{"id":22788,"date":"2017-02-02T21:06:46","date_gmt":"2017-02-02T20:06:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/?p=22788"},"modified":"2022-10-04T05:14:21","modified_gmt":"2022-10-04T03:14:21","slug":"22788","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/22788\/","title":{"rendered":"Wolfgang Bittners Satire-Buch \u201eDie Abschaffung der Demokratie\u201c &#8211; Buchtipp"},"content":{"rendered":"<p><strong>Scharf gew\u00fcrzt<\/strong><\/p>\n<p>Buchtipp von Harry Popow<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn unser noch amtierender oberster Staatsh\u00e4uptling Deutschland vollmundig als die beste Demokratie in der Geschichte preist, kann man sich nur an den Kopf fassen. Nicht ohne Grund werden sich deshalb viele Leser gern darauf einlassen, wenn eine derart unreflektierte Sch\u00f6nf\u00e4rberei entlarvt wird und der Kaiser pl\u00f6tzlich ohne Kleider dasteht. <a href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschaffung-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-22790\" src=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Abschaffung-1.png\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"424\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das passiert in Wolfgang Bittners Buch \u201e<em>Die Abschaffung der Demokratie<\/em>\u201c, einer kr\u00e4ftig gew\u00fcrzten satirisch-literarischen Attacke auf die allt\u00e4glichen Unw\u00e4gbarkeiten in der Postdemokratie und auf die gef\u00e4hrlichen Machenschaften der Kapitaleliten. Damit steht Wolfgang Bittner in der Tradition von Kurt Tucholsky und Erich K\u00e4stner, die die Warnzeichen ihrer Zeit fest ins Visier genommen haben. Damals wie heute ein Anrennen gegen die Wand? Keineswegs, denn im Nichtstun erstickt Menschlichkeit. Wer will das bestreiten?<\/p>\n<p>In meist kurzen, zupackenden Polemiken, Glossen und satirischen Texten f\u00fchrt der Autor den Lesern die Schw\u00e4chen und Widerspr\u00fcche des menschlichen Daseins in Zeiten der Vorbereitung neuer Kriege vor Augen. Ebenso scharfkantig weist er auf die Menschlichkeit absorbierende Wirklichkeit hin, auf die weltweiten inhumanen Verh\u00e4ltnisse, in denen die Gattung Mensch zu ersticken droht, trotz Vernebelung, Beschwichtigungen und gelegentlicher Z\u00fcckerli, die das Establishment stets parat hat, um das Volk bei Konsumfreude und \u2013 wenn es beliebt \u2013 bei Kriegslaune zu halten.<\/p>\n<p>Das Buch besteht aus vier gr\u00f6\u00dferen Abschnitten und aus insgesamt \u00fcber zweihundert politisch scharfsinnigen, immer eine \u00dcberraschung bereithaltenden Beitr\u00e4gen. Oft nur ironisch andeutend, dann wieder in \u00fcberspitzter und damit wirkungsvoller Weise, kommt der Autor zum Wesentlichen. Das tut dem Leser und seiner intellektuellen Aufnahmebereitschaft gut und macht das Buch zu einem Lesevergn\u00fcgen, wie es bei diesem politisch profilierten Schriftsteller und promovierten Juristen nicht anders zu erwarten war, der u.a. das sehr erfolgreiche Buch \u201e<em>Die Eroberung Europas durch die USA<\/em>\u201c geschrieben hat.<\/p>\n<p>Gleich zu Anfang seines Satirebuches steht eine Eloge auf die US-Eliten als vermeintliche Friedensstifter, weil sie die Kapital- und Energiem\u00e4rkte und den zwischenstaatlichen Warenaustausch regulieren und uns milit\u00e4risch sch\u00fctzen. Zugespitzt hei\u00dft es: \u201eVielleicht gelingt es mithilfe unserer Freunde demn\u00e4chst ja doch noch, die Schmach von Stalingrad zu tilgen\u201c (S. 17-18). (Ob sich mit Trump nun wirklich etwas zum Besseren wendet, bleibt abzuwarten.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mitunter ist es schwer, bei ernsthaften politischen Themen das entlarvende Gegenargument anzubringen, denn L\u00e4cherlichkeit zu inszenieren will gekonnt sein. Aber das gelingt dem Autor auf vielf\u00e4ltige Weise. Wenn er die Formulierung \u201elaut Aussagen von&#8230;\u201c benutzt, ist Aufmerksamkeit geboten. Manchmal hei\u00dft es auch: \u201eWie aus ungew\u00f6hnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet \u2026\u201c Dann geht es zur Sache. Treffend und originell ist auch die Satire \u00fcber die Wiedergeburt habgieriger Manager oder korrupter Politiker, in der zum Beispiel die Betreiber riskanter \u00d6lf\u00f6rderungsanlagen nach ihrem Ableben als \u201e\u00f6lfressende Bakterien\u201c ihre S\u00fcnden abarbeiten m\u00fcssen (S. 19).<\/p>\n<p>Mit sehr spitzer Feder nimmt der Autor die Schw\u00e4chen und Unvorhersehbarkeiten menschlichen Daseins aufs Korn, die dem marktwirtschaftlichen und globalisierten Neoliberalismus geschuldet sind. Nachdem er auf die Verbr\u00fcderung der Schafe mit den W\u00f6lfen eingeht \u2013 man wei\u00df sofort, was gemeint ist \u2013, prangert er die Auswirkungen dieser untauglichen Vereinigung an (S. 24-25). Er parodiert die Welle der Privatisierungen auf immer mehr Gebieten, die zunehmende \u00dcberwachung und Kontrolle sowie die zahlreichen Bestrebungen, aus den B\u00fcrgern h\u00f6here Steuern herauszupressen. Der \u201eF\u00fcrsorgestaat\u201c, der keine Grenzen kennt, erlegt \u2013 dem Vernehmen nach \u2013 Autofahrern und sogar Fu\u00dfg\u00e4ngern eine Schutzhelmpflicht auf. Und in der Satire \u201eUnternehmensberatung f\u00fcr Jungunternehmer\u201c empfiehlt Wolfgang Bittner aufstrebenden Profiteuren in der Maskeradengesellschaft, sich mit den Honoratioren der Stadt zu verbr\u00fcdern, sich bei Einladungen und Partys nicht lumpen zu lassen und die eigene Kreditw\u00fcrdigkeit durch Geldtransaktionen von einem Konto aufs andere zu steigern. Dazu geh\u00f6rt dann noch, Medien zu beeinflussen, Konkurrenten auszuschalten und schlie\u00dflich den Mitarbeitern vorzut\u00e4uschen, allen geh\u00f6re alles zu gleichen Teilen. Wichtig dabei: \u201eSchulabschl\u00fcsse, Ausbildung, eventuelle Studien sind sekund\u00e4r, auf den Willen kommt es an\u201c (S. 79).<\/p>\n<p>Eine volle Breitseite bekommt die vom Markt gesteuerte \u201ePers\u00f6nlichkeitsentwicklung\u201c ab: der Wahn des Shoppens. Hin und wieder f\u00e4llt das Wort \u201egehobene Verdienstklasse\u201c, zu der jene geh\u00f6ren, die sich vor allem mit materiellem Besitz br\u00fcsten und so ihren \u201emenschlichen Wert\u201c bezeugen wollen.<\/p>\n<p>Alles in Allem: Anspruch und Wirklichkeit klaffen im Zuge der Manipulationstechniken der \u201eQualit\u00e4tsmedien\u201c immer mehr auseinander. Leidtragende sind die geistig verarmenden Menschen, die dem Konsum erliegen, vereinsamen oder sozial auf der Strecke bleiben, die von demokratischer Mitbestimmung ausgenommen sind oder davon gar nichts wissen wollen. Das wird in vielen dieser Geschichten deutlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr Leser, die sich vor allem von pfiffigen Ideen, listigen \u00dcbertreibungen, angriffslustiger Polemik und vom L\u00e4cherlichmachen der Zeitumst\u00e4nde angesprochen f\u00fchlen, ist dieses Satirebuch ein Gewinn, ein Erkenntnis-Erlebnis. Wenn manche Leser sich in ihrem Denken und Verhalten wiederfinden, so liegt das sicherlich in der Absicht des Autors, weist er doch vollen Ernstes und mit viel Fabulierungsspa\u00df nach, dass Demokratie \u2013 wenn sie \u00fcberhaupt vorhanden war \u2013 in die Binsen geht.<\/p>\n<p>Wie aus ungew\u00f6hnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, soll dieses scharf gew\u00fcrzte Buch der Seitenhiebe auf eine \u00fcberlebte Gesellschaft nach der n\u00e4chsten Bundestagswahl als Anregung und offizielle Vorlage f\u00fcr neue Regierungsvisionen zur Verf\u00fcgung stehen. Bis dahin herrscht allerdings dar\u00fcber ein Redeverbot. \u201eDemokratie\u201c in Aktion!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wolfgang Bittner, \u201eDie Abschaffung der Demokratie\u201c, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-86489-167-0, 224 Seiten, 16,&#8211; Euro.<\/em><\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung in der Neuen Rheinischen Zeitung: <a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=23506\">http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=23506<\/a><\/p>\n<p>Rezensenten-Info: Harry Popow: \u201eDer Sch\u00fctze von Sanssouci. Das Leben mit einer G\u00f6ttin \u2013 Erkenntnisse &amp; Bekenntnisse aus acht Jahrzehnten\u201c, Taschenbuch, 356 Seiten, Farbfotos, Druck und Verlag: dbusiness.de gmbh, Greifswalder Str. 152, 10409 Berlin, ISBN 978-3-94683-729-9, Copyright \u00a9 2016, Preis: 12,95 Euro, Email:\u00a0 <a href=\"mailto:info@dbusiness.de\">info@dbusiness.de<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.dbusiness.de\/\">www.dbusiness.de<\/a>, Bestelladresse:<\/p>\n<p>http:\/\/www.shop.dbusiness.de\/article\/show\/der-schuetze-von-sanssouci<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scharf gew&uuml;rzt Buchtipp von Harry Popow Wenn unser noch amtierender oberster Staatsh&auml;uptling Deutschland vollmundig als die beste Demokratie in der &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Wolfgang Bittners Satire-Buch \u201eDie Abschaffung der Demokratie\u201c &#8211; Buchtipp\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/22788\/#more-22788\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Wolfgang Bittners Satire-Buch \u201eDie Abschaffung der Demokratie\u201c &#8211; Buchtipp\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[96],"tags":[],"class_list":["post-22788","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buchtipp","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22788","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22788"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22788\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22788"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22788"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22788"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}