicia wirklich wollte,                aber offenbar hasste sie sich so sehr, dass sie jedes kleine Gl\u00fcck                selbst zerst\u00f6rte \u0096 wie aus einem inneren Zwang heraus. Oder                andererseits zu erzwingen versuchte, was einfach nicht m\u00f6glich                war. Etwa als Jules, ein schwuler Kunststudent aus der Provence,                einige Zeit bei ihr lebte. Er gestaltete wundersch\u00f6ne Aktbilder                von ihr, aber auch er verlie\u00df sie bald wieder. Alicia war so                vermessen gewesen anzunehmen, sie k\u00f6nne ihn \u0084umpolen\u0093, wie sie mir                gegen\u00fcber formulierte. Jules wurde das zu viel \u0096 sein ganzes Herz                geh\u00f6rte Alicia, aber er liebte nun mal M\u00e4nner!<\/p>\n<p>                              Noch im alten Jahr musste Alicia ihre Wohnung neben uns verlassen.                Einige Monate Mietr\u00fcckstand hatten sie zun\u00e4chst v\u00f6llig kalt                gelassen. Erst als die Delogierung bereits bevor stand, klapperte                sie die Nachbarn um Unterst\u00fctzung ab. Ich war im Zweifel gewesen,                was ich tun sollte, aber Ali sprach ein Machtwort. \u0084Du wei\u00dft                genau, dass das ein Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein ist. Wenn du ihr                das Geld gibst, steht sie in einem Monat wieder da \u0096 ein Fass ohne                Boden.\u0093 Alicias Blick tat mir weh, als ich ihr unsere Antwort                mitteilte. Hass schwang darin, aber auch gro\u00dfe Entt\u00e4uschung, und                sie schlug ohne ein Wort die T\u00fcr zu\u0085 Langsam kehrte ich mit den                Gedanken wieder in das Lokal zur\u00fcck. Alicia knutschte mittlerweile                mit einem der beiden jungen M\u00e4nner. Der Anblick tat mir wieder                weh. W\u00fcrde sie je ihr Leben in den Griff bekommen?<\/p>\n<p>               <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com?subject=Leserbrief\">                                             Vivienne<\/a><\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; Februar 2005 War das Freundschaft? Alicia! Ich konnte es kaum fassen! 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