{"id":22173,"date":"2016-08-23T17:15:28","date_gmt":"2016-08-23T15:15:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/?p=22173"},"modified":"2016-08-23T17:15:58","modified_gmt":"2016-08-23T15:15:58","slug":"ikarus-buchtipp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/ikarus-buchtipp\/","title":{"rendered":"&#8222;Ikarus&#8220; &#8211; Buchtipp"},"content":{"rendered":"<p>\u201eIKARUS. Mein wunderbares richtiges Leben im doch so miesen falschen. Lebensschnipsel eines militanten Pazifisten aus drei Ismen\u201c &#8211; von Karl-Heinz Otto<\/p>\n<p><strong>ZIELGENAU<\/strong><br \/>\nBuchtipp von Harry Popow<\/p>\n<p>IKARUS ist nicht totzukriegen. Hatte er vor 27 Jahren den Gegner noch mit modernsten Fla-Raketen-Komplexen in Schach gehalten, so h\u00e4lt er nunmehr die laut Wei\u00dfbuch der Bundeswehr wieder in den Kriegsstartl\u00f6chern lauernden Menschenfeinde mit mentalen Pfeilspitzen im Visier.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-content\/uploads\/ikarus.png\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"269\" \/><\/p>\n<p>Ikarus \u2013 so w\u00e4hnt sich lt. Buchtitel ein einstiger NVA-Offizier, der sich dank seiner Bildungsst\u00e4rke bis in die K\u00f6nigsebene hocharbeitete, oft von manchen Kleingeistern misstrauisch be\u00e4ugt oder auch behindert, heute im Jahre 2016 von durchweg nach wie vor antikommunistisch aufgeheizten M\u00f6chte-Gern-Kriegern im Interesse einer \u201eh\u00f6heren Verantwortung Deutschlands an der Seite der USA und der NATO\u201c verschm\u00e4ht, missachtet, kleingeredet und schlie\u00dflich totgeschwiegen wird.<\/p>\n<p>Der unerm\u00fcdlich gegen Krieg und Kriegsgefahr agierende 78-j\u00e4hrige Offizier a.D. und Schriftsteller hei\u00dft Karl-Heinz Otto. Nach unz\u00e4hligen Romanen und Erz\u00e4hlungen \u2013 bereits unter den Fittichen der NVA \u2013 raffte er sich nach so langen Jahren nach der sogenannten Wende (die er historisch korrekt R\u00fcckwende nennt) auf, sein Leben aufzuschreiben. Mit all den alten und den neuen Beulen, die er sich holen musste \u2013 und trotzdem nie aufgab. Er, der \u00dcberzeugungst\u00e4ter. Wollte er zu hoch hinaus?<\/p>\n<p>Das 480-Seiten-Buch tr\u00e4gt den Titel \u201eIKARUS\u201c. Diese spannende Lekt\u00fcre strotzt nur so von Fakten, Episoden, Berichten, Zerw\u00fcrfnissen, Begegnungen und geschichtlich erg\u00e4nzenden Informationen. Der Leser wird Augenzeuge, wie ein junger Mann vom flachen Lande alle H\u00fcrden in Schulen und Dienst- und Arbeitsstellen wie m\u00fchevolle Spr\u00fcnge \u00fcbers\u00b4s langgestreckte Pferd trotz mancher objektiver und subjektiver Stolpersteine genommen hat. Und so durchzieht auch sein j\u00fcngster Roman \u201eIKARUS\u201c das, was man Selbst\u00fcberwindung nennt. Schwierigkeiten nicht aus dem Wege zu gehen und mutig Dummk\u00f6pfen die Stirn zu bieten. Kraftakte, die ohne eine tief auslotende innere \u00dcberzeugung \u2013 sprich politische Motivation \u2013 nicht zu bewerkstelligen sind. Auch nicht ohne Selbstvertrauen, ohne Bildung und Ehrgeiz.<\/p>\n<p>Wenn Thomas Mann in seinem Beitrag \u201eEs geht um den Menschen, Prosa aus f\u00fcnf Jahrzehnten\u201c, Seite 286\/287 (sich auf Walter Scott beziehend) forderte, die Kunst bestehe darin, dass man mit dem m\u00f6glichst geringsten Aufwand von \u00e4u\u00dferem Leben das innere in die st\u00e4rkste Bewegung bringe; denn das innere \u201eist eigentlich der Gegenstand unseres Interesses. Die Aufgabe des Romanschreibers ist nicht, gro\u00dfe Vorf\u00e4lle zu erz\u00e4hlen, sondern kleine interessant zu machen\u201c, dann kommt der Autor Karl-Heinz Otto dem mit gro\u00dfem K\u00f6nnen entgegen.<\/p>\n<p>Deshalb sei an dieser Stelle zun\u00e4chst lediglich ein Umriss seines Wirkens in der DDR gegeben. Im Epilog fasst er sein Leben so zusammen: Als er drei Jahre alt war, tobte der beschissne Kriech, von dem die Erwachsenen erz\u00e4hlten und den sein Vater mit dem Leben bezahlen musste. Als der zu Ende war, r\u00e4umte uns unser Staat, \u201eden bisher Benachteiligten, den Unterprivilegierten und Bildungsfernen, alle M\u00f6glichkeiten ein, unabh\u00e4ngig von Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern zu neuen Ufern aufzubrechen&#8230;\u201c (S. 479) Karl-Heinz Otto legte das Abitur ab und wollte Architektur studieren. Er, der auch als Junger Pionier die Welt zu verbessern gedachte, entschied sich nach dem Abitur f\u00fcr den Dienst als Offizier, dem sich, so erinnert sich der Autor, keiner der Jungs verschlossen h\u00e4tte. Wie auch an anderen Textstellen f\u00fcgt Karl-Heinz Otto in diesem Zusammenhang Worte des Kanzlers Adenauer an, wonach es gelte, nicht die Wiedervereinigung anzustreben sondern die Befreiung der Ostzone.<\/p>\n<p>Auch wenn dem feinsinnigen Karl-Heinz die vorgesetzten Unteroffiziere w\u00e4hrend der Grundausbildung (in Vorbereitung auf die Offiziersschule) mit ihren Ordnung erheischenden \u201eHocker umwerfen\u201c bei ungen\u00fcgendem P\u00e4ckchenbau schier die Galle hochkommt \u2013 er wird demn\u00e4chst als Kanonier, Truppenoffizier, Erfinder, engagierter Stabsoffizier und Spitzengeheimnistr\u00e4ger f\u00fcr Fla-Raketentechnik sowie viel sp\u00e4ter als Filmemacher und Schriftsteller seinen Beitrag zur Friedenserhaltung leisten. Gekr\u00f6nt wurden anl\u00e4sslich der \u201eMesse der Meister von Morgen\u201c seine Bem\u00fchungen um eine hohe Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft bereits als Funkmessoffizier im Truppendienst mit zwei Goldmedaillen \u2013 f\u00fcr Simulatoren, die er f\u00fcr die Ausbildung von Operateuren an Rundblickstationen entwickelte und schlie\u00dflich mit der zweimaligen Auszeichnung mit dem Friedrich-Engels-Preis, mit dem besondere milit\u00e4rwissenschaftliche Leistungen geehrt wurden. Auch dies: Nach siebenj\u00e4hrigem Fernstudium zum Diplomingenieur der Elektronik an der Technischen Hochschule Ilmenau erh\u00e4lt er f\u00fcr sein Diplom als einziger der Matrikel E III ein summa cum laude.<\/p>\n<p>Bereits als junger Offizier beruft man ihn in die Verwaltung Truppenluftabwehr im Ministerium f\u00fcr Nationale Verteidigung, wo er sich als Offizier f\u00fcr Rundblickstationen bew\u00e4hrt und bald in verantwortlicher Position den Wechsel veralteter Flak- zu moderner Fla-Raketentechnik mitbestimmt. Auf Seite 7 gesteht er: \u201e&#8230;stets glich meine Perspektive der einer gew\u00f6hnlichen Feldmaus denn der eines stolzen Adlers. Und stets, wenn ich wie Ikarus wagte, in unergr\u00fcndete H\u00f6hen abzuheben, fanden sich F\u00f6rderer wie Neider meiner Kreativit\u00e4t.\u201c Die ersteren wollten sich der Ergebnisse seines Forscherdranges bedienen, w\u00e4hrend die Geheimdienstler ihn als negativ-feindliches Element denunzierten und \u201eunerm\u00fcdlich an meinem Absturz werkelten&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Nicht nur die mitunter b\u00f6sartige Unterstellungskunst der Abwehrorgane der NVA, auch die Versuche, ihn vom Studium in der SU wegen fadenscheiniger Begr\u00fcndungen abzuhalten, \u00fcbrigens auch vom Fernstudium innerhalb der DDR, lie\u00dfen ihn, den vorw\u00e4rts jagenden jungen Adler, sich verwundert die Augen reiben, ob er denn noch bei soviel Dogmatismus richtig liege, mit seiner \u00dcberzeugung von der \u00dcberlegenheit des Sozialismus. Unvermeidlich auch andere \u2013 f\u00fcr viele wohlbekannte entt\u00e4uschende Erlebnisse mit der hoch angebundenen Waffenbr\u00fcderschaft zur Sowjetarmee &#8211; als n\u00e4mlich eine pers\u00f6nlich beginnende enge Freundschaft mit einem sowjetischen Offizier urpl\u00f6tzlich an dessen Versetzung nach Kamtschatka zusammenbrach. Barrikaden der Freundschaft traf er als Kursant der Milit\u00e4rakademie in Kiew an, als ausl\u00e4ndischen Studenten jedwede Besuche au\u00dferhalb von Kiew untersagt blieben.<\/p>\n<p>Wer tief zu loten vermag, der gibt nicht auf, der sieht die Dinge komplex, der sieht sie in Zusammenh\u00e4ngen und gesellschaftlichen Dringlichkeiten ob des Kalten Krieges. So legt sich der Autor bereits im Prolog seiner Erinnerungen fest, indem er \u201epenetranten Geschichtsklitterern\u201c in die Suppe spuckt, \u201edie sich in unser Leben einmischen\u201c. Er m\u00f6chte nicht, dass Leute, die nicht einen einzigen Tag in der DDR gelebt, geschweige in deren Volksarmee gedient haben, (\u2026) erz\u00e4hlen wollen, wie seine Lebenszeit (\u2026) verlaufen sei. \u201eIch schreibe also, um mir die Deutungshoheit \u00fcber mein eigenes wunderbar-mieses Leben nicht von anderen stehlen zu lassen\u201c. (S. 6) Auf Seite 7 f\u00e4hrt er fort, er nenne es ein historisches Unrecht, diese Volksarmee zu verteufeln, statt sie daf\u00fcr zu loben, dass sie nie einen Krieg f\u00fchrte und verantwortungsbewusst ihre schmerzhafte Selbstaufl\u00f6sung w\u00e4hlte, um damit einen blutigen B\u00fcrgerkrieg zu vermeiden. Doch schon wieder w\u00fcrden \u201eAbermillionen von Schwertern darauf warten, zu Pflugscharen umgeschmiedet zu werden\u201c.<\/p>\n<p>So sehr sich die Staatssicherheit der DDR auch bem\u00fchte, den \u201eaufs\u00e4ssigen\u201c Offizier Karl-Heinz Otto aus der Armee zu entfernen, wozu er 16 Jahre lang bespitzelt wurde, eines m\u00fcsse man einigen Leuten lassen \u2013 es gab auch ehrliche Urteile, ohne Denunzierungen und Herabw\u00fcrdigungen. So liest sich dies auf Seite 372 so: Er sei ein kluger Theoretiker, in der praktischen T\u00e4tigkeit versiert, allseitig anerkannt, \u201ewie man es in der NVA nur selten findet\u201c. (\u2026) Er ist ein Mensch, der nicht alles widerspruchslos hinnimmt, der tiefgr\u00fcndig nachdenkt und mit seinen Gedanken (\u2026) nicht hinter dem Berg h\u00e4lt\u201c.<\/p>\n<p>Die vom Autor \u2013 vor dem Abgang vom Armeedienst verteidigte der ehrgeizige Offizier noch seinen Doktortitel \u2013 bezeichneten Lebensschnipsel eines militanten Pazifisten erweisen sich als ein gro\u00dfartiges lebensvolles Mosaik, das jedem, der die DDR bewusst erlebt hat, einen Genuss an Erinnerungen bereitet. Dazu geh\u00f6ren nicht nur die III. Weltfestspiele, Biermanns Ausb\u00fcrgerung, Ernteeins\u00e4tze der NVA oder gar die Entt\u00e4uschungen, wenn Lehrer pl\u00f6tzlich die Seiten wechselten. Mit gezielten Argumenten widerlegt der Autor Anma\u00dfungen der b\u00fcrgerlichen Historiker und der Medien \u00fcber die Geschichte der DDR. Beeindruckend ebenfalls zahlreiche Naturbeschreibungen, ob auf dem DDR-\u00dcbungsgel\u00e4nde oder in der Kasachischen Steppe. Hilfreich sind des Autors jeweilige Erg\u00e4nzungen zur Geschichte sowie seine Vorliebe, Dichter und Denker wie Bertold Brecht, Louis F\u00fcrnberg und Konfuzius zu Rate zu ziehen. Interessant des Autors Reisen nach Vietnam und Namibia und seine pers\u00f6nlichen Beobachtungen.<\/p>\n<p>Im Epilog bedauert der Autor und widerst\u00e4ndiger Oberstleutnant a.D., \u201edass wir die bisher einmalige Chance, eine gerechtere Gesellschaft zu gr\u00fcnden, glattweg vergeigten\u201c. (S. 480) Auf dieser Seite findet sich auch der auf Karl Marx zur\u00fcckf\u00fchrende Ausspruch, das Kapital habe ein Horror vor Abwesenheit von Profit. Sehr oft verwendet der Autor das Wort indoktrin\u00e4r f\u00fcr die Propaganda in der DDR. Er schreibt zu recht, man solle auch die M\u00f6glichkeit haben, die Welt selbst anzuschauen. Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen, die Welt anschauen mit theoretischer Vertiefung \u2013 daraus wird ein Schuh.<\/p>\n<p>Und so hofft der Autor, sich auf Oscar Wilde berufend, dass die Menschheit, sollte sie ein besseres Land sehen, die richtigen Segel setzen m\u00f6ge. \u201eDass Sozialismus und Demokratie zusammengeh\u00f6ren \u2013 und Stasispitzel verzichtbar sind \u2013 sollte nach unserem vergeigten Sozialismus-Experiment Allgemeingut und zur wichtigsten Lehre geworden sein.\u201c Der IKARUS im Tr\u00e4umer Karl-Heinz &#8211; er l\u00e4sst die Gegentr\u00e4umer nicht aus den Augen.<\/p>\n<p>Karl-Heinz Otto: \u201eIkarus. IKARUS. Mein wunderbares richtiges Leben im doch so miesen falschen. Lebensschnipsel eines militanten Pazifisten aus drei Ismen\u201c 1. Auflage 2016, Edition M\u00e4rkische Reisebilder, Dr. Karl-Heinz Otto, Vertrieb FON 0331 270 17 87, E-Mail: dr.otto.edit.maerk.reisebilder,@t-online.de,<br \/>\nwww.carlotto.de<\/p>\n<p><strong>Bisher ver\u00f6ffentlichte B\u00fccher des Autors Dr. Karl-Heinz Otto \/ Pseudonym: CarlOtto:<\/strong><\/p>\n<p>1. Probezeit, Roman, 1985, 1987<br \/>\n2. Die Riesenkuh Agathe, Kunstm\u00e4rchen, 1995<br \/>\n3. Silberf\u00e4den, Erz\u00e4hlungen, 1995<br \/>\n4. Reisen und Speisen in Brandenburg, Reisef\u00fchrer, 1996<br \/>\n5. Kl\u00f6ster, Schl\u00f6sser und Burgen in Brandenburg, Reisef\u00fchrer, 1998<br \/>\n6. Kamerad Parkinson, Roman, 1999<br \/>\n7. Historische Gasth\u00e4user in Brandenburg, Reisef\u00fchrer, 1999<br \/>\n8. Brandenburg, Reisef\u00fchrer, 2001<br \/>\n9. Im Schatten der Fl\u00e4mingburg, Kriminalroman, 2003 (unter Pseudonym CarlOtto)<br \/>\n10. Der herbe Duft der Chrysantheme, Kriminalroman, 2007 (unter Pseudonym CarlOtto)<br \/>\n11. Der Windm\u00fcller und der Fl\u00f6tenk\u00f6nig von Sanssouci, Kunstm\u00e4rchen, 2007<br \/>\n12. Operation Taubenhaus, Kriminalroman, 2012 (unter Pseudonym CarlOtto)<br \/>\n13. M\u00e4rkische Reisebilder, eine Edition kulturhistorischer Reisef\u00fchrer zur Berliner und brandenburgisch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;IKARUS. Mein wunderbares richtiges Leben im doch so miesen falschen. 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