{"id":25997,"date":"2019-01-18T17:18:58","date_gmt":"2019-01-18T16:18:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bohnenzeitung.com\/?p=25997"},"modified":"2019-01-18T17:18:58","modified_gmt":"2019-01-18T16:18:58","slug":"den-jahren-leben-geben-buchtipp-von-harry-popow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/den-jahren-leben-geben-buchtipp-von-harry-popow\/","title":{"rendered":"DEN JAHREN LEBEN GEBEN \u2026 &#8211; Buchtipp von Harry Popow"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWunderwasser Hark\u00e1ny. Ein Gesundheitstrip &amp; kulturhistorischer Ausflug in die Baranya \u2013 Heimat der Donauschwaben.\u201c &#8211; Karl-Heinz Otto<\/p>\n<p>Dieses Buch \u201eWunderwasser Hark\u00e1ny\u201c mit dem Untertitel \u201eEin Gesundheitstrip &amp; kulturhistorischer Ausflug in die Baranya \u2013 Heimat der Donauschwaben\u201c k\u00f6nnte leicht in die irrige Annahme f\u00fchren, es handele sich nur um die Gesundheit des Autors mit hinzugef\u00fcgten Reiseerlebnissen. Nein, es ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Liebe. Und so muss ich als Rezensent gleich jenen Schlusssatz des Autors Karl-Heinz Otto hervorheben, den ich f\u00fcr den tiefsinnigsten des in letzter Zeit gelesenen halte: <em>\u201eEs kommt nicht darauf an, dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend hebt er auf Seite 365 hervor: \u201eWas f\u00fcr die gesamte Menschheit der Frieden ist, ist f\u00fcr das Individuum die Gesundheit, \u201edenn sie bedeutet, Frieden mit seinem K\u00f6rper und Geist zu schlie\u00dfen &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Wer so genau hinschaut auf die wahren Werte f\u00fcr die Menschen, der nimmt auch nicht jeden angeblich gut gemeinten Ratschlag auf, weder von der Politik noch von \u00c4rzten. So ist zu lesen, dass der Autor seit dem 68. Lebensjahr an einer schmerzhaften H\u00fcftarthrose litt, und der Arzt ihm alternativlos eine H\u00fcftprothese empfahl. Im Hinblick auf die Beschwerden seiner Mutter, die nach mehrmaligen H\u00fcft-Operation schlie\u00dflich auf einen Rollstuhl angewiesen war, lehnte Carlotto, wie er sich als Schriftsteller nennt, jeglichen operativen Eingriff ab. Er fragte sich, wie er es bisher in seinem ganzen Leben gewohnt war, ob es nicht eine Alternative gebe, von dem der Herr Doktor nicht eine einzige erw\u00e4hnt hatte. Etwa des ausbleibenden Gewinns wegen? Sein kritischer Geist und sein Mut verhalfen ihm jedenfalls, am Vorschlag seines Arztes zu zweifeln.<\/p>\n<p>Dabei zweifelte er keinesfalls Kompetenz und K\u00f6nnen seines Arztes an, sondern hinterfragte lediglich dessen vorschnelle Entscheidung, um m\u00f6glicherweise doch noch eine Alternative zur H\u00fcftoperation zu finden. Wenn der geneigte Leser diese Haltung auch f\u00fcr sich positiv zu vermerken wei\u00df, dann wohl auch f\u00fcr die Fragen von Krieg und Frieden. Der Autor, um es vorwegzunehmen, hat auch folgenden Satz als seine Lebensmaxime betrachtet: Er mache sich keine Gedanken dar\u00fcber, was er nicht beeinflussen kann. Doch er widerspricht sich selber: Denn jede Zeile dieses Buches handelt nicht von Wundern, sondern vom prallgef\u00fcllten Leben eines aktiven und lebenshungrigen Menschen, der mit tausenden kleinen und gro\u00dfen Taten den Jahren Leben gab und gibt.<\/p>\n<p>Die Neugier, der Wissensdrang, das Wunder von menschlicher Kraft und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen \u2013 sie sind es, die das eigentliche Wunder darstellen. Nicht allein das Heilwasser ist es, dass das Wunder zu 99.99 Prozent vollbringt, seine H\u00fcftleiden zu heilen (siehe Seite 122) und das Leben wieder in vollen Z\u00fcgen zu genie\u00dfen, sondern der menschliche Wille, die heilenden Naturkr\u00e4fte zu erforschen, zu analysieren und f\u00fcr sich nutzbar zu machen. Und w\u00e4re der nach Heilung suchende Autor nicht von einer m\u00f6glichen Alternative \u00fcberzeugt gewesen und h\u00e4tte nicht Kraft, Ausdauer und die notwendigen finanziellen Mittel aufgebracht, h\u00e4tte er wohl nie das europaweit einmalige <em>Wunderwasser von Hark\u00e1ny<\/em> aufgesp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Folgen wir als Leser dieser Odyssee, die ihn zun\u00e4chst nach Bad Doberan, nach Heiligendamm und in das slowakische Weltbad Pistany f\u00fchrt, um endlich in einer Zeitreise durch die Geschichte der Baranya und Ungarns zu enden, dann finden wir auf nahezu allen Seiten die Liebe Karl-Heinz Ottos zu den Mitmenschen, seine ausgepr\u00e4gte Sucht, der Geschichte und den von den gesellschaftlichen Bedingungen abh\u00e4ngigen Menschen und deren Mut zum \u00dcberleben auf den Grund zu gehen.<\/p>\n<p>Seine erste Reise nach Ungarn verdankt er pers\u00f6nlichen Beziehungen. Dort trifft er sich mit seinen ehemaligen Schulkameraden Ingrid und Rolf Poser, die nach der politischen R\u00fcckwende ausgewandert waren. Der ehemalige Botschaftssekret\u00e4r hat sich am Rande der ungarischen Puszta der Weinkelterei verschrieben und macht sich als talentierter Laienmusiker und versierter Akkordeonspieler im dortigen katholischen Kirchenchor n\u00fctzlich.<\/p>\n<p>Diese und viele andere Kontakte zu Ungarn, Donauschwaben, Literaturfreunden, Bauern und Katholiken bereichern nun das Leben des Autors. Er gewinnt nicht nur neue Leser f\u00fcr seine B\u00fccher, er erf\u00e4hrt Lebensgeschichten, Schicksale und Lebensbedingungen auf D\u00f6rfern und in St\u00e4dten. Ihn interessieren neben Lebensgeschichten seiner Wahlverwandten, wie er sie bisweilen nennt, vor allem deren Kenntnisse \u00fcber die Geschichte des Landes, \u00fcber ihre Burgen, Schl\u00f6sser und anderen kulturellen Denkm\u00e4ler. Beeindruckend, mit wieviel Liebe er seine Freunde zeichnet und seine Leser an deren \u2013 manchmal auch kontrovers gef\u00fchrten \u2013 Gespr\u00e4chen und Disputen teilhaben l\u00e4sst, die sie selbst beim Baden im Heilwasser f\u00fchren. Da zu den Badeg\u00e4sten neben einheimischen Ungarn auch zahlreiche Serben und Kroaten, Tschechen und Slowaken geh\u00f6ren, kommen auch so manche Erinnerung an sozialistische Zeiten ins Spiel. Er verneigt sich vor der Gastfreundschaft, vor der ehrlich gemeinten H\u00f6flichkeit und den Kochk\u00fcnsten seines Gastlandes.<\/p>\n<p>Es gibt keinen einzigen Ausflug des neugierigen Autors in die s\u00fcdungarische Baranya, bei dem er lediglich die Sch\u00f6nheit der jeweiligen Feste oder Kirche beschreibt. Stets hinterfragt er, weshalb diese steinernen Zeitzeugen aus dem jahrhundertealten Kampf gegen die T\u00fcrkenherrschaft noch heute so zahlreiche Besucher anziehen? Der atheistisch gepr\u00e4gte Autor bem\u00fcht sich, Hintergr\u00fcnde und Zusammenh\u00e4nge zu erkennen und setzt sich vor allem kritisch mit den Ausw\u00fcchsen der katholischen Kirche auseinander, ohne ehrliche Gl\u00e4ubige zu verletzen. So nimmt er an Schrifttafeln Verschleierungen von Realit\u00e4ten wahr, setzt sich auf Seite 205 mit der Behauptung auseinander, \u201eden Ursprung der Kirche in die R\u00f6merzeit zur\u00fcckzuverlegen\u201c. \u00dcber einen Katholiken und dessen Glauben an fantastische Erscheinungen f\u00e4llt er kein Urteil, kann und darf er auch nicht als toleranter Mensch, solle doch jeder seinen Glauben pflegen, wenn er ihm guttut. Durch Wallfahrerei komme ja niemand zu Schaden, daf\u00fcr aber \u201edurch das Segnen der christlichen Waffen und Krieger w\u00e4hrend der letzten verheerenden Weltkriege\u201c. (Seite 223)<\/p>\n<p>Einen aktuellen Seitenhieb gegen die beiden herrschenden deutschen Parteien, die sich als Christen verstehen, lesen wir auf Seite 232: \u201eStatt der Bibel zu folgen und <em>Schwerter zu Pflugscharen<\/em> umzuschmieden \u2013 also abzur\u00fcsten \u2013, folgen sie diesem amerikanischen Wahnsinnspr\u00e4sidenten und verschleudern immer h\u00f6here Milliardensummen f\u00fcr immer grausamere T\u00f6tungsinstrumente, obwohl die Bundesrepublik Deutschland von keinem einzigen Staat milit\u00e4risch bedroht wird &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Selbst im <em>Wunderwasser in Hark\u00e1ny<\/em>, so schreibt der Autor auf Seite 342, erwacht in ihm sein Hunger, \u201eden schillernden Facetten des Lebens nachzusp\u00fcren und meine nie versagende Neugier zu befriedigen\u201c. So fragt er sich, wer der ungarische Ministerpr\u00e4sident ist, \u201ean dem die vielfachen Schm\u00e4hrufe aus allen Ecken Europas stoisch abzuprallen scheinen\u201c? Trotz der kostenlosen \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel f\u00fcr EU-Pension\u00e4re, trotz der Legalisierung der famili\u00e4ren steuerfreien Schnapsbrennerei f\u00fcr den Eigenbedarf, was nat\u00fcrlich beim Volk gut ankommt. Weshalb aber die Anfeindungen aus dem Ausland? Ist es dessen Staatsprogrammatik, wie der Autor auf Seite 354 feststellt, die auf dem christlichen \u00c1rp\u00e1den-Mythos fu\u00dft? Ist es dessen Anti-Migrationsrede, die an die \u201esimpelsten Instinkte\u201c appelliert und eine d\u00e4monische Angsthysterie sch\u00fcrt, obwohl die Ursachen f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingskrise bei den westeurop\u00e4ischen und den USA-R\u00fcstungsgewinnlern liegen? Der Autor res\u00fcmiert, sein Orb\u00e1n-Bild habe sich gr\u00fcndlich eingetr\u00fcbt.<\/p>\n<p>Das Res\u00fcmee f\u00fcr den Leser mag so aussehen: Einem Menschen mit fundiertem Wissen \u00fcber gesellschaftliche und geschichtliche Zusammenh\u00e4nge mag verg\u00f6nnt sein, mit offenen Augen die Welt zu sehen, sie anzuschauen. Diese Haltung ist es, die einem Urlauber, Touristen oder auch Leser erlaubt, jegliche Erscheinungen zu hinterfragen, nach Antworten zu suchen und sich selbst einzubringen, statt sich wie ein lahmes Schaf durch den Alltag treiben zu lassen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Gewinn des Autors, nach \u00fcber einem Dutzend Kuraufenthalten in Hak\u00e1nys Wunderwasser mit seinen eigenen H\u00fcftgelenken wieder schmerzfrei die Welt und sein Leben genie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Autor, so hei\u00dft es auf den letzten Seiten, w\u00fcnscht ebenso anderen Lesern oder auch Leidtragenden ebenso Widerstandskraft gegen\u00fcber ausschlie\u00dflich profitorientierten Heilvorschl\u00e4gen mancher Chirurgen. Und sicherlich auch dies: Nach Alternativen suchen sollte man nicht nur auf dem Gebiet des Gesundheitswesens.<\/p>\n<p><strong>Die Haltung, stets mehr zu erfahren, also in die Tiefe zu gehen mit aller Gr\u00fcndlichkeit, das hebt sich von normal Reisenden mit ihren Schilderungen erheblich ab. So lernt man wieder zu forschen, nachzudenken und sich an Gen\u00fcssen, besonders auch der kulinarischen, zu erfreuen. <\/strong><em>Zu lieben bedeutet, unsere Existenz zu bereichern, unserem Leben einen Sinn zu geben und die Welt zu ver\u00e4ndern. Jeder tue also was er kann.<\/em><\/p>\n<p>Der Autor blickt im 81. Lebensjahr auf ein Dutzend Hark\u00e1ny-Kuren zur\u00fcck und stellt fest: Ich habe alles richtig gemacht. Ich gebe meinen Jahren Leben, ein lebenswertes Leben.<\/p>\n<p>(\u00dcbrigens: Die zahlreichen farbigen Fotodokumente sind wie Perlen in diesem Buchgeschenk f\u00fcr die Leser.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Popow6.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-25998\" src=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Popow6.png\" alt=\"\" width=\"268\" height=\"367\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Eine Entdeckungsreise besteht nicht darin, nach neuen Landschaften zu suchen, sondern neue Augen zu bekommen.<br \/>\nMarcel Proust (1871 \u2013 1922)<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eLiebe ist nicht in erster Linie eine Bindung an eine bestimmte Person. Sie ist eine Haltung, eine Orientierung des Charakters, welche die Beziehung eines Menschen zur Welt als Ganzes und nicht nur zum Objekt der Liebe bestimmt.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>Erich Fromm<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Karl-Heinz Otto<\/strong>: \u201eWunderwasser Hark\u00e1ny. Ein Gesundheitstrip &amp; kulturhistorischer Ausflug in die Baranya \u2013 Heimat der Donauschwaben. 1. Auflage 2018, Edition M\u00e4rkische Reisebilder, Korrektur: Regine Miks, Vertrieb: Phon: 0331 270 1787, Mail: <a href=\"mailto:dr.carlotto@t-online.de\">dr.carlotto@t-online.de<\/a>, ISBN 978-3-934232-99-0, 367 Seiten, Preis: 20 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wunderwasser Hark&aacute;ny. 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