{"id":2128,"date":"2010-03-17T17:57:29","date_gmt":"2010-03-17T16:57:29","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=2128"},"modified":"2013-07-12T06:17:55","modified_gmt":"2013-07-12T04:17:55","slug":"dombesteigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/dombesteigung\/","title":{"rendered":"Dombesteigung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">An sonnigen Tagen wie dem heutigen, bei blauem Himmel und Temperaturen die einem das Schwitzen beibringen, ragte der K\u00f6lner Dom hoch hinaus, fast bis zu den Sternen, so k\u00f6nnte man meinen. Unten auf der Domplatte stehe ich, gro\u00df von Gestalt, aber dennoch winzig klein vor Gottes Gnaden aus Stein. Im Poloshirt und blauer Jeans, den Kopf in den Nacken verrenkt, blinzle ich durch die Sonne, zum strahlenden Gipfelkreuz. Schw\u00e4rme blauer Tauben, die hastig jeden noch so kleinen Kr\u00fcmel picken und gurrend davon fliegen, locken meistens kleine Kinder, auch M\u00e4dchen mit langen, blonden Haaren. Sie spielen mit den Tauben, im frischen Wind. F\u00fcttern und verscheuchen, wann immer sie k\u00f6nnen, mit dem s\u00fc\u00dfen L\u00e4cheln des Kindes. Die M\u00fctter stehen nicht weit entfernt, wachen mit scharfen Augen und strenger Miene. Dennoch: Mein Blick f\u00e4llt wieder auf den Dom. Der Wind bl\u00e4st mit hundert achtzig und meine Haare wirbeln durcheinander und stehen hoch wie die Flut. \u201eTurmbesteigung\u201c steht da irgendwo auf einem Schild. Drei Euro Eintrittspreis, f\u00fcr eine sportliche Besteigung ohne Garantieschein. Drei\u00dfig Zigaretten am Tag d\u00fcrften das Ende aller Gipfeltr\u00e4ume sein, aber die Lust packt mich von hinten und greift um sich wie eine Tellermiene. Ich gl\u00fche vor Begeisterung, wie ein Soldat kurz vor einem Angriff und marschiere los, mit gro\u00dfen Schritten. Im Dom angelangt, schallen Stimmen aus allen Richtungen, als w\u00e4ren sie von Gott pers\u00f6nlich. Angenehme K\u00fchle erfasst mich erfrischend an den Ohren, ehe ich die enge Treppe sehe, die sich drehend im Kreise empor rankt. Der Kassierer an der Kasse, w\u00fcnscht mir noch schadenfroh\u201cAlles Gute\u201c und ich h\u00f6re schon das Keuchen herabsteigender, die wie aus verbeulten Lungen sprechen. Noch einmal holte ich tief Luft, so als w\u00fcrde ich auf einem drei Meter Sprungbrett stehen. Ein kurzes Sto\u00dfgebet an Gott und die Reise kann beginnen. Hastig steige ich Stufe um Stufe, fresse sie mit Haut und Haaren und vernehme dann fremde Worte. Junge Franz\u00f6sinnen, bestimmt zehn Jahre j\u00fcnger als ich, jagen an mir vorbei, das einem nur so schwindlig wird. Ein Dr\u00f6hnen pfiff durch meinen Sch\u00e4del, als w\u00fcrde ich tausend Tode sterben. Nach zehn Minuten geht mir die Puste aus. Ich denke nach und dabei an den ehemaligen Bayern-Trainer Trapattoni. Wie sagte er noch \u201eAlle Flaschen leer\u201c! Aber wie die Bayern Spieler will ich nicht sein. K\u00e4mpfen, K\u00e4mpfen,K\u00e4mpfen, so lautet die richtige Losung.Die anderen kochen auch nur mit Wasser, denke ich bei mir -, denn mein Wille war nicht gebrochen, hatte nur einen leichten Knacks erlitten. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter bin ich wieder auf den Beinen, &#8211; voller Tatendrang und Zuversicht. Der Dombrobst w\u00fcrde mir jetzt sicherlich Mut zu sprechen und die H\u00e4nde zum Gebet falten. Den Mann kann man nicht entt\u00e4uschen, weiter geht es, auch wenn nicht im Sauseschritt. Die letzten Stufen sind wieder die H\u00f6lle. Mein Herz droht zu zerspringen und pocht wie eine N\u00e4hmaschine. Rheinhold Messner der Gipfelst\u00fcrmer kennt das nur zu gut, das aufregende Gef\u00fchl, dem Gipfel so nahe zu sein. Eine Minute sp\u00e4ter geht der Traum in Erf\u00fcllung.Geschafft! Ich f\u00fchle mich wie auf dem Mount Everest \u2013 dem h\u00f6chsten Berg der Welt. Ich schwanke, aber falle nicht. Den Ausblick auf die Stadt K\u00f6ln von hier oben, sollte man gesehen haben \u2013 einfach einzigartig. Nur ein l\u00e4ngerer Blick nach unten, auf die Domplatte erzeugt einen Drehschwindel, als w\u00fcrde ich im Zentrum eines Orkans stehen. Ich k\u00f6nnte mir die Lunge aus dem Leib kotzen, als es mir pl\u00f6tzlich mit einem Male wieder besser geht: so wie eine schwangere Frau, die zwischen Erbrechen und Gl\u00fcckseligkeit wandelt. Eines jedoch hatte ich vergessen und das war der unvermeidbare Abstieg. Der Aufstieg folgt dem Abstieg in logischer Folge, wie der reife Apfel von einem Baum f\u00e4llt. Der Fall in die Tiefe, kann t\u00f6dlich sein -doch wenigstens geht es schnell und sollte schmerzlos sein. Zum Abgew\u00f6hnen in jedem Fall, aber unumg\u00e4nglich. Der Abstieg w\u00fcrde k\u00fcrzer sein, das beruhigte mich wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Am liebsten w\u00e4re ich die Treppen herunter gesprungen, in der Manier eines australischen K\u00e4ngurus, will sagen: Ich war kurz davor \u00fcber zuschnappen! Das gelang mir aber nicht, stattdessen schnappte ich nach Luft, wie ein zappelnder kleiner Fisch, in den F\u00e4ngen eines Fischers. Einen Zungenbrecher wiederholte ich einige Male um mich abzulenken und sagte vor mich hin: \u201eFischer&#8217;s Fritze fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischer&#8217;s Fritz\u201c. Das Ablenkman\u00f6ver war aber nicht von Erfolg gekr\u00f6nt. Ich rutschte aus und kugelte die Treppe herunter, das selbst der Besuch auf dem \u201eRanger\u201c, einem \u00dcberschlagskarussell, dagegen ein glatter Witz gewesen w\u00e4re. Sei es drum! Nachdem ich friedlich gelandet war und ausgesehen haben muss wie jemand von einem anderen Stern, kam es mir vor, als sei ein ausgewachsenes Pferd \u00fcber mich hinweg galoppierend. Dann musste ich lachen. Ein Lachen, das durch die Mauern des Domes donnerte wie ein greller Blitz, der einen ganzen Baum umgehauen h\u00e4tte. Zum Gl\u00fcck jedoch, hatte ich mir nichts gebrochen und au\u00dfer ein paar blauen Flecken und einer Sch\u00fcrfwunde, war alles heil geblieben. Ich dankte dem Herrn f\u00fcr sein gn\u00e4diges Urteil, und setzte mich wieder in Bewegung. Der Abstieg verlief nun planm\u00e4\u00dfig, ohne weitere Vorkommnisse, so als w\u00fcrde der heilige Geist mir den Weg ebnen. Die Erl\u00f6sung folgte eine Weile sp\u00e4ter. Die letzte Stufe war erreicht, ich k\u00fcsste sie aus Dankbarkeit als die Letzte zu betretende. Das letzte Kapitel der Turmbesteigung war vollendet und mit gro\u00dfer Erleichterung verlie\u00df ich den Dom und trat hinaus zur\u00fcck in die Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(C) Wilhelm Westerkamp<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An sonnigen Tagen wie dem heutigen, bei blauem Himmel und Temperaturen die einem das Schwitzen beibringen, ragte der K&ouml;lner Dom &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Dombesteigung\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/dombesteigung\/#more-2128\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Dombesteigung\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54],"tags":[],"class_list":["post-2128","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lyrik-gastbeitrage","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2128"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2128\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}