{"id":18968,"date":"2005-01-17T13:40:35","date_gmt":"2005-01-17T13:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/2005\/01\/neue-bohnen-zeitung-635\/"},"modified":"2022-10-03T16:24:26","modified_gmt":"2022-10-03T14:24:26","slug":"neue-bohnen-zeitung-635","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/neue-bohnen-zeitung-635\/","title":{"rendered":"Neue Bohnen Zeitung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>                              <br \/>                              von                                                            <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com\">               Vivienne<\/a>\u00a0                &#8211;\u00a0 Februar 2005<\/strong><\/p>\n<hr\/>\n<p><strong>                              <br \/>Die Ballade vom Engel auf der                Durchreise<\/p>\n<p><\/strong>               Engel 1717 war auf der Durchreise.<br \/>               Er hatte auch einen richtigen Namen.<br \/>               Aber Gott nannte ihn immer 1717.<br \/>               Wenn er ihn zu sich rief.<br \/>               Zahlen konnte der sich n\u00e4mlich leichter merken.<br \/>               Als ein paar tausend Namen\u0085<br \/>               Und nun war 1717 auf der Durchreise.<br \/>               Er sollte eigentlich ins Heilige Land.<br \/>               Ins vormals Heilige Land.<br \/>               Einen Auftrag erf\u00fcllen.<br \/>               Wie viele seiner Kollegen.<br \/>               Auf aller Welt.<br \/>               Und im ganzen Universum.<br \/>               Zu allen Zeiten.<br \/>               1717 hatte schon so manchen Auftrag erf\u00fcllt.<br \/>               Die meisten davon zur Zufriedenheit von Gottvater.<br \/>               Aber nun hatte er ein Problem.<br \/>               Er hatte eine Zerrung in einem seiner Fl\u00fcgel.<br \/>               Und die tat weh.<br \/>               So \u00a0musste er landen.<br \/>               Er besah sich die Stelle an seinem rechten Fl\u00fcgel.<br \/>               Nichts Schlimmes.<br \/>               Aber er w\u00fcrde ein paar Tage hier verweilen m\u00fcssen.<br \/>               Damit die Zerrung sich bessern konnte.<br \/>               Also musste er sich mit dem Himmel in Verbindung setzen.<br \/>               Dass er sich bei seinem Auftrag versp\u00e4ten w\u00fcrde.<br \/>               Keine Tragik.<br \/>               Was waren schon ein paar\u00a0 Tage?<br \/>               Seit den vielen Millionen Jahren?<br \/>               Seit dem Anbeginn von Raum und Zeit?<\/p>\n<p>               Er setzte sich auf eine Bank im                Park.<br \/>               Unsichtbar.<br \/>               So fiel er am wenigsten auf.<br \/>               Und er f\u00fchlte sich wohl dort.<br \/>               Bl\u00fchende B\u00e4ume.<br \/>               Spielende Kinder.<br \/>               Was konnte man mehr verlangen?<br \/>               Aber was war das?<br \/>               1717 blickte sich um.<br \/>               Dort schluchzte eine Frau.<br \/>               Hemmungslos.<br \/>               Sie stand unter einem alten Baum.<br \/>               Ihr K\u00f6rper zitterte.<br \/>               1717 \u00fcberlegte.<br \/>               Sollte er helfen?<br \/>               Im Grunde war er freigestellt im Moment.<br \/>               Aber er kannte sich selbst.<br \/>               Er wollte der Frau helfen.<br \/>               Sonst lie\u00df es ihm keine Ruhe.<br \/>               Also stand er auf.<br \/>               Und binnen einer Sekunde nahm er menschliche Gestalt an.<br \/>               Das ging ganz leicht.<br \/>               Dann ging er auf die Frau zu.<br \/><i>               Kann ich Ihnen helfen?<br \/><\/i>               Sie sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>               Konnte sich kaum beruhigen.<br \/>               Schlie\u00dflich reichte er ihr ein Taschentuch.<br \/>               Mehr fiel ihm nicht ein.<br \/>               Die Frau schn\u00e4uzte sich.<br \/>               Trocknete ihre Tr\u00e4nen.<br \/>               Und dankte ihm schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>               Eigentlich h\u00e4tte 1717 jetzt                weitergehen k\u00f6nnen.<br \/>               Aber er blieb trotzdem bei der Frau stehen.<br \/>               Er wusste nicht genau, warum.<br \/>               Und schlie\u00dflich erz\u00e4hlte sie ihm von ihrem Kummer.<br \/>               Sie sei verliebt in einen Mann gewesen.<br \/>               Aber der liebte sie nicht.<br \/>               Das wusste sie jetzt.<br \/><i>               Das tut mir leid.<br \/><\/i>               1717 bem\u00fchte sich beruhigend zu                klingen.<br \/><i>               Aber vielleicht k\u00f6nnt ihr zwei ja                Freunde sein.<br \/>               Auch eine Freundschaft ist etwas sehr Sch\u00f6nes und Wichtiges.<br \/><\/i>               Die Frau sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>               Ihre Augen f\u00fcllten sich wieder mit Tr\u00e4nen.<br \/><i>               Er braucht mich nur.<br \/>               Ich bin ihm Mittel zum Zweck.<br \/>               Aber Freundschaft?<br \/>               Wie soll ich ihm noch glauben?<br \/>               Wie selten war er wirklich ehrlich zu mir!<br \/><\/i>               Die Stimme der Frau brach.<br \/>               1717 wurde ganz traurig.<br \/>               Er verstand, was die Frau sagen wollte.<br \/>               Zwar kannte er die Liebe zwischen Mann und Frau selber nicht.<br \/>               Engel sind geschlechtslos.<br \/>               Aber die Verzweiflung dieser Frau r\u00fchrte sein Herz.<br \/><i>               H\u00f6ren Sie zu.<br \/>               Sie wissen nicht sicher, dass er sie nur ausnutzt.<br \/>               Sie sind verbittert, weil er ihre Gef\u00fchle nicht erwidert.<br \/>               Und weil er nicht immer ehrlich war.<br \/>               Ob er sie vielleicht doch mag, wei\u00df ich auch nicht.<br \/>               Vielleicht sollten Sie weggehen von ihm.<br \/>               So finden sie am ehestens heraus, was sie ihm wirklich bedeuten.<br \/>               Nur wenn er sie dann links liegen l\u00e4sst, hat er Sie nicht                verdient.<br \/>               Denn dann hat er Ihnen nur etwas vorgemacht.<br \/>               Und dann ist er ein schlechter Kerl.<br \/>               Dann d\u00fcrfen Sie ihn ruhig vergessen.<br \/>               Mit gutem Gewissen.<\/i><\/p>\n<p>               Die Frau sah ihn lange an.<br \/>               Sie sagte kein Wort.<br \/>               Ihre Augen waren noch ger\u00f6tet.<br \/>               Aber sie zitterte nicht mehr.<br \/>               Keine Tr\u00e4nenspuren auf den Wangen.<br \/>               Pl\u00f6tzlich ein leises L\u00e4cheln auf ihren Lippen.<br \/><i>               Sie haben Recht.<br \/>               Ich werde weggehen.<br \/>               Dann habe ich Klarheit.<br \/>               Und wenn ich Recht habe, bin ich ohne ihn besser dran.<br \/>               Danke.<br \/><\/i>               Sie k\u00fcsste den \u00fcberraschten 1717                auf den Mund.<br \/>               Drehte sich um und ging schnell weg.<br \/>               Erleichtert nickte der Engel mit dem Kopf.<br \/>               Sch\u00f6n, dass sich das so gut kl\u00e4ren lie\u00df!<br \/>               Binnen einer Sekunde wurde er wieder unsichtbar.<br \/>               Ging zur\u00fcck zu seiner Parkbank.<br \/>               Die Zerrung im Fl\u00fcgel klang auch langsam ab.<br \/>               Morgen w\u00fcrde er seine Reise wieder fortsetzen k\u00f6nnen\u0085<\/p>\n<p>               <a href=\"mailto:vivienne@bohnenzeitung.com?subject=Leserbrief\">                                             Vivienne<\/a><\/p>\n<p>               Link:                           Alle            Beitr\u00e4ge von Vivienne<\/p>\n<p>                                                        \u00a0           <\/p>\n<p>\u00a0        <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Vivienne&nbsp; &ndash;&nbsp; Februar 2005 Die Ballade vom Engel auf der Durchreise Engel 1717 war auf der Durchreise. 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