{"id":20133,"date":"2003-08-11T09:17:55","date_gmt":"2003-08-11T07:17:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/?p=20133"},"modified":"2015-08-11T09:18:54","modified_gmt":"2015-08-11T07:18:54","slug":"aller-anfang-ist-schwer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/aller-anfang-ist-schwer\/","title":{"rendered":"Aller Anfang ist schwer"},"content":{"rendered":"<p>Katzen polarisieren die Menschen. Manche hassen sie wie die Pest, andere verg\u00f6ttern sie, aber niemand steht den geschmeidigen Gesch\u00f6pfen auf vier Samtpfoten gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber. Ich pers\u00f6nlich liebe Katzen hei\u00df, bin mit ihnen aufgewachsen und nenne einen fast sechs Kilo schweren, feuerrot getigerten Kater namens Stocki mein eigen. Stocki ist nicht nur ein Bild von einem Kater \u2013 ich kenne keine vergleichbare Katze \u2013 er ist trotz seiner Sterilisierung ein aktiver, agiler Kater geblieben, der, obwohl er ziemlich schwer geworden ist, mit athletischer Leichtigkeit auf den K\u00fcchentisch springt und au\u00dfer M\u00e4usen oder Ratten auch schon selber erlegte Fasane oder Hasen angeschleppt hat. Meinen Kater w\u00fcrde ein Leben nur im Haus v\u00f6llig fertig machen, im Gegenteil: Stocki k\u00f6nnte problemlos in der freien Natur \u00fcberleben, weil er der geborene J\u00e4ger ist. Kaum ein Vogel ist vor ihm sicher, aber er ist so an uns gewohnt, dass ihm allein, ohne menschliche Gesellschaft zu leben, auch keinen Spa\u00df machen w\u00fcrde \u2013 obwohl er es sicher k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Stocki kam nat\u00fcrlich nicht als der J\u00e4ger zur Welt, der er jetzt ist. Am 3. Mai 1995 erblickte er als eines von vier Jungen unserer Minki das Licht der Welt. Ich kann mich noch erinnern, wie ich von der Arbeit heimkam und erfuhr, dass unsere hochtr\u00e4chtige Katze endlich geworfen hatte und begab mich deshalb sofort auf den Dachboden. In einer Ecke, auf einem Haufen Heu, lag Minki, schnurrte zufrieden und s\u00e4ugte ihre neugeborenen Jungen. Damals schon nicht zu \u00fcbersehen, dass mein Stocki, der einzige Rote im Wurf, nat\u00fcrlich der gr\u00f6\u00dfte unter den Jungen war. Auch er schnurrte bereits h\u00f6rbar und hatte sich den besten Platz an den Zitzen seiner Mutter gesichert. Das sollte auch so bleiben. Stocki war immer der erste, wenn es ums Fressen ging, bald \u00fcberragte er seine Geschwister deutlich. Nachdem sich Stocki zu einem so sch\u00f6nen Tier entwickelt hatte, beschloss die Familie, ihn zu behalten w\u00e4hrend wir seine Geschwister an gute Pl\u00e4tze vergaben.<\/p>\n<p>Der junge Kater wuchs heran und musste die traurige Erfahrung machen, dass ihn bald seine Mutter nicht nur nicht mehr mochte sondern einen Rivalen im Haus unserer Eltern in ihm sah. Streitereien zwischen den Katzen waren die Folge, bei denen der gutm\u00fctige Stocki am Anfang immer rei\u00df aus nahm, obwohl er bald fast doppelt so gro\u00df wie Minki war. Wie jede echte Katze entwickelte auch Stocki schnell einen Jagdinstinkt. Waren es anfangs vor allem Schmetterlinge, die Opfer seines noch kindlichen Jagdtriebs wurden und die ich dann am Tag danach mit verst\u00fcmmelten Fl\u00fcgeln durch den Garten flattern sah, wuchs nat\u00fcrlich der Ehrgeiz des Katers, endlich einmal eine Maus zu erlegen. An einem Sp\u00e4tsommertag schlug Stockis Stunde. Als ich das Fenster im Gang schlie\u00dfen wollte, weil es nach Regen aussah, h\u00f6rte ich Stocki vor der Haust\u00fcr miauen. Aber irgendetwas war merkw\u00fcrdig an diesem Miauen, es klang anders als sonst. Ich ging die Stiege hinunter und \u00f6ffnete die T\u00fcr, da st\u00fcrmte Stocki gleich herein, und das Miauen klang noch viel merkw\u00fcrdiger und lauter als zuvor. Erst da bemerkte ich, dass er eine Maus gefangen hatte, seine erste Maus.<\/p>\n<p>Stocki legte mir das kleine Tier zu F\u00fc\u00dfen und schmiegte sich an meine Beine, schnurrte und gab mir zu verstehen, dass er gestreichelt werden wollte. Das tat ich dann ausgiebig, ich lobte ihn in den h\u00f6chsten T\u00f6nen, er war ja schlie\u00dflich erstmals als J\u00e4ger erfolgreich gewesen. Bis mir vor Schreck ein Schrei entfuhr: die kleine Maus, die eben noch ein paar Schritte vor mir auf dem Boden gelegen hatte, sprang pl\u00f6tzlich auf, lief die Stiege hinauf und verschwand im Wohnzimmer. Die Maus hatte noch gelebt. Stocki selbst war im ersten Moment perplex, als er, der unerfahrene, junge Kater der er war, endlich der Maus hinter her jagte, war sie nicht mehr zu sehen. Die Aufregung bei uns daheim war gro\u00df: wir stocherten mit dem Besen unter den K\u00e4sten, schauten in alle Winkel des oberen Bereichs des Hauses, aber die Maus blieb unauffindbar. Erst nach ein paar Tagen tauchte sie unter der Vitrine auf, offenbar hatte sie ihre Flucht nicht lange \u00fcberlebt, weil sie doch schwere Bisswunden durch den Kater davon getragen hatte, und war in ihrem Versteck gestorben.<\/p>\n<p>Auch wenn Stockis erste Jagd kein hundertprozentiger Erfolg war \u2013 seine Routine wuchs und sein Jagdinstinkt ist bis heute un\u00fcbertroffen. Trotzdem ist Stocki auch eine Schmusekatze, wie sie im Buch steht, und sein Schnurren ert\u00f6nt so laut, dass man davon wach werden kann. Mittlerweile ist er fast drei Mal so gro\u00df wie seine Mutter, die in der Zwischenzeit eine alte Dame von 13 Jahren geworden ist, sich aber noch immer so anmutig bewegt wie ein junges K\u00e4tzchen. Viele Katzenliebhaber sagen, dass eine Katze Haus oder Wohnung nicht verlassen sollte, weil der Stra\u00dfenverkehr eine zu gro\u00dfe Bedrohung darstellt. Das stimmt in der Stadt sicher, aber ich bin der Meinung am Land sollte eine Katze die Gelegenheit haben, nach drau\u00dfen zu gehen, weil das Leben so doch viel nat\u00fcrlicher ist. Und eine Katze, die keine M\u00e4use fangen kann, ist f\u00fcr mich so wie so keine richtige Katze!<\/p>\n<p>Vivienne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katzen polarisieren die Menschen. 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