{"id":18708,"date":"2004-01-17T13:40:35","date_gmt":"2004-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2004\/01\/neue-bohnen-zeitung-450\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:24","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:24","slug":"neue-bohnen-zeitung-450","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-450\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>                              <br \/>                              von                                                            <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0                &#8211;\u00a0 Oktober 2004<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Ein Farbklecks im Leben<\/strong><\/p>\n<p>               Sarah konnte sich nur schwer auf                ihre Arbeit konzentrieren.<br \/>               Der Tag schlich dahin.<br \/>               Und der Stapel an Akten vor ihrer Nase wurde nicht weniger.<br \/>               Ganz im Gegenteil.<br \/>               Auf ihre Kollegen wirkte sie fahrig.<br \/>               Und Frau Schmidt w\u00e4re beinahe an sie geraten, weil sie eine                abwesende \u00c4u\u00dferung Sarahs zuerst v\u00f6llig missinterpretiert hatte.<br \/>               Aber selbst das war Sarah heute mehr als nur egal.<br \/>               Wenn die Zeit nur schneller vergangen w\u00e4re!<br \/>               Aber je ungeduldiger sie wurde, umso tr\u00e4ger kroch der                Stundenzeiger vorw\u00e4rts.<br \/>               So schien es Sarah zumindest heute.<br \/>               Und als die Uhr schlie\u00dflich doch Dienstschluss signalisierte,                konnte sie es kaum fassen.<br \/>               Kein Anruf vom Chef, dass sie l\u00e4nger bleiben m\u00fcsste.<br \/>               In einer Minute r\u00e4umte sie den Schreibtisch zusammen.<br \/>               Langte nach ihrer Jacke und der Handtasche.<br \/>               Wechselte die Hausschuhe gegen die eleganten Stiefletten und zog                die Magnetkarte durch den Schlitz beim Ausgang.<br \/>               Sie war frei.<br \/>               Frei f\u00fcr diesen Abend!<br \/>               Sie konnte es kaum fassen!<br \/>               Wie ein Teenager freute sie sich an diesem Moment.<br \/>               Ihre Augen strahlten.<br \/>               Dass ein paar Kollegen sie etwas irritiert beobachteten, fiel ihr                gar nicht auf.<br \/>               F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter sa\u00df sie im Bus in\u00a0 Richtung Innenstadt.<\/p>\n<p>               Sarah ordnete ihre Gedanken.<br \/>               Wie lange war sie jetzt mit Dietmar beisammen?<br \/>               Bald neun Jahre.<br \/>               Eine gro\u00dfe Leidenschaft hatte ihre Beziehung zu ihm ohnedies nie                ausgezeichnet.<br \/>               Aber sie war damals auch schon fast auf Mitte zwanzig zugegangen.<br \/>               Auf wen h\u00e4tte sie noch gewartet?<br \/>               Eine beneidenswerte Sch\u00f6nheit war sie auch nie gewesen.<br \/>               Eher eine von der stillen Sorte, die im Geheimen lieben und                leiden.<br \/>               Und als Dietmar angefangen hatte mit ihr zu gehen, hatte sie nicht                gez\u00f6gert.<br \/>               Liebe?<br \/>               Keine Ahnung.<br \/>               Schwer zu sagen.<br \/>               Er war einfach mit ihr ausgegangen.<br \/>               Hatte ihr Blumen geschenkt.<br \/>               Und schlie\u00dflich mit ihr geschlafen.<br \/>               Nichts Aufregendes.<br \/>               Eine gemeinsame Wohnung, die sie beide bezahlten.<br \/>               Ein gemeinsames Auto, das selbstverst\u00e4ndlich nur Dietmar benutzte.<br \/>               Aber was soll\u0092s!<br \/>               Schlimmer schon die sexuellen Pflicht\u00fcbungen die mit sch\u00f6ner                Regelm\u00e4\u00dfigkeit zweimal in der Woche vor dem Schlafengehen                angesetzt waren.<br \/>               Dietmar hatte sich nie besonders angestrengt was seinen                Erfindungsgeist in der Hinsicht betraf.<br \/>               Nach knapp einer Viertelstunde war die Vorstellung immer beendet.<br \/>               Als h\u00e4tte er eine Uhr verschluckt.<br \/>               Sarah hatte stets den Wecker im Visier, wenn Dietmar in                Reitposition ging.<br \/>               Sie sagte wenig.<br \/>               Was sollte man auch von den sexuellen Gewohnheiten eines                Buchalters noch erwarten?<br \/>               Dietmar schlief danach immer gleich ein.<br \/>               Keine Zeit f\u00fcr Z\u00e4rtlichkeiten.<br \/>               Sein Schnarchen nervte Sarah fast genauso viel.<br \/>               Wie die gleichg\u00fcltige K\u00e4lte, mit der er ihren K\u00f6rper stets zur                Befriedigung nutzte.<br \/>               Anders konnte man es nicht vergleichen\u0085<\/p>\n<p>               Sarah blickte versonnen aus dem                Busfenster.<br \/>               Die warme Aprilsonne tat ihr gut.<br \/>               Ihrem Gesicht.<br \/>               Ihrer Seele.<br \/>               Sie l\u00e4chelte.<br \/>               Anders als sonst.<br \/>               Vor zwei Wochen hatte sie eine Rechnung an einen Kunden geschickt.<br \/>               Und wie \u00fcblich unterschrieben und weggefaxt.<br \/>               Kurz danach eine Mail im Posteingang.<br \/>               Von Josef.<br \/>               Josef Grubhofer.<br \/>               Nicht nur der neue Abteilungsleiter des Kunden.<br \/>               Sondern auch eine Schulkollege von Sarah.<br \/>               Sarahs gro\u00dfe Liebe aus der Handelsschule!<br \/>               Und Josef hatte sich auch an sie erinnert.<br \/>               Und nachgefragt, ob sie es w\u00e4re.<br \/>               Schon am folgenden Abend hatten sie lange telefoniert.<br \/>               Dietmar war w\u00e4hrenddessen mit Freunden unterwegs gewesen.<br \/>               Er fehlte ihr gar nicht.<br \/>               Und zwei Tage sp\u00e4ter traf sie sich das erste Mal wieder mit Josef.<br \/>               In einem Bierlokal im Zentrum.<br \/>               Dietmar hatte nicht einmal gefragt, warum sie an dem Tag sp\u00e4ter                heimkommen w\u00fcrde.<br \/>               So selbstverst\u00e4ndlich war sie ihm geworden!<br \/>               Sarah ballte die F\u00e4uste in der Erinnerung.<br \/>               Aber der Abend mit Josef entsch\u00e4digte sie f\u00fcr viel.<br \/>               F\u00fcr sehr viel.<\/p>\n<p>               Sarah schloss die Augen.<br \/>               Sie war beschwipst gewesen an jenem Abend.<br \/>               Wie seit der Schulzeit nicht mehr.<br \/>               Josef verhielt sich unglaublich nett und aufmerksam.<br \/>               Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, die Dietmar gar nicht kannte.<br \/><i>               Predige einem Blinden die Farbe                gr\u00fcn!<br \/><\/i>               Gegen Mitternacht hatte er sie dann                heimgebracht.<br \/>               Dietmar war l\u00e4ngst eingeschlafen gewesen.<br \/>               Und hatte sich am n\u00e4chsten Tag nicht einmal erkundigt, wo sie                geblieben war.<br \/>               Aber Sarah hatte sich an jede Minute erinnert.<br \/>               Vor allem, wie ihr Josef gestanden hatte, dass er auch immer in                sie verliebt gewesen war.<br \/>               Genau wie sie umgekehrt!<br \/>               Was f\u00fcr eine Trag\u00f6die!<br \/>               Nie dar\u00fcber gesprochen.<br \/>               Und beide hatten sich doch gegenseitig angehimmelt!<br \/>               Egal!<br \/>               Es z\u00e4hlte nur das heute!<br \/>               Jetzt w\u00fcrden sie bald beisammen sein!<br \/>               Sie sp\u00fcrte es mit jeder Faser!<br \/>               Und f\u00fcr diesen kommenden Abend w\u00fcrde sie ein Jahr ihres Lebens                opfern!<br \/>               Bereitwillig.<br \/>               Wenn er nur den Verlauf nehmen w\u00fcrde, den sie sich w\u00fcnschte\u0085<br \/>               Erwartungsfroh trippelte sie die zwei Stufen aus dem Bus und                wandte sich zu dem Lokal ganz links.<\/p>\n<p>               Dietmar st\u00f6hnte am H\u00f6hepunkt laut                auf.<br \/>               Verdrehte die Augen.<br \/>               Dann sackte er zusammen.<br \/>               Drehte sich zur Seite und begann gleich darauf zu schnarchen.<br \/>               Sarah zuckte die Achseln.<br \/>               Schob das Nachthemd wieder nach unten und deckte sich zu.<br \/>               In resignativer Ironie warf sie noch einmal einen Blick auf die                Uhr.<br \/>               Zw\u00f6lf Minuten heute.<br \/>               Dietmar hatte es eilig gehabt zu kommen\u0085<br \/>               Was machte ihr dieses l\u00e4cherliche, gleichf\u00f6rmige Liebesleben schon                im Vergleich zu dem Treffen neulich mit Josef aus!<br \/>               Josef.<br \/>               Nett und aufmerksam wie immer.<br \/>               Ein liebensw\u00fcrdiger Gespr\u00e4chspartner.<br \/>               Und er zahlte auch beider Rechnung.<br \/>               Ganz wohlerzogener Gentleman.<br \/>               Doch das hatte Sarah schon gar nicht mehr registriert.<br \/>               Als ihr Josef n\u00e4mlich nach dem Dessert die Fotos von seiner Frau                und dem Kind gezeigt hatte, war die Seifenblase geplatzt.<br \/>               Und Sarah war wieder aufgewacht.<br \/>               Sie war nur eine nette Erinnerung in seinem Leben gewesen.<br \/>               Eine Erinnerung, die er gerne aufgefrischt hatte.<br \/>               Aber nicht mehr.<br \/>               Vielleicht war er tats\u00e4chlich vor 15 Jahren in sie verliebt                gewesen.<br \/>               Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr.<br \/>               Keine Rede von Schicksal, dass sie beide nun doch zusammenbringen                w\u00fcrde.<br \/>               Sarah seufzte laut auf.<br \/>               Dietmar neben ihr grunzte im Schlaf.<br \/>               Josef hatte kurz etwas Farbe in ihr Leben gebracht.<br \/>               Aber auch nicht mehr\u0085<\/p>\n<p>               <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com?subject=Leserbrief\">                                             Vivienne<\/a><\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; Oktober 2004 Ein Farbklecks im Leben Sarah konnte sich nur schwer auf ihre Arbeit konzentrieren. Der Tag &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Neue Bohnen Zeitung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-450\/#more-18708\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Neue Bohnen Zeitung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-18708","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aus-dem-hinterhof-der-seele","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18708"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18708\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32389,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18708\/revisions\/32389"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}